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Edward O. Wilson: sDie soziale Eroberung der Erde

Cover Edward O. Wilson: Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen. C.H.Beck Verlag (München) 2013. 384 Seiten. ISBN 978-3-406-64530-3. 22,95 EUR.
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Rastlos und verankert – die menschliche Suche nach dem Eigenen

„Wer bin ich?“ ist sicherlich als DIE Menschheitsfrage zu bezeichnen. Der philosophische Zugang dazu lässt sich mit den Kant´schen Fragen – „Was kann ich wissen? / „Was soll ich tun?“ / „Was darf ich hoffen?“ – herleiten; oder mit der populär-wissenschaftlichen „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ (David Precht) angehen. Der Homo humanus wird sie im Bewusstsein seines Intellekts und seiner Erkenntnisfähigkeit (Aristoteles) angehen; und der Homo mundanus wegen seines evolutionären Wissens, dass der Mensch “grundlegend nicht ein weltfremdes, sondern ein welthaftes Wesen“ ist (Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Dem Leben auf den Grund gehen, die Ursprünge und Verläufe menschlichen Daseins erfahren und leben, um zu leben und nicht zu vegetieren, oder oberflächlich zu prassen oder dahin zu dümpeln, das sind doch Sehnsüchte und Vorhaben, die den anthrôpos von anderen Lebewesen unterscheiden. Der homo oeconomicus und der homo oecologicus sind eigentlich zwei verschiedene Daseinsarten – und doch müssen sie zusammen kommen, soll das, was Menschsein ausmacht, mehr als das Streben nach materiellen Gütern sein (vgl. dazu: Jacob A. Goedhart, Über-Leben, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/10087.php).

Was ist die Natur des Menschen? Diese existentielle Frage stellt sich auch der – wie es angesagt ist – „berühmteste Biologe unserer Zeit“, Edward Osborne Wilson in dem 2012 erschienenem Buch „The Social Conquest of Earth“, das soeben, von Elsbeth Ranke ins Deutsche übersetzt, erschienen ist. Der US-amerikanische Biologe E. O. Wilson stellt in seinem Buch, das gewissermaßen als die Essenz seiner jahrzehntelangen Forschungen verstanden werden kann, ebenfalls drei ontologische und philosophische Fragen (orientiert am Schicksal und Werk des Malers Paul Gauguin): „Woher kommen wir?“ – „Was sind wir?“ – „Wohin gehen wir?“. Um gleich schon festzustellen: Die urgründigen Fragen des Menschseins lassen sich mit mythischen, weltanschaulichen und existenzphilosophischen Werkzeugen nicht knacken. Was muss es also sein, das unser Sein an- und durchschaubar macht? Wissenschaftlich, das zeigen die Fragen nach den Wirklichkeiten und Realitäten des menschlichen Lebens, kann eine Fachdisziplin allein die Fragen nicht beantworten. Es müssen verschiedene Fächer zusammen arbeiten, um Antworten darauf zu suchen: Die Molekulargenetik, Neurowissenschaft, Evolutionsbiologie, Archäologie, Ökologie, Sozialpsychologie, Psychiatrie, Pädagogik, Historie… (vgl. auch: Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php).

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in sechs Kapitel.

  1. Im ersten setzt er sich mit der Frage auseinander: „Warum existiert höher entwickeltes soziales Leben?“.
  2. Im zweiten fragt er: „Woher kommen wir?“.
  3. Im dritten wendet er sich seinem ureigensten Forschungsthema zu: „Soziale Insekten erobern die Welt der Wirbellosen“.
  4. Im vierten geht es um die „Kräfte der sozialen Evolution“.
  5. Im fünften um die Frage: „Was sind wir?“; und schließlich
  6. im sechsten Kapitel: „Wohin gehen wir?“.

„In unseren Emotionen sind wir nicht einmalig“. Diese Aussage ist so simpel, weil erkennbar in der Betrachtung von Verhaltensweisen anderer Lebewesen auf der Erde; und zwar nicht nur die unserer ähnlichen Verwandten, sondern auch von Wirbellosen wie etwa den Ameisen und Termiten – wie sensationell, weil wir Verstandestiere immer noch nicht verstehen, wie die Evolution auf die Entwicklung des Lebens auf der Erde gewirkt hat und weiter wirkt. Die Vergleiche, die Wilson anstellt, etwa zwischen Insektenflügen und menschlichen (Marsch-) Geschwindigkeiten, lässt eine Ahnung aufkommen von evolutionären Lebens-Wertigkeiten und Prioritäten, von der Entwicklung der Eusozialität der hominiden Primaten bis zum Homo sapiens, bis hin zur Bedeutung des Gehirnwachstums und Funktion. Wir haben das Stichwort gefunden, das die bisherigen Erkenntnisse von den Ursachen und Bedingungen der evolutionären Entwicklung – Selektion und Anpassung – über den Haufen wirft: „Eusoziale Evolution“ als Erkenntnis, dass „die Evolutionsdynamik des Menschen ( ) sowohl von der individuellen als auch von der Gruppenselektion angetrieben (wird)“. Die „genetische Fitness“ als „endemisches Getümmel, das in den Evolutionsprozessen wurzelt, aus denen wir hervorgegangen sind“. Ob wir wollen oder nicht, ob es uns gefällt oder nicht – wir landen zwangsläufig bei der Frage, ob es „unsere blutrünstige Natur“ ist, die den „Krieg als angeborenes Übel der Menschheit“ erscheinen lässt, oder ob es zivilisatorische und kulturelle Entwicklungen sind, die Eusozialität herzustellen vermag.

