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Mechthild Seithe, Corinna Wiesner-Rau (Hrsg.): „Das kann ich nicht mehr verantworten!“

Cover Mechthild Seithe, Corinna Wiesner-Rau (Hrsg.): „Das kann ich nicht mehr verantworten!“. Stimmen zur Lage der Sozialen Arbeit. Paranus Verlag (Neumünster) 2013. 232 Seiten. ISBN 978-3-940636-28-7. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Der Band präsentiert 58 Erfahrungsberichte aus dem Arbeitsalltag von Sozialarbeiter_innen sowie dem Lernalltag von Studierenden Sozialer Arbeit. Es werden Zustände und Zumutungen einer Sozialer Arbeit thematisiert, die, wie die Herausgeberinnen schreiben, angesichts des vorherrschenden Sozialkahlschlags aktivierender Sozialpolitik in vielen Feldern bereits den Charakter einer „Fast-Food-Sozialarbeit“ (Klappentext) inne hat. Das Buch ermöglicht Einblicke in die „Wirklichkeit hinter den Kulissen“ (S. 6). Damit wird „das Schweigen über oft skandalöse Zustände in der Sozialen Arbeit endlich“ gebrochen (Klappentext).

Herausgeber_innen

Herausgegeben wird der Band von Mechthild Seithe und Corinna Wiesner-Rau. Mechthild Seithe ist Diplom Psychologin und Diplom Sozialarbeiterin. Nach einer 18-jährigen Praxis in der Sozialen Arbeit arbeitete sie 18 Jahre als Professorin an der FH Jena. Sie ist u.a. Autorin des „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ (vgl. die Rezension) und Mitbegründerin des „Unabhängigen Forums kritische Soziale Arbeit – UFo“ (www.einmischen.com).

Corinna Wiesner-Rau ist Diplom Psychologin und Sozialarbeiterin (B.A.). Bis 1998 war sie am Psychologischen Institut der FU Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war, seither arbeitet sie in verschiedenen Praxisfeldern Sozialer Arbeit. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Praxisforschung, Rassismus/Diskriminierung, Migration. Sie ist aktiv im „UFo“.

Entstehungshintergrund

Die Idee zu diesem Buch entstand, wie die Herausgeberinnen im Vorwort schreiben, in einem Gespräch zwischen Sozialarbeiter_innen und einer Journalistin. Auf die Frage der Fachkräfte, wie es denn gelingen könne, die Zustände Sozialer Arbeit öffentlichkeitswirksam zu skandalisieren (vgl. S. 6), gab die Journalistin den Tipp, das Erlebte aufzuschreiben, und zwar „so konkret und so spontan“ wie es einen Erfahrungsbericht ausmache (vgl. ebd.). Seithe und Wiesner-Rau haben unter Mithilfe des Unabhängigen Forums Sozialer Arbeit, dem Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Berlin und der Gewerkschaft ver.di (vgl. S. 6f.) im Laufe eines Jahres Erfahrungsberichte gesammelt. Einige wurden ihnen zugeschickt oder von ver.di zur Verfügung gestellt; die meisten entstanden im Rahmen von ausführlichen Interviews, die Seithe und Wiesner-Rau mit Sozialarbeiter_innen geführt haben. Aus den Interviews erstellten die Herausgeberinnen Fließtexte, die von den Interviewten ergänzt, ggfs. umformuliert und zur Veröffentlichung frei gegeben wurden (vgl. S. 7).

Die Fachkräfte und Studierenden erzählten offen und ungeschützt von ihrem jeweiligen Arbeitsalltag. Ein solches „Klartext-Reden“ (vgl. S. 7) kann mit Ängsten und konkreten Risiken (Stichwort „Whistleblowing“) einher gehen. Daher wurden alle Texte anonymisiert bzw. pseudonymisiert.

Aufbau und „Charakter“ der einzelnen Erfahrungsberichte

Das Buch gliedert sich in ein Vorwort der Herausgeberinnen, dem sieben Hauptkapitel folgen. In diesen werden die 58 Erfahrungsberichte von Sozialarbeiter_innen und Studierenden Sozialer Arbeit präsentiert. Jedem Kapitel sind „Informationen und Anmerkungen“ der Herausgeberinnen beigefügt, die sozial-, fachpolitische und juristische Zusammenhänge und Hintergründe erläutern.

