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Ellen Bareis, Christian Kolbe u.a. (Hrsg.): Episoden sozialer Ausschließung

Cover Ellen Bareis, Christian Kolbe, Marion Ott, Kerstin Rathgeb, Christian Schütte-Bäumner (Hrsg.): Episoden sozialer Ausschließung. Definitionskämpfe und widerständige Praxen. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2013. 330 Seiten. ISBN 978-3-89691-926-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Intensive Auseinandersetzung mit Reflexivität und Kritik

Anlässe, Festschriften zu verfassen, gibt es viele. Die Bandbreite der Motive dafür reicht von (bestellten und überraschend zugeeigneten) Schriften für Jubilare, Bestandsaufnahmen und Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Leistungen, bis zu ehrenvollen Geschenken. Wenn eine Festschrift zum Ziel hat, eine Leistung anzuerkennen und zu ehren und gleichzeitig einen wissenschaftlichen Gegenstand und eine Forschungsfrage kritisch und im Sinne einer Weiterentwicklung in den intellektuellen Diskurs zu geben, wird man darüber sagen können: Die Festschrift markiert keinen Abschluss, sondern bietet einen Start in eine neue Phase der intellektuellen Produktion!

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Die Erziehungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt "Sozialpädagogik, Jugend und Soziale Ungleichheit" an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Helga Cremer-Schäfer, begeht 2013 ihren 65. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben Schülerinnen, Schüler, Kolleginnen und Kollegen eine Festschrift vorgelegt mit dem Ziel, „die verschiedenen Gegenstandsbereiche, Diskurse, Theorie- und Forschungskontexte einzufangen, die die wissenschaftliche Tätigkeit der Jubilarin bestimmen. Es handelt sich um die folgenden Lehr- und Forschungsbereiche: Prozesse der Erzeugung von sozialer Ungleichheit/Differenz durch Institutionen sozialer Kontrolle und sozialer Ausschließung; Umgang in der Sozialen Arbeit mit Etikettierung, Verdinglichung und anderen Formen von disziplinierender Herrschaft (und Hilfe); Analysen der Formen des Wissens über gesellschaftliche Konflikte und Probleme, insbesondere die Rekonstruktion öffentlicher Diskurse über Devianz (Jugend und "soziale Probleme"; Gewalt, Kriminalität & Strafe, Armut, soziale Schwäche & Kontrolle; Studien zu individuellen und subkulturellen Handlungsstrategien in Situationen der Disziplinierung und Ausschließung; Nutzung und Bearbeitung wohlfahrtstaatlicher Dienstleistungen in Situationen sozialer Ausschließung ("welfare policy from below"); Aktualisierung des Handlungsmodells des Symbolischen Interaktionismus; Beiträge zur reflexiven Sozialwissenschaft. Neben ihrer akademischen Tätigkeit an der Goethe-Universität engagiert sich Cremer-Schäfer auch bei wissenschaftlichen Vereinigungen, wie etwa bei der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, der Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie, dem Wiener Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie, dem Hamburger Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung, der Wuppertaler Arbeitsgruppe "Sozialpädagogische Nutzerforschung" und dem Frankfurter Institut für Stadt- und Regionalentwicklung. Sie ist auch als Redakteurin bei der Zeitschrift „Widersprüche“ und beim Kriminologischen Journal tätig.

Die mit Schwerpunkt „Gesellschaftliche Ausschließung und Partizipation“ an der Hochschule in Ludwigshafen lehrende Gesellschaftswissenschaftlerin Ellen Bareis, der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der Goethe-Universität, Christian Kolbe, die Erziehungswissenschaftlerin am Frankfurter Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe, Marion Ott, die Professorin für allgemeine Pädagogik an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt, Kerstin Rathgeb und der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Christian Schütte-Bäumner, geben den Sammelband heraus. Der Begriff „soziale Ausschließung“ zielt auf Herrschafts- und Gesellschaftskritik und wird verstanden „als verweigerte( r ) Zugang zu gesellschaftlich erzeugten Ressourcen und einer zumindest erschwerten Teilnahme an Gesellschaft sowie die Betrachtung von sozialen Ausschließungen als ‚graduelle Prozesse‘“. Dabei werden die Begründungszusammenhänge, Arbeitsformen und Zielvorstellungen von „strafenden“ und „helfenden“ Institutionen in den Blick genommen. „Episoden“, wie sie im Titel des Buches bezeichnet werden, sollen deutlich machen, welche Formen und Anlässe sich in den „Alltagspraktiken der Leute“ vollziehen und wirksam werden, die Ausschließungen, Diskriminierungen und Benachteiligungen bewirken.: „Die Orientierung an Episoden unterschlägt … nicht den strukturellen Charakter von Macht und Herrschaft, sondern sie ermöglicht Differenzierungen, um Details der Macht- und Herrschaftsausübung zu analysieren“.

