socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wilfried Hosemann, Wolfgang Geiling: Einführung in die Systemische Soziale Arbeit

Cover Wilfried Hosemann, Wolfgang Geiling: Einführung in die Systemische Soziale Arbeit. UTB (Stuttgart) 2013. 273 Seiten. ISBN 978-3-8252-4008-0. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In weiten Teilen der Sozialen Arbeit gilt es mittlerweile als Zeichen von (anzustrebender) Qualität, systemisch zu arbeiten. Es heißt, der systemische Ansatz verhelfe zu mehr Klarheit bei komplexen Problemstellungen, Ausgangsbedingungen und Zuständigkeiten, und er ermögliche mehr Sicherheit im Umgang mit vielfältigen Ansprüchen an die Soziale Arbeit (so auch der Reinhardt Verlag in seinem Klappentext zum vorliegenden Band). „Im breiten Spektrum der Methoden und Verfahren der Sozialen Arbeit haben sich systemisch inspirierte Herangehensweisen einen festen Platz erobert“, meinen Wilfried Hosemann und Wolfgang Geiling (S. 23): „Der systemische Ansatz hat sich in der Sozialen Arbeit etabliert und ein Teil ihrer wissenschaftlichen Reflexion und Theorieentwicklung ist systemtheoretisch orientiert. Hierzu gehören Beiträge, die sich mit der gesellschaftlichen Funktion der Sozialen Arbeit oder mit systemtheoretischen Analysen spezifischer Arbeitsfelder befassen“.

Autoren

Dr. Wilfried Hosemann (Dipl.-Pädagoge und Dipl.-Sozialarbeiter), lehrte als Professor für Soziale Arbeit (Theorie und Sozialpädagogische Familienberatung) am Fachbereich Soziale Arbeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der Hochschule Coburg; er ist Mitherausgeber des Journals der Deutschen Gesellschaft für Systemische Soziale Arbeit (DGSSA). Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem „Potenziale und Grenzen systemischer Sozialarbeit“, Freiburg/Brsg. 2010 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/4870.php) und (als Herausgeber gemeinsam mit Brigitte Trippmacher) „Soziale Arbeit und soziale Gerechtigkeit“, Baltmannsweiler 2003 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/1150.php).

Wolfgang Geiling (Dipl.-Pädagoge, Dipl.-Sozialpädagoge, Systemischer Familientherapeut/DGSF und Supervisor) arbeitet am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und ist in der Fort- und Weiterbildung tätig. Unter anderem hat er (gemeinsam mit Daniela Sauer und Sybille Rahm) den Band „Kooperationsmodelle zwischen Sozialer Arbeit und Schule. Ressourcen entdecken - Bildungschancen gestalten“, Bad Heilbrunn 2011 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12096.php) herausgegeben.

Von beiden liegt ein „Vorgängerband“ vor, die „Einführung in die systemische Soziale Arbeit“, Freiburg/Brsg. 2005 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/2608.php).

Aufbau und Inhalt

Der vorliegende Band führt in drei Kapiteln in die Grundbegriffe systemischen Denkens und Handelns ein und verknüpft sie mit der Praxis der Sozialen Arbeit:

  • In der „Einführung“ (S. 9 – 36) wird zunächst grundsätzlich nach der Bedeutung von Systemtheorie und systemischer Praxis für die Soziale Arbeit gefragt: Systeme und Systemtheorie (zu den Vorzügen und Besonderheiten des systemischen Denkens, „System – eine Annäherung an den Begriff“ und zu den Systemtheorien und ihren unterschiedlichen Ansätzen) und die Merkmale Systemischer Sozialer Arbeit (Inhalte Systemischer Sozialer Arbeit, systemische Grundsätze des Vorgehens und Systemische Ethik) stehen im Mittelpunkt.
  • Im zweiten Teil („Verbindende Elemente systemischen Denkens und Sozialer Arbeit“, S. 37 – 131) wird ein Theorienetz entwickelt, wobei systemtheoretische Fragestellungen und Zugänge in acht Dimensionen in Beziehung zur Theorie Sozialer Arbeit gesetzt werden: 1. Beobachtung, 2. Systeme, Kommunikationssysteme und Systemarten, 3. Systeme, Umwelt und Systembeziehungen, 4. Sinn und Kontext, 5. Zeit, 6. Kausalität – Ursache und Wirkung, 7. Menschen, Individuen und Personen und 8. Inklusion/Exklusion: soziale Teilhabe.
  • Im dritten Teil, so die Autoren, „bieten wir Zugänge zu grundlegenden Handlungsorientierungen systemischer Praxis. Dabei werden die besonderen Bedingungen Sozialer Arbeit berücksichtigt und Begriffe zur differenzierten Beobachtung und Beschreibung professioneller Situationen angeboten“ (S. 8). In dieser „Systemische(n) Praxis“ (S. 132 – 212) geht es um das systemisches Methodenverständnis (Grundlagen professionellen Handelns; Soziale Arbeit als Kybernetik zweiter Ordnung; professionelle Grenzziehungen; Abstraktionen und Unsicherheiten) und systemische Handlungsorientierung (Systemische Werkzeuge zur Aufgabengestaltung; Helfer-, Klienten- und Helfer-Klienten-Systeme; Systemische Handlungsmuster; Praxisherausforderungen (Hilfe, Kontrolle, Macht; Ambivalenz; Soziale Gerechtigkeit).
  • Ein elfseitiges Literaturverzeichnis (mit Titel bis in das Jahr 2012) vervollständigt die Publikation.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Leserinnen und Leser, die, wie die Autoren raten, „noch am Anfang der Begegnung mit diesem Bündel von Theorien stehen“ (S. 7); sie „möchten dazu ermutigen, vertraute Denkgewohnheiten aufzulockern, soziale Zusammenhänge mit neuen Begriffen zu analysieren, sich von den daraus entstehenden Ergebnissen zu überzeugen und nicht von den theoretischen Ansprüchen einschüchtern zu lassen“ (S. 8). Festzuhalten ist, dass der Band dazu sehr gut geeignet ist: Studierende der Sozialen Arbeit, aber auch berufserfahrene Fachkräfte werden wertvolle Hinweise und Anregungen zur Reflexion künftiger und (bereits) gewohnter Praxis finden.

