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Andreas Strunk (Hrsg.): Leitbildentwicklung und systemisches Controlling

Cover Andreas Strunk (Hrsg.): Leitbildentwicklung und systemisches Controlling. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 232 Seiten. ISBN 978-3-8329-6473-3. 29,00 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: Edition Sozialwirtschaft - Band 35.
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Thema

Vor rund 25 Jahren ist bei Verbänden, Trägern und Einrichtungen der Sozialen Arbeit ein regelrechtes »Leitbild-Fieber« ausgebrochen. Inzwischen dürfte es so gut wie keine sozialwirtschaftliche Organisation mehr geben, die ohne ein solches mehr ist. Wenn man dann – nach einigem zeitlichen Abstand – Führungskräfte und Mitarbeitende in der Sozialen Arbeit nach ihrem Leitbild fragt, können sich die wenigsten erinnern, was darin eigentlich steht, geschweige denn angegeben, ob es für die jeweilige Organisation irgendeine Funktion aufweist. So dürfte es an der Zeit sein, das Thema Leitbild im Hinblick auf Sinn und Zweck zu hinterfragen und gegebenenfalls Prozesse der Leitbildentwicklung neu und den geänderten Bedarfen angemessen aufzurollen, vielleicht auch unter Steuerungsgesichtspunkten.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band soll einen Einblick geben in die aktuellen Diskussionen und Positionen zu Leitbildern und Leitbildentwicklung in der Sozialen Arbeit. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass sozialwirtschaftliche Organisationen vor dem Hintergrund einer besonderen »Ethik« mit besonderen Zielsetzungen operieren, die neben der eigentlichen personenbezogenen sozialen Dienstleistung auch außergewöhnliche Anforderungen an das »Verhalten« von Einzelnen in sowie die gesamte Corporate Identity der Organisation erfordern (und im Zweifel auch einfordern). Die Autorinnen und Autoren möchten sich vor diesem Hintergrund insbesondere systemischen Aspekten und der Funktionalität von Leitbild und Leitbildentwicklung widmen.

Herausgeber

Andreas Strunk ist Sozialpädagoge und Sozialplaner. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand war er Professor für Sozialpädagogik und Organisationswissen für die Soziale Arbeit an der Hochschule für Sozialwesen in Esslingen.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält eine Einleitung und elf Beiträge.

