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Melanie Matzies: Sozialtraining für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen

Cover Melanie Matzies: Sozialtraining für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Ein Praxisbuch. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. 177 Seiten. ISBN 978-3-17-020681-6. 28,00 EUR.
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Thema

Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten, soziale Signale in der Interaktion mit anderen zu entnehmen und adäquat zu handeln. Menschen mit Asperger – Autismus können sich mittels ihres Intellekts Regeln und Zusammenhänge erarbeiten und damit Schwierigkeiten im Sozialverhalten kompensieren. Sie benötigen passende Handlungsanleitungen und -erklärungen, die zu den Ursachen passen. In geschützten sozialen Gruppen können Kompetenzen gelernt und geübt können. Methodisch haben sich u.a. sog. social stories (soziale Lerngeschichten) oder Comic Strip Conversation bewährt, die von C. Gray entwickelt wurden.

Autorin

Als Diplom-Psychologin arbeitet Melanie Matzies freiberuflich als Therapeutin, ist Dozentin und Autorin. Sie ist zudem Fachberaterin für Autismus und leitet soziale Kompetenzgruppen.

Aufbau

  • 1. Einleitung
  • 2. Soziale Schwierigkeiten bei Menschen mit Autismus-Spektrum -Störungen (ASS)
  • 3. Ursachen für soziale Schwierigkeiten bei Menschen mit Autismus
  • 4. Intervention bei Autismus
  • 5. Soziales Gruppentraining
  • 6. Ausblick: Variationen der Sozialtrainingsgruppen
  • 7. Abschließende Bemerkungen
  • Literatur
  • Regeln für die Kommunikation für und mit Menschen mit Autismus
  • Glossar, Bildteile (drei) und Sachwortverzeichnis

Das Buch umfasst 177 Seiten. Die Kapitel sind durch Zwischenüberschriften strukturiert, Federzeichnungen unterstreichen die Ausführungen. Wichtige Passagen sind umrahmt und damit hervorgehoben. Am Ende des Buches befindet sich ein Glossar mit den wichtigen Begriffen, Zeichnungen und Fotos erläutern drei Bildteile.

Inhalt

Die Einleitung in Kapitel 1 führt ins Thema ein.

In Kapitel 2 werden soziale Schwierigkeiten bei Menschen mit Autismus-Spektrum- Störungen (ASS) in Hinblick auf Kommunikation, soziale Interaktion und Verhalten beschrieben.

Kapitel 3 beleuchtet Ursachen für soziale Schwierigkeiten bei Menschen mit Autismus. Diese liegen in Wahrnehmungsbesonderheiten wie eine Über- und Unterempfindlichkeit, Filterschwäche oder Überselektivität, intermodale Störungen und Synästhesie. Weitere Ursachen liegen in Problemen mit der zentrale Kohärenz, der sog. Theory of Mind (ToM) und in einer möglichen mangelnden Ich-Du-Bezogenheit.

Kapitel 4 beschreibt Intervention bei Autismus z.B. ein Sozialtraining für Menschen mit Autismus mit Beispielen sozialer Anleitungen (social stories oder comic strip conversations von Carol Gray) sowie dem Management mit Gefühlen, welches das Erkennen und Benennen von Gesichtern und Körpersprache einschließt, Möglichkeiten, um die Intensität von Gefühlen wahrzunehmen und Gefühle in verschiedenen Situationen sowie Wünschen und Glaubenssätzen zuzuordnen (ein sog. ToM-Training). Es werden Gefühlscollagen (Bildteil 1), die aus Farben und Musik bestehen vorgestellt oder die Möglichkeit Gefühlstagebücher zu schreiben, um damit einen Umgang mit negativen Emotionen zu finden. Es wird ein Schlaglicht auf die Themen Sicherheit und Selbstwertgefühl geworfen. Vorgestellt werden zudem soziale Rezeptbücher oder „Das kann ich gut“ – Bücher (Bildteil 2). Der Einsatz von Literatur, Filmmaterial und Formeln stellen eine weitere Möglichkeit dar.

Kapitel 5 befasst sich mit dem sozialen Gruppentraining. Beispielhaft wird der Aufbau einer Sozialgruppe für Menschen mit Autismus in Berlin beschrieben. Matzies berichtet von dem Einsatz zeitlicher und räumlicher Strukturierungshilfen in Anlehnung an den TEACCH-Ansatz, strukturierten Lernformaten, exemplarischen Lerninhalten, Verstärkersystemen und der Eltern(mit)arbeit. Erfahrungsberichte aus drei unterschiedlichen Blickwinkel und Bilder ergänzen die Berichte aus der Gruppenarbeit. Zum einen aus Sicht der Mutter eines Jungen, der von 2005-2008 an der Sozialtrainingsgruppe teilnahm, dann aus Sicht der Schulbegleiterin des Jungen und zum anderen bekommt man Einblicke aus Sicht der Gruppenleitung.