Diskussion

„Anliegen des Buches ist es, mit dem Verständnis und dem Gebrauch systemtheoretischer Grundbegriffe vertraut zu machen und ihren Nutzen für die Soziale Arbeit zu zeigen“ (S. 7). Die Autoren „wollen die systemische Herangehensweise so beschreiben, dass Raum für unterschiedliche Arbeitsfelder, methodische Konzepte und Ebenen der Intervention zur Verfügung steht. Für uns ist es systemische Praxis, wenn sich Soziale Arbeit auf eine Sicht- und Vorgehensweise stützt, die sich auf Systeme bezieht, d. h. die Systemgeschichte einbezieht, Systeme in ihrem Eigensinn und ihren wechselseitigen Abhängigkeiten betrachtet, systemische Grundsätze des Vorgehens als Orientierung in der Praxis nutzt, sich selbst in die Beobachtung einbezieht und mit verschiedenen Systemen verbunden betrachtet und Systeme unter den Aspekten von sozialer Teilhabe beobachtet“ (S. 23).

Dies gelingt Wilfried Hosemann und Wolfgang Geiling sehr gut, weil Aufbau, Argumentation und Beispiele anspruchsgerecht komponiert und auf die Bedürfnisse der Leserinnen und Leser abgestimmt sind:

  • Hilfreich wirken die zahlreichen Lernfragen und Infokästen, mit denen der Band aufwartet.
  • Die Annäherung an systemische Soziale Arbeit stützen zahlreiche Definitionen (z. B. „Unter dem Begriff systemtheoretisch fasst man eher den Bereich zusammen, der an der Theoriearbeit und der Reflexion ausgerichtet ist. Systemisch beschreibt dagegen den Bereich, der sich auf die praktische Veränderung von Systemen bezieht und unter dieser Perspektive auch Anregungen einbezieht, die aus verschiedenen Theorie- und Praxiszusammenhängen stammen“, S. 18).
  • Piktogramme für Merksätze, (Fall-) Beispiele (die den systemischen Umgang mit verschiedenen Zielgruppen Sozialer Arbeit illustrieren), einschlägige Literaturempfehlungen und Anregungen („Lernfragen“) zum Weiterarbeiten und -denken erleichtern den Zugang und die Handhabung der Veröffentlichung.
  • Zusammenfassungen zu jedem Abschnitt, zum Teil sogar auf Ebene einzelner Unterabschnitte, helfen bei der persönlichen Bilanzierung.
  • Und auch die Ermunterung ist positiv zu erwähnen „mitunter Textpassagen zu überspringen, oder in einer Reihenfolge zu lesen, die nicht der linearen Abfolge entspricht. Diese Möglichkeit des Umgangs mit dem Buch verweist auf eine Besonderheit der Theorie: Systemtheorie ist auf die Beschreibung von Relationen ausgelegt. Wie in einer „richtigen“ Beziehungsgeschichte kann man bestimmte Angelegenheiten von der einen oder von der anderen Seite aus betrachten“ (S. 7).

Fazit

Hosemann und Geiling wollten „die Leserinnen und Leser einladen, Systemische Soziale Arbeit kennen zu lernen und deren Nutzen zu prüfen. Damit übernehmen wir die Aufgabe, die abstrakte Sprache der Systemtheorie zu veranschaulichen und verständlich und lesbar zu bleiben“ (S. 7).

Das ist rundherum sehr gut gelungen. Mit dem Band liegt eine Publikation vor, die sowohl vom Umfang, der verständlichen Sprache, der Anschlussfähigkeit der gewählten Beispiel und der didaktischen Konzeption den Anforderungen an eine Einführung in die Systemische Soziale Arbeit vollauf entspricht und uneingeschränkt zu empfehlen ist.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
E-Mail Mailformular


Alle 87 Rezensionen von Peter-Ulrich Wendt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 07.01.2014 zu: Wilfried Hosemann, Wolfgang Geiling: Einführung in die Systemische Soziale Arbeit. UTB (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8252-4008-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15158.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!