  1. Nach einer knappen Einführung von Andreas Strunk
  2. entwirft Wolfgang Klug unter »Leitbildnerei« ein kritisches Bild der Leitbildentwicklung in Einrichtungen der öffentlichen Sozialen Dienste. Seine These ist, dass Leitbilder zwar vorhanden, den Mitarbeitenden aber weitgehend unbekannt und größtenteils unstrukturiert oder intransparent entwickelt worden sind. Er beschreibt dann drei Bedingungen für eine sinnvolle Leitbildentwicklung: Sie sind ein »Spagat zwischen Vision und Realität«, sind als »dauernder Partizipationsprozess« zu verstehen und in ein »umfassendes Management« einzubinden.
  3. Unter der Überschrift »Leitbild und Zielvereinbarungen als unter bestimmten Voraussetzungen sinnvolle Managementinstrumente in der Sozialwirtschaft« beschreibt Armin Wöhrle die Ergebnisse einer wissenschaftlich begleiteten Organisationsberatung. Er kommt in seinem Fazit zu dem Schluss, dass die »Passform von Managementinstrument und -konzepten betont werden muss«.
  4. Ulf D. Posé verweist in seinem Beitrag »Der Erfolg von ethischen Leitlinien« darauf, dass dabei formale Aussagen den materialen vorzuziehen sind, da sie die Verantwortung der Führungskräfte fördern und europäischen Kulturen besser entsprechen. Er belegt weiterhin, dass Leitlinien helfen, Kosten zu senken. Ethische Codices reichen nach seiner Einschätzung allerdings nicht aus. »Man muss sich auch an seine Regeln halten«. An verschiedenen Beispielen zeigt er auf, dass dies nicht jedem Unternehmen »trotz bester Absichten« vollumfänglich gelingt.
  5. Johann Scholten geht daraufhin unter »Leitbilder in Organisationen – Handlungsorientierung oder Ballast?« etwas direkter auf das Thema des Bandes ein, in dem er versucht zu klären, welchen Beitrag Leitbilder zur Steuerung von Organisationen leisten (können). Er vertritt dabei die These, dass »Leitbilder dem Zweck dienen sollen, Unternehmensorganisation bei der Überwindung der „organisationalen Unverfügbarkeit“ durch Selbstorganisation wirksame praktikable Unterstützung zu liefern« und stellt ein Modell der reflexiven Organisation vor.
  6. In ihrem Beitrag »Wirkungsorientiertes Controlling zwischen Legitimation und organisationalem Lernen« widmen sich Maria Laura Bono und Daniela Neubert einem wesentlichen Aspekt der Leitthematik dieses Bandes. Sie beschäftigen sich mit der »Herausforderung, wirkungsorientiertes Controlling sowohl als legitimierendes als auch lernförderndes Instrument zu sehen«. Sie beschreiben diese Problematik anhand einer Beratung der österreichischen Hilfsorganisation »pro mente kärnten«.
  7. Heidemarie Kelleter verknüpft in ihrem Beitrag die Leitbildthematik mit »(Un)Sinn zur Qualität der stationären Altenhilfe«. Sie definiert zunächst die Position des Leitbilds im Gesamtmanagement und zieht Rückschlüsse zum Leitbild als Teil der Unternehmenskultur bzw. Corporate Identity einer Einrichtung der Pflege. Im Zentrum ihrer Ausführungen steht die Frage, »welche Dimensionen für Qualität und Werte eines Leitbildes zu berücksichtigen sind« sowie »welche Empfehlungen zur erfolgreichen Umsetzung der Dimensionen maßgeblich beitragen können«.
  8. Am Beispiel der kommunalen Jugendarbeit in Graz schildert Heinz Schoibl die Erarbeitung von Leitbildern im Sinne eines »integrierten Bestandteils der Vorsorgen für Qualitätsmanagement«. Er zeigt auf, wie sich im Sinne eines die Einrichtungen übergreifenden Einsatzes von Leitbildern ein partizipativer Diskurs über Fragen und Anliegen von Sozialpolitik und deren Entwicklung konzipieren und implementieren lässt.
  9. In seinem Beitrag »Leitbildentwicklung und systemisches Controlling: ein Blick in die Praxis« berichtet Andreas Strunk am Beispiel der Stadtdiakonie Curo detailliert über die Vorgehensweise einer Leitbildentwicklung. Er geht dabei auch auf die Ableitung eines Zielkatalogs ein, der sich aus dem Leitbildentwurf in Bezug auf die anvertrauten Menschen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Gemeinden des Kirchenbezirks, die politischen Gemeinden sowie die Kosten- und andere Träger ergibt.
  10. Andreas Beck und Jochen Stöckmann schreiben über »Gemeinsame Leitbildelemente und Strategische Sozialplanung als Chance für die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege«. Sie entwickeln ihre Überlegungen anhand der Machbarkeitsstudie »Strategische Sozialplanung der LIGA Thüringen«. Aufgezeigt wird in diesem Zusammenhang unter anderem, dass Raumplanung durchaus ein leitbildrelevantes Thema für die Freie Wohlfahrtspflege sein kann.
  11. Mariana Siegel skizziert unter »Vielfalt mit Esprit« die Leitbildentwicklung als Prozess im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Der Beitrag zeigt, dass unter bestimmten Voraussetzungen auch Landkreise erfolgreich Leitbilder entwickeln können. Jedoch bleibe ein solches Unterfangen »mutig« und brauche ein »breites und belastbares Begeisterungspotenzial und einen langen Atem«.
  12. Christiane Schulz schließlich beschreibt »Die Leitbildentwicklung in entwicklungspolitischen Nicht-Regierungsorganisationen«. Sie betont, dass Leitbilder eine wichtige Basis in der Legitimationsdarstellung von Visionen und Zielen solcher Organisationen sind. »Kongruenz zwischen Vision und Organisationswirklichkeit herzustellen«, sei »die aktuelle Herausforderung in der Leitbildentwicklung«. In ihren Beitrag verknüpft sie den Gedanken von Leitbild und Leitbildentwicklung auch mit Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung in Nicht-Regierungsorganisationen.

Diskussion

Der Band vermittelt einige interessante Einblicke in die Sichtweisen von Organisationsberatern, verbandlichen ReferentInnen und Politik-Consultants auf Leitbild, Leitbildentwicklung und ethische Leitbilder in erwerbs- wie sozialwirtschaftlichen Kontexten. Leider gehen einige Beiträge nur am Rande auf die Thematik der Verknüpfung von Leitbildentwicklung und systemischem Controlling ein, nicht durchgehend wird ein direkter Bezug auf systemische Aspekte des Managements und die diesbezüglichen Implikationen für Leitbild und Steuerung genommen. Ebenfalls bedauerlich ist, dass die Besonderheiten sozialer Organisationen im Hinblick auf Komplexität der Leistungserbringung und sozialpolitischen Anliegen von einigen AutorInnen nicht hinreichend gewürdigt wurden. Für Managerinnen und Manager sozialer Organisationen sind allerdings die substanziell interessanten Beiträge insbesondere von Heidemarie Kelleter, Heinz Schoibl, und Andreas Strunk zu empfehlen.

Fazit

Interessante Einblicke in die Sichtweisen von Organisations- und Politikberatern sowie VerbandsvertreterInnen auf Leitbild, Leitbildentwicklung und ethischen Kodizes in erwerbs- und sozialwirtschaftlichen Kontexten.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 02.07.2013 zu: Andreas Strunk (Hrsg.): Leitbildentwicklung und systemisches Controlling. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8329-6473-3. Reihe: Edition Sozialwirtschaft - Band 35. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15092.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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