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Anne Häußler, Julia Fritzsche u.a.: Praxis TEACCH

Cover Anne Häußler, Julia Fritzsche, Antje Tuckermann: Praxis TEACCH. Informelle Förderdiagnostik. Ansätze für eine Förderung entdecken. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2013. 128 Seiten. ISBN 978-3-938187-95-1. D: 18,80 EUR, A: 19,40 EUR, CH: 30,50 sFr.
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Thema

Im Mittelpunkt dieses Buches steht die informelle Förderdiagnostik, die für eine gezielte und individuell abgestimmte Förderung unerlässlich ist. Vorgestellt werden praxiserprobte Strategien zur Ergänzung standardisierter Testverfahren, die durch Dokumentationshilfen und Beobachtungsleitfäden ergänzt werden. Die hier vorgestellten Materialien/Anregungen sind besonders für die Förderdiagnostik von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen geeignet, da bei diesem Personenkreis standardisierte Testverfahren oft nur ungenügende Informationen über den Förderbedarf hergeben.

Autorinnen

Anne Häußler, Julia Fritsche und Antje Tuckermann begleiten Kinder und Jugendliche aus dem autistischen Spektrum. Anne Häußler hat den TEACCH Ansatz in Deutschland bekannt gemacht, zahlreiche Bücher geschrieben bzw. aus dem Amerikanischen übersetzt. Sie leitet eine Therapie- und Beratungsstelle, die auf dem TEACCH-Konzept basiert arbeitet.

 Entstehungshintergrund

Das Buch ist Teil der fünfteiligen Reihe Praxis TEACCH aus dem borgmann media verlag. Alle Teile beschäftigen sich mit konkreten Anwendungsbereichen des TEACCH Ansatz und möglichen Fragestellungen aus der Praxis.

Aufbau

Das Buch ist – wie alle Bücher in dieser Reihe – im Din A 5 Format aufgelegt. Die Ringbindung ermöglicht es, gezielt Seiten aufzuschlagen. Das Buch umfasst auf 124 Seiten 5 Kapitel. Zur besseren Orientierung sind am Seitenunterrand die Kapitelüberschriften abgedruckt. Die Erläuterungen werden durch zahlreiche Fotos ergänzt. Auf der beigefügten CD findet man die vorgestellten Arbeitsblätter und Vorlagen.

  • Kapitel 1. Förderdiagnostik – integraler Bestandteil jeder Förderung
  • Kapitel 2. Informelle Förderdiagnostik – Wie sieht das konkret aus?
  • Kapitel 3 Informelle Förderdiagnostik bei Grundschulkindern und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom
  • Kapitel 4. Literatur
  • Kapitel 5. Anhang

Inhalt

Kapitel 1 befasst sich mit der Förderdiagnostik, die integraler Bestandteil jeder Förderung ist. Dabei wird die formelle und informelle Förderdiagnostik differenziert.

Kapitel 2 beleuchtet die informelle Förderdiagnostik konkreter. Vorgestellt wird die Vorbereitung einer informellen Förderdiagnostik (Formulierung der Fragestellung, Zusammenstellung des Materials, Gestaltung der Rahmenbedingungen und organisatorische Aspekte), deren Durchführung, Auswertung und Dokumentation. Förderziele, die aus diesen Erkenntnissen ableitet werden, sollten realistisch, erreichbar und funktional sein. Die für manchen ungewohnte Rolle als „Diagnostiker“ wird reflektiert.

Kapitel 3 betrachtet die informelle Förderdiagnostik bei Grundschulkindern und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom, unter besonderer Berücksichtigung des besonderen Denkstils. Es werden Materialien vorgestellt, mit deren Hilfe die Förderdiagnostik durchgeführt werden kann. Dabei wird erläutert, wie mit dem Material umgegangen wird z.B. bei Aktivitäten zur Beobachtung von Organisationsfähigkeiten und Arbeitsverhalten, zur Überprüfung der Merkfähigkeit, zur Überprüfung grundlegender Rechenfertigkeiten, zur Überprüfung von Lesen und Leseverständnis, zur Beobachtung und Erfassung sozialer und emotionaler Fähigkeiten, zur Beobachtung und Erfassung rezeptiver kommunikativer Fähigkeiten, zur Beobachtung und Erfassung expressiver kommunikativer Fähigkeiten sowie der Diagnostik der spontanen Kommunikation bei Menschen mit Asperger-Syndrom auf Basis des TEACCH Communication Curriculums

Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis in Kapitel 4 und in Kapitel 5 im Anhang mit der Beschreibung der Förderdiagnostik-Kiste. Auf der beigefügten CD Rom findet der Leser ergänzende Vorlagen und Arbeitsblätter, im Fließtext macht das Piktogramm einer CD darauf aufmerksam.

Die Materialbeschreibungen und konkreten Aufgabenstellungen fokussieren auf folgende Bereiche: Organisationsfähigkeit und Arbeitshaltung, Merkfähigkeit, sozio-emotionale Fähigkeiten, kommunikative Fähigkeiten und schulische Fähigkeiten (Mathematik, Lesen und Lesefähigkeiten). Die Bereiche Interessen, Motivation und Umgang mit Materialien sowie Wahrnehmung und Körperkoordination werden während der gesamten Förderdiagnostik begleitend beobachtet. Dafür ist kein spezielles Material vorgesehen. Gewonnene Erkenntnisse können im allgemeinen Beobachtungsraster zur Förderdiagnostik dokumentiert werden; eine entsprechende Vorlage befindet sich auf der beigefügten CD.

