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Herbert Bassarek, Werner Heister u.a. (Hrsg.): Wissenschaftliches Forum für Sozialwirtschaft und Sozialmanagement

Cover Herbert Bassarek, Werner Heister, Sigrid Leitner, Michael Mroß, Armin Schneider (Hrsg.): Wissenschaftliches Forum für Sozialwirtschaft und Sozialmanagement. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 154 Seiten. ISBN 978-3-8487-0447-7. 29,00 EUR.

Weitere Herausgeber: Herbert Schneider, Wolf Rainer Wendt.
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Entstehungshintergrund

Ein neues Periodikum ist auf dem Markt: Die Herausgeber des „Kölner Journal. Wissenschaftliches Forum für Sozialwirtschaft und Sozialmanagement“ haben sich zum Ziel gesetzt, ein Lücke zu schließen, um den wissenschaftlichen Debatten im Kontext von Sozialwirtschaft/Sozialmanagement einen Raum zu geben. Bisher existieren für diesen Bereich nur Zeitschriften mit einem deutlich pragmatischen Zuschnitt, der den Abdruck längerer und grundsätzlicherer Beiträge nicht ermöglicht. Es besteht also ein Nachholbedarf bei der Etablierung eines Feldes mit Professionalitätsanspruch, den die Herausgeber mit diesem Periodikum, das zweimal jährlich erschienen soll, decken wollen. Die Herausgeber agieren in der Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialmanagement/Sozialwirtschaft e.V., als dessen „Organ“ die Zeitschrift auf der Umschlag-Rückseite bezeichnet wird. Die Redaktion erfolgt im „Institut für angewandtes Management und Organisation in der Sozialen Arbeit“ an der Fachhochschule Köln, woraus auch der Name der Zeitschrift „Kölner Journal“ resultiert.

Themen der ersten Ausgabe

Mit der ersten Ausgabe der Zeitschrift wird die Erwartung verbunden, dass hier bereits erste Markierungen zum inhaltlichen Rahmen und zum Stil einer Zeitschrift gesetzt werden. Die Herausgeber des „Kölner Journal“ setzen ihre Markierungen in sechs Beiträgen.

Das Journal beginnt mit zwei Beiträgen, die sich den beiden zentralen Begriffen des Journals widmen: mit einer thematisch breit angelegten Erörterung zum Begriff „Sozialwirtschaft“ und zu dessen theoretischen und sozialpolitischen Implikationen (Autor: Wolf Rainer Wendt) und einem Beitrag von Armin Wöhrle, der Ordnung zu schaffen versucht in der Vielfalt unterschiedlicher Begriffsvarianten, in denen „Sozialmanagement“ thematisiert wird.

Der Beitrag von Andrea Tabatt-Hirschfeld richtet den Blick auf ein weiteres thematisches Feld, das in dem neuen Periodikum einen Platz finden soll: Public Management, also Management im Bereich der Öffentlichen Verwaltung.

Auch in den drei weiteren Beiträgen wird erkennbar, dass die Zeitschrift ein Forum für grundlegendere Erörterungen sein will: Michael Brodowski erörtert in seinem Beitrag die Frage nach den Unterschieden von Management in gewinnorientierten und in nicht-gewinnorientierten Organisationen, Sina Slottke fragt nach den Impulsen des „Social Entrepeneurship“ für die Theorieentwicklung im sozialwirtschaftlichen Segment der Sozialen Arbeit, und Viviane Scherenberg öffnet in ihrem Beitrag zur „Nachhaltigkeit in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft“ die Perspektive im Hinblick auf den Einbezug des Gesundheitsbereichs. Damit werden Markierungen gesetzt zur Themenbreite, in der sich das Journal künftig bewegen will.