So merkwürdig es auch für menschliche Höherwertigkeitsvorstellungen erscheinen mag, wir landen im dritten Kapitel wieder bei den Ameisen! Immerhin muss es erstaunlich und nachfragenswert wirken, dass im Spektrum des Sozialverhaltens im Tierreich (der zoâ, die im Sinne der aristotelischen Philosophie den anthrôpos, den Menschen, einschließt) „unter den landbewohnenden Tieren die Arten mit den komplexesten Sozialsystemen (dominieren)“. Die Ordnungs-, Hierarchie-, Überlebens- und Reproduktionssysteme von Ameisenkolonien stellen eusoziale Kreativitäten dar, die in vielfacher Hinsicht den menschlichen Intelligenzen, wie ein Blick in den „Zustand unserer Welt“ zeigt, überlegen sind (vgl. dazu die Prognosen an den Club of Rome, die Berichte der Weltkommissionen und die jährlich erscheinenden Bestandsaufnahmen „Zur Lage der Welt“, die vom New Yorker World Watch Institute herausgegeben werden; Socialnet.de/rezensionen).

Im vierten Kapitel wird die – ungelöste – Frage diskutiert, weshalb die Kräfte der sozialen Evolution, im Sinne menschlicher Sozialität, sich nicht ausgreifender entwickelt haben. Die Feststellung wirkt wie ein Donnerschlag: „Die Menschheit entwickelte sich als biologische Art in einer biologischen Welt, nicht mehr und nicht weniger als die sozialen Insekten“. Die von Charles Darwin formulierte Feststellung, dass auch der Instinkt der Evolution durch natürliche Selektion unterliegt, gilt auch heute noch als Prämisse in der Verhaltenslehre. Die Schlüsse daraus freilich, dass etwa soziale Evolution durch Verwandtenselektion zustande käme, woraus sich im wissenschaftlichen Diskurs die „Gesamtfitness-Theorie“ bildete, werden vom Autor mit der Annahme zurückgewiesen, dass sich „der Prozess der Gruppenbildung ( ) sich vermutlich stark auf die Wahrscheinlichkeit einer Entwicklung hin zur Eusozialität aus(wirkt)“. Mit seiner „Theorie der eusozialen Evolution“ beschreibt er mehrere Entwicklungsstufen und -prozesse, die von der Gruppenbildung, über „Nest“-Verteidigung bis hin zu Lebens-, Verhaltens- und Handlungseinflüssen reichen.

Das fünfte Kapitel stellt mit der Frage „Was sind wir?“ die entscheidenden Weichen zum Verständnis der Conditio humana. Während die Erkenntnis, „dass die kulturelle Evolution die genetische Evolution tendenziell abfedert“, nicht umstritten ist, werden Ausmaß, Umfang und Wirkung kultureller Phänomene durchaus unterschiedlich bewertet. Die außergewöhnliche, im Gesamtzusammenhang des Lebens auf der Erde unvergleichlich forcierte Entwicklung des menschlichen Gehirns hat ihren Ursprung wohl in der Gruppenselektion: „Moralität, Konformität, Religiosität und Kampffähigkeit in Kombination mit Vorstellungskraft und Gedächtnis kürten schließlich den Sieger“. Die Entwicklung der Sprache ergab ein übriges; kulturell vielfältiges Denken und Handeln, als Moral und Ehrbegriff ausgedrückt, wie auch religiöses, weltanschauliche Existenzsicherung, und nicht zuletzt Kreativität aus Ausdrucksformen (vgl. dazu auch: Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php), komplettierten die Eusozialität des Menschen.

Im sechsten und letzten Kapitel widmet sich der Autor der Frage „Wohin gehen wir?“. Es besteht kein Zweifel, dass er das (unmögliche) Unterfangen nicht in erster Linie ontologisch oder geisteswissenschaftlich angeht, sondern mit der Überzeugung diskutiert: „Der Mensch ist eine biologische Art in einer biologischen Welt“. Es ist die „Multilevel-Selektion“, als Kombination der Gruppen- und Individualselektion, die menschliches Leben Hier, Heute und Morgen beeinflusst und entweder zum Guten oder zum Bösen, zur humanen Weiterentwicklung oder zum Untergang lenkt.

Fazit

So bleibt zum Ende der vielfältigen Reflexionen, der Darstellung von Forschungsergebnissen und „erd“bewussten Gedankengängen doch die Frage nach der Ethik und eine Vision: „Die Erde lässt sich, wenn wir es wollen, im 22. Jahrhundert in ein dauerhaftes Paradies für den Menschen verwandeln oder zumindest in einen vielversprechenden Anfang davon“. E. O. Wilson greift mit seinem informativen, anregenden und empathischen Buch, das vielleicht sein „Lebensbericht“ ist, nicht zu den Sternen; und er stellt den Menschen nicht als „Krone der Schöpfung“ dar, sondern als ein soziales Lebewesen innerhalb des eusozialen Lebens auf der Erde. Damit setzt er gleichzeitig ein Ausrufezeichen als Herausforderung an die Menschheit, die Conditio humana zu leben!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.08.2013 zu: Edward O. Wilson: Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen. C.H.Beck Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-406-64530-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15272.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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