Jeder Erfahrungsbericht hat seinen eigenen „Charakter“. Mal werden die Gedanken und Erfahrungen in Erzählform oder in einer Art innerem Dialog, mal in Interview- oder Gesprächsform zur Sprache gebracht.

Die Herausgeberinnen weisen in ihrem Vorwort darauf hin, dass sie die Berichte zur besseren Orientierung zwar bestimmten Oberthemen („Kapiteln“) zugeordnet haben (vgl. S. 7); diese Kapitel stellten jedoch keine trennscharfen Kategorien dar: „Tatsächlich überschneiden sich die Themen, hängen zusammen und mancher Text würde zu Recht auch in einem anderen Kapitel stehen können, weil er die andere Thematik genauso berührt“ (S. 8).

Die Kapitel lauten:

  1. Die Soziale Arbeit wird Zug um Zug zu einer neoliberal gekennzeichneten Dienstleistung umfunktioniert
  2. Prekäre Arbeitsverhältnisse gehören längst zum Alltag der Sozialen Arbeit
  3. Die notwendigen Voraussetzungen für eine „gute“ Soziale Arbeit werden verweigert
  4. Fachliche Arbeit wird behindert oder auch verhindert
  5. Soziale Arbeit ist heute oft nicht mehr als ein „Tropfen auf den heißen Stein“
  6. Aus Kostengründen werden fachlich notwendige Hilfen vermieden oder Hilfen ganz verweigert
  7. Menschen werden entwürdigt, ausgegrenzt und entwertet – und die Soziale Arbeit muss dabei mitmachen?

Auswahl exemplarischer Einblicke

Das Buch versammelt Erfahrungsberichte, die das Erleben und die Einschätzungen Einzelner zur Sprache bringen. In eben dieser „konkret[en] und unmittelbar[en]“ Art und Weise (S. 7) werden sie von den Herausgeberinnen präsentiert. Seithe und Wiesner-Rau verzichten sowohl auf Systematik als auch auf Kommentierung dieser Berichte – die Inhalte lassen sich nicht „zusammenfassen“. Entsprechend ermöglicht eine Rezension zwar kursorische Einblicke in die heterogenen Erfahrungswelten; viele weitere Aspekte und Sichtweisen bleiben dennoch unerwähnt.

Im Folgenden werden exemplarische „Einblicke“ in fünf Erfahrungsberichte gegeben. Eine Zusammenschau der weiteren im Band thematisierten Arbeits- und Themenfelder rundet diese Darstellung ab.

Da die Erfahrungsberichte das „Herzstück“ des Bandes darstellen, verzichte ich auf eine Diskussion der von den Herausgeberinnen verfassten „Informationen und Anmerkungen“, die jedes Kapitel abrunden. Sie dienen allesamt dazu, die zuvor präsentierten Erfahrungsgeschichten historisch, fachlich/juristisch und fachpolitisch gut einordnen zu können. Damit stellen sie wertvolle Hintergrundinformationen bereit, die – ebenso wie die Erfahrungsberichte – zahlreiche weitere Denk- und Diskussionsanstöße bieten.

