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Frank Eger, Gregor Hensen (Hrsg.): Das Jugendamt in der Zivilgesellschaft

Cover Frank Eger, Gregor Hensen (Hrsg.): Das Jugendamt in der Zivilgesellschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 266 Seiten. ISBN 978-3-7799-2897-3. 24,95 EUR.
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Thema und Herausgeber

Veröffentlichungen über das Handlungsfeld Jugendamt waren lange Zeit Mangelware. Erst in den vergangenen Jahren, vor allem im Zuge der verstärkt geführten Debatte um das Kindeswohl, erschienen vermehrt Monografien und Herausgeberbände. Dabei fällt auf, dass diese fast ausschließlich als Lehr- und Handbücher konzipiert oder auf das Kinderschutzhandeln fokussiert sind. Allein aus diesem Grund kann der hier zu besprechende Band vorab eine hohe Originalität für sich beanspruchen: Das Buch nämlich – herausgegeben von Frank Eger (Professor an der Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel) und Gregor Hensen (Professor an der Hochschule Osnabrück) – zielt weder auf eine Gesamtdarstellung noch auf die Kinderschutzthematik. Stattdessen rückt die Frage nach der Funktionsbestimmung des Jugendamtes in den Fokus. Die Herausgeber interessieren sich für die aktuellen sowie zukünftigen pädagogischen und gesellschaftlichen „Aufgaben und Funktionen dieser staatlichen Institution jenseits von Kontrolle und Eingriff“ (S. 5).

Um diese auszuloten, wird ein spezifischer inhaltlich-terminologischer Bezugspunkt vorgeschlagen: Eger/Hensen explizieren das Jugendamt als Bestandteil der Zivilgesellschaft, das daher zivilgesellschaftliches Handeln aufnehmen und fördern müsse. Der „Topos der Zivilgesellschaft und seinen Akteuren, Institutionen und Idealen“ (S. 6) wird zum pädagogischen Handlungsimpuls für das Jugendamt. Genauer, so die weitere Programmatik der Herausgeber, müsse das Jugendamt sich dem Auftrag stellen, Adressaten in die Lage zu versetzen, zivilgesellschaftliche Handlungsmodi zu realisieren (S. 11) und dazu entsprechende kommunale Strukturen zu fördern. In einer solchen „Realisierung von Teilhabechancen im Sinne des ‚demokratischen Bürgers‘“ (S. 29) schließlich erkennen Eger/Hensen die (pädagogische) Standortbestimmung des Jugendamtes – welche über die Pflicht- und Leistungserfüllung nach dem SGB VIII entsprechend hinausreicht.

Aufbau

Herausgeberbände produzieren nicht selten eine eklektische Unübersichtlichkeit. Der vorliegende Band jedoch unterläuft diese Problematik mittels einer durchdachten Gliederung und Rahmung.

Das Text eröffnet mit zwei Beiträgen zur „Funktionsbestimmung des Jugendamtes“ (S. 10-57), wobei insbesondere dem Eröffnungsbeitrag der Herausgeber eine programmatische Bedeutung für das Buch zukommt. In diesem Beitrag werden die zentralen Begriffe und Diskurse erläutert, damit jene Klammer aufgespannt, unter der sich die folgenden Beiträge versammeln – mithin eine notwendige Standortbestimmung angesichts des doch etwas sperrigen und abstrakten Begriffs der Zivilgesellschaft.

Im zweiten Teil des Bandes werden unterschiedliche „Felder und Herausforderungen“ (fünf Beiträge, S. 58-165) benannt, in denen bzw. unter denen sich zivilgesellschaftliches Handeln im Jugendamt vollziehen könnte.

Es folgen drei Beiträge („Bewertungen und Standpunkte“, S. 166-241), die entweder Spannungsfelder zwischen jugendamtlichen Handeln und zivilgesellschaftlichem Anspruch verdeutlichen bzw. die genannten Felder und Herausforderungen einzuordnen versuchen.

