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Ralf Konersmann (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Metaphern

Cover Ralf Konersmann (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2011. 3., erweiterte Auflage. 592 Seiten. ISBN 978-3-534-23624-4. 99,90 EUR, CH: 156,00 sFr.
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Thema

«Die kommunikative Vernunft ist gewiß eine schwankende Schale – aber sie ertrinkt nicht im Meer der Kontingenzen, auch wenn das Erzittern auf hoher See der einzige Modus ist, in dem sie Kontingenzen ‹bewältigt›». Schale, Meer, Erzittern, hohe See – ein Segler, der dies formuliert? Nein, für einmal hat sich überraschenderweise Jürgen Habermas solcher Metaphern bedient, wenn er über «Die Einheit der Vernunft in der Vielfalt ihrer Stimmen» vernünftig und vielfältig nachdenkt. Und Habermas ist beileibe nicht der Einzige, der Metaphern gebraucht, um seine philosophischen Gedanken auszudrücken. Seit der Antike reisst die Tradition metaphorisch-philosophischen Sprachgebrauchs nicht ab. Im Unterschied zu anderen Disziplinen liegt für die Philosophie erfreulicherweise ein Wörterbuch der Metaphern vor, nun in der dritten, erweiterten Auflage.

Herausgeber

Ralf Konersmann ist Professor für Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Aufbau

Das Wörterbuch beginnt mit einem Vorwort zum Thema «figuratives Wissen», das durch ein kurzes Vorwort zur Neuauflage ergänzt wird. Es enthält sodann auf knapp sechshundert Seiten 40 Einträge, die alphabetisch geordnet sind und von «Band/Kette» bis «Wohnen» reichen. Am Schluss folgen Namen-, Metaphern- und Autorenverzeichnis sowie eine Auswahlbiographie mit einigen Dutzend Titeln, die zeigt, dass die Philosophie schon seit ihren Anfängen auch den Gebrauch der Metaphern reflektiert. Im Namenverzeichnis stechen durch die Häufigkeit der Bezugnahmen in den einzelnen Beiträgen folgende Autoren – aus ganz unterschiedlichen Zeiten – hervor: Adorno, Aristoteles, Augustinus, Benjamin, Blumenberg, Cicero, Derrida, Descartes, Fichte, Foucault, Freud, Goethe, Hegel, Heidegger, Heraklit, Herder, Homer, Husserl, Kant, Konersmann, Leibniz, Nietzsche, Nikolaus von Kues, Platon, Plotin, Rousseau, Schelling, Schopenhauer, Simmel, Vico und Wittgenstein. Das Metaphernverzeichnis ist insofern aufschlussreich, als man hier auf Hunderte von Metaphern stösst und aufgrund ihrer Erwähnungshäufigkeit gleich zu erkennen vermag, welche Metaphern durchaus auch mögliche Kandidaten für einen Eintrag wären, nämlich: Abgrund, Aufstieg, Auge, Bewegung, Bild, Bildung, Boden, Gewebe, Haus, Himmel, Kreis, Schrift, Sonne, Stimme, Text, Wort oder Zeit. Man ist überrascht, dass zum Beispiel Feuer oder Wasser offenbar nicht so häufig sind wie erwartet. Der Herausgeber (S. 17) erwähnt selber noch einige Lücken: Arbeit, Spiel, Jagd, Werkzeug, Kreis und Kugel.