Analytisch, systemtheoretisch und gesellschaftspolitisch verortet das Herausgeberteam die Beiträge an der Marxschen Diktion, „dass Menschen zwar ihre eigene Geschichte machen, aber nur unter den von ihnen vorgefundenen Umständen“ (Jan Hoff / Alexis Petrioli / Ingo Stützle / Frieder Otto Wolf, Hrsg., Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen Philosophie, Münster 2006, 370 S.), an der Erkenntnis von Theodor W. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (Minima Moralia (Gesammelte Schriften 4, Frankfurt/M. 1997, S. 43), und an der ganz aktuellen Einschätzung: „Wenn das System falsch programmiert ist, stößt der gute Wille des Einzelnen an Grenzen“ (Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2010. Einfach besser leben. Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10494.php).

Aufbau und Inhalt

Neben dem einführenden Text, den das Herausgeberteam titelt als: „Zwischen Ausschließung und Eigensinn. Nachdenken über Wissenschaft und Alltag in institutionalisierten Zusammenhängen“, wird der Sammelband in vier Kapitel gegliedert: Denkmodelle und Praktiken der Reflexivität – Organisation und (Nicht-)Nutzung. Nachdenken und Forschen über das institutionalisierte Feld „Soziale Arbeit“ – Kriminal- und sozialpolitische Dimensionen oder: Kriminalität als Ideologie – Alltag und Eigensinn.

Das erste Kapitel beginnt der Frankfurter Soziologe Jürgen Ritsert mit „Randglossen zur ‚sozialpolitischen Maßnahme‘“. Er setzt sich mit dem, gerade im sozialpädagogischen Handeln durchaus ungeklärten Verhältnis von Theorie und Praxis auseinander und reflektiert die verschiedenen Bedeutungszusammenhänge und vorfindbaren Zustände, die ein Problembewusstsein, wie eine gemeinsame Problembearbeitung bei den Beteiligten erfordern: „Sozialpolitische Maßnahmen zielen zwar auf die … Bearbeitung sozialer Probleme…, sie schaffen es aber nur in seltenen Fällen, Probleme in Aufgaben zu verwandeln“.

Der Sozialwissenschaftler von der Wiesbadener Hochschule Rhein-Main, Michael May, thematisiert die in der Philosophiegeschichte und in den Diskursen der Human- und Sozialwissenschaften unterschiedlichen Rezeptionen der Begriffe „Reflexivität und Eigensinn“. Es sind die vielfältigen Formen und Ausdrücke, wie Reflexivitäts-Vermögen zustande kommt und sich in institutionalisierten Einrichtungen zeigt oder auch vermisst wird; denn „als ‚reflexiv? kann eine Institution … erst dann gelten, wenn und soweit sie den freien Willen der Einzelnen, seine Empathie sowie anerkennende Interaktion mit ihrerseits selbständigen Anderen unterstützt und nicht untergräbt“ (Luhmann).

Ellen Bareis und Christian Kolbe bringen einen „Werkstattbericht vom dokumentierenden Interpretieren“ ein und zeigen damit „Wege der Reflexivität“ auf. In Theorie und Praxis gesellschafts- und sozialpolitischen Handelns bildet die Wahl der (richtigen) Methoden die Grundlage für ein adäquates Agieren und Reagieren. Eine instruktive Auseinandersetzung zwischen Methodenkritik und -entwicklung muss deshalb Bestandteil des Erkennens und Interpretierens eines Sachverhaltes sein, was Cremer-Schäfer mit der Methode der „interpretierenden Auswertung“ zustande bringt: Für die Entwicklung von Sachkenntnissen komme es darauf an, „Kenntnis der Vielfalt, der Konflikthaftigkeit, Organisierung der Verstehbarkeit (und) Verhandelbarkeit einer hoffentlich besseren Zukunft“ zu erwerben und zu vermitteln.

