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Catherine Faherty: Handbuch Asperger- was bedeutet das für mich

Cover Catherine Faherty: Handbuch Asperger- was bedeutet das für mich. Ein Arbeitsbuch für Kinder und Jugendliche mit high functioning oder Asperger-Syndrom. Autismusverlag Schweiz (St. Gallen) 2012. 160 Seiten. ISBN 978-3-9524076-0-8. CH: 35,00 sFr.

Preis zzg. Porto. Übersetzt von Roman Keusen.
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Vorbemerkung: Es liegen zwei separate, aufeinander bezogene und sich ergänzende Veröffentlichungen mit dem Titel „Autismus- was bedeutet das für mich“ vor, die zusammengehören: ein Handbuch und ein Arbeitsordner. Hier steht das Handbuch im Vordergrund, zur Rezension des Arbeitsordners vgl. www.socialnet.de/rezensionen/15236.php.

Thema

Beide Bücher (Handbuch und Arbeitsordner) handeln von strukturierten Lernvorschlägen für Kinder und Jugendliche aus dem Autismusspektrum (high functioning und Asperger). Sie geben wertvolle Hinweise zu wichtigen Lebensthemen wie z.B. Freunde, Kommunikation und Schule.

Das Handbuch bildet den Einstieg. Es ist für erwachsene Personen, die mit betroffenen Kindern und Jugendlichen zu tun haben, geschrieben. Es gibt einen Einblick in das Denken von Menschen mit Autismus sowie notwendige Hintergrundinformationen. Es werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie die im Arbeitsordner enthaltenen Arbeitsblätter bearbeitet werden können. Es gibt konkrete Hilfestellungen bei vorkommenden Problemen. Die beigefügte CD erlaubt es individuell passend Arbeitsblätter auszudrucken. Der Arbeitsordner ergänzt die strukturierten Lernvorschläge für die Schule und zuhause.

Autorin

Beide Bücher wurden im Jahr 2000 von Catherine Faherty veröffentlicht. Sie hat damit ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz als Lehrerin und Therapeutin einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Idee, die Inhalte zu übersetzen, um sie im deutschsprachigen Raum publik zu machen, entstand während eines Sozialtrainings. Roman Keusen (Jg 1992), der in St. Gallen (Schweiz) wohnt, konnte für die Übersetzungsarbeit gewonnen werden. Roman Keusen möchte Schriftsteller werden. Er hat eine Reihe von Texten geschrieben, die er für den privaten Gebrauch freigibt. Diese sind auf der Internetseite des Autismusverlages Schweiz zu finden.

Entstehungshintergrund

Der Elternverein „autismus deutsche schweiz“ bietet seit einigen Jahren ein Sozialtraining für Menschen mit Autismus an. Im Rahmen dieses Sozialtrainings ist zwischen dem Leiter Florian Scherrer und einem Teilnehmer die Idee entstanden, Seiten des Buches „Asperger?s… What Does It Mean To Me?“ von Catherine Faherty ins Deutsche zu übersetzen. Zuerst übersetzte Roman Keusen nur ein paar Seiten und schlussendlich das ganze Buch.

Danach entstand die Idee, diese Übersetzung, anstatt sie einem Verlag weiterzugeben, selber herauszubringen und so weitere Menschen mit Autismus in die Entstehung einzubeziehen. So ist ein eigener Verlag (der Autismusverlag www.autismusverlag.ch) gegründet worden. Die Gründer_Innen des Autismusverlages leisten die ganze Arbeit am Buch – abgesehen von Lektorat und Layout – ehrenamtlich. Sie hoffen mit dem Erlös aus dem Verkauf, gewisse Arbeitsstunden entschädigen zu können. Jedes Buch wird selber kopiert, geheftet und vertrieben. Es kann nicht die gleiche Qualität wie bei einer Großdruckerei erreicht werden, dafür ist ein Arbeitsplatz für einen Menschen mit Autismus entstanden und weitere sollen folgen.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch hat eine praktische Ringbindung, sodass man einzelne Seiten gezielt aufschlagen kann. Die Texte sind kurz verfasst. Bleiwüsten wurden vermieden, was die Lesbarkeit erleichtert. Es umfassen 12 Kapitel mit Unterkapiteln. Die Kapitelüberschriften sind in beiden Büchern gleich. Die Unterkapitel unterscheiden sich. Die Autorin selbst schreibt „Dieses neue Buch stellt eine ausführliche Hilfestellung dar, die ihr Kind dabei unterstützt, über Autismus zu lernen und hilft, gemeinsam über die tiefreichenden Auswirkungen des Autismus zu sprechen“ (Handbuch S.8). Der Arbeitsordner ist an Kinder/Jugendliche mit Autismus adressiert und verwendet die Ich-Form.

Im Handbuch beginnt jedes Kapitel mit einer kurzen Einführung „Vorschläge in diesem Kapitel“. Die Lesbarkeit wird durch Zwischenüberschriften sowie Beispiele und Zeichnungen aufgelockert. Die Leser werden ermuntert, die Bücher aktiv zu nutzen d.h. individuell wichtige Textstellen zu markieren sowie eigene Aufzeichnungen zu notieren. Wenn die ganze Seite interessant ist soll man die Seitenzahl markieren. So hat man auch später Gelegenheit schnell darauf zurückzugreifen.

