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Fabian Kessl, Christian Reutlinger (Hrsg.): Urbane Spielräume

Cover Fabian Kessl, Christian Reutlinger (Hrsg.): Urbane Spielräume. Bildung und Stadtentwicklung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 154 Seiten. ISBN 978-3-531-17756-4. 24,95 EUR.

Reihe: Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit - Band 8.
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Thema

Räume bilden. Nichts geschieht ohne Raum und egal, was wir tun – wir tun es immer in sozialräumlichen Kontexten eines Quartiers, einer Stadt, eines Dorfes. Und man ist nicht nur jemand im Raum, sondern durch den Raum, durch seine Gestalt, durch seine Struktur, auch durch seine Einbettung in andere, größere Räume. Ist nicht Stadtentwicklung als Philosophie, der die Gestaltung und Planung von städtischen Räumen und urbanen Kontexten zugrunde liegt, geradezu prädestiniert, die Bildung und Entwicklung von Kindern in der Stadt verantwortlich über die sozialräumlichen Bedingungen des Aufwachsens zu gestalten oder gar zu steuern?

Herausgeber

Dr. Fabian Kessl ist Professor an der Fakultät für Bildungswissenschaften, Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen.

Dr. Christian Reutlinger ist Professor an der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Leiter des Kompetenzzentrums "Soziale Räume" am Institut für Soziale Arbeit.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Bildungs- und Erziehungswissenschaften, der Sozialpädagogik und der Sozialen Arbeit.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung eines konkreten Bildungs- und Stadtentwicklungsprogramms, das die dialektische Verschränkung von Bildungsprozessen und Stadtentwicklung zum konstitutiven Merkmal des Programms macht. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung initiierte das Projekt unter dem Namen SPIELRAUM und urbane Spielräume vor allem in großstädtischen Kontexten werden zum Fokus der Untersuchung. Dabei werden urbane Spielräume sehr konkret verstanden als wirkliche Spielräume für Kinder in Wohnquartieren und Bewegungsräume für Jugendliche (wie z. B. Bolzplätze oder Skaterbahnen). Und es geht dem Programm nicht nur um die Gestaltung neuer Plätze und Räume, sondern auch um die (Um-)gestaltung von ungenutzten Räumen für Kinder und Jugendliche unter der Beteiligung.

Aufbau

Das Buch umfasst zehn Kapitel, die im Folgenden kurz charakterisiert werden sollen.

Urbane Spielräume: Bildung und Stadtentwicklung -Einleitung

In ihrer Einleitung entfalten die beiden Herausgeber den Zusammenhang von Bildung und Stadtentwicklung, die zunächst ihre je eigene Logik der Problemstellung, der Bearbeitung von Fragen und der Konzeption von Entwicklungsschritten haben und die auch institutionell zunächst nichts mit einander zu tun haben. Was bei der Projektbearbeitung bereits durchschien – nämlich dass Sozialpädagogen und Stadtentwickler zusammen arbeiten – das soll jetzt auch unter dem Stichwort der Interdisziplinarität diskutiert werden. Und wenn wir über integrierte Konzepte der Stadtentwicklung nachdenken, ist Interdisziplinarität gar nicht mehr wegzudenken.

Weiterhin beschreiben die Herausgeber die Methode der wissenschaftlichen Begleitforschung und Evaluation des Programms.

Spielraum – fünf Vergewisserungen

In einem weiteren Kapitel beschreiben die Herausgeber zunächst die Programmpalette der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Weiter gehen sie auf das Programm SPIELRAUM ein, in dem es um den Aufbau und die Erweiterung von Spielräumen für Kinder und Jugendliche geht, aber auch um professionelle Handlungsspielräume.

Es geht konkret darum,

  • unter Beteiligung der Kinder und Jugendlichen öffentliche Plätze zu lebenswerten Orten zu verwandeln;
  • Handlungsmöglichkeiten bei den beteiligten Kindern zu schaffen bzw. zu erweitern sowie professionelle Akteure zu vernetzen helfen und
  • über die Gestaltung von Plätzen neue professionelle und informelle Kooperationsstrukturen anzuregen und darüber hinaus Quartiersentwicklungsprozesse anzuregen.

Weiter werden fünf Vergewisserungen kurz und prägnant benannt und beschrieben:

  • Spielraum als Lebensraum von Kindern und Jugendlichen,
  • Spielraum als sozialer Zusammenhang der Gleichalterigengruppe,
  • Spielraum als Freiraum in der funktionalisierten Stadt,
  • Spielraum als Spielgebiet und optimal gestaltete Kinder(um)welt,
  • Spielräume als Optionsräume individuellen Handelns.