Aufgabenbeispiele sind jeweils in Tabellenform vorgestellt. Beschrieben wird der Schwerpunkt der Beobachtung von Fähigkeitsbereichen, das Material (Grundmaterial und Zusatzmaterial), der Auftrag sowie Erklärungen für den Klienten, die Erläuterung zusätzlichen Materials und den Fokus, auf den die Diagnostik an dieser Stelle speziell abzielt. Manche Materialien lassen sich für verschiedene Aufgaben einsetzen. Fotos machen die vorgestellte Aufgabe konkret anschaulich, auf der CD findet man weitere Anregungen.

Diskussion

Standardisierte herkömmliche Diagnostikinstrumente sind für Menschen aus dem autistischen Spektrum unzureichend. Nicht selten erleben Betroffene, dass sie falsch beurteilt wurden. Vorhandene Fähigkeiten wurden nicht erkannt, sodass falsche Schlussfolgerungen abgeleitet wurden. Eine häufige Ursache liegt darin, dass der Testaufbau und die Fragestellung nicht verstanden wurden oder die Rahmenbedingungen verstörend wirkten, was sich direkt auf die Ergebnisse auswirkt und diese verzerren kann. Dieser Umstand sollte bei standardisierten Testsituationen stärker berücksichtigt werden.

Die vorgestellten Instrumente sind praxiserprobt und so aufgebaut, dass Menschen mit Autismus die Aufgabenstellung verstehen und damit in die Lage versetzt werden, sie zu bearbeiten. Anders als standardisierte Verfahren orientieren sich die Testmaterialien nicht an einer gedachten Norm zu der die Testergebnisse des Probanden in Beziehung gesetzt werden. Neben den Erkenntnissen wie eine Lösung gefunden wurde liegt das Interesse auch darauf, wie selbstständig eine Person in einer vorgegebenen Situation eine bestimmte Tätigkeit ausführen kann. Vorbereitend wird eine Aufgabenanalyse erstellt, die die einzelnen Handlungsschritte aufschreibt, die zu bewältigen sind. Bei der Überprüfung werden die Ergebnisse sowie die Art der Hilfestellung protokolliert. Beobachtungen werden in drei Kategorien: „selbstständig ausgeführt“, „nicht alleine ausgeführt“ und „teilweise ausgeführt, brauchte etwas Hilfe“ dokumentiert. Ansatzpunkte für die Förderung setzen bei den Handlungsschritten an, die teilweise gekonnt wurden, weil damit vorhandene Potentiale erfasst werden. Diese Erfahrung der Autorinnen deckt sich auch mit meinen Erfahrungen aus der Praxis.

Es ist sehr zu begrüßen, dass das Team um Anne Häussler Materialien ihrer informellen Förderdiagnostik veröffentlichen. Geeignete Instrumente zur Erfassung der Stärken und Ressourcen sowie von Unterstützungsbedarfen helfen individuell passende Ziele und Maßnahmen zu erarbeiten. Aber es geht nicht allein um die Diagnostik. Die vorgestellten Materialien können auch gut als Übungsaufgaben und teilweise auch zur Beschäftigung eingesetzt werden. Ziel ist die Erlangung eines größtmöglichen Maßes an Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Jeder Mensch braucht die Erfahrung, sich selbst als erfolgreich handelnd und selbstwirksam zu erleben. Das ist für Menschen, die unter den Bedingungen einer Behinderung leben nicht selbstverständlich. Noch viel zu häufig steht die einseitige Betrachtung der Defizite und Schwächen im Vordergrund, eine Perspektive, die Kompetenzen und Chancen ausschließt, was wenig entwicklungsförderlich ist.

Fazit

Die Autorinnen haben im Rahmen ihrer beruflichen Arbeit eine informelle Förderdiagnostik für Grundschulkinder und Jugendliche entwickelt. Das Buch gibt konkrete Anregungen aus der Praxis für die Praxis, denn durch die anschauliche Beschreibung der Erfahrungen sowie der Vorstellung konkreter Materialbeispiele können diese direkt adaptiert werden. Zielgerichtes Arbeiten setzt das Wissen um die Person, ihrer Stärken und Ressourcen sowie ihres Unterstützungsbedarfes voraus. Förderdiagnostik gehört zum Arbeiten nach dem TEACCH Ansatz dazu. Das Buch stellt eine Systematik zur Informationssammlung und Dokumentation der Ergebnisse vor. Positiv hervorheben möchte ich, dass es den Autorinnen ein Anliegen ist, den eigenen Erfahrungsschatz und das Wissen mit einer breiten Öffentlichkeit zu teilen. Durch die übersichtliche strukturierte Art der Aufbereitung und die Beifügung der CD mit einer Fülle an Fotos und Materialbeispielen machen sie es dem Leser leicht, Erkenntnisse und Anregungen in die eigene Praxis zu adaptieren.

Das Buch Förderdiagnostik kann wie alle anderen Bücher der Reihe Praxis TEACCH unabhängig von den anderen genutzt werden, allerdings sollte ein gewisses Grundwissen zum Arbeiten nach TEACCH vorhanden sein. Aus dieser Reihe sind folgende Rezensionen erschienen:

Alle Bücher der Reihe sind uneingeschränkt zu empfehlen!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 07.08.2013 zu: Anne Häußler, Julia Fritzsche, Antje Tuckermann: Praxis TEACCH. Informelle Förderdiagnostik. Ansätze für eine Förderung entdecken. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2013. ISBN 978-3-938187-95-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15057.php, Datum des Zugriffs 25.08.2016.


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