Inhalt

In seinem Vorwort nennt der Herausgeber gleich das Ziel des Wörterbuchs: «Es erläutert die Funktion von Sprachbildern in der Entfaltung des Denkens und Wissens» (S. 7). Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird der Ruf nach einem Metaphernwörterbuch in Vicos «Neue Wissenschaft» laut. «Das Konzept der großen Philologie folgt der These der Sprachverwiesenheit des Wissens, die um die Wende zum 18. Jahrhundert so unterschiedliche Fragestellungen provoziert hat wie die Sprachursprungsforschung, die Hermeneutik oder die Begründungsfähigkeit des Wissens rein aus Begriffen. Speziell die Scienza nuova verbindet dieses neue Vertrauen in die Aufschlußkraft der Sprache mit dem Gedanken, daß die historisch-empirische Vielfalt der Zeichen auf allgemeinen Merkmalen bildhafter Sprachformen beruht, aus deren Bestand diese Vielfalt entspringt und sich in Raum und Zeit erneuert. (…) Die Umwertung der Sprache von einem bloßen Instrument der Benennung äußerer Wirklichkeit zu einer kulturellen Tatsache, die eigene Wahrheitsansprüche geltend macht, manifestiert sich für Vico exemplarisch in der Metapher» (S. 7). Ausgangspunkt ist für Vico eine anthropologische Schwäche, derzufolge der Mensch nicht die volle Wahrheit erlangen könne, sondern auf Zeichen, Bilder und Symbole angewiesen sei. Als ersten Urheber eines ernsthaften Entwurfs eines Wörterbuchs philosophischer Metaphern erachtet der Herausgeber allerdings den Schweizer Theologen und Ästhetiker Johann Georg Sulzer im Jahre 1767. Wie für Herder und Humboldt sind für diesen Denken und Sprechen unauflöslich miteinander verknüpft. «Die Sprachnot, so Sulzer, läßt die Menschen zu Metaphern greifen, aber sie zwingt sie auch, die verbliebenen Möglichkeiten auszuschöpfen und die Formen des Ausdrucks zu vervollkommnen» (S.9). Sulzer geriet jedoch für zweieinhalb Jahrhunderte in Vergessenheit, zu lautstark erhoben sich Gegenstimmen. Allen voran Kant. Dieser sorgt sich um eine sorgfältige Trennung der Sphären, also auch um eine klare Grenze der Philosophie gegenüber Literatur, Religion und Kunst. Kant hat einen «Uneigentlichkeitsvorbehalt». Metaphern würden nichts beweisen, sondern nur beschreiben. Die Metapher kommt hier einem Schleier gleich. In Kants «Kritik der Urteilskraft» findet Konersmann aber auch ein «Modell der Kohabitation» von begrifflicher und bildlicher Rede. Der Herausgeber kommt selber zum Fazit: «Metaphern können Begriffe nicht ersetzen, denn es gibt kein Denken ohne Begriffe; aber es genügt nicht, Begriffe zu haben, um zu denken» (S. 10). Er erinnert an den Beginn der Metaphorologie bei Hans Blumenberg, von dem Meilensteine wie «Licht als Metapher der Wahrheit» von 1957 und «Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit» von 1979 stammen. Konersmann möchte das von ihm herausgegebene Wörterbuch denn als «Hommage» an Blumenberg verstanden wissen. «Metaphern (…) indizieren Kontingenz – und sie kompensieren Kontingenz. (…) Bestätigen die relative Konstanz und die erstaunlich klar bestimmbare Kanonik den Rahmen der intrakulturellen Bildfeldgemeinschaft, so illustriert andererseits der permanente Wandel der Besetzungen und Ausdeutungen, daß bildliche Redeformen – wie auch die Begriffe – der Veränderung in der Zeit unterliegen. Metaphern, auch absolute Metaphern, haben Geschichte» (S. 12). Metaphern unterlaufen konventionelle Erwartungen und irritieren daher. Gleichwohl konsolidieren sie auch, «indem sie Aussagen und Begriffe in einen neu gestifteten Zusammenhang einbinden und vorgreifend den Weg der Argumente abstecken» (S. 15).

