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Katja Makowsky, Beate Schücking (Hrsg.): Was sagen die Mütter?

Cover Katja Makowsky, Beate Schücking (Hrsg.): Was sagen die Mütter? Qualitative und quantitative Forschung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 326 Seiten. ISBN 978-3-7799-1989-6. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.

Reihe: Gesundheitsforschung.
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Thema

Der Sammelband beschäftigt sich in 14 Einzelbeiträgen mit den Perspektiven von Müttern auf die Phasen Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. „Was sagen die Mütter?“ fragt nach dem Erleben und den Bedürfnissen von (werdenden) Müttern und berichtet von ihren Befürchtungen, Ängsten und Erfahrungen. Die für die Gesundheitswissenschaften typische interdisziplinäre Herangehensweise kommt auch hier zum Tragen, so dass sozialwissenschaftliche, psychologische und medizinische Sichtweisen versammelt sind und Ergebnisse aus qualitativen wie quantitativen Studien präsentiert werden.

Herausgeberinnen

Katja Makowsky ist Professorin im Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit, Lehreinheit Pflege und Gesundheit der Fachhochschule Bielefeld. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Gesundheit von Mutter und Kind beim Übergang zur Elternschaft.

Beate Schücking ist Professorin für Gesundheits- und Krankheitslehre sowie Psychosomatik an der Universität Osnabrück, wo sie von 1995-2011 den Forschungsschwerpunkt Maternal Health aufgebaut hat. Seit 01. März 2011 ist sie Rektorin der Universität Leipzig.

Entstehungshintergrund

Der Band reagiert auf ein Forschungsdesiderat – so die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung. Er richtet sich an Nachwuchswissenschaftler/innen aus der Hebammenforschung und den Pflege- wie Gesundheitswissenschaften, die in dem Buch eine Zusammenstellung unterschiedlicher Forschungskonzepte und eine Dokumentation kleinerer und größerer Projekte finden. Gleichzeitig soll mit der Darstellung qualitativer wie quantitativer Ansätze „eine Brücke zwischen diesen beiden methodischen Richtungen“ (S. 8) hergestellt werden. Das Buch will methodische und inhaltliche Anregungen für die forschungsorientierte Ausbildung in den Pflege- und Gesundheitsstudiengängen und für die Hebammenforschung geben.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in drei ungleich große Teile gegliedert. Teil 1 besteht aus einem Beitrag von Katja Makowsky, der Methodologie und Methoden qualitativer und quantitativer Forschung beschreibt. Dabei werden insbesondere die Methodologie der Grounded Theory als Beispiel für qualitative Forschung und die schriftliche Befragung mit einem standardisierten Fragebogen als Beispiel für quantitative Forschung diskutiert.

Teil 2 versammelt sechs qualitative Forschungsstudien zur Gesundheit und Lebenssituation von Schwangeren und Müttern.

Kati Mozygemba widmet sich dem Erleben der Schwangerschaft als Übergangsprozess. Die Statuspassage ist dabei durch mehrere Wendepunkte markiert – etwa durch den positiven Selbsttest oder die Bestätigung der Schwangerschaft von professioneller Seite. Die Präsentation der Schwangerschaft, also das Offenbaren als Schwangere ist ebenfalls ein entscheidender Schritt im Übergangsprozess. Die Autorin leitet aus den Ergebnissen ihrer Interviewstudie auch Hinweise für eine nutzerinnenorientierte Gesundheitssicherung ab.

Katja Makowskys Beitrag fokussiert auf die Gruppe der übergewichtigen und adipösen Schwangeren und befragt diese nach ihren Erwartungen an die Hebammen und Ärzt/innen im Rahmen der professionellen Begleitung. Einer ausführlichen Beschreibung der Methodik der Untersuchung folgt die kurze Darstellung von Ergebnissen durch Interviewpassagen und deren thematische Einordnung. Deutlich wird, dass die befragten Frauen sich richtungsweisende Empfehlungen für die Phasen Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett wünschen und daraus ein Gefühl von Wertschätzung der eigenen Person entwickeln können.

Barbara Baumgärtner fragt in ihrem Beitrag, was Schwangere dazu bewegt, sich für einen Kaiserschnitt zu entscheiden, obwohl keine medizinische oder geburtshilfliche Notwendigkeit dazu besteht. Insbesondere die „Angst vor der Unvorhersehbarkeit einer Geburt, vor dem Ausgeliefertsein und vor Kontrollverlust“ (S. 99) spielt für ihre Entscheidung eine Rolle, auch wenn die Frauen den Kaiserschnitt nicht als gefahrlos betrachten.

Was geht in schwangeren Frauen vor, deren pränatale Diagnose „Nichtlebensfähigkeit“ des Kindes lautet? Es muss eine Neuausrichtung des weiteren Lebensverlaufs einsetzen, den Katharina Rost unter Rückgriff auf Interviews mit Betroffenen nachzeichnet. Dabei werden auf der Grundlage der Ergebnisse auch Hinweise für mögliche Verbesserungen der Situation für betroffene Frauen formuliert.

