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Sarina Ahmed (Hrsg.): Bildung und Bewältigung im Zeichen von sozialer Ungleichheit

Cover Sarina Ahmed (Hrsg.): Bildung und Bewältigung im Zeichen von sozialer Ungleichheit. Theoretische und empirische Beiträge zur qualitativen Bildungs- und Übergangsforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 188 Seiten. ISBN 978-3-7799-1935-3. 29,95 EUR.

Reihe: Übergangs- und Bewältigungsforschung.
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Aufbau und Thema

Der vorliegend Band beschäftigt sich in seinen zehn Beiträgen mit Übergangsproblemen und Bewältigungsmustern bei Jugendlichen und der dazu notwendigen forschungsspezifischen Analyse. Die Beiträge enthalten häufig Fallrekonstruktionen im Sinne qualitativer Bildungs- und Bewältigungsforschung. Grundlegend wird Bildung als eine Voraussetzung zur Bewältigung des Überganges von der Schule zum Ausbildungs- bzw. Berufsfeld verstanden. Infrage kommen aber auch Übergänge aufgrund ökonomischer Krisen oder durch entsprechende Migrationsbewegungen. Deutlich unterschieden wird von der kompetenzorientierten formalen Bildung eine lebensweltliche bzw. informelle Bildung, die in biografische Zusammenhänge eingebettet ist, aber institutionellen Anerkennungslogiken nicht zwingend folgt. Gerade dadurch entsteht eine Verbindung von sozialer Benachteiligung und Missachtungszuweisungen sowie Anerkennungsverweigerungen; soziale Benachteiligung wird sozusagen noch einmal verstärkt. Eine für diesen Zusammenhang notwendige bildungstheoretische Grundlegung findet sich in dem Aufsatz von Stephan Sting.

Die Herausgebergruppe leitet im ersten Beitrag den Band ein und stellt die Fragestellungen der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor.

Entstehungshintergrund

Impulsgeber für die Entstehung des Sammelbandes sind u.a. die Arbeiten der Nachwuchsforschungsgruppe „Durchlässigkeit und Chancengleichheit in der Bildungspolitik“ am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden werden vier Beiträge eingehender besprochen.

Der Beitrag von Christine Wiezorek und Matthias Grundmann „Bildung und Anerkennung im Kontext sozialer Ungleichheit“ verdeutlicht das Anliegen der Veröffentlichung sehr präzise. Sie beschreiben, wie Bildungsungleichheiten auch dadurch entstehen bzw. gestärkt werden, dass soziale Platzierungslogiken (z. B. auf dem Arbeitsmarkt) auf den Erwerb von formalen Bildungszertifikaten zugeschnitten sind. Und wer das dahinterstehende formale System nicht erfolgreich durchläuft, handelt sich das Merkmal unzureichender Bildungsanerkennung ein. Dies obwohl das persönliche Handlungswissen als milieugebundene Bildung vorhanden ist, dem aber eben keine Wertigkeit zugestanden wird. Hinzu kommt, dass der erfolgreiche Durchlauf durch das genannte System dem Kind und später dem Jugendlichen Handlungs- bzw. Selbstwirksamkeit als eine grundlegende soziale Kompetenz vermittelt, während den Scheiternden mehr oder weniger Unfähigkeit angeheftet wird. Dieser Entwertungsprozess schließt allerdings nicht aus, dass im Bereich der milieubezogenen Bildung zwar eine gewisse intersubjektive Anerkennung stattfinden kann, die sich aber weder auf institutionellen Ebenen noch auf dem Arbeitsmarkt wiederfindet. Als Fallbeispiel dient der 16jährige Christoph, der im bäuerlichen Milieu verankert ist und dessen Fähigkeiten (z.B. beim Kalben einer Kuh zu helfen) sowohl von der Schule als auch von der Jugendhilfe als Bildungsferne interpretiert werden. Christoph hat Schwierigkeiten auf der Förderschule und vermeidet auch Zugänge zur Peerkultur, er ist sozusagen in mehrerer Hinsicht ein Übergangsverweigerer.

In dem Aufsatz „Passungsverhältnisse von Bewältigung und Partizipation im Kontext sozialer Ungleichheit“ stellt Larissa von Schwanenflügel fest, dass Bildung und Partizipation eng verzahnt sind. Sie wendet sich dagegen, dass Bildung und Partizipation allein unter formalen Gesichtspunkten betrachtet wird (z.B. Mitgliedschaften) und dadurch informelle und an die jeweilige Lebenswelt gebundene Teilhabe- und Bildungsprozesse gerade benachteiligter Jugendlicher unsichtbar werden. Für die Autorin ist Bildung als Identitäts- und Subjektbildung Voraussetzung für die Teilhabe an der Welt. Hierzu gehört Erfahrungs- und Handlungswissen, welches eben nicht in Bildungsinstitutionen erworben wurde. Anhand zweier biografischer Partizipationsverläufe (Sinan, 16; Ramona, 18) stellt von Schwanenflügel dar, wie zunächst durch Zugehörigkeit zu einem Jugendhaus als sozialer Ort, dann über eine aktive Unterstützungsleistung seitens der genannten Jugendlichen, es zu einem hochanerkannten ehrenamtlichen Status in dieser sozialpädagogischen Einrichtung kommt. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und von Anerkennung sind Grundlagen sowohl von Partizipationsgeschehnissen als auch von Subjektbildung. Ramona schafft dann den Weg ins Gymnasium gegen den elterlichen Willen und wird auch Mitglied im Bezirksjugendrat. Dies alles auch aufgrund lebensweltlich zu verortender Bildungs- und Teilhabeprozesse.