Im abschließenden vierten Teil („Rückschau und Zusammenführung“, S. 242-262) wählen die Herausgeber einen ebenso ungewöhnlichen wie ambitionierten Schlussakkord: In Rückschau auf alle Buchbeiträge werden die im Eingangsbeitrag formulierten Thesen und Herausforderungen nicht nur (neu) sortiert, sondern die Beiträge werden zugleich genutzt, um im Sinne eines Erkenntnisgewinns das Konzept zivilgesellschaftlichen Handeln im Jugendamt weiterzudenken. So entsteht eine erstaunlich kohärente Argumentationslogik des Gesamtbandes: Eine These wird begründet (erster Teil), durch Themenfelder konkretisiert (zweiter Teil) und von verschiedenen Standpunkten aus kommentiert (dritter Teil), um abschließend in einer Synopse zusammengefasst und zu einem Entwurf weitergedacht zu werden (vierter Teil).

Zu Teil 1: Zur Funktionsbestimmung des Jugendamtes

Der Eröffnungsbeitrag präsentiert die genannte These (s. 1.) und begründet diese begrifflich sowie argumentativ. Im Topos der Zivilgesellschaft erkennen die Herausgeber ein politisches Leitbild, das auf Teilhabe, Demokratisierung und Gerechtigkeit basiere und sich damit zugleich gegen eine Funktionsbestimmung des Jugendamtes – sofern diese einseitig durch Ökonomisierung oder Kontrolle dominiert ist – positionieren könne.

Im zweiten Grundlagenbeitrag umreißt Reinhard Wiesner das Spannungsfeld von ordnungsrechtlichem Verständnis einerseits und dem pädagogischen Anspruch der Jugendämter andererseits. Dabei nimmt Wiesner zwar zivilgesellschaftliche Leitlinien nicht explizit auf, gleichwohl zeigen sich solche im Paradigmenwechsel des Kinder- und Jugendhilferechts nach 1990, also in der Stärkung der Jugendhilfe als soziale Dienstleistung.

Zu Teil 2: Felder und Herausforderungen

Entlang von fünf Beiträgen nennt und diskutiert der Band Handlungsbereiche, in denen zivilgesellschaftliches Handeln für Jugendämter besondere Relevanz erlangt.

Marc Coester greift in seinem Beitrag die Problematik des Eindringens eines organisierten Rechtsextremismus in das kommunale Gemeinwesen auf. Eine zivilgesellschaftliche Verantwortung des Jugendamtes sieht Coester darin, den Aufbau kommunaler, demokratischer Netzwerke federführend zu unterstützen.

Den Netzwerkgedanken greift auch Jörg Fischer in seinem Beitrag über die „Vernetzung als zivilgesellschaftliches Paradigma“ auf, bezieht diesen aber stärker auf die institutionelle Vernetzung. Am Beispiel der Frühen Hilfen erörtert Fischer die Schnittstelle zu zivilgesellschaftlichen Paradigmen als Förderung von Partizipation und Lebensweltorientierung durch Netzwerkbildung seitens der Jugendämter. Dies gelte vor allem dann, wenn ganz neue Akteure und Kooperationen in den Blick genommen werden können.

Der Beitrag von Stefan Bestmann diskutiert eine dem Gedanken zivilgesellschaftlichen Handelns verpflichtete „Sozialraumorientierung der Jugendämter“. Der Autor erkennt solche Ansätze vor allem in der Forderung nach Überwindung der inneren Versäulung und der Orientierung am lebensweltorientierten Fallbezug.

Beteiligungsformen und aushandlungsbezogene Konzepte sind – so Reinhold Schone in seinem Beitrag über die Jugendhilfeplanung – Schlüsselkategorien, mit denen das Jugendamt die Rolle des Gestalters eines zivilgesellschaftlichen Prozesses einnehmen könne.

Während Schone dies anhand unterschiedlicher Beteiligungsoptionen von Trägern, Adressat(innen) und zivilgesellschaftlichen Akteuren ausführt, nimmt der Text von Peter Hansbauer die Möglichkeiten zivilgesellschaftlichen Handelns im Hilfeplanverfahren in den Blick: Dabei sieht der Autor vor allem im Konzept des Familienrats (family group conference) einen Ansatz, um die zivilgesellschaftliche Idee des aktiven, beteiligten Bürgers für die Gestaltung des Zusammenlebens zu stärken.

Zu Teil 3: Bewertungen und Standpunkte

In diesem Teil wird das Konzept der Zivilgesellschaft für das Handeln in Jugendämtern von verschiedenen Standpunkten aus reflektiert und gewichtet.

