socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mariana Grgic, Ivo Züchner (Hrsg.): Medien, Kultur und Sport

Cover Mariana Grgic, Ivo Züchner (Hrsg.): Medien, Kultur und Sport. Was Kinder und Jugendliche machen und ihnen wichtig ist ; die MediKuS-Studie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 279 Seiten. ISBN 978-3-7799-2914-7. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3397-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Den im Titel genannten Begriffen "Medien, Kultur und Sport" gehen die Autor_innen vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) bei Kindern und Jugendlichen in ihrer empirischen Studie vornehmlich im Sinne kultureller und sozialer Kapitalien im schulischen und Freizeitbereich nach. Als besondere Ansatzpunkte klassifizieren sie in der Einleitung die Merkmale, Aktivitätsbezug, Ortsbezug, Akteursperspektive und soziale Ungleichheit (8). Vor allem geht es darum, musische sowie allgemein künstlerische, sportliche und medienbezogene Aktivitäten empirisch zu erheben, über die Individuellen Spezifika von Kindern und Jugendlichen zu werten und mit Resultaten anderer Studien zu vergleichen bzw. darauf aufzubauen ( s. z. B. AID:A, DJI-Surveys, Panels). Besonders hervorzuheben ist, daß es sich nicht um eine gestrige Momentaufnahme handelt, sondern hochaktuelle Bezüge einfließen. So finden sich Antworten auf möglicherweise geänderte Freizeitaktivitäten im Vergleich von neun zu acht Jahren des Gymnasiums und der Halbtags- zur Ganztagsschule.
Die Studie, die auf einer Telefonbefragung von nahezu 5000 Kindern und Jugendlichen basiert, operiert nicht im luftleeren Raum, sondern leistet neben den schon angerissenen Bezügen zu anderen Studien eine beachtliche Grundlagenarbeit zur begrifflichen Herleitung zentraler Kategorien. Kultur, Sozialisation, Bildung, Alltags-, Medienbildung und Interesse werden neben sozialer Ungleichheit für den folgenden empirischen Forschungsprozess operationalisiert, empirisch verfolgt und wertend dargelegt.

Anlage

Das Buch richtet sich in erster Linie an eine eher wissenschaftlich interessierte Klientel. Verwendete Kategorien oder Begriffe werden hergeleitet und auf den eigenen Prozess bezogen. Ebenso werden Forschungslücken benannt, um die eigene Studie zu positionieren. Die theoretische Grundlagen, der Forschungsprozess selbst sowie auch die Ergebnisgewinnung werden mit einer großen Transparenz vorgetragen. Sehr wesentlich dabei ist die permanente Einbeziehung des Kriteriums "soziale Ungleichheit". Darüber werden die Ergebnisse "realitätstüchtiger" als in manch anderer Studie. Aufgrund der gelungenen Gliederung lassen sich einzelne Aspekte zum Gegen- oder Nachlesen schnell wiederfinden. Von der theoretischen Anlage, der empirischen Untersuchung bis zur Auswertung gibt das Buch mehr als Einblicke in den gewählten Aspekt der Kinder -Jugendforschung. Es eröffnet gar kaum erwartbare Resulate, weil die Anlage nicht determinierend wirkt.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau der Studie ist für ein wissenschaftliches Vorhaben klassisch: Klärung des kategorialen Systems, Darlegung der empirischen Studie, deren Zusammenfassung sowie im dritten Teil die Studie aus methodischer Sicht.

Der „Theoretisch-konzeptionelle Rahmen der Studie“ (11ff) bleibt recht kurz gehalten, indem Kultur, Bildung und dessen Kontexte, die Schlüsselbegriffe der Studie zu Alltagsbildung, Bildung, Lernen, Interesse sowie deren Sozialisationsfunktion und soziale Ungleichheit mehr oder minder wissenschaftlich gesetzt werden, indem kurze Rückbezüge auf für das Forscher_innenteam relevante Literatur gegeben werden.

Die empirschen Kapitel 2-4 bilden jeweils eine kleinere wissenschaftliche Studie für sich. Sie beginnen mit einer theoretischen Aufnahme, dem Forschungsstand und den Fragestellungen (z.B. Kapitel 2 „Musikalische und künstlerische Aktivitäten im Kontext von Sozialisationsprozessen, kultureller Bildung und Jugendszenen“ - Musik und Kunst, diesbezügliche Aktivitäten, deren Bildungsrelevanz, Jugendkultur, kulturelles Kapital). Daraufhin folgt die Darlegung der empirischen Ergebnisse und deren Auswertung.

Im Folgenden werden auf der Basis des Bisherigen „verschiedene Aktivitätsbereiche dargestellt“ (s. 10), die neue Aspekte zum Thema liefern. Als Beispiel sei Kapitel 5 erwähnt, bei dem es um die Korrelation von kulturellem und sozialem Kapital zu kulturellen Aktivitäten junger Menschen geht.

Im letzten Kapitel wird der Aufbau und die formale Einbindung von MediKuS in andere Studien dargelegt. Auch wird betont, dass es sich um eine Ergänzungsstudie handele, die auf der AIDA-Hauptstudie aufbaue (251ff).

Eine kurze Bilanz schließt das Vorhaben.