Babette Müller-Rockstroh beschäftigt sich mit der Frage, wie HIV-positive Frauen (und Männer) in Tansania ihrem Wunsch nach einem Kind nachgehen. In Tansania wird die Krankheit vor allem heterosexuell übertragen und berührt damit unweigerlich Fragen der reproduktiven Gesundheit (vgl. S. 165). Trotz bestehender Zwänge finden die Betroffenen Möglichkeiten, ihren Kinderwunsch umzusetzen und die Übertragung der Pandemie auf das Kind erfolgreich zu vermeiden.

Den letzten Beitrag des zweiten Teils liefern die beiden Herausgeberinnen Katja Makowsky und Beate Schücking. Sie stellen die Evaluationsergebnisse eines Familienhebammenprojekts vor. Familienhebammen werden eingesetzt, um Schwangere und junge Mütter in psychosozial belastenden Lebenssituationen zu betreuen. Das mit quantitativen und qualitativen Methoden evaluierte Projekt zeigt, „dass sich Familien subjektiv in vielfältiger Art und Weise durch Familienhebammen in ihren eigenen Ressourcen gefördert fühlen“ (S. 183).

Den 3. Teil des Bandes eröffnet ein Beitrag von Melita Grieshop, der die Zusammenhänge zwischen Belastungen von Müttern im Wochenbett, ihrer sozialen Unterstützung, ihrer Gesundheit und ihrem Gesundheitsverhalten im Kontext der Betreuung durch Hebammen beleuchtet. Neben der Darstellung der Studienlage erfolgt vor allem eine methodische Empfehlung für die Umsetzung repräsentativer Forschungsvorhaben.

Das Modellprojekt Pro Kind wird von Kristin Adamaszek, Tilman Brand, Vivien Kurtz und Tanja Jungmann vorgestellt. Pro Kind ist ein niedrigschwelliges Hausbesuchsprogramm, das in der Schwangerschaft beginnt und bis zum zweiten Geburtstag des Kindes reicht. Der Beitrag stellt die theoretische Rahmung (Sozialökologie Bronfenbrenners, Selbstwirksamkeitstheorie Banduras und Bindungstheorie Bowlbys) vor, um das Vorverständnis des Begleitkonzepts zum Projekt offen zu legen. Einen Schwerpunkt des Beitrags bilden die Erfahrungen der Familienbegleiterinnen im Modellprojekt, die die Perspektiven und Lebenswelten der Mütter veranschaulichen. Es kann nachgewiesen werden, dass das Projekt zur Abnahme der psychischen Belastung der schwangeren Frauen beiträgt.

Karin von Moeller widmet sich dem Thema Körpergewicht und Schwangerschaft, das sowohl für die Schwangeren als auch für die in der Geburtshilfe tätigen Professionellen eine wichtige Rolle spielt. Sie beschreibt Befunde zur Gewichtsentwicklung in der Schwangerschaft und die Anlage ihres Forschungsprojekts. Einige Ergebnisse werden dargestellt, die formulierten Hypothesen jedoch nicht vor dem Hintergrund der Befunde diskutiert.

Der Artikel von Silke Röhl widmet sich der vorzeitigen Wehentätigkeit und will damit einen Beitrag zur Anregung eines Diskurses über subjektive Wehenwahrnehmung geben. Sie kann nämlich nachweisen, dass Frauen mit Frühgeburt die Wehen als weniger schmerzhaft empfunden haben als Frauen mit Termingeburt.

In Deutschland gibt es eine stabil hohe Frühgeburtenrate (ca. 9 % aller Geburten) (vgl. S. 251), weshalb hier eine gründliche Forschung notwendig ist. So widmet sich auch Stefanie Gebker diesem Thema und fragt, wie Mütter nach einer Frühgeburt dieses kritische Lebensereignis verarbeiten. Sie fokussiert insbesondere auf die persönliche Resilienz als Einflussfaktor und als Schutz vor Belastungsfolgen und kommt zu dem Ergebnis, dass ein kohärentes Selbst, ein hoher Kohärenzsinn und eine starke Handlungsorientierung als Indikatoren für ein gut entwickeltes Selbstschutzsystem die Mütter vor den problematischen Belastungsfolgen einer Frühgeburt schützen können.

Mit dem Wunsch der Schwangeren zur Sectiocaesarea (Kaiserschnitt) und dem mütterlichen Befinden nach der Geburt – auch im Vergleich zur Spontangeburt – beschäftigt sich der Beitrag von Claudia Hellmers. In ihrer Studie haben nur 3,3 % der Frauen den Wunsch zur Sectiocaesarea, ohne dass gesundheitliche oder geburtshilfliche Gründe dafür vorliegen. Diese geben Angst vor Schmerzen oder die Hoffnung auf eine schnelle Geburt als häufigste Gründe dafür an (siehe auch den Beitrag von Baumgärtner in Teil 2 des Bandes). Im Hinblick auf das Wohlbefinden nach der Geburt zeigt die Studie, dass die Spontangeburt nur teilweise mit weniger physischen Beschwerden einhergeht als andere Geburtsmodi.

