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Helmut Pauls, Michael Reicherts: Zielorientierung und Zielerreichungsanalyse [...] (Fallarbeit)

Cover Helmut Pauls, Michael Reicherts: Zielorientierung und Zielerreichungsanalyse in der psycho-sozialen Fallarbeit. Eine Arbeitshilfe für Beratung, Soziale Arbeit, Sozio- und Psychotherapie. ZKS-Verlag (Weitramsdorf) 2013. 2., durchgesehene Auflage. 64 Seiten. ISBN 978-3-934247-64-2. D: 10,99 EUR, A: 11,30 EUR, CH: 16,50 sFr.

Schriftenreihe zur psychosozialen Gesundheit, Bd. 14.
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Autoren

Helmut Pauls, Diplom Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut, ist Professor für klinische Sozialarbeit, Psychologie und Handlungslehre der Sozialarbeit an der Hochschule Coburg. Er leitet dort den Masterstudiengang klinische Sozialarbeit.

Michael Reicherts, Diplom Psychologe und Gesundheitspsychologe, ist Professor (emeritiert) für Psychologie Clinique an der Universität Fribourg/ Schweiz.

Aufbau

Das Buch umfasst acht Hauptkapitel zuzüglich Vorwort (Prof. Dr. Anton Schlittmaier), Literaturverzeichnis und Anhang (Durchführungsanweisung, Erhebungs- und Auswertungsbogen ZEA). Das Buch ist in folgende Kapitel aufgegliedert:

  1. Zielsetzung und Relevanz des Verfahrens
  2. Funktionen der Zielerreichungsanalyse
  3. Zielorientierung in verschiedenen Beratungs- und Therapieansätzen
  4. Kontext der Anwendung
  5. Zielbereich und Arten von Zielen
  6. Durchführung der ZEA
  7. Auswertung und Interpretation der ZEA
  8. Beispiele zum Einsatz der ZEA in der psychosozialen Fallarbeit

Zum Vorwort

In seinem Vorwort verweist Schlittmaier auf zunehmende Forderungen der Kostenträger, die Effektivität von beratenden und unterstützenden Interventionen in psycho-sozialen Handlungsfeldern empirisch nachzuweisen. Vor dem Hintergrund dieser Forderung haben Reicherts und Pauls ein Verfahren der Zielorientierung und Zielerreichungsanalyse entwickelt, das tatsächlich auf eine exakte Messung von Ist- und Sollzustand angelegt ist, sich aber gleichzeitig als prozesshaft-dialogisches Modell versteht. Durch ihre humanistisch-intersubjektiv ausgerichtete, prozessorientierte Sichtweise geben die Autoren (aus der Perspektive von Schlittmaier) ein Beispiel dafür, dass die ethisch motivierte Ablehnung von Meßverfahren in den Gründerjahren der humanistischen Psychotherapieverfahren, einer reflektierten Integration gewichen ist. (vgl. Schlittmaier, Vorwort, S. 8). Die therapeutische Potenz der Zielorientierung und Zielerreichungsanalyse sieht Schlittmaier u.a. darin, dass Klienten der psycho-sozialen Fallarbeit motiviert und aktiviert werden, sich differenziert mit Zielen unterschiedlicher Lebensdimensionen auseinander zu setzen (vgl. Schlittmaier, Vorwort).

Insgesamt erhofft er sich aber auch eine größere gesellschaftliche Anerkennung für die Professionalität psycho-sozialer Fallarbeit, wenn diese ihre Ergebnisse an überprüfbaren Kriterien ausrichten und darstellen kann.

Zu 1. Zielsetzung und Relevanz des Verfahrens

Reicherts und Pauls nehmen Bezug auf die Vielfältigkeit und Heterogenität der psycho-sozialen Fallarbeit im Rahmen von Beratung, Case-Fallmanagement, Soziotherapie, Krisenintervention und Psychotherapie. Vor diesem Hintergrund stellen sie die Zielerreichungsanalyse als ein systematisches, interdisziplinär einsetzbares und Schulen unabhängiges Verfahren vor. Es kann in unterschiedlichen Arbeitsfeldern psycho-sozialer Fallarbeit genutzt werden, um im Rahmen einer interventionsorientierten Diagnostik zur empirischen Überprüfung der Effektivität und zur Qualitätssicherung beizutragen.