Diskussion

Einerseits ist noch einmal zu betonen, dass die MediKuS-Studie sehr gut in andere Studien aus dem Kinder- und Jugendbereich diskursiv eingebettet ist und andererseits liefert sie auch allein viel Anlässe, sich mit ihr zu beschäftigen. Zum letzteren sei ein skizzenhafter Blick auf die „Bilanz“ (s. 257ff) geworfen:

  • informelle und selbstorganisierte Praxen im künstlerischen Bereich gehören inzwischen neben Sporttreiben zur jugendspezifischen Alltagsnorm,
  • subjektiv wichtige Aktivitäten aller Bereiche, mit denen besondere Bildungsgelegenheiten verbunden werden, fußen auf einer hohen intrinischen Motivation,
  • sozial ungleich verteilte Praxen junger Menschen haben Auswirkungen auf deren weitere Entwicklung,
  • der Gedanke, sich mit kulturellem Kapital und Herkunft zu befassen, erweist sich als analytisch sinnvoll und
  • der Einfluss des kulturellen Kapitals nimmt mit dem Alter zu.

Beim Lesen dieser Aufstellung kann durchaus der Eindruck entstehen, dass es sich teilweise um „alte Hüte“ handele, doch dem ist nicht so, wenn in Details der Studie geschaut wird. Beispiel Wechselwirkung Medien Akteur (s. S. 143ff): Je mehr junge Menschen surfen, desto eher nutzen sie es zur Kommunikation, dennoch nehmen viele das als Anlass zu „physischen“ Treffen. 18-24-jährige Jugendliche aus Familien mit geringerem kulturellen Kapital sind seltener im Internet als welche mit hohem kulturellen Kapital. Grund: Informationen für Schule und Studium. Informationsmedium versus Daddelmaschine bedeutet nach der Studie eine schiefe Wahrnehmung. Die MediKuS-Studie bietet neben vielen bedeutenden Informationen für aufmerksame und durchhaltende Leser_innen eine sehr gelungene Konfrontation zur Aufarbeitung eigener Vorurteile.

Fazit

Eine Rezension zu einer solch komplexen Studie wie MediKus zu schreiben ist immer auch ein Gang auf einer Rasierklinge: Jede negative Kritik kann viele positive Ergebnisse überlagern und die exemplarische Würdigung einzelner Aspekte lässt andere in den Hintergrund treten. Aber: Ein ähnliches Problem haben bereits die Erstellerinnen und Ersteller der MediKuS-Studie, denn in ihrer Bilanz zu "Medien Kunst, Musik und Sport" gewichten sie dann notwendigerweise ihre rund 250 Seiten umfassende Studie auf etwas mehr als zwei Seiten. Auch da gehen sehr viele wertvolle Erkenntnisse verloren, aber es werden neben den ersten die meistgelesenen Seiten sein. Das aber hat die Studie nicht verdient, denn sie ist theoretisch hervorragend angelegt und ebenso in andere Studien eingebettet und bringt gerade im scheinbar Unwesentlichen die prägnantesten Ergebnisse.
Zwei Aspekte seien dennoch negativ angemerkt:

  1. Die Fragen, die Auswahl sowie Vorbereitung der Interviewenden und die Fragemethode – außer allgemein "Telefoninterview" - finden keinen Eingang in die Publikation.
  2. Gravierender ist jedoch die fehlende Einschätzung zur Reichweite und inhaltlichen Tiefe der Interviewaussagen. Der in der Studie wegen seiner Kapitaltheorie immer wieder herangezogene Bourdieu hat in einer weiteren Publikation ("Das Elend der Welt", Konstanz 1997) im Abschnitt "Verstehen" sehr deutlich unbeabsichtigte Verzerrungseffekte zu Interviews analysiert. Er konstatiert unreflektierte emotionale und kognitive Einstellungsunterschiede, die auf Seiten der Interviewenden aufgrund ihrer sozialen und kulturellen Distanz zur Klientel nicht beachtet werden. Zumindest ein Bezug zu diesen Ausführungen – vielleicht sogar eine entsprechend konfigurierte Kontrollgruppe – hätte die Ergebnisse noch besser in ihrer Tragweite und Validität verorten lassen.

Aber: Die MediKuS-Studie sei all denen empfohlen, die substantiell mit Jugendlichen zu tun haben, damit sie liebgewonnes Vorwissen sowie eigene Vorurteile überprüfen können und nicht mehr die eigene Jugend oder gestriges Wissen den Standard für die heutige Jugend bildet. Auch macht die Studie zumindest indirekt deutlich, dass ungleiche Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen endlich sozialpolitisch ernst genommen werden müssen. Die aktuelle Politik wird die MedikuS-Studie zur Kenntnis nehmen und sich aufgrund eigener Oberflächlichkeit weitgehend bestätigt sehen. Differenzierte Kinder- und Jugendpolitik aber braucht mehr als symbolische Politik. Dazu könnte die MediKuS-Studie einen wesentlichen Beitrag leisten.


Rezensent
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Lutz Finkeldey anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 10.09.2013 zu: Mariana Grgic, Ivo Züchner (Hrsg.): Medien, Kultur und Sport. Was Kinder und Jugendliche machen und ihnen wichtig ist ; die MediKuS-Studie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2914-7.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3397-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15332.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Kindertagesstättenleiter/innen, München

Kitaleiter/in, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!