Einblick 1: Studieren in Spannungsverhältnissen

In einem Gespräch unter Studierenden werden die Spannungsverhältnisse innerhalb des Studiums Sozialer Arbeit thematisiert. So kommt zur Sprache, dass und inwiefern Studierende verstrickt sind in Effizienz- und Effektivitätsanforderungen: „Man muss hier im Studium immer sehen, wie man mit dem geringsten Aufwand sozusagen das bestmögliche Ergebnis rausholt – wie bei so ´nem Putzlappen, den man immer wieder auswringt und schaut, was da noch rauskommt“ (S. 13). Die Studierenden schildern, dass sie sich hin- und hergerissen fühlen zwischen dem Bedürfnis, das Gelernte, anders als in der Schule (vgl. S. 15), nicht lediglich pragmatisch „abzuhaken“, sondern es durchaus auch einmal in Frage zu stellen (vgl. S. 14). Auch thematisieren sie die Dilemmata, die mit dem zumeist unerfüllten Bedürfnis einher gehen, in Seminaren auch einmal zu diskutieren: „Ich habe hier Sternstunden erlebt (…), und das war, wenn einmal in einem Seminar wirklich diskutiert wurde. Da sitzt du da und denkst, endlich können wir mal diskutieren! Ich frage mich, warum bleiben wir eigentlich nie an einem Thema richtig dran, wenn es uns beschäftigt?“ Diesem Bedürfnis stehen die ablehnenden Reaktionen von weniger diskussionsfreudigen Kommiliton_innen gegenüber: „Es gibt genügend Leute, (…), die meinen, sie verlören zu viel Zeit durch eine Diskussion“ (S. 14f.). Die Studierenden problematisieren darüber hinaus ihre Erfahrung, Lehrinhalte würden „eigentlich nur durchgepeitscht“ (S.14) und Studierende regelrecht „abgerichtet“ (S. 13). Auch hier erwähnen sie die damit einher gehenden Spannungsverhältnisse: Studieren verkomme zum Balanceakt. Es müsse regelmäßig austariert werden zwischen dem Bedürfnis nach Orientierung, Struktur und Sicherheit (S. 16), einem sich einschleichenden Bewusstsein darüber, dass die Praxis Sozialer Arbeit sich nicht entlang von Rezepten und fertigen Lösungen gestalten lasse (vgl. ebd.) und dem Sehnen nach Anlässen und Gelegenheiten zum Hinterfragen, Diskutieren, zum „eigene Wege (…) gehen“ (S. 14). Am Gesprächsende wird der Vermutung, möglicherweise sei es bereits gelungen, Studierende für die vorherrschende „defizitäre Praxis“ zu formen und „uns zu angepassten, nur noch in Kategorien von Effizienz und Pragmatismus denkenden (…) unkritischen Studierenden zu machen“, ein Aufbegehren entgegen gestellt: „Aber nicht alle von uns“, so beendet Henrik das Gespräch, „machen da mit“ (alles S. 16).

Einblick 2: Verwickelt in Standardisierungs- und Kategorisierungszwänge im Kinderschutz

Hier beschreibt ein_e Kolleg_in ihre/seine Erfahrungen anhand eines Kinderschutz-Falles. Beschrieben werden die Zumutungen eines hochgradig standardisierten Verfahrensablaufs am Beispiel eines „Falles“: „Erstcheck sechs Seiten, Risikoeinschätzung sechs Seiten, Statistik Gefährdungseinschätzung drei Seiten, Statistikbogen Kinderschutz eine Seite“. Das alles, obgleich „ich die meisten Fragen noch gar nicht [werde] beantworten können“ (S. 24), denn: ein Klient_innenkontakt hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht stattgefunden. Die Fachkraft wehrt sich innerlich gegen die mit diesen Standardisierungen einher gehende Aufforderung, Fälle „eindeutig“ zuzuordnen. „Ich finde diese Aufteilung von Menschenschicksalen [in „Kindeswohlgefährdung, Grauzone oder Leistungsbereich“, M.S.] so was von unprofessionell“ (S. 27). Zudem pervertiere dieser Kategorisierungszwang Sinn und Anliegen von Sozialer Arbeit, denn: Trete der Fall ein, dass eine Fachkraft ihren „Fall“ weder als „Kindeswohlgefährdung“ noch als „Grauzone“ einstufe, verunmögliche sie damit jegliche weitere Unterstützung der Familie. Diese lande nämlich in der einzig verbleibenden Kategorie „Leistungsbereich“, und dieser werde, wie die_der berichtende Kolleg_in durch Vorgesetzte mitgeteilt bekam, „zurzeit kaum bedient (…), weil dafür das Geld fehlt“ (S. 28).

