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Michael Behnisch, Gregor Hensen u.a. (Hrsg.): Reformgeschichte(n). (...) Geschichte der Erziehungshilfen

Cover Michael Behnisch, Gregor Hensen, Frank Eger (Hrsg.): Reformgeschichte(n). Beiträge zur Geschichte der Erziehungshilfen. - Im Spiegel einer Ausstellung: Entwicklungen von 1950 bis heute. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2013. 96 Seiten. ISBN 978-3-925146-83-1. 8,00 EUR.

Reihe: Informationsbroschüren der IGFH.
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Thema

Hilfen zur Erziehung, wie man sie heute kennt, gab es nicht immer. Die Entwicklung von großen Heimen mit Schlafsälen hin zu kleinen familienanalogen Wohngruppen benötigte mehrere Dekaden und viele Zwischenschritte. Welche Reformen in der Zeit seit den 1950er Jahren bis heute stattgefunden haben und welche Auswirkungen sie auf die konkrete Ausgestaltung der verschiedenen Angebote der Kinder- und Jugendhilfe hatten, ist ein Thema, das viele Generationen beschäftigt hat. Nachdem der Journalist Peter Wensierski 2003 im Spiegel eine Reportage zu Heimkindern der 1960er Jahre veröffentlichte, entfachte eine öffentliche Diskussion über die skandalösen Verhältnisse in den Erziehungsanstalten jener Zeit. Seitdem besteht ein großer Bedarf ehemaliger Heimkinder, ihre teils traumatischen Erlebnisse aus damaliger Zeit aufzuarbeiten. Doch hat sich im Laufe der Jahre vieles geändert, Drill und Strafe gehören der Vergangenheit an und sind Paradigmen wie der Lebensweltorientierung und Partizipation der jungen Menschen gewichen. Der Band „Reformgeschichte(n). Beiträge zur Geschichte der Erziehungshilfe. Im Spiegel einer Ausstellung: Entwicklungen von 1950 bis heute“ ermöglicht keinen kompakten Überblick über Entwicklungen und Reformen in der Geschichte der Heimerziehung seit den 1950er Jahren.

Herausgeber

Die Herausgeber

  • Michael Behnisch, Jg. 1972, Dipl. Pädagoge, Dr. phil., Professor für Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Frankfurt am Main,
  • Frank Eger, Jg. 1969, Dipl. Pädagoge, Dr. phil., Professor für Kinder- und Jugendhilfe an der Ostfalia-Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel und
  • Gregor Hensen, Jg. 1972, Dipl. Pädagoge, Dr. phil., Dr. rer. medic., Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Osnabrück

lassen neben Hochschullehrern auch Studierende, die an der Ausstellung „Reformgeschichten“ beteiligt waren als AutorInnen für den Band zu Wort kommen.

Entstehungshintergrund

Die Ausstellung „Reformgeschichte(n) – 50 Jahre Erziehungshilfen“ erfolgte 2011 im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) an der Fachhochschule Frankfurt am Main und im Jahr 2012 nochmals im Rahmen der IGfH-Bundestagung Erziehungsstellen/Pflegekinderwesen. Sie war ein gemeinsames Projekt der IGfH, der Alice Salomon Hochschule Berlin, der Fachhochschule Frankfurt am Main und der Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel. Von den jeweiligen Instanzen waren jeweils sowohl Studierende wie auch HochschullehrerInnen an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Als „Schlusspunkt“ der Ausstellung entstand die Publikation „Reformgeschichte(n)“, in welcher Beteiligte der Hochschule Beiträge zu den einzelnen Epochen der Jugendhilfegeschichte verfasst haben.

Die Gruppe der Alice Salomon Hochschule entwickelte schon in ihrem Projektseminar einen eigenen Ansatz und legte ihren Fokus auf die Auswertung von Erfahrungsberichten aus der Zeit der 1950er/60er Jahre bis zum heutigen Stand der Jugendhilfe. Den Mittelpunkt ihres Ausstellungsmaterials stellte ein Film dar, der ein Interview mit einem ehemaligen Heimzögling zeigt. Daneben zeigte sie auch Bildmaterial aus ihrer Epoche und verschiedenes anderes Auswertungsmaterial aus ihrer Projektgruppe.