Christian Spatscheck und Manuel Arnegger nehmen dabei den Ökonomisierungsdruck öffentlicher Dienstleistungen in ihrer Bedeutung für zivilgesellschaftliches Handeln des Jugendamtes in den Blick.

Der zweite Deutungsrahmen wird von Stephan Maykus eröffnet und setzt sich mit der kommunalpolitischen Rolle der Jugendämter sowie deren Gestaltungsmöglichkeiten auseinander.

Der dritte Beitrag von Carsten Müller schließlich zeigt die geschichtliche Entwicklungslinie des Jugendamtes, die zumindest teilweise aus dem Erziehungsgedanken heraus entstanden ist. Der Text unterstreicht damit in historischer Analyse die pädagogischen und zivilgesellschaftlichen Ansprüche der Institution Jugendamt jenseits des Verwaltungshandelns.

Zu Teil 4: Rückschau und Zusammenführung

Im vierten Teil führen die Herausgeber die bisherigen Beiträge in einer Art Synopse zusammen. Damit werden zum einen die Ergebnisse des Buches vergleichend zusammengefasst, zum anderen genutzt für einen weitergedachten Entwurf des „Jugendamtes in der Zivilgesellschaft“.

In diesem Entwurf skizzieren Frank Eger und Gregor Hensen zunächst die pädagogischen, dem zivilgesellschaftlichem Handeln nahe stehenden, Aufgabenbereiche des Jugendamtes, um anschließend herauszuarbeiten, dass die organisationale Haltung der Jugendämter entscheidend sei, um die Spielräume „zwischen Ökonomisierung und defensiven Routinen“ (S. 246) zu nutzen. Schließlich kennzeichnen die Herausgeber jene Themenfelder, in denen sich jugendamtliches Handeln in „loser Kopplung“ (S. 248) zwischen verschiedenen Systemen zivilgesellschaftliches Prämissen insbesondere umsetzen ließe: Die Weiterentwicklung des Jugendhilfeausschusses zu einem Gremium, in dem Interessen von Kindern, Jugendlichen und Familien durch diese selbst vertreten sind; beteiligungsorientierte Verfahren im Hilfeplanverfahren; eine bürgerbezogene Sozialraumorientierung; schließlich eine im zivilgesellschaftlichen Sinne genutzte institutionelle und soziale Vernetzung.

Fazit

Gregor Hensen und Frank Eger legen einen in mehrfacher Hinsicht beachtenswerten Herausgeberband vor:

  1. Dem Gesamttext gelingt eine produktive Erweiterung der aktuellen Debatte, verbunden mit dem Plädoyer, die pädagogisch-zivilgesellschaftlichen Aufgaben des Jugendamtes, zumal historisch grundgelegt, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Reizvoll wäre allerdings noch eine Perspektive gewesen, die danach fragt, wie kinderschutzbezogene Aufgaben des Jugendamtes gerade auch im Kontext zivilgesellschaftlichen Handelns verortet sind und gefördert werden könnten – so hingegen scheint im Gesamtband eine (implizite) Dichotomie durch zwischen „Zivilgesellschaft einerseits“ und „Schutz/Kontrolle andererseits“, die jene reizvolle Perspektive verschließt.
  2. Indem die von Eger/Hensen aufgeworfene Debatte an den Begriff der Zivilgesellschaft gebunden ist, kann ein theoretisch anspruchsvolles Konzept eingebracht werden. Dieses wird, inklusive einiger kritischer Rahmungen, in weitgehend gut sortierten Beiträgen ausgearbeitet.
  3. Die Überlegungen des Bandes gewinnen eine Praxis-Kontur durch den Bezug auf verschiedene Handlungsbereiche (Jugendhilfeplanung, Hilfeplanverfahren, Vernetzung, Sozialraumorientierung).
  4. Schließlich: Insbesondere im letzten Teil des Bandes verdichten sich die Erkenntnisse der einzelnen Buchbeiträge zu einer weitergedachten Skizze, die erste Konturen einer zeitgemäßen, zivilgesellschaftlichen Aufgabe des Jugendamtes zeichnet.

Rezensent
Prof. Dr. Michael Behnisch
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Zitiervorschlag
Michael Behnisch. Rezension vom 04.12.2013 zu: Frank Eger, Gregor Hensen (Hrsg.): Das Jugendamt in der Zivilgesellschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2897-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15322.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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