Einblick 3: Halbe Sachen sind nicht nur unsinnig, sondern „eigentlich sogar schlechter als gar nichts“ (S. 86) – Arbeit in einer Kinderschutzwohnung

Von der Arbeit in einer Kinderschutzwohnung, in der die Kinder durchschnittlich 3 Monate bleiben, berichtet eine weitere Fachkraft. Schwer traumatisierte Kinder werden in dieser Einrichtung, so lässt sich dieser Erfahrungsbericht bilanzieren, sich selbst überlassen. Die Fachkräfte haben schlicht keine Zeit für (pädagogische) Beziehungsarbeit: „Die Kinder sehen ihre Erzieherinnen und Erzieher selten und es sind auch immer wieder andere da. Die Erzieherinnen und Erzieher sind auch so mit den Kleinkramaufgaben beschäftigt, dass kaum Zeit bleibt, sich mal mit einem Kind hinzusetzen und zu reden (…) [W]ir können im Rahmen unserer Arbeitsbedingungen nicht einmal pädagogisch arbeiten“ (S. 85). Die grassierende Sparpolitik treibe grausame Blüten: „[W]ir hatten sogar mal den Fall, bei dem das Jugendamt meinte, ein Kind, das unsere intensive Kriseneinrichtung besuchte, brauche keinen Kindergartenplatz mehr, weil das eine unnötige Doppelversorgung sei. Und schon war der Kindergartenplatz weg.“ (S. 86). Neben dem Wissen um all das Leid, das die in der Einrichtung untergebrachten Kinder bereits erfahren haben, belaste das Wissen darum, dass das jeweilige Mitspielen im System das Leiden der Kinder verschlimmere. Die Bilanz liest sich entsprechend schonungslos: Im verzweifelten Versuch, die Arbeit „wenigstens halb gut“ zu machen, verfehle Jugendhilfe mitunter ihr Ziel ganz und verschärfe damit die Situation für die betroffenen Menschen (alles S. 86).

Einblick 4 „Über ein weiteres totes Kind hätte ich mich nicht gewundert“ (S. 95). Alltag in der Arbeit mit suchtkranken Familien

Ein weiterer Erfahrungsbericht gibt Einblicke in die „unverantwortbaren Arbeitsbedingungen“, die Angestellte eines großen Suchthilfeträgers erleben. Der Träger habe, so betont der_die Berichtende eingangs, „einen super Ruf“ und sei „in der Fachöffentlichkeit hoch anerkannt“ (S. 95). Die Arbeitswirklichkeiten der Angestellten ergeben ein gänzlich anderes Bild: Es gibt mehrere schwere Burnout Fälle; gleichzeitig werden die durch diese „Ausfälle“ entstehenden Mehrbelastungen auf die verbliebenen Kolleg_innen abgewälzt; auch hier drohen Überlastung und Burnout. Neue Kolleg_innen werden nicht eingearbeitet, aber individuell zur Verantwortung gezogen; der Zwang, mittels Akquise für stets volle Auslastung des Trägers zu sorgen, setzt die Beschäftigten hohem, individualisiertem Druck aus. All dies hat vor allem eins zur Folge: „Man konnte seine eigene Ohnmacht bis in die Haarspitzen fühlen“ (S. 98). Hinzu kommen Ernüchterung und Frustration: „Wenn ich mit meiner Leitung sprach, glaubte ich manchmal mitten in einer meiner Suchtfamilien zu sein, wo nach außen alles getan wurde, um einen intakten Eindruck zu erwecken und das eigene Chaos zu verbergen“ (S. 97). Die/der diesen Bericht schildernde Kolleg_in hat ihre Konsequenzen gezogen und das Arbeitsverhältnis gekündigt (S. 99).

Einblick 5 in die Praxis der Schulsozialarbeit: Das Jugendamt „hebel[t] das SGB VIII nach Strich und Faden aus“ (S. 171)

Eine Fachkraft, die als Schulsozialarbeiter_in in einem (wissenschaftlich begleiteten) Projekt an einer Grundschule tätig ist, skandalisiert die rechtsbeugenden Praktiken des Jugendamtes: „[E]in effektiver Kinderschutz scheitert am Jugendamt selbst“ (S. 171). Wenn sie Kontakt zum ASD suche und Meldungen wegen Verdachts auf Kindeswohlgefährdung mache, reagiere das Jugendamt regelmäßig „sehr merkwürdig“ oder auch „gar nicht“ (ebd.). Die zuständigen Jugendamtsfachkräfte ignorierten Berichte, verzögerten Hilfemaßnahmen oder beschwerten sich gar darüber, durch die Meldungen und Aufforderungen der Fachkraft „unangemessen“ mit „Lappalien“ (beides S. 173) belastet zu werden. Folgende zynische Aufforderung folgte seitens des Jugendamtes auf dem Fuße: „Wenn es Kindern schlecht geht, dann müssen Sie das als Profi eben aushalten können“ (S. 173). Der eigene Arbeitgeber setzte sprichwörtlich noch „einen drauf“ und warf der Fachkraft verärgert vor, die „gute Kooperation“ mit dem Jugendamt „kaputtgemacht“ zu haben (beides ebd.). Bilanz des_der betroffenen Kolleg_in: „Mein Eindruck ist, dass eine gute Jugendhilfe für unser Jugendamt nur eine ist, die nichts kostet. Und dass Kinderschutz erst dann zu Handlungen zwingt, wenn das Leiden der Kinder öffentlich sichtbar wird oder wenn der Fallausgang möglicherweise für das Jugendamt selber gefährlich werden könnte“ (S. 173).