Der Kunstgeschichtler und -pädagoge und wissenschaftliche Mitarbeiter an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Fabian Cremer, und die Frankfurter Gesellschaftswissenschaftlerin Christine Resch, richten in ihrem Beitrag „Darstellungen von Armut“ den Blick „nach unten“, indem sie Beispiele aus der sozialdokumentarischen Fotografie vorstellen und interpretieren. Sie differenzieren die Abbildungen als „Symbolfoto“, „Überwältigungsfoto“ und „reflexives Foto“ und machen deutlich, dass die „Reflexion als Arbeitsbündnis“ dazu beitragen kann, anstelle des Blicks nach unten einen „beweglichen Blick“ einzurichten, „der genau soviel Distanz erzeugt, dass das Betrachten von Fotos in einer handlungsentlasteten Situation geschehen kann, und soviel Nähe gestattet, dass eine Reflexion ermöglicht wird, die in Empathie einen möglichen Ausgangspunkt hat“.

Im zweiten Teil des Sammelbandes geht es um den Diskurs über „Nachdenken und Forschen über das institutionalisierte Feld ‚Soziale Arbeit‘“. Der Professor an der Hamburger Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, Timm Kunstreich, bringt mit seinem Text „Transversale Relationsmuster“ einen Vorschlag zur Bereicherung der kritischen Institutionenforschung ein. Dabei nimmt er zwei Hamburger Quartiere zum Anlass, mit der Perspektive der sozialpädagogischen Wirkungsforschung Formen von „situiertem Handeln“ zu ergründen. Er benutzt sechs Relationsmuster, in denen sich die Erfahrungsbereiche von (jugendlichen) Bewohnern – lebensweltliche Passung, Partizipation, Vertrauen – spiegeln: „Serielle Selbstbezogenheit“, „fortschreitende Schließung“, „institutionelle Verbindlichkeit“, „lebensweltliche Verlässlichkeit“, „bestätigende Öffnung“ und „gemeinsame Aufgabenbewältigung“.

Der an der Fachhochschule in Frankfurt/M. tätige Sozialwissenschaftler Claus Reis diskutiert mit seinem Beitrag „Das (endlose) Lied vom ‚Fördern und Fordern‘“ Entwicklungen, wie sie sich durch die Interaktion von SozialarbeiterInnen und den KlientInnen im Tätigkeitsbereich „Grundsicherungsarbeit“ durch die Neuordnung der Sozialgesetzgebung (SGB II) seit 2005 darstellen. Er verweist darauf, dass dabei die Rolle der Sozialarbeit als „sanfte Kontrolle“ auf der Strecke bleibt und Aussonderungs- und Ausschließungsprozesse wirksam werden.

Gertrud Oelerich, Bildungs- und Sozialwissenschaftlerin an der Wuppertaler Bergischen Universität und der Erziehungswissenschaftler Andreas Schaarschuch nehmen den Gedanken der „Kontrolle als Nutzen“ auf, indem sie sich zur „Ambivalenz kontrollierender Zugriffe in der Sozialen Arbeit aus Nutzersicht“ äußern. Die Veränderungsprozesse und Zuschreibungen von der „helfenden Beziehung“ hin zur „sozialen Kontrolle“ werden insbesondere in der Nutzerforschung aufgezeigt und nachgewiesen. Die Aspekte der Zuordnungen – „Kontrolle als Abgleich der Zielerreichung“, „Kontrolle als Unterstützung“ und „Kontrolle als Fürsorge“ – zeigen sich in der referierten Untersuchung, dass, „bis auf die Ausnahme der Zurückweisung von Kontrolle, die sich auf die der eigenen Selbstbestimmung unterliegenden oder intim betrachteten Lebensbereiche bezieht und als Repression erkennbar wird (dadurch, dass) die ‚sanften‘ Kontrollpraktiken der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter als unterstützend, hilfreich und nützlich im Hinblick auf das Erreichen des Ziels einer ‚normalen Lebensführung‘ betrachtet“ werden.