Inhalte

Im ersten Beitrag versucht sich Wolf-Rainer Wendt an einer Klärung des Begriffs „Sozialwirtschaft“, ein Bemühen, dem sich der Autor seit vielen Jahren und vielen Veröffentlichungen verschrieben hat. Trotz langjähriger Bemühungen zur Etablierung dieses Begriffs weist der Autor gleich zu Beginn seines Beitrags auf die Klärungsbedürftigkeit dieses Begriffs hin. Leider wird auch durch die Lektüre dieses Aufsatzes nicht deutlicher, welche Gegenstände mit diesem Begriff umrissen werden, warum man sich mit diesem Begriff an einer solch hervorgehobenen Stelle (markiert immerhin im Titel der Zeitschrift) auseinandersetzen soll, welche sozialpolitischen oder managementbezogenen Probleme besser verstehbar oder lösbar werden sollen, wenn man sich auf diesen diffusen Begriff einlässt. Schon in der sprachlichen Diktion wird an vielen Stellen des Beitrags das Problem erkennbar, mitzuteilen, worum es eigentlich geht. Ein Beispiel, dem viele ähnliche Zitate aus dem Beitrag ohne weiteres beigefügt werden könnten: „Die Vereinbarkeit der Begriffskomponente ‚soziales‘ Wirtschaften mit der Begriffskomponente der ‚Bewirtschaftung‘ des Sozialen in einer synthetischen Definition von Sozialwirtschaft betrifft (intensional) den Begriffsinhalt wie (extensional) den Begriffsumfang und ein Prüfstein für eine ihrem Gegenstand angemessene Theorie.“ (S. 13 f.) Was auch immer hier ausgesagt sein soll: Ein gutes Beispiel für die Einlösung des simplen Grundsatzes „Sprache soll der Verständigung über Sachverhalte dienen“ liegt hier nicht vor! Und dieser Satz ist nicht mit böswilliger Absicht aus einem Zusammenhang gerissen worden, und er ist nicht das einzige Beispiel für den Sprachstil dieses Beitrags, in dem sich das Diffuse des Begriffs „Sozialwirtschaft“ widerspiegelt. Man wird auch künftig immer dann, wenn von „Sozialwirtschaft“ die Rede ist, nachfragen müssen, was der jeweilige Sprecher eigentlich damit meint. Dadurch wird der Begriff für praxis- und politikbezogene Diskurse kaum brauchbar; ob er für einen theoretischen Erkenntnisgewinn zu erzeugen vermag, bleibt ebenfalls zweifelhaft.

Im zweiten Beitrag arbeitet Armin Wöhrle die unterschiedlichen Begriffe auf, mit denen das Feld des „Sozialmanagement“ bezeichnet wird: neben „Sozialmanagement“ ist vielfach die Rede von sozialem Management, Management in der Sozialwirtschaft, Management Sozialer Organisationen, Management von Nonprofit-Organisationen, Management des Sozialen u.a.m. Er hebt die Verknüpfung des Begriffs „Sozialmanagement“ mit Fachlichkeit in der Sozialen Arbeit hervor und verweist damit auf die spannungsvolle Verbindung zwischen Managementhandeln und Fachlichkeit als zwei Regulationsprinzipien für die Steuerung von Organisationen der Sozialen Arbeit. Der Begriff „Sozialmanagement“ ist aus dem Kontext der Sozialen Arbeit entstanden – mit dem Bestreben, eine möglichst weitgehende Zusammenführung der beiden zueinander in Spannung stehenden Handlungsanforderungen des Managements und der Gewährleistung von Fachlichkeit herbeizuführen.

Der Titel des dritten Beitrags von Andrea Tabatt-Hirschfeld „Abhandlung zu Public Management Schwerpunkt Public Governance“ lässt erkennen: Offenkundig wollten die Herausgeber ein Signal setzen („das Journal soll künftig auch Themen des Public Management behandeln“), aber im Titel bleibt bereits unklar, welche Fragestellung in dem Beitrag erörtert werden soll. Der Beitrag bleibt eine Zusammenführung von Aussagen zu unterschiedlichen Stichworten, die im Kontext der Reform der Öffentlichen Verwaltung angesprochen werden (so bereits die Gliederung des Beitrags, S. 60). Auch der geneigte Leser fragt sich hier, was außer der Signalfunktion mit diesem Beitrag beabsichtigt war; eine Argumentationslinie, die auf bestimmte Thesen oder thematische Zuspitzungen ausgerichtet ist, ist kaum erkennbar. Ausgesprochen ärgerlich wird die platte, undifferenzierte und völlig unkritische Gegenüberstellung der vermeintlichen „Führungsstile“ „Management“ und „Leadership“ (S.84). Sicherlich: Wissenschaft arbeitet auch bisweilen mit Typisierungen, um Gegensätze und Spannungsfelder zu verdeutlichen, aber wenn solche Gegenüberstellungen eher den Charakter von Vorurteilsprägungen als von Typisierungen erhalten, wird es unangenehm, so etwas in einem „wissenschaftlichen Journal“ lesen zu müssen!