Ziel dieser Bücher "Asperger – was bedeutet das für mich" ist, dass Kinder und Jugendliche mit high-functioning Autismus oder Asperger-Syndrom sich selber kennen lernen und verstehen. Mithilfe der CD, die dem Handbuch beigefügt ist, lassen sich alle Arbeitsblätter nochmal individuell auf die Bedürfnisse des Kindes/Jugendlichen angepasst ausdrucken. Mit dieser Darreichungsform werden die Kinder/Jugendlichen zu „Mit-Autoren“ ihres eigenen Buches. Bei der Bearbeitung werden sie von einer erwachsenen Person begleitet und es entsteht ein interaktiver Prozess. Das Handbuch enthält wertvolle Informationen und Tipps. Es gibt Querhinweise, wie einzelne Arbeitsblätter bearbeitet werden können. Hintergrundinformationen geben Einblicke in das Denken und Handeln von Menschen mit Autismus.

  1. Einführung
  2. Denkweisen
  3. Der Sinneseindruck
  4. Künstlerisches Talent
  5. Menschen
  6. Verstehen
  7. Gedanken
  8. Kommunikation
  9. Schule
  10. Freunde
  11. Sich gereizt fühlen
  12. Literaturverzeichnis

Das Handbuch beginnt in Kapitel 1 mit einer Einführung und erläutert wie mit dem Handbuch und dem Arbeitsbuch verfahren werden kann. Es erfordert „Partnerschaft und Anleitung“ und Wahlmöglichkeiten sind bedeutsam. Im zweiten Kapitel geht es um die Denkweisen in Bezug auf dem Bedürfnis nach Erfolg, das Bewerten, das Beobachten und die Unbeständigkeit. Das visuell strukturierte Unterrichten wird vorgestellt und es werden Beispiele für Pläne gegeben. Kapitel 3 befasst sich mit den Sinnen. Kapitel 4 beleuchtet, warum künstlerisches Talent wichtig ist und wie man Talente fördern kann. Kapitel 5 trägt den Titel Menschen und erläutert, wie man lernen kann mit neuen Menschen umzugehen. Es erklärt was social storys sind. Kapitel 6 befasst sich mit dem Verstehen z.B. von Blickkontakt, Wörtern, Körpersprache. In Kapitel 7 geht es um die Erklärung, was es mit Gedanken (Hoffnungen, Ängste, Fantasie) auf sich hat und wie man comic strip conversation gestalten kann. Kommunikation ist das Thema in Kapitel 8. Kapitel 9 und 10 befassen sich mit der Schule und Freundschaften z.B.mit schulischen Rahmenbedingungen, den Hausaufgaben oder dem Computer in der Schule. Es wird der Frage nachgegangen, warum soziale Erfahrung wichtig ist. Das Buch endet im Kapitel 11 mit der Überschrift „sich gereizt fühlen“ und behandelt das Thema Selbstakzeptanz, Gefühle und Entspannungstechniken. Kapitel 12 umfasst das Literaturverzeichnis.

Diskussion

Die Zahl der Publikationen zum Thema Autismus steigt stetig, mit guter und weniger guter Qualität. Es ist sehr zu begrüßen, dass es mit der Übersetzung und Veröffentlichung der Bücher von Catherine Faherty gelungen ist, ihr Wissen und ihren vielfältigen Erfahrungsschatz im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen.

Erwachsene (Eltern, Lehrer oder Therapeuten), die Kinder/Jugendliche aus dem Spektrum begleiten, lesen zuerst das Handbuch und arbeiten dann gemeinsam seitenweise die Inhalte im Arbeitsordner durch. Die Kapitelüberschriften geben einen Hinweis auf den jeweiligen Bereich, es werden Schlaglichter auf einzelne Erlebens-Ereignisse geworfen. Die Spannbreite dieser Schlaglichter zeigt die Vielfalt des Lebens, die die Autorin eingefangen hat.

Für den unterstützenden Erwachsenen eröffnet sich eine interessante Art der Begleitung. Statt über etwas theoretisch zu lesen wird mit dem Kind/Jugendlichen gemeinsam praktisch gearbeitet. Dieser interaktive Ansatz eröffnet gemeinsame Lernfelder und Begegnungsmöglichkeiten. Beim gemeinsamen Lesen entwickelt sich ein Dialog auf Augenhöhe. Die Bücher sind so aufgebaut, dass man sie nicht von vorne nach hinten lesen/bearbeiten muss, sondern variabel nutzen kann. Im Fließtext wird regelmäßig angeregt, den Platz für eigene Notizen zu nutzen und sich wichtige Passagen zu markieren.