Der Sozial- und Gesundheitswissenschaftler von der Ludwigshafener Hochschule, Hans Ebli, referiert über „Soziale Probleme und Soziale Arbeit“, indem er über den Zusammenhang von „Überschuldung“ und „Schuldnerberatung“ nachdenkt. Er verweist in seiner diskursanalytischen Untersuchung auf dabei vorfindbare Institutionalisierungsprozesse und deckt Widersprüche auf; etwa die, dass seit den 1990er Jahren „Schuldnerberatung als ein Arbeitsfeld Sozialer Arbeit… von einer ‚wohlfahrtsstaatlichen Institution‘ zu einer ‚wettbewerbsstaatlichen Institution‘ wandelt(e)“.

Die Ludwigshafener Sozialpädagogin und wissenschaftliche Assistentin Kerstin Herzog diskutiert mit dem Zitat „Und dann sag ICH Ihnen wie Leben geht!“ Widersprüche von Alltagsroutinen und institutionellen Logiken in Situationen der „Überschuldung“. Mit einer Fallgeschichte zeigt sie (den nicht auflösbaren) Konflikt zwischen den (Be-)Deutungen einer Situation im Institutionenprozess und den AlltagsakteurInnen. Sie verweist auf Möglichkeiten und Handlungsstrategien, wie es dennoch gelingen kann, eine aktive Auseinandersetzung bei den Beteiligten zu erreichen und Ausschließungsprozesse zu verdeutlichen und zu bearbeiten: „Vielleicht wäre es sogar möglich, mehr darüber nachzudenken, wie Barrieren beseitigt werden können, anstatt diese mit Kontrollen und Sanktionen zu verfestigen“.

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Florian Habenstatt stellt mit seinem Text „Soziale Probleme 2.0 oder vom (Ver-)Schweigen des Sozialen“ Forschungsbefunde und -ergebnisse für eine von der Kommune ausgewiesenen „beispielhaften Stadtentwicklung“ vor, wie er sie mit seinem Dissertationsprojekt im Hamburg-Wilhelmsburg vorfindet. Dabei benennt er eine Reihe von positiven Entwicklungen und Widersprüchen, die Einflussnahmen und Wirkungsweisen von Sozialer Arbeit in diesem Prozess der Stadtentwicklung ermöglichen, aber gleichzeitig auch erschweren und Konflikte entstehen lassen.

Im dritten Kapitel befassen sich die Beiträge mit „Kriminal- und sozialpolitischen Dimensionen“. Der Oldenburger Sozialwissenschaftler Helge Peters macht sich mit seiner Aufforderung „Kontrolle bitte nicht ausschließen“ Gedanken zur Fruchtbarkeit einer Begriffsalternative. Er zeigt auf, wie sich in den Sozialwissenschaften die Begriffe „Inklusion“ und „Exklusion“ in eine ordnungs- und konsenstheoretisch orientierte Richtung einerseits, und eine konflikt- und befreiungstheoretische Deutung andererseits entwickelt und verändert haben. Er plädiert dafür, den Begriff „soziale Kontrolle“ durch den (Cremer-Schäferschen und Steinertschen) Begriff der „sozialen Ausschließung“ zu ersetzen.

Der Wiener Kriminalpsychologe Arno Pilgram plädiert dafür, die „hybride Organisationsform der Straffälligenhilfe (zu) bewahren“. Er berichtet aus seiner Arbeit im Vorstand der österreichischen Vereins für Bewährungshilfe und soziale Arbeit („Neustart“), der sich versteht als zivilgesellschaftlich verankerte Wohlfahrtseinrichtung und kriminalpolitische Lobby, wie auch als Sozialunternehmen. Diese hybride Organisationsform und das umfassende Selbstverständnis der Organisation erfordert sozialarbeiterischen Sachverstand und professionelle Kompetenz bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und bietet so einen bewährten Rahmen für eine humane und sach- und fachgerechte Straffälligenhilfe.