Der letzte Beitrag des Buches fragt nach der Lebenszufriedenheit und psychischen Gesundheit von Müttern und Nichtmüttern. Yve Ströbel-Richter, Elmar Brähler und Markus Zenger haben dafür auf Grundlage einer repräsentativen Studie beide Gruppen miteinander verglichen. Sie fragen etwa, wie sich Partnerschaft, Kinder(zahl) und Alter auf die Zufriedenheit z.B. mit dem Beruf, dem Einkommen, der Gesundheit, der Freizeit usw. auswirken. Dabei zeigt sich, dass es deutliche Unterschiede in der Lebenszufriedenheit gibt, aber kaum Unterschiede hinsichtlich der psychischen Gesundheit. Beispielsweise sind Frauen ohne Partnerschaft generell unzufriedener mit ihrem Einkommen als Frauen in Partnerschaft. Die Unzufriedenheit steigt, wenn die Alleinstehenden zwei (oder mehr) Kinder haben (vgl. S. 319). Mit dem Themenfeld Familie sind alleinstehende, kinderlose Frauen deutlich unzufriedener als alle anderen Frauen. Resümieren lässt sich, dass Mutterschaft allein nicht zu hoher (oder niedriger) Lebenszufriedenheit und psychischer Gesundheit führt. Ein wichtiges Ergebnis der Autor/innen ist zudem der Nachweis einer besonderen Belastung von alleinerziehenden Müttern.

Diskussion

Der Band gibt als informative Sammlung einen guten Überblick zu großen und kleineren Forschungsprojekten im Kontext von Schwangerschaft und Geburt. Eine wertvolle Ergänzung des interdisziplinären Bandes wäre eine soziologische oder kulturanthropologische Perspektive gewesen, die Schwangerschaft und Geburt noch stärker als an soziale Praktiken oder auch Rituale gebunden beschreiben und erklären könnten. Ein weiterer Kritikpunkt leitet sich ebenfalls aus einer soziologisch/sozialwissenschaftlich informierten Sicht ab: Die Darstellung von grundlegenden Konzepten qualitativer und quantitativer Sozialforschung in Teil 1 erscheint wie ein thematischer Fremdkörper. Wer sich für die Methoden empirischer Sozialforschung interessiert, der beliest sich in einem der gängigen Lehrbücher. Die starke Konzentration auf die ausführliche Darstellung der Methoden zieht sich auch durch viele der Aufsätze. Eine Verschlankung der methodischen Vorbemerkungen zugunsten einer ausführlicheren Darstellung von Forschungsergebnissen hätte das Forschungsfeld noch plastischer erschließen können. Möglicherweise aber ist ein solches Vorgehen auch dem Wunsch geschuldet, in dem noch jungen gesundheitswissenschaftlichen Fachgebiet zu methodischer Korrektheit zu ermahnen. Die hohe Bedeutung einer transparenten Darstellung des methodischen Vorgehens für eine fundierte empirische Forschung macht das Buch auf jeden Fall deutlich, und die von den Herausgeberinnen angestrebten methodischen Anregungen für Nachwuchswissenschaftlerinnen sind zahlreich. Gelungen ist auch die Zusammenstellung der Themen. Das Buch informiert über Forschungsprojekte, die nicht nur spannend und wichtig sind, sondern die sich auch auf Felder beziehen, die der Forschung teilweise so schwer zugänglich sind, dass hier besonders wertvolles Material zur Auswertung kommt.

Fazit

Das Buch richtet sich an Studierende und Forschende aus den Gesundheits-, Pflege- Hebammen- und Sozialwissenschaften und erschließt diesen die Perspektive der betroffenen Frauen auf Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Bislang ist dieses Thema wenig beachtet worden, so dass der Band einen wertvollen Beitrag leistet. Die Darstellung qualitativer und quantitativer Forschung in dem Buch legt großen Wert auf detailreiche Informationen zum methodischen Vorgehen – das geht manchmal zu Lasten einer ausführlichen Ergebnisdarstellung. Das Ziel, eine verstärkt bedürfnisorientierte Betreuung von Müttern in peripartalen Phasen zu gestalten, unterstützt dieses Buch mit zahlreichen Anregungen für Professionelle in diesem Arbeitsfeld.


Rezensentin
Dr. Yvonne Niekrenz
Verwaltungsprofessorin für Kultur- und Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg
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Zitiervorschlag
Yvonne Niekrenz. Rezension vom 06.11.2013 zu: Katja Makowsky, Beate Schücking (Hrsg.): Was sagen die Mütter? Qualitative und quantitative Forschung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-1989-6. Reihe: Gesundheitsforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15328.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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