Als zentrales Element der Zielerreichungsanalyse wird die zwischen Berater/in und Klient/in in einem kooperativ-dialogischen Prozess verhandelte Dimensionierung von Veränderungszielen und die fortlaufende Bewertung des Grades der Zielerreichung herausgehoben. Als eine Form prozessualer Veränderungsarbeit könnte das Verfahren (aus der Perspektive der Autoren) durchaus auch in Ergänzung zu anderen Diagnostischen Perspektiven im Rahmen einer psycho-sozialen Fallarbeit genutzt werden. „Zielerreichungsanalyse als Bestandteil von Veränderungsarbeit ist eine interventionsorientierte, erlebens- und verhaltensnahe Diagnostik, die andere diagnostische Verfahren, wie z.B. die störungsorientierte oder klassifikatorische Diagnostik sinnvoll ergänzt“ (vgl. Reicherts/Pauls S. 11).

Zu 2. Die Funktion der Zielerreichungsanalyse

Die Autoren verdeutlichen die Funktion der Zielorientierung und Zielerreichungsanalyse auf zwei Ebenen:

1. Auf der psychologischen Funktionsebene: Hoffnung, Aktivierung, Motivation, Commitment und Selbstverantwortung („hope work“) durch z.B.:

  • respektvolle Unterstützungsarbeit zur Motivationsförderung persönlicher Zielfindung,
  • Hoffnung darin fördern, Gestaltungskraft und Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen
  • Anerkennung von Kompetenzen und Selbstverantwortung im Rahmen der Zielfindung, der Konkretisierung von Zielen und der Konsensbildung in Bezug auf die Zielerreichung.

2. Auf der sachlogisch, methodischen Funktionsebene: Kooperation, Strukturierung und Antizipation durch z.B.:

  • die kooperative Erarbeitung von Zielebenen,
  • die Strukturierung und Steuerung der Verlaufskontrolle und
  • die Erarbeitung von persönlich relevanten Zielen.

Zu 3. Zielorientierungen in verschiedenen Beratungs- und Therapieansätzen

Zielorientierungen (so die Autoren) werden in unterschiedlichen therapeutischen Schulen und Verfahren diskutiert und sind traditionell integraler Bestandteil von Verhaltensanalysen, in verhaltens- und kognitionstherapeutischen Studien. Hingegen wären Operationalisierungen von Veränderungszielen auf der Symptomebene (z.B. in Gesprächs- und Gestaltpsychotherapie) lange nahezu tabuisiert worden, da deren Fokus sich in erster Linie auf den Beziehungsprozess zwischen Therapeut/in und Klient/in ausgerichtete und weniger auf Problemlösung und gezielte Veränderung. Allerdings weisen die Autoren darauf hin, dass positive Zielorientierungen auch schon in der Persönlichkeitstheorie von Rogers (z.B. im Hinblick auf Selbstverwirklichung und Selbstakzeptanz) benannt wurden und in dieser Hinsicht Anknüpfungspunkt für Zielerreichungsanalysen (ZEA) darstellen. Beispielhaft wird auch auf die Integrative Therapie hingewiesen, die als gestalttherapeutisch geprägte Schule differenzierte Zielbestimmungen im Rahmen einer prozessualen Diagnostik vorgenommen hat.

Zu 4. Kontexte der Anwendung

Die Autoren verdeutlichen, wie eine prozessual-beteiligungsfördernde Fallarbeit im Rahmen psycho-sozialer Arbeitsfelder durch das Verfahren der Zielerreichungsanalyse gesteuert werden kann. Dabei heben sie folgende Bereiche heraus:

  1. Einzelfalldiagnostik, Interventionsplanung und Kontrakt
  2. Verlaufskontrolle, Evaluation und Qualitätssicherung
  3. Intervention und Wirkungsforschung

Zu 5 Arten von Zielen

Arten von Zielen werden im Buch ausdifferenziert als Problem und Defizitziele, Ressourcenziele, Individualziele, Umgebungs-bzw. Beziehungs- und Netzwerksziele. Die Strukturierung der einzelnen Arten von Zielen orientiert sich dabei an den von Pauls bereits (2011) definierten Koordinaten psycho-sozialer Behandlung.

Zu 6. Durchführung der ZEA

Die beiden Autoren geben eine konkrete Arbeitsanleitung und Hilfestellung, in der die praktische Durchführung der Zielerreichungsanalyse Schritt für Schritt erklärt und ausdifferenziert wird. Dabei werden folgende Bereiche im Hinblick auf die Prozesssteuerung genauer vorgestellt:

Kontrakterarbeitung, Entwicklung von Interventionszielen, Gewichtung und Bedeutung der Ziele, Bewertung der Zielerreichung, Anzahl und Zeitabstand der Bewertungen, Einbeziehung neuer Ziele und Zielgewichte im Verlauf.