Kapitel 6 gibt einen Ausblickauf Variationen der Sozialtrainingsgruppen wie z.B. sozialen Kunstgruppen für Menschen mit Autismus, in denen vor allem die Stärken betont werden. Das Buch endet im Kapitel 7 mit abschließenden Bemerkungen und neben Literaturangaben, Glossar und Sachwortverzeichnis mit Regeln für die Kommunikation für und mit Menschen mit Autismus.

In diesem Buch fasst Matzies Erfahrungen aus den von ihr entwickelten Sozialtrainings für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) zusammen. Sie unterfüttert diese Erfahrungen mit Erkenntnissen aus der Ursachenforschung und gibt zahlreiche Anleitungen, wie Problemen in der Kommunikation, sozialen Interaktion und im Verhalten ab dem frühen Kindergartenalter begegnet werden können. Wahrnehmungsübungen, Beispiele zum Management von Gefühlen sowie der Einsatz von sozialen Lerngeschichten wie social stories oder comic strips werden vorgestellt und erläutert. Menschen mit Autismus haben in diesem Bereich große Probleme, deren Ursachen in den Wahrnehmungsbesonderheiten, in Problemen der Deutung und in der mangelnden intuitiven Erfassung von sozialen Signalen liegen. Folge ist, dass sie diese nicht verstehen und somit auch nicht adäquat reagieren können. Matzies beschreibt dabei Methoden, die soziales Verhalten über die kognitive Ebene vermitteln. Sozialverhalten ist jede Form des Verhaltens, dass auf andere Menschen ausgerichtet ist.

Diskussion

„Die Art, wie ein Individuum sich anderen Menschen gegenüber verhält, bestimmt zu einem großen Maß den Verbleib des Individuums in der Gemeinschaft.“ (S.9). Menschen mit Autisten ziehen sich aus der Gemeinschaft zurück und vermeiden Kontakte. Diese Reaktionsweise ist verständlich, wenn man die Ursachen kennt, aber nicht lebens- und alltagstauglich. Der Mensch ist ein soziales Wesen und auf eine zwischenmenschliche Interaktion und Kommunikation mit anderen angewiesen. Unser Leben ist davon geprägt sei es in der Familie, in Bildungsinstitutionen oder am Arbeitsplatz. Deshalb ist es wichtig, früh damit zu beginnen, soziale Strategien zu erklären und zu üben.

Menschen mit Autismus haben große Schwierigkeiten mit der gegenseitigen sozialen Interaktion. Sie haben Probleme beim Erkennen sozialer Signale, mit der Folge, dass sie deren Informationsgehalt nicht oder falsch verstehen. Angemessenes Sozialverhalten setzt die Kenntnis und den Umgang mit verschiedenen Konzepten voraus, die in der Begegnung von Menschen oft unausgesprochen wirksam sind. Neurotypische (nicht autistische Menschen) erkennen soziale Signale intuitiv, Menschen mit Autismus müssen sich diese erarbeiten und logisch erklären. Soziale Trainings sind für Personen mit High-Functioning-Autismus oder Asperger-Syndrom geeignet. Soziales Kompetenztraining kann in 1:1-Situationen oder in Gruppen erfolgen. Soziale Trainings helfen soziale Regeln zu verstehen, einen Bezug zu anderen Menschen herzustellen und die gegenseitige soziale Interaktion zu üben.

Auch wenn Verbalsprache gelernt wird kann sie oft nicht für kommunikative Zwecke eingesetzt werde. Es fällt Betroffenen schwer, ein Gespräch in Form eines gegenseitigen Austausches zu beginnen und fortzuführen. Es wird vermutet, dass das Herstellen geteilter Aufmerksamkeit ein Vorläufer für die Fähigkeit ist, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können. Das hat Auswirkungen auf das sog Theory of Mind, also der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle und Gedanken einzuschätzen und daraus Schlüsse auf die emotionale Befindlichkeit zu ziehen. Fähigkeiten, die sich aus dem Konzept des Theory of mind ableiten werden in der Alltagspraxis manchmal als emotionales Navigationsgerät bezeichnet, was deren Wirkweise und Funktion treffend erklärt. Ein Ausfall des Navigationsgerätes hinterlässt Verunsicherung bis hin zu Orientierungslosigkeit.