Das Buch macht durch seine Art sehr deutlich, wie wichtig es ist, im Dialog zu sein, so wie man es vom TEACCH Ansatz her kennt. Es geht nicht darum, dass ein Begleiter für den Betroffenen eine Methode anwendet, sondern im Mittelpunkt steht, an Fragestellungen/Herausforderungen so zu arbeiten, dass im gemeinsamen Handeln Lösungen entstehen. Zentrales Anliegen ist, individuell nach der Bedeutsamkeit für die Person zu suchen, um Wege zu finden, die möglichst individuell zur Person und den Lebensthemen passen. Es gibt keine Patentrezepte – weder bei neurotypischen Menschen noch bei autismustypischen Menschen. Bei der Suche nach Möglichkeiten und Wegen ist Wissen aber auch Kreativität groß geschrieben. Dabei sind auch ungewöhnliche Lösungen gefragt. Die CD erlaubt, die Arbeitsblätter individuell anzupassen und auch die freien Passagen lassen viel Raum.

Handbuch und Arbeitsordner wurden 2000 von Catherine Faherty aus ihrer praktischen Arbeit als Mitarbeiterin der Abteilung TEACCH an der Universität North Carolina, an Schulen und in der Arbeit mit Eltern, geschrieben. Sie lässt teil haben an ihrem Erfahrungsschatz und ihrem Wissen. Ihr Focus ist auf das Alltagserleben und Alltagsthemen ausgerichtet und dabei eine Vielzahl von Strategien, Hilfen und Anregungen zu weiter zu geben.

Diese Bücher haben mich zutiefst beeindruckt. Sie enthalten einen umfassenden und wertvollen Wissens- und Erfahrungsschatz und sind merklich aus der praktischen Arbeit herausgeschrieben worden. Die Alltagsnähe macht es möglich, Strategien unkompliziert in die eigene Praxis zu übertragen. In den Formulierungen und Erklärungen schlägt sich eine Haltung nieder, die nicht die Defizite in den Mittelpunkt stellt, sondern Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Mit dieser Haltung gibt es keine Norm, zu der Menschen gehören und andere abweichen, sondern es wird deutlich: jeder Mensch ist einzigartig. Es geht es nicht um hierarchische Lernverhältnisse, sondern um Begegnungsformen auf Augenhöhe, in dem alle Beteiligte Lernende sind, denn: Nur wer versteht kann lernen.

Ich teile die Haltung von Faherty, Akteure einzubinden und damit die Möglichkeit zu geben, selbst Verantwortung zu übernehmen. Je individueller und passgenauer Lösungsmöglichkeiten sind, desto erfolgreicher ist erfahrungsgemäß die Übertragbarkeit und Anwendung in den Alltag. Die Art, wie mit diesen Büchern zu verfahren ist, zeigt auf wundervolle Weise, wie aus einem „Betroffenen mit Autismus“ und einem “Begleiter“ Akteure und Autoren werden.

Durch die Arbeitsweise entsteht im Dialog quasi ein drittes Buch mit vielfältigen Funktionen und Anwendungsmöglichkeiten: es kann eine Art Tagebuch sein, welches immer wieder zur Hand genommen und ergänzt werden kann. Studien belegen, dass das Niederschreiben von Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse entlastende Funktionen haben. Es kann ein Nachschlagewerk für das Kind/den Jugendlichen selbst sein, welches auch von Begleitpersonen genutzt werden kann. Es kann als Steckbrief genommen werden, um sich anderen vorzustellen z.B. in Freizeitgruppen oder bei der Einschulung. Es kann als Zeugnis dienen, in dem geschrieben steht, was der Autor kann, wo Talente und Möglichkeiten sowie auch Unterstützungsbedarfe liegen. Auf jeden Fall entsteht ein Buch, was einen lebenslangen Nutzen haben wird.

Besonders bemerkenswert finde ich das Engagement im Vorfeld der Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum. Simone Russi und Florian Scherrer gründeten ehrenamtlich neben ihren originären Arbeitsfeldern den Autismusverlag (der mit der Katze im Logo). Weitere Erscheinungen wie „Kommunikation- was bedeutet das für mich“ von Catherine Faherty liegen vor oder sind geplant wie „Der sechste Sinn II“ von Carol Gray. Gleichzeitig wollen sie Menschen aus dem autistischen Spektrum, die es in der Schweiz, wie hierzulande auch, schwer haben, einen entlohnten Arbeitsplatz zu finden, der ihren Fähigkeiten entspricht, eine Arbeitsperspektive bieten. Vielleicht werden sie mit ihrem Engagement Vorbild und Vorreiter für andere Arbeitgeber sein!?

Fazit

Diese Bücher sollten flächendeckend überall dort zur Verfügung stehen, wo man Menschen mit Autismus begegnet. Das Handbuch kann auch ohne das Arbeitsbuch verwendet werden, dann fehlt allerdings weitgehend der interaktive spannende Teil. Deshalb: Wer diese Bücher nicht hat und den Autismusverlag mit der Katze im Logo nicht kennt verpasst etwas!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 26.07.2013 zu: Catherine Faherty: Handbuch Asperger- was bedeutet das für mich. Ein Arbeitsbuch für Kinder und Jugendliche mit high functioning oder Asperger-Syndrom. Autismusverlag Schweiz (St. Gallen) 2012. ISBN 978-3-9524076-0-8. Preis zzg. Porto. Übersetzt von Roman Keusen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15235.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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