Die Gruppe der Fachhochschule Frankfurt gestaltete die Ausstellung der Epoche der 1970er und 1980er Jahre entlang der Schlagworte Ausbau/Umbau, Familienorientierung, Professionalisierung, Individualisierung, Politisierung/Demokratisierung und führte ein intensives Literaturstudium durch. Sie zeigte vor allem historische Fotos aus Einrichtungen, die sie besucht haben und konnten so bildlich das Alltagsleben aus dieser Zeit darstellen.

Die Jahre von 1990 bis heute wurden von der Gruppe der Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel mit Blick auf den Achten Kinder- und Jugendhilfebericht und die darin postulierte lebensweltorientierte Kinder- und Jugendhilfe gestaltet. Diese konnte Medial über Audiostationen mit Interviewsequenzen und anderen Ausstellungsstücken begutachtet werden.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst auf 96 Seiten neben der Einführung insgesamt sechs Fachbeiträge sowie zwei Bildergalerien und ein Interview. Der erste Beitrag der HerausgeberInnen ist ein Werkstattbericht. Danach folgen in zeitlicher Abfolge die Artikel der AutorInnen zu den jeweiligen Epochen, analog zum Aufbau der Ausstellung. Dazwischen wurden die farbigen Bildergalerien platziert.

Die HerausgeberInnen Michael Behnisch, Frank Eger und Gregor Hensen eröffnen nach einer kurzen Einführung zum Entstehungshintergrund mit ihrem Artikel „Auf dem Weg zu einer Ausstellung über die Geschichte der Erziehungshilfen – ein Werkstattbericht“ den Band mit einer Reflexion der Entstehung und Umsetzung des Vorhabens. In diesem Zuge beschreiben sie zuerst die Arbeitsgruppen, die an der Ausstellung beteiligt waren und deren Arbeitsansätze (vgl. Entstehungshintergrund). Der Beitrag klärt über den Hintergrund der Ausstellung, deren Ziele und Vorstellungen auf.

Über die Umstände der Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre schreibt Stefanie Kohls in ihrem Beitrag „Anpassung und Disziplinierung sind der Erziehungsstil: Heimerziehung der 1950er und 60er Jahre“. In dieser heute scharf kritisierten Zeit war eine Aufgabe, die der Heimerziehung zugewiesen wurde, die Disziplinierung verwahrloster Kinder und Jugendlicher. Kohls beschreibt wie in der damaligen pädagogischen Auffassung von Erziehung mit harten Strafen und einer oft undurchsichtigen Grundlage der Heimeinweisung gearbeitet wurde. Sie nutzt das Fallbeispiel eines ‚Zöglings‘ aus den 1950er Jahren, um die Umstände und Gegebenheiten in den damaligen Einrichtungen plastisch darzustellen.

Michael Behnisch und Laura Thöns befassen sich in ihrem Artikel „Zwischen Beruf und Berufung? Ein Blick auf professionelle Selbstverständnisse und Streitfälle in den Erziehungshilfen der 1980er Jahre“ mit den Reformen der Epoche der 1970er und 1980er Jahre, die sich vor allem mit einer Professionalisierung des pädagogischen Handelns ausdrückten. Ein Wandel von Drill und Kontrolle zu einer dialogischen Beziehungsgestaltung, mehr Lebensweltorientierung und einer Spezialisierung der Angebote in der Heimlandschaft fand in dieser Zeit statt. Diese drei Schwerpunkte werden von den AutorInnen vor allem entlang der Debatte in der Zeitschrift ‚Unsere Jugend‘, die in den 80er Jahren geführt wurde, aufgearbeitet.

Der Beitrag „ ‚Familienorientierung‘ oder: Ein Seitenblick auf die Heimreform der 1970er und 80er Jahre“ von Michael Behnisch und Christin Richter betrachtet die Hinwendung zu familienunterstützenden Angeboten der Hilfen zur Erziehung. Die AutorInnen beschreiben den Perspektivwechsel hin zur Familienorientierung und Vermeidung von Heimeinweisungen. In diesem Zuge werden die einzelnen ambulanten Hilfeformen, die zu dieser Zeit entstanden, beschrieben. Hierzu gehören die Sozialpädagogische Familienhilfe, Tagesgruppen und Erziehungsberatungsstellen. Die Orientierung am Familiensystem brachte auch einen Ausbau der Pflegefamilien mit sich. Des Weiteren richten die AutorInnen ihren Blick auf Spannungsverhältnisse, die sich im Zuge der Reform zur damaligen Zeit entwickelten und schließen ihren Artikel mit Bezugnahme auf die heutige Zeit ab.