Rafael Behr, Verwaltungs- und Polizeiwissenschaftler von der Hochschule der Polizei in Hamburg, provoziert mit seinem Zwischenruf „Die Polizei als Dramatisierungsgewinner oder: Wem der ‚Die-Gewalt-wird-immer-schlimmer‘ – Diskurs wirklich etwas bringt“. Dabei nimmt er die Auffassung „Der Bürger als Kunde, der Staat als Dienstleister?“ aufs Korn und kritisiert Einstellungen und Bekundungen zum Gewaltmonopol des Staates und zum Opfer-Täter-Diskurs. Es gilt die falschen Bilder zurecht zu rücken, etwa „wir hätten eine richtige Polizei und falsche gesellschaftliche Verhältnisse“ – oder umgekehrt; vielmehr kommt es (auch) in der Polizeiaus- und -weiterbildung darauf an, die Begriffe „Responsivität“ und „Responsibilität“ in den Blick zu nehmen und als Auftrag zu verstehen, „an den tatsächlichen Bedingungen von gesellschaftlicher und polizeilicher Entwicklung zu arbeiten, statt sich auf liebgewordene Scheingefechte und Selbstaffirmation zurückzuziehen“.

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Henner Hess fragt in seinem Beitrag „Wende in der Drogenpolitik?“ nach dem Für und Wider einer möglichen Legalisierung von heute illegalen Drogen. Mit der These, „dass jede Art von Entkriminalisierung eine Entlastung der Strafverfolgungsbehörden, eine beachtliche Reduktion der staatlichen Ausgaben und zugleich in wesentlichen Bereichen eine Reduktion der Kriminalität brächte“, setzt sich der Autor mit den vielfältigen Argumenten und Gegenargumenten auseinander und fragt, „welchen Wert wir am höchsten ansetzen“. Für ihn ist es zweifelsfrei die „im Grundgesetz garantierte Handlungsfreiheit des Individuums, solange dieses mit seinen Handlungen nicht die Rechte anderer verletzt“.

Der Bildungswissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen, Fabian Kessl, informiert über die „England Riots 2011“. Er setzt sich mit den traditionellen und teilweise offiziellen Deutungen auseinander, wonach die Krawalle der gewaltsamen Aktivitäten von meist Jugendlichen in bestimmten Stadtteilen Großbritanniens historische Ursachen hätten bzw. durch Fehlverhalten von staatlicher Macht provoziert würden. Er widerspricht beiden Interpretationsmustern und zeigt auf, dass die gesellschaftlichen Widersprüche und sozialen Ausschließungsrealitäten es sind, die zu den Aufständen führen und sich meist an historischen Erinnerungsdaten orientieren und motivieren

Das vierte Kapitel thematisiert „Alltag und Eigensinn“. Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Andreas Walther beginnt mit dem Beitrag: „Zumutungen des Lebenslaufs“. Er geht ein auf die Situation, inwieweit und mit welchen Motivationen Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf berufsbezogene Übergangshilfen nutzen oder verweigern, aber auch deren Sinnhaftigkeit oder Nutzlosigkeit erkennen und durchschauen. Mit den Instrumenten der Nutzerforschung verdeutlicht dies der Autor an Fallbeispielen. Er plädiert dafür, „dass die Perspektive der Lebensbewältigung bzw. biographische Bewältigung von AdressatInnen Sozialer Arbeit im Allgemeinen und Jugendlichen im Übergang Schule-Beruf im Besonderen analytisch in eine Nutzungs- und eine Aneignungsperspektive ‚zerlegt‘ werden sollte“.

Die Bielefelder Kulturanthropologin und Soziologin Tomke König formuliert in ihrem Beitrag „Familien-Ideale“, indem sie über Regulierungen einer privaten Lebensform reflektiert. Sie analysiert die unterschiedlichen Auffassungen und Lebenshaltungen bei Geschlechterarrangements und Arbeitsteilungen in familiären Zusammenhängen. Sie diskutiert die gewandelten gesellschaftlichen Verhältnisse, die Bilder von „idealen“ Familien in Frage stellen, Kompetenzen und Nichtkompetenzen von „Hausfrauen“ aufzeigen und Belastungen von Alleinernährern und -erziehern offenbaren (vgl. dazu auch: Andrea Günter, Die Kultur des Ökonomischen. Gerechtigkeit und Geschlechterverhältnisse und das Primat der Politik, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14554.php).