Bildungsräume – ein Konzept zur Analyse urbaner Spielräume

In einem dritten Beitrag diskutieren die Herausgeber das pädagogische Konzept der Bildungsräume, wobei die Bildungsdiskussion und ihr Bezug zum Raum an Hand der pädagogischen Literatur, der "Bildungsliteratur" und der sozialpädagogischen Ansätze vorgestellt werden.

Weiterhin werden Bildungsräume als heuristisches Modell für die wissenschaftliche Prozessbegleitung vorgestellt und begründet, weil es ja auch darum geht, wie man Bildungsräume empirisch erfasst. Es geht um die Darstellung und Begründung des Verhältnisses von Bildungsorten und Bildungsarrangements in dem erwachsene und jugendliche Akteure agieren.

Platz für Entwicklung – wie Evaluationen und wissenschaftliche Begleitung zum Programm SPIELRAUM beitragen

Heike Prüß setzt sich mit der wissenschaftlichen Begleitung des Programms auseinander. Ihre These ist dabei, dass die Akteure im Rahmen der Prozessbegleitung von SPIELRAUM in all ihrer Unterschiedlichkeit produktiv zusammen gearbeitet haben, weil sie geeignete Verfahren gefunden haben, um sich auszutauschen (37).

Zunächst wird das Programm SPIELRAUM vorgestellt, das in drei Großstädten in Deutschland, der Schweiz und Österreich implementiert wurde.

Es wird dann die Methode der externen Evaluation vorgestellt, wie sie die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung entwickelt hat und wie sie dann auch in die Konzeptentwicklung von SPIELRAUM hineinspielte.

Wissenschaftliche Begleitforschung: Reflexiver Dialog und Lehrforschung als Evaluationsinstrumente

F. Kessl und Chr. Reutlinger beschreiben hier die wissenschaftliche Prozessbegleitung. Dabei versuchen sie, diese Prozessbegleitung einzuordnen in ein Konzept handelnden Forschens. Wann wird der Forscher und Begleiter des Prozesses zum Teil des Prozesses, den er erforscht? Das forschende Lernen bedarf des lehrenden Forschers und irgendwann ist man involviert in den Forschungsprozess als Akteur. Vor allem in der Jugendarbeit wird der Student auf Grund der Nähe seines Alters zu den Jugendlichen besonders herausgefordert, professionelle Distanz zu wahren – als Forscher und als Akteur. Dies und einiges mehr wird in diesem Kapitel besonders deutlich.

Handlungs- und Spielräume für Kinder und Jugendliche: Die Bewältigungsmuster der PlatznutzerInnen

Caroline Fritsche, Nadine Günnewig, Fabian Kessl und Christian Reutlinger beschäftigen sich in diesem Kapitel mit der Frage, welche Bewältigungsmuster der Kinder und Jugendlichen sich an den untersuchten Plätzen nachzeichnen lassen. Die Analyse der Bewältigungsmuster soll Aufschluss geben über die pädagogisch-professionelle Förderung der Handlungs- und Spielräume.

Dabei verwenden die Autorinnen und Autoren eine qualitative Methode, die an den Grundsätzen einer "mitagierenden Sozialforschung" (Reutlinger) orientiert ist. Diese Methode wird erklärt und die einzelnen Phasen werden beschrieben. Weiter werden die Kinder und Jugendlichen charakterisiert, die an dem Prozess in Berlin, Wien und Zürich teilgenommen haben.

Die Bewältigungsmuster werden dann analysiert und an vier Themen festgemacht: Partizipation, Kritik an Autoritäten, Nutzung(en) und Zugehörigkeit. Dies wird sehr ausführlich dargestellt und mit Beispielen unterlegt.

Zugehörigkeitsordnungen von Kindern und Jugendlichen im urbanen Raum am Beispiel der „Klix-Arena“ in Berlin

Tamara Behnke, Meike Hartmann und Sarah Zimmermann erörtern das Bewältigungsmuster Zugehörigkeit vertiefend an einem Berliner Beispiel. Dabei identifizieren sie unterschiedliche Zugehörigkeitsordnungen jugendlicher Gruppen wie lokale Zugehörigkeiten, natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeiten oder Gender, wobei hier als Beispiel der Fußball herangezogen wird.

Zugehörigkeit wird dabei als ein für die Adoleszenz typisches Entwicklungsthema herauskristallisiert, das für die Identitätskonstruktion von zentraler Bedeutung ist, wo also die Frage relevant wird, wer man selbst ist im Verhältnis zu den anderen und wie man von denen gesehen werden will.

Dann beschreiben die Autorinnen die Verbindungslinien zwischen den Zugehörigkeitsordnungen, die sich im Begriff "Klix" überschneiden und dort in ihrer Verwobenheit virulent werden. Weiter werden mit Zugehörigkeiten auch Macht- und Hegemonialansprüche verbunden diskutiert.