Eine weitere Erklärung könnte in der Neigung eher Details als Gesamtzusammenhänge (Kohärenz) wahrzunehmen liegen. Daraus entsteht die Schwierigkeit, (soziale) Situationen als einander ähnlich einzustufen bzw. Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten, sodass vorausgesagt werden kann, wie das Gegenüber reagiert. In der sozialen Begegnung mit Menschen gibt es eine Fülle von Regeln, die als bekannt vorausgesetzt werden bzw. intuitiv erfasst werden müssen. Carol Gray bezeichnet diese Fähigkeit sozio-kommunikativer Interaktion als sechsten Sinn, der bei Menschen mit Autismus nicht gut ausgebildet ist. Sie sind deshalb auf gezielte Angebote und genaue Anweisungen, was, wie, wann und in welchen Situation zu tun ist angewiesen, gerade auch um Selbstwertgefühle und das Erleben von Sicherheit im Alltag zu stärken.

Diese Formen der Unterstützung werden in Matzies Trainingsgruppen vorgestellt. Das Buch wurde auf Grundlage ihrer Erfahrungen mit diesen sozialen Kompetenzgruppen geschrieben und anhand der Erfahrungen des Jungen Max exemplarisch in Theorie und Praxis vorgestellt.

Fazit

Dieses Buch gibt Hilfestellungen, die auch für Laien verständlichen sind. Eltern und Pädagogen erhalten Anleitungen für die eigene Förderarbeit. Um soziale Regeln zu erkennen muss auch der Kontext verstanden werden. Anders als autistische Menschen reagieren nicht-autistische Menschen meist intuitiv und haben von klein auf gelernt, welche Reaktion erwartet wird. In der Begleitung von Menschen aus dem autistischen Spektrum braucht man Wissen um deren Schwierigkeiten, da man sonst Gefahr läuft, gezeigte Verhaltensweisen falsch zu beurteilen, was dann Konflikte nach sich ziehen kann. Ohne das Wissen um die Schwierigkeiten in Sozialverhalten, Interaktion und Kommunikation werden Konflikte fälschlicherweise von der Beziehungsebene her gedeutet, mit der Folge, dass dem als inadäquat erlebtem Verhalten eine „böse Absicht“ unterstellt wird mit einer entsprechenden unkonstruktiven Reaktionsdynamik.

Bei aller Sinnhaftigkeit von Sozialtrainings sollte aber im Fokus bleiben, dass Interaktion nicht einseitig ist. Es kann immer nur so sein, dass beide Seiten sich anpassen und Verhaltensweisen erlernen. In diesem Dialog können beide Interaktionspartner gestalterisch wirken. Auch wenn die Trainings noch so ausgeklügelt sind und die therapeutische Unterstützung hilfreich wird es nicht möglich sein, dass Menschen mit Autismus alle Regeln des Sozialverhaltens erlernen und adäquat abrufen können- es sind einfach zu viele. Zudem ist es nicht allein die soziale Regel, die erkannt werden muss. Hinzu kommt, dass soziale Interaktion auch immer auch von Kontextvariablen beeinflusst sind, die im Gesamtzusammenhang mitberücksichtigt werden müssen, um adäquat zu reagieren.

Zwar weist Matzies auf der letzten Seite ihres Buches auf die Problematik hin, dass zu hohe Erwartungen, die an die Anpassungsleistung von Menschen mit Autismus gestellt werden, einseitig sind und vielfach überfordernd wirken. Ihr Statement fällt aus meiner Sicht aber etwas kurz aus. Ich hätte erwartet, dass sie ihren Fokus erweitert und konkrete Vorschläge macht, wie die Umgebung unterstützend wirken kann, um neue Spielräume zu eröffnen. Eine Diskussion darüber, was die „neurotypische“ Welt tun kann, um Menschen mit Autismus zu entlasten ist überfällig. Alle Dinge beginnen mit einem ersten Schritt. Ein Paradigmenwechsel, der statt Schwächen und Unzulänglichkeiten zu betonen die Stärken und positive Wirkungen autismustypischer Denkweisen wertschätzt entfaltet für alle Interaktionspartner eine positive Wirkung. Ein Blickwechsel, der den Blick weg von den Defiziten auf die Möglichkeiten und Chancen lenken öffnet die Begegnung. Es empfiehlt sich, ein paar Schritte in den Schuhen des anderen zu gehen, um die Welt aus seinen Augen wahrnehmen, sich einzufühlen und den Menschen und seine Reaktionsweisen als sinnhaft zu verstehen. Die Vielfalt der Blickwinkel eröffnet Wege zur Inklusion, die nicht mehr davon ausgeht, dass Menschen sich einer vordefinierten Norm anpassen müssen. Inklusion erklärt die Vielfalt und Verschiedenheit des Menschen zum Prinzip. Inklusion ist kein theoretisches Konzept, welches irgendwo verortet ist und von irgendwelchen Fachleuten umgesetzt wird, Inklusion beginnt bei jedem einzelnen und alle können sich beteiligen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 01.08.2013 zu: Melanie Matzies: Sozialtraining für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Ein Praxisbuch. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020681-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15056.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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