Michael Brodowski begründet im vierten Beitrag, dass und warum ein einfacher Transfer von Managementkonzepten aus dem gewinnorientierten Wirtschaftsbereich in die Soziale Arbeit zu Passungsproblemen und zu übersteigerten Hoffnungen bezüglich monetärer Einsparungen führt – ein Sachverhalt, der im Bereich des Sozialmanagements nicht ganz unbekannt sein dürfte, zumal er in die Konzeptionierung von Master-Studiengängen im Sozialmanagement vielfältig Eingang gefunden hat. Die von Brodowski entworfene Perspektive eines differenzierten, multidimensionalen Konzipierens von „Gewinn“ wird in der Betriebswirtschaftslehre unter den Stichworten „Balanced Score Card“, „Unternehmensethik“ oder „nachhaltiges Wirtschaften“ schon seit einiger Zeit diskutiert, was zur Kenntnis genommen werden sollte, was aber leider in dem Aufsatz unerwähnt bleibt. Ebenfalls sollte man zugestehen, dass die Entwicklungsperspektive „lernende Organisation“, die Brodowski den gewinnorientierten Unternehmen ans Herz legt, nicht originär im nicht-gewinnorientierten Bereich erfunden worden ist! Am Schluss des Beitrags formuliert der Autor die Forderung, nach einem „gemeinsamen Diskurs auf Augenhöhe …“ zwischen Volks- und Betriebswirtschaftslehre („gewinnorientiert“) und Sozialmanagement/Sozialwirtschaft („nicht gewinnorientiert“) „mit dem Ziel, auszuhandeln, was zukünftig als Gewinn gelten kann und soll, wem dieser Gewinn zugute kommt und welche moralische Perspektive Gewinn haben kann und soll“ (S. 102) – ein merkwürdig moralisierender Appell („auf Augenhöhe“) im Kontext einer Wissenschaft, und im Wissenschaftsbereich will sich das Kölner Journal verorten!

In den beiden abschießenden Beiträgen liefert zum einen Sina Slottke eine Art Literaturbericht über einen Gegenstand („Social Entrepeneurship“), dessen Definitionsunschärfe sie selbst als Merkmal hervorhebt (S. 108) und bei dem man sich dementsprechend als Leser vielfach fragt, über welchen Gegenstand eigentlich geschrieben und über wessen „Chancen und Risiken“ dann räsoniert wird. Der Beitrag von Viviane Scherenberg über „Nachhaltigkeit in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft“ macht verschiedene Dimensionen von Nachhaltigkeit als Bezugspunkte einer „sozialwirtschaftlichen Perspektive“ bzw. eine „Perspektive für die Sozialwirtschaft“ deutlich, und hier werden vor allem Markierungen für darauf ausgerichtete Marketing-Strategien herausgearbeitet.

Fazit

Das Erscheinen eines wissenschaftlichen Periodikums zur vertiefenden Erörterung von Fragen des Sozialmanagements und des (sozial-)politischen Kontextes für das Management in Organisationen der Sozialen Arbeit kann man nur begrüßen. Mit der thematischen Ausrichtung der Beiträge in dem ersten Heft werden Markierungen gesetzt, jedoch überzeugt noch nicht die Art, in der diese im ersten Heft verarbeitet werden. Die Herausgeber nennen im Editorial als Zielgruppe für das Journal neben wissenschaftlich Interessierten aus verschiedenen Disziplinen sowohl „freigemeinnützige, öffentlich-rechtliche als auch privat-gewerbliche soziale Einrichtungen und Dienste“ (S. 6). Würde das Journal einem Konzept folgen, wie es in Inhalt und Stil in der ersten Ausgabe zum Ausdruck kommt, würde es die genannte Zielgruppe verfehlen. Selbst bei Teilnehmern an den vielen Master-Studiengängen Sozialmanagement wird ein Journal, das in Inhalt und Stil wie die erste Ausgabe gestaltet ist, vermutlich nur wenig Interesse hervorrufen. Und in eine solche Richtung wäre ein wissenschaftliches Journal (nicht nur, aber) auch auszurichten! Etwas thematische „Erdung“ in Richtung „Anforderungen und Handlungsperspektiven des Sozialmanagements“ würde, ohne dass dies der Zeitschrift ihren wissenschaftlichen Charakter nehmen muss, eine höhere Attraktivität für die Zielgruppe(n) erzeugen. Und wenn bei der Redaktion einer Zeitschrift im Blick wäre, dass Sprache dazu dient, sich anderen Menschen verständlich zu machen, und dass Wissenschaftlichkeit nicht unbedingt mit Einschränkungen in der Genauigkeit und im sachlichen Mitteilungsgehalt einhergehen muss, wäre das ebenfalls eine erfreuliche Perspektive für ein Periodikum, dessen Erscheinen man nur begrüßen kann und von dem man sich künftig viele Anregungen und Denkanstöße im Bereich des Sozialmanagements erhofft.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Merchel
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Zitiervorschlag
Joachim Merchel. Rezension vom 22.01.2014 zu: Herbert Bassarek, Werner Heister, Sigrid Leitner, Michael Mroß, Armin Schneider (Hrsg.): Wissenschaftliches Forum für Sozialwirtschaft und Sozialmanagement. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8487-0447-7. Weitere Herausgeber: Herbert Schneider, Wolf Rainer Wendt. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15285.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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