Einblicke in weitere Themen:

Die weiteren im Band versammelten Erfahrungsberichte schildern die Lage Sozialer Arbeit entlang folgender Arbeitsfelder und Themen: Es wird sich kritisch mit dem sogenannten “Qualitätsmanagement“ auseinander gesetzt (vgl. S. 28ff.) oder das Primat der kostengünstigen Maßnahme am Beispiel ambulanter Psychiatrie problematisiert (vgl. S. 32 ff.). Thematisiert werden die unterschiedlichen Auslegungsvarianten von „Effektivität“ im Kontext der Berufsberatung (vgl. S. 35ff.) sowie die mit der Privatisierung eines psychiatrischen Krankenhauses einher gehenden Zumutungen (S. 38ff.). Problematisiert werden die Fallstricke des Mantras „Hauptsache billig“ im Allgemeinen Sozialdienst (vgl. S. 42ff.) und der Behindertenhilfe (S. 87f.), die Demontage der Jugendarbeit (vgl. S. 44ff.) oder der „Spagat“, den Mitarbeitende der mobilen Jugendarbeit tagtäglich leisten müssen (S. 137f. sowie S. 157ff.). Berichtet wird auch von entwürdigenden Erfahrungen bei der Stellensuche (S. 53ff.). Ein „Rechenbeispiel“ sowie weitere Erfahrungsberichte, mit welchen die prekäre Entlohnung von Sozialarbeiter_innen offen gelegt werden, machen die damit einher gehenden Ausbeutungserfahrungen und Existenzsorgen der Fachkräfte sichtbar (S. 58ff.). Es geht um das „Kaputtsparen“ der Jugendarbeit in Berlin (S. 89ff.) und die hohe und weiter zunehmende Arbeitsverdichtung im Allgemeinen Sozialdienst (S. 92ff.). Skandalisiert wird das konsequente Wegsehen der Politik angesichts der Zunahme wohnungsloser junger Menschen (S. 99ff.), auch die Kluft, die sich auftut zwischen politischen Sonntagsreden (z.B. „Inklusion“) oder im Hilfeplan behaupteten Zielen und dem Alltag Sozialer Arbeit (S. 112f.) kommt zur Sprache. Kritisiert wird die allgemeine Überlastung des Jugendhilfesystems am Beispiel der Erziehungsberatung und der Familienhilfe (S. 114ff. sowie S. 125f. und S. 161ff.). Präsentiert wird überdies die herabwürdigende Einsicht, dass das im Studium Gelernte in der Praxis weder gebraucht noch gewünscht werde (S. 122f.). Aufgedeckt werden die Absurditäten der Tagessatzfinanzierung (S. 124f.) und die erschreckenden Zustände in Krisenwohneinrichtungen (S. 84ff. und S. 139ff.). Berichtet wird über den Umgang mit chronisch mangelnden Ressourcen in einer Erstaufnahmestelle für geflüchtete Menschen (S. 142f.) und in der Arbeit mit Menschen in Wohnungsnot (S. 145f.). Ebenso werden die absurden und entwürdigenden Blüten offen gelegt, die die Praxis der Jobcenter (S. 147ff.) oder der institutionalisierte Behördenformalismus im Kontext der Wohnungslosenhilfe (S. 152ff.) treiben. Beschrieben werden die Ambivalenzen, in die Schulsozialarbeit geraten kann (S. 155ff. und S. 170ff.) und auch diskriminierende Praktiken im Kontext der Begabtenförderung („nicht für sogenannte benachteiligte Kinder“ – S. 168ff.). Nicht zuletzt werden in einem umfangreichen Kapitel die Spielarten und Auswüchse ungesetzlicher Praktiken der Jugendämter problematisiert (S. 170ff. bis S. 195).