Gregor Hensen und Frank Eger konzentrieren sich auf die in der Geschichte der Erziehungshilfen wichtige Epoche ab 1990. Sie zeichnen in ihrem Artikel „Erziehungshilfen nach 1990 – Ein Wandel zwischen Modernisierungsansprüchen und alten Realitäten“ die Entwicklungslinien dieser Zeit nach. Als zentrale Ereignisse stellen die AutorInnen das Inkrafttreten des KJHG und SGB VIII in den Vordergrund. In diesen gesetzlichen Grundlagen ist die von Hans Thiersch postulierte Lebensweltorientierung ein fester Bestandteil und verändert die Sichtweise auf die jungen Menschen als selbstbestimmte Individuen. Hensen und Eger beschreiben, wie die Lebensweltorientierung neue Anforderungen an die Kinder- und Jugendhilfelandschaft stellt, Angebote im Milieu der jungen Menschen zu installieren. Eine weitere wichtige Entwicklung seit 1990, welche die AutorInnen nicht außer Acht lassen, ist die Partizipation der Kinder und Jugendlichen an Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen von sozialpädagogischen Maßnahmen.

In dem Interview, das Behnisch unter der Überschrift „Reformziele: Partizipation und Alltagsorientierung“ mit Merle Schmidt führte, berichtet Schmidt über ihre Bachelorarbeit, in welcher sie sich thematisch mit der Wahrnehmung der Lebensweltorientierung von Jugendlichen in der Heimerziehung auseinandersetzt. Die Absolventin hat qualitative Interviews mit fünf Jugendlichen einer Wohngruppe geführt und Fragen zur Wahrnehmung der Partizipation gestellt. Über Ergebnisse und Eindrücke, die sie in den Interviews gewinnen konnte, erzählt sie im Interview.

Abschließend zeigt Carola Kuhlmann „Chancen und Grenzen der historischen Erforschung erzieherischer Hilfen“ auf. Die AutorIn legt dar, dass historische Forschung mit vielen Hindernissen zu kämpfen hat, da nur das erforscht werden kann, was noch rekonstruiert werden kann. Dabei geben Quellen wir Zeitzeugen, Akten oder Zeitungsartikel keine objektive „Wahrheit“ wieder. Allerdings werden von Kuhlmann auch viele Chancen und Perspektiven für künftige Geschichtsforschung aufgetan, die sich als nützlich für weitere Entwicklungen in den Hilfen zur Erziehung erweisen können.

Diskussion und Fazit

Der Band stellt die Inhalte der Ausstellung „Reformgeschichte(n) – 50 Jahre Erziehungshilfen“ kompakt und gut strukturiert in schriftlicher Form vor. Die farbigen Bildergalerien veranschaulichen die Berichte über die jeweiligen Epochen, sodass die LeserInnen eine Vorstellung von den Verhältnissen vergangener Zeiten in Heimeinrichtungen bekommen. Die einzelnen Beiträge beleuchten verschiedene Themenschwerpunkte der Ausstellung, ohne dass der rote Faden der Reformen durch die Zeit hindurch verloren gehen würde. Wer tiefergehendendes Wissen zu den einzelnen Epochen sucht, muss sicher noch weitere Literatur zu Rate ziehen. Dass an fast allen Beiträgen ehemalige StudentInnen – inzwischen AbsolventInnen – mitgeschrieben haben, die an der Ausstellung beteiligt waren, bereichert den Band und macht ihn noch einmal mehr zu einem Bestandteil des Projektes.

Nicht nur für BesucherInnen der Ausstellung ist der Band „Reformgeschichte(n)“ lesenswert. Er eignet sich für alle interessierten LeserInnen die einen guten ersten Einblick in die Geschichte der Erziehungshilfen bekommen wollen.


Rezensentin
Anne-Laura Weißleder
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Zitiervorschlag
Anne-Laura Weißleder. Rezension vom 30.08.2013 zu: Michael Behnisch, Gregor Hensen, Frank Eger (Hrsg.): Reformgeschichte(n). Beiträge zur Geschichte der Erziehungshilfen. - Im Spiegel einer Ausstellung: Entwicklungen von 1950 bis heute. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-925146-83-1. Reihe: Informationsbroschüren der IGFH. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15000.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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