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Vera Bernard-Opitz, Anne Häußler: Praktische Hilfen für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

Cover Vera Bernard-Opitz, Anne Häußler: Praktische Hilfen für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Fördermaterialien für visuell Lernende. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. 2. Auflage. 242 Seiten. ISBN 978-3-17-023299-0. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Strukturierte Methoden bieten Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum Störungen Lösungen bei Lern- und Entwicklungsproblemen. Von zentraler Bedeutung sind dabei visuelle Hilfen. „Das Werk bietet anhand zahlreicher Farbfotos eine Vielzahl von praktischen Anregungen, Strategien und Materialien zum Umgang mit Verhaltensproblemen, zur Förderung von Motivation und Arbeitsverhalten sowie zur Entwicklung konkreter Fähigkeiten.“ (Klappentext)

Autorinnen

Dr. Vera Bernard-Opitz (Assoc. Prof. NUS) arbeitete als Klinische Psychologin und Verhaltenstherapeutin (VT, BCBA-D) in Deutschland, Singapur und Kalifornien mit mehr als 1.000 autistischen Kindern. Ihr Schwerpunkt ist die Verhaltenstherapie, die sie für Menschen mit Autismus fruchtbar gemacht hat.

Dr. Anne Häußler arbeitet als Pädagogin und Psychologin. Sie hat den TEACCH Ansatz in Deutschland bekannt gemacht. Beide Autorinnen sind international anerkannte Autismus Spezialistinnen.

Aufbau und Inhalt

Auf 242 Seiten findet man 421 Abbildungen und 284 Tabellen. Zur besseren Orientierung ist bei dem aufgeschlagenem Buch auf der linken Seite die jeweilige Kapitelüberschrift abgedruckt und rechts der Titel des Unterkapitels. Die Abbildungen sind nach einem Schema geordnet, sodass der Leser gezielt und schnell Aufgabenstellungen finden kann. Mit einer kurzen Beschreibung wird ins Thema eingeführt. Die Abbildungen der Aufgaben sind zur besseren Übersichtlichkeit durchnummeriert. Der Fokus jeder Aufgabe wird in einem kurzen Text erläutert.

Kapitel 1 enthält Vorwort, Danksagungen und eine Einführung. Das Buch ist eine Ergänzung bereits erschienener Publikationen der Autorinnen. Es enthält eine Fülle konkreter Beispiele und Materialien, die die Arbeit nach TEACCH unterstreicht. Die verwendeten Abbildungen entstammen dem Fundus der Autorinnen sowie aus der Arbeit von Eltern, Therapeuten und Teilnehmern aus Workshops.

In Kapitel 2 werden die vier Ebenen der Strukturierung vorgestellt: die räumliche Strukturierung, die zeitliche Strukturierung, die Strukturierung selbstständiger Beschäftigung sowie der Material- und Aufgabengestaltung.

Weiter geht es in Kapitel 3 mit der Strukturierung der Rahmenbedingungen im Hinblick auf die räumlichen Strukturierung, der zeitliche Strukturierung und der Gestaltung von Situationen zur selbstständigen Beschäftigung.

Kapitel 4 nimmt vier Prototypen in der Aufgabengestaltung ins Visier. Das sind Aufgabenformate und Aufgabentypen, Prototypen bei der Entwicklung von Grundfähigkeiten und Zuordnungsaufgaben.

Kapitel 5 beschreibt die Gestaltung von Aufgaben, Übungen und einzelnen Tätigkeiten. Gemeint sind grundlegende Fähigkeiten (Einräumen, Auseinandernehmen, Zusammenfügen, Feinmotorik und Auge-Hand-Koordination, Zuordnen und Sortieren von Gegenständen, Objekten und Bildern, Farben, Formen, Größen und Längen, Kategorien), Kulturtechniken ( Zahlen, Mengen und Rechnen sowie Buchstaben und Lesen) lebenspraktische Fähigkeiten (Selbstversorgung, Haushaltstätigkeiten und Verpackung/Montage), Spielfähigkeiten, Kommunikation, Sozialverhalten Motivationsaufbau und Verhaltensmanagement. In diesem Kapitel werden zu den Abbildungen und Erläuterungen der Aufgaben Förderziele genannt. Anmerkungen erweitern das Spektrum an Einsatzmöglichkeiten. Es werden jeweils vier Aufgaben bildlich vorgestellt. Die Autorinnen entwickelten ein übersichtliches Schema in Tabellenform, die sich in drei Zeilen teilt, die wiederum in Spalten untergliedert sind. Dabei werden die Zielbereiche (Basis, Feinmotorik/Hand-Auge-Koordination, Kognition, Konzepte, Sortieren, Kommunikation, Sozial, Spiel, Kulturtechnik und Lebenspraxis), die visuelle Organisation (Tablett, Schuhkarton, Korb, Mappe, lose) und die visuelle Instruktion (Material, Schablone, Modell, bildlich, schriftlich) unterschieden. Jede Aufgabe ist den entsprechenden Bereichen zugeordnet, was farblich hervorgehoben wird.