Diskussion

„Was draufsteht, ist nicht drin“ – so bringt eine Fachkraft des Allgemeinen Sozialdienstes ihre Erfahrungen auf den Punkt. Dreht man diese Aussage um, so lässt sich bezogen auf den vorliegenden Band resümieren: „Was draufsteht, ist ganz definitiv drin!“

„Das kann ich nicht mehr verantworten!“ – dieser Ausruf wird im Rahmen der Erfahrungsberichte vielfältig ausgeleuchtet und untermauert. Damit strengt das Lesen an. Da sind zum einen die vielen empörenden, oftmals ungesetzlichen Praktiken von Leitungskräften und Beschäftigten öffentlicher wie freier Träger Sozialer Arbeit. Man liest von Befehlen, Rechtfertigungszwängen und Erpressungsversuchen, von Unterlassung und Hilfeverweigerung - begleitet von einer allerorts chronischen, zersetzenden Ressourcenverknappung. Auch ausbeutende und entwürdigende Arbeitsbedingungen werden beschrieben, die mit unerträglichen, erschöpfenden und krank machenden Arbeitsbelastungen einher gehen. Sichtbar wird nicht zuletzt die „Normalität“ einer strukturell legitimierten, diskriminierenden, gewaltförmigen und damit Ausgrenzung, Not und Unterdrückung der Adressat_innen verschärfenden Praxis Sozialer Arbeit.

Zum anderen springen einen beim Lesen die Emotionen der Berichtenden regelrecht an. Seite für Seite, ja beinahe Zeile für Zeile ist die Rede von Druck, vom Gefühl, abgerichtet zu werden (vgl. S. 13) oder ausgeliefert zu sein: Hoffnungslosigkeit und Ohnmachtserfahrungen werden thematisiert. Sichtbar werden persönliches ebenso wie kollektives Leiden – auf Seiten der Fachkräfte ebenso wie auf Seiten der Adressat_innen Sozialer Arbeit. Von inneren wie realen Kündigungen ist in vielen Berichten die Rede, und immer wieder auch von schweren, berufsbedingten Erkrankungen, wie beispielsweise dem Burnout. Das Buch ist ein „Aufschrei“.

Dies alles hat bei der Rezensentin während des Lesens eine Melange aus Bedrückung, Erschrecken, Wut und Aufbegehren hervor gerufen. An vielen Stellen schlich sich zudem – wider besseren Wissens – der Drang nach (entlastendem?) Augen-Verschließen ein. Allein – dies (ver-)ändert nichts. Ein erstes Fazit nach der Lektüre: Es empfiehlt sich nicht, dieses Buch am Stück zu lesen. Berichte, die Sätze wie diese hervorbringen, gehen unter die Haut: „[v]ieles geht zu weit und wir fangen an, daran zu zerbrechen“ (S. 17). Die Lektüre braucht Zeit und v.a. Pausen, zum Innehalten, Nachwirken lassen, Überdenken, inneren „Auftanken“,… Es ist ein Buch, dass sich vielleicht „besser“ gemeinsam lesen, diskutieren und verarbeiten lässt, als dass man sich damit alleine auf„s Sofa zurück zieht. Indes: gelesen werden sollte es in jedem Fall!