Professionelle Vernetzungsräume: Institutionelle Erweiterung von Handlungsoptionen Jugendlicher und die Vernetzung erwachsener Akteure

Caroline Fritsche, Fabian Kessl und Christian Reutlinger setzen sich mit der zweiten Phase der Prozessbegleitung auseinander, die auf die erwachsenen Akteure in der offenen Kinder- und Jugendarbeit ausgerichtet war. Im Zentrum steht die Frage, wie die Handlungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen durch professionell-pädagogische Arbeit gefördert werden kann und wie die Vernetzung der Akteure auf institutioneller Ebene gelingen kann.

Zunächst wird die Vorgehensweise der Datenerhebung geschildert, die auf Expertengesprächen, einer Telefonbefragung und einer Fallstudie beruht. Danach wird die institutionelle Rückbindung der Handlungsfähigkeit Jugendlicher diskutiert, die nur dann gelingt, wenn Plätze schon vor der Umgestaltung für die Jugendlichen Bedeutung hatten – so ihre These.

Weiter wird die Vernetzung der erwachsenen Akteure erörtert, also ihre Kooperationsdispositionen, die flexibel gestaltet sein müssen. In diesem Zusammenhang werden mehrere Thesen ausführlich vorgestellt und diskutiert.

Verantwortungsgemeinschaften“ – Zur Konjunktur einer politisch-programmatischen Leitidee

Caroline Fritsche und Mandy Schöne geht es in ihrem Beitrag um die Vernetzung unterschiedlicher privater, öffentlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure auf kommunaler Ebene. Was aber meint dabei Verantwortungsgemeinschaft? Dem gehen Fritsche und Schöne nach und kommen zu dem Schluss, dass der Begriff der Verantwortung in seiner kollektiven Dimension nicht diskutiert wird. Verantwortung ist individuelle Verantwortung. Sie setzen sich dann mit der Geschichte des Wohlfahrtsstaates auf dem Weg zur aktiven Wohlfahrtsgesellschaft auseinander, um dann den Ruf nach gemeinsamer Verantwortungsteilung mit der Aktivierung von (Ko)Wohlfahrtsproduktion zu begründen.

Bildung und Stadtentwicklung als Entwicklungsfaktoren urbaner Spielräume – ein vorläufiges Resümee

Die beiden Herausgeber resümieren das Projekt unter dem besonderen Gesichtspunkt der dialektischen Verschränkung von Bildung und Stadtentwicklung. Städtische Räume und ihre Gestaltung schränken Handlungen und Entwicklungen entweder ein oder befördern sie, beschränken Bildungschancen und -möglichkeiten oder befördern sie. Andererseits ist Bildung ohne Raum nicht zu denken; wenn nämlich auch Bildung dazu befähigen soll, sich als Teil des Raums und seiner relationalen Anordnungen zu verstehen, bildet der Raum auch.

Sie gehen dann noch auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung ein, diskutieren kurz die Schnittstellen von Bildung und Stadtentwicklung und beziehen sich noch einmal auf die lokalen Standorte als Spezifika im Programm.

Diskussion

Urbane Spielräume haben etwas mit der Urbanität als städtischem Lebensstil zu tun. Sich im urbanen Kontext zu bewegen, erfordert gewisse Kompetenzen und Dispositionen, die wir landläufig auch mit Bildung verknüpfen würden. Dass Stadt also etwas mit Bildung zu tun hat, mit dem "urban lifestyle", leuchtet unmittelbar ein. Und das Großstadtkind lernt das auch, wie es auch lernt, sich im öffentlichen Raum anders zu präsentieren und zu bewegen als im privaten.

Was allerdings hier versucht wird, ist noch einmal etwas anderes. Wie eignen sich Stadtkinder und -jugendliche Räume an und ist diese Form der Aneignung, also diese Form des Mit-Bedeutungen-versehen im Blick der Stadtentwicklung? fragen sich die Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven. Würde die Stadtentwicklung sehen, dass hier Bildung weniger verstanden wird als institutionelles Anhäufen von Wissen, als dass es ein reflektiertes Erfahren ist? Kann sich die Stadtentwicklung vorstellen, dass die Stadt ein Erfahrungsraum ist, der gleichzeitig auch ein Reflexionsraum sein muss? Man kann vieles erfahren, aber es zu reflektieren bedarf noch einmal eines anderen (auch räumlichen) Zugangs. Und Reflexion des Erfahrenen führt zu Bildung, ist gar Bildung.

So lassen sich vielleicht alle Beiträge dieses kleinen Bändchens übergreifend zusammenfassen.

Fazit

Ein Buch, das neue Zusammenhänge offen legt, deren analytische Vertiefung und theoretische Fundierung lohnend sein kann.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 04.07.2013 zu: Fabian Kessl, Christian Reutlinger (Hrsg.): Urbane Spielräume. Bildung und Stadtentwicklung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-17756-4. Reihe: Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit - Band 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15095.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


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