Der Politologe von der Frankfurter Fachhochschule, Thomas Kunz, greift mit seinem Beitrag „Das Ankommen des ‚Gastarbeiters‘ auch im Popsong“ ein erst einmal ungewöhnliches Thema auf. Die Auseinandersetzungen mit Migration, Einwanderung und Fremdheitserfahrungen, wie sie sich seit den 1950er Jahren in der bundesrepublikanischen Gesellschaft vollziehen, wird erst einmal historisch, politisch und gesellschaftlich geführt. Ein Zugang zur Unterhaltungsmusik hat eher als Form der Verniedlichung (1961/62: „Zwei kleine Italiener“ oder in der Schlagermusik (1974: „Griechischer Wein“) stattgefunden, um sich erst in den 1980er (1981: „Ali“) und 1990er Jahren (1992: „Fremd im eigenen Land“) vom Fremden zum Eigenen zu wenden, und sich danach (2008: „Ich bin ein Berliner“) in der Popkultur zu etablieren. Die Analyse der Texte und Entwicklungen stellen sich somit als ein Mittel dar, kritische Alltagsforschung zu betreiben und damit gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse aufzudecken.

Christian Schütte-Bäumer rekonstruiert mit seinem Beitrag „Humanisierungsbemühungen und ihre Durchsetzung“ die Entwicklungen, Hintergründe und Verstrickungen der Sozialen Arbeit, die sich beim Umgang und den Aktivitäten bei der AIDS-Hilfe ergeben. Er diskutiert Fallstricke und Humanisierungsbemühungen, die mit dem Prinzip der sozialstaatlichen „sanften politischen Kontrolle“ sich in den Spannweiten von Emphase und struktureller Prävention, von Moral und Eigensinn, Identitätsarbeit und Queer Professionals darstellen. Der Autor plädiert für eine für die Soziale Arbeit notwendige „Nachdenklichkeit in Profession und Disziplin“, um ein angemessenes Verstehen schwieriger Lebenssituationen, der Adressat_innen Sozialer Arbeit in den Aids-Hilfen zu gewährleisten.

Kerstin Rathgeb weist in ihrem Beitrag „Nachdenken über Eigensinn und Nichtidentisches“ darauf hin, dass Eigensinn sich dadurch kennzeichnet, „etwas als sinnvoll zu erachten oder etwas Sinn zu geben mit einer Eigenleistung verbunden ist“. Eigensinn als Identitätsmerkmal entsteht und entwickelt sich also durch Selbsteinschätzungen, Erwartungshaltungen und individuelle und soziale Erfahrungen. Am Beispiel von Einstellungen, Haltungen und Handlungen von jugendlichen Swingfans während der Zeit des Nationalsozialismus, in Zeiten von totaler Herrschaft also, reflektiert die Autorin Formen von lebenskünstlerischen Haltungen und erweitert damit den Blick auf Identitäten: „Der Blick auf den Eigensinn gewährt den Personen ihre Interessen, ihre Autonomie zu wahren und dies nicht moralisch bewerten zu müssen, sondern die Zuschreibungen vielmehr dazu zu nutzen, das Nicht-Identische zu entdecken und zu beleuchten“.