Mehr als zu denken gibt, dass sich beim Lesen folgender Eindruck erhärtet: Innehalten, Hinterfragen, Reflektieren, ja, auch fachliche Weiterqualifizierung – sie alle bleiben auf der Strecke. Dies veranschaulichen folgende Zitate, die sich in sehr ähnlicher Form durch viele weitere Erfahrungsberichte ziehen: „Seit sechs Jahren weigere ich mich deshalb [aufgrund der rigiden und entfachlichten Arbeitsbedingungen, M.S.], mein Recht auf regelmäßige Fortbildung wahrzunehmen. Ich bin einfach nicht mehr bereit, bei diesem Possenspiel mitzumachen: ich lerne da die spannendsten, tollsten Methoden für gute Beratungsarbeit kennen und weiß doch genau, dass ich diese nie werde anwenden können, weil dafür überhaupt keine Rahmenbedingungen gegeben sind“ (S. 117). Die Lektüre erhärtet den Verdacht, dass fachliche Reflexion und Eigenständigkeit in vielen Kontexten weder vorgesehen noch erwünscht sind. So formuliert eine Studierende: „Und ich lerne ganz schnell, dass mir das Hinterfragen nichts einbringen wird.“ Ihre Kommilitonin spitzt diese, im Studium vermittelte, Botschaft zu: „Pass dich an, dann kommst du besser durch, als wenn du deinen eigenen Kopf hast. (…) Mach„s [im Studium wie in der Praxis, M.S.] lieber gleich so, wie man es erwartet, lerne, dich da anzupassen, (…), aber versuch bloß nicht eigene Wege zu gehen“ (S. 14).

Beispiele dieser Art verleiten dazu, sich gedanklich Situationen und Kontexte zu vergegenwärtigen, in denen die Lage Sozialer Arbeit (noch?) nicht derartig schwarzgefärbt erscheint. Mehr als einmal drängte sich beim Lesen der Impuls auf, zu rufen: Es ist doch aber nicht alles so schlecht und schwarzgefärbt? Es kann aber doch auch anders gehen!? Allerdings: Wer im Feld Sozialer Arbeit tätig ist, wer sich mit Kolleg_innen aus der Praxis unterhält, wer in Praxiskontexten forscht oder schlicht mit offenen Augen und Ohren die Praktiken des jeweiligen örtlichen Jugendamtes verfolgt, der oder die weiß: Die im Band versammelten Berichte sind keine Einzelfälle. Vielmehr veröffentlichen sie einen Zustand Sozialer Arbeit, der seit langem ebenso „alltäglich“ wie unerträglich ist: „Für das, was uns eigentlich als Aufgabe gestellt wird, reicht (…) die Zeit, die uns bewilligt wird, grundsätzlich nicht aus. Man kann viele Seiten seiner fachlichen Kompetenz gar nicht anbringen. Aber so was scheint in der Sozialen Arbeit ja normal zu sein“ (S. 113). Ähnlich eine andere Fachkraft: „Was mich am meisten fertig macht, ist (…) die Tatsache, dass wir nicht so arbeiten können, wie wir es aus fachlichen Gründen könnten und müssten“ (S. 117).

Dass viele Fachkräfte Sozialer Arbeit dennoch nicht resignieren, flößt Respekt ein. Auch diese Seiten tauchen im Buch auf, auch wenn sie beim Lesen meist in den Hintergrund treten. So wird die tagtägliche Arbeit durchaus mit Freude verbunden (vgl. S. 17). Geschätzt werden die Vielfältigkeit und die damit einher gehenden Herausforderungen Sozialer Arbeit (vgl. S. 17). Man liest von engagierten, humorvollen und widerständigen Teams, von individuellem wie kollektivem Aufbegehren und Gegenwehr. Zwischen vielen Zeilen schwingt die Losung „jetzt erst recht“ mit. Einige Kolleg_innen werden konkret: „Es ist normal, in der Sozialen Arbeit ausgebeutet zu werden, und das ändert sich nur, wenn wir das nicht mehr mitmachen“ (S. 71): „Ich werde nicht tatenlos zusehen“ (S. 44).

Einsprengsel dieser Art halten während des Lesens sichtbar, dass und inwiefern sich viele Kolleg_innen mit ihrem Beruf (nicht notwendigerweise mit ihrer Tätigkeit!) identifizieren, sie geben Einblicke in die Leidenschaft, die Energie, die Kreativität, den Gestaltungswillen und die Beharrlichkeit vieler Beschäftigter Sozialer Arbeit. Das alles „beruhigt“ ein wenig, weil deutlich wird, dass Kraft und Wille zum Verändern und zur „Gegenwehr“ vorhanden sind. Ein Team eines Allgemeinen Sozialdienstes hat entsprechend gehandelt: „Wir haben beschlossen, unsere Arbeitssituation nicht mehr einfach hinzunehmen. „Es reicht“, hat meine Kollegin in der Mittagspause gesagt, „Wir müssen was machen! Wir schreiben einen Protestbrief.“ Und erstaunlicherweise waren alle dafür und wollten unterschreiben“ (S. 104).