Das Buch endet mit Kapitel 6: Ressourcen und Materialhinweise sowie Literaturquellen. Visualisierung und Strukturierung sind immer individuell einzusetzen, damit sie als Verstehenshilfe dienen können. Diese kommen auf verschiedenen Ebenen, die den Alltag gestalten wie Raum, Zeit, der selbstständigen Beschäftigung sowie der Material- und Aufgabengestaltung zum Einsatz. Eine wiederkehrende Ordnung gibt Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Orientierung, wobei immer das Ziel, welches erreicht werden soll, entscheidend ist: „Grundsätzlich gilt für alle Ebenen: Art und Umfang der Maßnahmen zur Strukturierung hängen stets davon ab, welches Ziel man verfolgt. Entsprechend werden visuelle strukturierende Hilfen auch mit unterschiedlicher Absicht eingesetzt … der Einsatz bestimmter Methoden und Hilfen ist immer in Bezug auf das Ziel zu wählen! (aa.O.S. 18). Menschen lernen über unterschiedliche Kanäle. Bei Autisten ist im Allgemeinen der vorrangige Sinneskanal der Visuelle, deshalb bezeichnet man sie als visuelle Lerner. Diese Bedingung erfährt in den vorgestellten Aufgaben ihren Niederschlag. Die Anforderungen und Aufgabenformate sind so gestaltet, dass sie weitestgehende Selbstständigkeit ermöglichen sowie den eigenen Erfolg sichtbar machen. Das sind ureigene Ziele sowohl der Montessoripädagogik als auch des TEACCH Ansatz, beide Ansätze standen bei der Erstellung des Buches Pate.

Diskussion

Die Autorinnen wollen möglichen Lern- und Entwicklungsproblemen begegnen, eine zentrale Aufgabe in der Arbeit mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Ein Schwerpunkt bilden Strategien für visuelle Lerner. Neben den Erklärungen grundlegender Prinzipien der Visualisierung und Strukturierung werden praktische Aufgabenbeispiele, Handlungsstrategien und Anregungen vorgestellt, die bestimmten Organisationsprinzipien folgen.

Um eine Aufgabe zu bewältigen muss verstanden werden, was genau zu tun ist. Kern bilden Arbeitsaufgaben, am Anfang des Buches finden sich auch Beispiele zeitlicher und räumlicher Strukturierung. Die meisten Aufgaben sind derart strukturiert, dass sie möglichst selbsterklärend sind und deutlich machen, wann sie geschafft wurden. Diese Form der Strukturierung unterstützt positiv das Erleben von Erfolg und der eigenen Wirksamkeit.Die Themen Kommunikation und Sozialverhalten sowie Motivationsaufbau und Verhaltensmanagement sind am Ende des Buches leider nur angerissen worden, was vielleicht daran liegt, dass das Buch vor allem für die Zielgruppe jüngerer Kindern (S.7) geschrieben wurde.

Neben der Vorstellung von Aufgabenformaten findet der Leser Aufgabenbeispiele zu verschiedenen Zielbereichen der Förderung. Dank der Übersichtstabelle, in die jede Aufgabe eingeordnet ist, kann man unkompliziert Aufgaben zu dem jeweiligen vorrangigen Förderzielen finden. An dieser Stelle möchte ich ergänzen: Aus meiner Erfahrung können diese Formate auch in anderen Altersstufen und Lebensbereichen – außerhalb von klassischen Fördersettings - eingesetzt werden.

Fazit

Das Buch gehört zu den „must have“, denn in deutschsprachigen Raum finden sich kaum Bücher dieser Art. Es stellt eine Bereicherung dar, denn es ist ein Quell an Ideen und Möglichkeiten. Die Herstellung von Fördermaterialien und Hilfsmitteln lebt von dem Wissen und den Erfahrungen anderer. Das Buch ist mittlerweile in zweiter Auflage erschienen, was ein Hinweis darauf ist, dass es eine interessierte Leserschaft gefunden hat, auch wenn es mit 40 EUR eher in das hochpreisige Segment einzuordnen ist. Das Buch eignet sich vor allem als Nachschlagewerk, um einen Überblick über praktisch erprobte Förderbeispiele zu erhalten. Der Aufbau des Buches ist übersichtlich und klar strukturiert, auf lange Erläuterungstexte wird verzichtet. Um die Beispiele und Anregungen aus diesem Buch förderlich einzusetzen sollte man allerdings über grundlegende Kenntnisse zur Diagnose Autismus Spektrum Störung verfügen. Zudem sollten Prinzipien der Arbeit nach TEACCH bekannt sein, denn in der Einleitung werden sie nur kurz angerissen.

Bemerkenswert ist, dass die in den Aufgaben verwendeten Materialien größtenteils aus Alltagsmaterialien hergestellt wurden. Dieses Prinzip (der einfachen Beschaffung und Bereitstellung von Förder-Materialien) war und ist den Begründern des TEACCH Ansatz ein wichtiges Anliegen. Statt dem Einsatz spezieller und meist teurer Therapiematerialien (wie es bei anderen Ansätzen häufig der Fall ist) wird Wert auf die Nutzung einfacher Alltagsgegenstände gelegt, sodass die Begleitung problemlos z.B. auch im häuslichen Umfeld von den Bezugspersonen aufgegriffen und weitergeführt werden kann. Anders als bei anderen Begleitmethoden ist es nicht unbedingt erforderlich, dass Fördereinheiten zeitintensiv und ausschließlich von speziell ausgebildeten Experten wie es beispielsweise beim ABA (engmaschige Begleitung von 40 Stunden/Woche im 1:1 Setting) der Fall ist. Ein Argument mehr, den niedrigschwelligen Zugang des TEACCH Ansatz zu wählen und diesen zu empfehlen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 19.06.2013 zu: Vera Bernard-Opitz, Anne Häußler: Praktische Hilfen für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Fördermaterialien für visuell Lernende. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. 2. Auflage. ISBN 978-3-17-023299-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14992.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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