Konersmann wagt auch eine kurze Begriffsbestimmung: «Metaphern sind Erzählungen, die sich als Einzelwort maskieren» (S. 17). Freilich muss er einräumen, dass Metaphern eigentlich nur in ihrem Zusammenhang zu erschliessen seien. Den Ausweg aus der Problematik bietet Geschichte. Wenn Blumenberg Metaphern als Fall von Unbegrifflichkeit auffasst, ermuntert er denn «zum Studium der sprachlichen, der situativen, der kulturellen Kontexte, in der die metaphorische Funktion sich systematisch entfaltet, und lenkt überdies die Aufmerksamkeit auf die Emergenz begrifflicher Formen vor dem Hintergrund des Vorbegrifflichen und Unbegrifflichen, des Nichtwissens und des Nichtverstehens» (S. 18). Der Herausgeber fügt zum Schluss der Irritation und Konsolidation noch die Improvisation und Kompensation mittels Metaphern bei: «Metaphern (…) improvisieren Bezeichnungen, für die paßgenaue Formulierungen nicht verfügbar sind, und kompensieren das Fehlen von Sprach- und Wissensformen» (S. 22).

Überblickt man die vierzig Titelmetaphern, ist zuweilen eine Verwandtschaft erkennbar. Offensichtlich ist dies bei Hören, Schmecken und Sehen, sie liegt aber auch nahe bei Tätigkeiten wie Bauen, Bilden, Gebären, Lesen, Reisen, Richten, Schlafen/Träumen, Sprechen, Stehen, Streiten, Weben/Spinnen. Letzteres verweist seinerseits auf Netz und auch auf Band/Kette. Körper/Organismus, Leben, Pflanze scheinen zueinander zu gehören, oder Spur und Weg. Andere stehen auf den ersten Blick für sich allein, wie beispielsweise Kreuz, Licht, Maschine, Reinheit oder Spiegel. Einige Metaphern entstammen der Natur, zum Beispiel Berg, Blitz, Erde/Grund, Fliessen oder Meer. Verwebungen und Überlappungen zeigen sich auch, wenn man eine nicht als Titelmetapher angeführte Metapher aus dem Verzeichnis herausgreift und nachschlägt, in welchen Einträgen sie thematisiert wird. Die Metapher des Horizonts beispielsweise wird erwähnt im Zusammenhang der Metaphern Berg, Grenze, Meer und Reisen, soweit durchaus erwartbar, aber auch in den Beiträgen zu Stehen, Übergang und Weg.

Diskussion

Zweifellos ist die Herausgabe des Wörterbuchs zu philosophischen Metaphern sehr verdienstvoll. Der möglichen Kritik, das Vorhaben sei grundsätzlich unsinnig, da sich gerade Metaphern einer lexikalischen Betrachtung und Ordnung entzögen, begegnet der Herausgeber offensiv. So sind denn vierzig Beiträge versammelt, die unzählige Bezüge herstellen und überraschende Perspektiven eröffnen. Das Hauptverdienst besteht indessen darin, überhaupt daran zu erinnern, wie wichtig die metaphorische Rede als menschliches Ausdrucksmittel und philosophisches insbesondere ist.

Zudem: Luhmann schreibt im Vorwort zu «Soziale Systeme»: «Der Flug muß über den Wolken stattfinden». Bourdieu kennzeichnet den Habitus, einen zentralen Begriff seiner Praxeologie, unter anderem als Spielsinn und infolgedessen den Menschen als Spieler: «Nichts ist zugleich freier und zwanghafter als das Handeln des guten Spielers. Gleichsam natürlich steht er genau dort, wo der Ball hinkommt, so als führte ihn der Ball – dabei führt er den Ball!», schreibt Bourdieu in «Rede und Antwort». Dessen Klassentheorie erinnert im Übrigen an die bekannten Bilder der Zwiebel oder der Pyramide in der soziologischen Ungleichheitstheorie, die ohnehin auf der bildhaften Vorstellung eines Oben und Unten gründet. Man merkt sogleich, dass ein Wörterbuch der Metaphern ebenso für die Sozialwissenschaften sehr zu wünschen wäre!

Fazit

Das Wörterbuch lädt zum Stöbern ein und macht sehr informativ und kompetent auf die Bedeutung von und den Erkenntnisgewinn durch Metaphern in der philosophischen Rede aufmerksam. Es richtet sich nicht nur an die wissenschaftliche, sondern allgemein an die sprachinteressierte Öffentlichkeit.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 03.12.2013 zu: Ralf Konersmann (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2011. 3., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-534-23624-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15283.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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