Die Erfahrungsberichte legen insgesamt Zeugnis davon ab, dass viele Kolleg_innen all die Zumutungen, die mit den vorherrschenden Ausgrenzungs- und Diskriminierungspraktiken aktivierender Sozialpolitik wie auch Sozialer Arbeit einher gehen, nicht mehr länger hinzunehmen bereit sind. Diese Zumutungen in der vorliegenden Form zur Sprache zu bringen, und sie damit zu veröffentlichen, dies kann als wichtiger und mutiger Schritt gewertet werden.

Aus der Lektüre lassen sich Aufforderungen ableiten, die ausnahmslos alle im Kontext Sozialer Arbeit Wirkenden angehen: Es gilt, Missstände, Verwerfungen und Gesetzesbrüche Sozialer Arbeit zu benennen, sichtbar zu machen, zu beforschen, zu kontextualisieren und zu skandalisieren. Auch gilt es, hierfür individuelle und kollektive Äußerungsformen finden. Bei allem sind die Spannungsverhältnisse, innerhalb derer die (zumeist abhängig und prekär) Beschäftigten agieren (müssen), zu thematisieren: Individualisierende Erklärungsansätze sind nicht nur fehl am Platze, sie verschärfen und verstetigen darüber hinaus die im Band problematisierte „Lage Sozialer Arbeit“.

Der Band ist eine Antwort auf die Frage, welche Formate und Darstellungsweisen es geben kann, um die „Zustände“ Sozialer Arbeit gesamtgesellschaftlich sichtbar zu machen, sie zu thematisieren und zu problematisieren. Weitere Antworten sind zu finden. Hier sind Akteur_innen Sozialer Arbeit in allen Funktionen und auf allen Ebenen gefordert: als Arbeitgeberin oder Angestellte, als Fach- oder Berufsverbandsvertreter, als Gewerkschaftlerin oder (Fach-)Politiker; als Fortbildner, Supervisorin oder Hochschullehrerin; als Wissenschaftlerin, Forschende, Evaluatorin, Berater; Kollegin, Praktikant oder Studierende – im Rahmen des jeweiligen Arbeitsverhältnisses oder in institutionalisierten wie selbstorganisierten Netzwerken, Arbeitskreisen und Bündnissen.

Fazit

Zunehmend mehr Sozialarbeiter_innen sind nicht länger gewillt, die unzumutbaren Bedingungen und Verwerfungen aktivierender Sozialabbau-Politik hinzunehmen und im Namen von Sozialer Arbeit zu reproduzieren. Der von Seithe und Wiesner-Rau herausgegebene Band bietet diesen Stimmen ein Forum. Nicht länger bereit, sich still zu ärgern oder einsam zu leiden, brechen über 60 Fachkräfte und Studierende Sozialer Arbeit ihr Schweigen. Es wird ausnahmslos „Klartext“ (S. 7) gesprochen. Die im Band versammelten Einblicke geben vielfältige Denk- und Diskussionsimpulse: Sie können einfließen in Hochschullehre, Praktikumsbegleitung oder Fortbildungen; sie können Anstöße geben für (Lehr-)Forschungsprojekte oder Abschlussarbeiten; sie können genutzt werden von Studierenden, Fachkräften, Wissenschaftler_innen, Fachpolitiker_innen und berufspolitischen Interessenvertretungen, um - in ihren jeweiligen Feldern ebenso wie in Richtung Öffentlichkeit - lautstark, kreativ, hartnäckig und entschlossen auf die gegenwärtige Lage Sozialer Arbeit aufmerksam zu machen.


Rezensentin
Maren Schreier
M.A. (Social Work), Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin. Freiberuflerin im Wissenschaftsbereich, u.a. Lehre und Forschung an Hochschulen in Deutschland, am Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung e.V. sowie an der FHS St. Gallen/CH.
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Zitiervorschlag
Maren Schreier. Rezension vom 23.09.2013 zu: Mechthild Seithe, Corinna Wiesner-Rau (Hrsg.): „Das kann ich nicht mehr verantworten!“. Stimmen zur Lage der Sozialen Arbeit. Paranus Verlag (Neumünster) 2013. ISBN 978-3-940636-28-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15338.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


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