Für Wolfgang Macks Analysen zur „Bildung und Bewältigung bei prekären Übergangsprozessen“ stehen Bildungsprozesse und Bewältigungsmuster in einem engen Zusammenhang. Wird unter Bildung u.a. Handlungsbefähigung verstanden, wird der genannte Zusammenhang durch die drei Bewältigungstypen „Entwicklung“, „Krise“ und „Risiko“ offensichtlich. Insbesondere trägt das „Risiko“ als Bewältigungsaufgabe in benachteiligten und prekären Lebenslagen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Marginalisierung dieser Bevölkerungsgruppen bei. Mack stellt dann zwei Bildungsverläufe an den Fallgeschichten von Tim und Dariana vor. Beide verlassen die allgemeinbildende Schule nach vielfach gebrochenem Verlauf (z.B. Mobbing bei Dariana) ohne Abschluss. Es folgt ein Berufsvorbereitungsjahr welches aber auch von den beiden interviewten Jugendlichen abgebrochen wird. Tim wählt ein eher destruktives, risikobelastetes Bewältigungsmuster (Sachbeschädigung, gewalttätige Auseinandersetzungen) aber Dariana schafft den Hauptschulabschluss im Rahmen eines Volkshochschulkurses und fasst eine Berufswahl als Druckerin oder Bäckerin ins Auge. Während Tims Bewältigung dem Typ „Risiko“ entspricht, ist Darianas Bewältigungsleistung dem Typ „Krise“ zuzuordnen. Facettenreich belegt Mack im Rahmen der Fallbeispiele die wechselseitige und keineswegs lineare Beeinflussung von Bildungsprozessen und Bewältigungsanstrengungen.

In dem letzten Beitrag des Bandes „Bildungspotenziale pädagogischer Beziehungen im Kontext von Benachteiligung“ zeigen Heidi Hirschfeld und Sibylle Walter, dass pädagogische Beziehungen einen maßgeblichen Erfolg im Rahmen von Berufseinstiegsprojekten begründen. Die den Übergang begleitende Soziale Arbeit steht vor der Herausforderung als „Gate-Keeperin“ im Lebenslauf der Klienten z.B. Benachteiligungen oder persönliche Problemlagen abzufedern. Unterstützung bei der Bewältigung der Statuspassage ist das Ziel. Die Bewältigungsleistung kann dabei an formalen, non-formalen und informellen Bildungsressourcen anknüpfen. Das gewählte Fallbeispiel ist dem Evaluationsprojekt „Berufseinstiegsbegleitung“ der Bundesagentur für Arbeit entnommen an dem in Deutschland 1.000 Schulen teilnahmen. An der komplexen Fallgeschichte Ella wird dargestellt, dass unterschiedliche Vorstellungen im Rahmen der Berufsorientierung (die häufig schulabsente Ella möchte Türsteherin werden) durch eine stabile Beziehungsebene zur Begleiterin aufgefangen werden können. Die Begleiterin bemüht sich, Ella einen “realistischen“ Berufswunsch nahe zu bringen. Vertrauen und Anerkennung nehmen deutlichen positiven Einfluss auf die Annahme pädagogisch gerahmter Bildungsangebote im Übergang Schule/Beruf. Ella ringt sich auf diesem Hintergrund durch, eine Ausbildung im Bereich der Pflege zu beginnen, ohne aber ihren ursprünglichen Berufswunsch gänzlich aufzugeben.

Diskussion

Die umfangreiche Fachliteratur und Fachdiskussion zum Thema des Überganges von der Schule zum Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt wird durch den Band um die verstärkte Sichtweise auf lebensweltlich bedingte, informelle Bildungsvoraussetzungen und die Bewältigung der Übergangspassage bereichert. Damit wird Anschluss gefunden an den aktuellen Bildungsdiskurs in den Bildungs- und Sozialwissenschaften, insbesondere aber auch innerhalb der Jugendhilfe. Hinweise zu der „alten“ Übergangsforschung finden sich indessen zu wenig. Eine interessante Ausnahme ist die Arbeit „Spontane Bildungsprozesse. Lebensbewältigung auf Umwegen“ von Arnd-Michael Nohl, die auch zurückliegende Jugendstudien berücksichtigt. Dort rückt die mittlerweile sehr differenzierte Jugendphase in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und in ggf. auch gewaltbereiten jugendkulturellen Szenen ereignen sich demnach auch spontane Bildungs- und Bewältigungsprozesse.

Die vorgelegten Beiträge arbeiten zumeist mit Fallstudien, die einschlägigen Forschungsprojekten entnommen sind. Dieser qualitativ-empirische Zugriff erhöht natürlich die Anschaulichkeit sowie die Praxis- und Detailnähe, wird sicherlich auch komplexen Fallverläufen gerecht. Trotzdem wäre die Darstellung weiterer empirischer Ergebnisse der Übergangsforschung von Interesse. Das Fallbeispiel „Ella“ (s.o.) ist einem Evaluationsprojekt im Umfang von 1.000 Schulen (!) entnommen. In diesem Fall wäre „mehr“ besser gewesen.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung zieht ihre Innovation aus der Analyse von Übergangsproblemen bei Jugendlichen unter dem Blickpunkt von lebensweltlicher Bildung und damit zusammenhängenden Bewältigungsstrategien. Eine wichtige Veröffentlichung für Fachleute, die sich praxisorientiert und/oder wissenschaftlich mit Übergangsphänomenen beschäftigen.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 01.10.2013 zu: Sarina Ahmed (Hrsg.): Bildung und Bewältigung im Zeichen von sozialer Ungleichheit. Theoretische und empirische Beiträge zur qualitativen Bildungs- und Übergangsforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-1935-3. Reihe: Übergangs- und Bewältigungsforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15331.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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