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Marcus Balzereit unternimmt mit seinem Text „Johanna will das Bonbon!“ eine hermeneutische Kritik an „wissenschaftlich generierter Negation von Reflexion im Alltag“, was bedeutet, dass er sich mit Formen des Dialogs, von Anordnungen, Erwartungen und gesellschaftlich und kulturell vorgegebenen Werte- und Normenvorstellungen auseinandersetzt. Trifft, in unserem Fall in der Sozialpädagogik, der institutionalisierte „sanfte Kontrolleur“ in der Person des Sozialarbeiters oder der Sozialarbeiterin auf abweichendes Verhalten, bedarf es differenzierter Einschätzungen darüber, ob, in welchem Grad und aus welcher situativen Betrachtung heraus, sich Normalität von abnormem Verhalten unterscheidet und welche Reaktionen darauf erfolgen sollten. Die Gradwanderung zwischen „passiv-aggressiver Persönlichkeitsstörung“, „Dissozialität“, „normabweichendem Verhalten“ und „Disziplinierung“ gilt es in der Arbeit einer reflexiven Sozialpädagogik zu beachten, wie das vom Autor vorgestellte Fallbeispiel zeigt ( vgl. dazu auch: Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php; sowie: Frank Dammasch / Martin Teising, Hrsg., Das modernisierte Kind, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14552.php).

Der Darmstädter Soziologe Johannes Stehr beschließt mit seinem Beitrag „Vom Eigensinn des Alltags“ den Sammelband, indem er aufzeigt, wie „auf der Basis der Reflexion von Alltagserfahrungen und Alltagswissen Etikettierungen als Kategorien von Institutionen und dazu gehörenden Experten…(vorgenommen werden und) in den Alltag herrschaftlich, formulierend wie zugleich auch begrenzend, behindernd bis verunmögend, eingegriffen wird“. Eine kritische Alltagsforschung steht deshalb vor der Herausforderung, „die Widersprüche von Subjektivierungen und die damit einhergehenden Konfliktfelder herauszuarbeiten und dabei speziell eigensinnige Praktiken zu benennen, in denen die Konflikte quer zu den institutionellen Logiken… bearbeitet werden“.

Fazit

Herrschaftskritik ist, wenn sie nicht nihilistisch daher kommt, notwendig, um Macht von Menschen über Menschen zu legitimieren, aber auch zu verhindern. Legitimierte, institutionalisierte Herrschaft, zum Beispiel in den Feldern der Sozialen Arbeit, bedarf der „Auseinandersetzung mit der institutionellen Verfasstheit von Wohlfahrtsstaatlichkeit mit einer Perspektive ‚von unten‘“; und zwar mit den Mitteln der Reflexivität und Kritik in Theorie und Praxis. Der als Festschrift zu Ehren des 65. Geburtstages der Frankfurter Sozialwissenschaftlerin Helga Cremer-Schäfer von Schülerinnen, Schülern, Kolleginnen und Kollegen verfasste Sammelband „Episoden sozialer Ausschließung“ ist mehr als eine Ehrengabe für eine verdiente Wissenschaftlerin; sie stellt sich als eine Bestandsaufnahme dar, wie Formen, individuelle und gesellschaftliche Folgen von Exklusion und Ausschließung in der institutionalisierten Sozialen Arbeit wirksam werden. Den Autorinnen und Autoren der interdisziplinären Beiträge gelingt es zudem, nicht dabei stehen zu bleiben, sondern auch Alternativen und Perspektiven zur Diskussion zu stellen, wie Inklusion und Einschließung (im besten, integrativen Sinn des Wortes) möglich werden und „Handlungsfähigkeit (als) Fähigkeit, Konflikte wahrzunehmen und auszutragen und die Möglichkeit zu erkennen, was schon jetzt möglich ist oder was unter welchen Umständen möglich werden könnte“.

Der Sammelband stellt ohne Zweifel einen wichtigen Baustein dafür dar, dass in der institutionalisierten Sozialen Arbeit (und darüber hinaus) sich eine Wende weg von Ausschließung und hin zur Integration auf allen Gebieten menschlichen Lebens vollziehen kann. Er wird im interdisziplinären, wissenschaftlichen Diskurs um soziale Gerechtigkeit und Sozialstaatlichkeit sicherlich einen weiterführenden Platz einnehmen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.06.2013 zu: Ellen Bareis, Christian Kolbe, Marion Ott, Kerstin Rathgeb, Christian Schütte-Bäumner (Hrsg.): Episoden sozialer Ausschließung. Definitionskämpfe und widerständige Praxen. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2013. ISBN 978-3-89691-926-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15142.php, Datum des Zugriffs 27.05.2016.


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