Zu 7. Auswertung und Interpretation

Wie die Auswertung und Interpretation der Datenerhebung unter Nutzung der Arbeitshilfe vorgenommen werden kann, ist Inhalt des siebten Kapitels. Dabei wird verdeutlicht, wie der Veränderungsindex, (der sich aus dem Scalenwert der Zielerreichung und der Bedeutung (dem Gewicht) errechnet, die dem Ziel vom Klienten gegeben wurde) zustande kommt.

Darüber hinaus geben die Autoren Hinweise dazu, wie der errechnete Index im Rahmen einer motivationsfördernden Veränderungsarbeit am besten genutzt werden kann

Zu 8. Beispiele zum Einsatz der ZEA in der psychosozialen Fallarbeit

Im letzten Kapitel verdeutlichen die Autoren den Einsatz der Arbeitshilfe zur Zielerreichungsanalyse an ausgewählten Beispielen im Rahmen einer Heilpädagogischen Einrichtung, eines Hilfepanverfahrens/Jugendamt, dem Kinderschutz, der Gemeindenahen Psychiatrie und dem beschäftigungsorientierten Fallmanagement.

Diskussion

Die von Pauls und Reicherts vorgestellte Arbeitshilfe zur Zielerreichungsanalyse ist für den Diskussionsprozess der psycho-sozialen Fallarbeit und Diagnostik deshalb besonders interessant, weil es einerseits ein Kriterien geleitetes und über Indikatoren operationalisierbares Messverfahren der Zielerreichung darstellt und andererseits den Anspruch erhebt, prozessual, intersubjektiv und beteiligungsfördernd mit Menschen zu arbeiten, die psycho-sozial zum Teil schwer und chronisch belastet sind. Die Autoren verknüpfen psychische und soziale Perspektiven auf psycho-soziale Fallarbeit, die ihren Ausgangspunkt in einer klinischen Sozialarbeit/Soziotherapie hat.

Eine solche Verknüpfung erscheint dringend geboten, weil psycho-soziale Fallarbeit Verfahren braucht, die eine Verschränkung von psychischer und sozialer Realität aktiv in den Blick nehmen, die Fachkräften Gestaltungshilfen einer prozessualen, begleitenden, unterstützenden und kooperativen Fallarbeit an die Hand geben und die es ermöglichen, Arbeitsergebnisse zu evaluieren. Die Arbeitshilfe verdeutlicht wie stützend es für psycho-sozial schwer belastete Klienten/innen sein kann, Veränderungsarbeit über kooperative Zielvereinbarungen prozesshaft zu gestalten.

Es fällt allerdings auf, dass die Autoren, neben dem Rückgriff auf psychologische Erkenntnisse, keinen Bezug auf Diskussionen der Sozialpädagogischen Diagnostik und Fallarbeit (z.B. Heiner, M./ Pantucek, P. u.a.) bzw. des Methodischen Handelns (z.B. v. Spiegel, H./Müller, B.) nehmen. Möglicherweise wird hier eine Abgrenzung zwischen Therapieforschung und wissenschaftlicher Sozialpädagogik/Sozialer Arbeit sichtbar, die auch umgekehrt leider nicht selten vorkommt.

Fazit

Pauls und Reicherts gelingt es vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrungen im Theorie und Praxiskontext der klinischen Sozialarbeit eine Arbeitshilfe vorzulegen, die

quer zu den Arbeitsfeldern psycho-sozialer Fallarbeit als systematisches, begleitendes Verfahren zur Zielorientierung und Zielerreichungsanalyse genutzt werden kann.

Es muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Verknüpfung von Messverfahren und subjektorientierter Veränderungsarbeit voraussetzungsvoll ist, an professionelle Kompetenzen gebunden, die insbesondere unter Handlungsdruck nicht immer vorausgesetzt werden können. Auch die Frage, wie der Professionellen damit umgehen, dass sie ihre Arbeit, möglicherweise sogar ihren Arbeitsplatz über die Erreichung der Ziele, die sie selbst mit festlegen und überprüfen, legitimieren müssen, bleibt offen.

Die Arbeitshilfe ist für Praktiker und Praktikerinnen der psycho-sozialen Fallarbeit, für Studenten und Studentinnen der Sozialen Arbeit, der Psychologie und für Lehrende zu empfehlen, die Studierende für psycho-soziale Fallarbeit ausbilden.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Jansen
Professorin für Soziale Arbeit, Schwerpunkt: Psycho-soziale Diagnostik, Resozialisierung, Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster
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Zitiervorschlag
Irmgard Jansen. Rezension vom 10.03.2014 zu: Helmut Pauls, Michael Reicherts: Zielorientierung und Zielerreichungsanalyse in der psycho-sozialen Fallarbeit. Eine Arbeitshilfe für Beratung, Soziale Arbeit, Sozio- und Psychotherapie. ZKS-Verlag (Weitramsdorf) 2013. 2., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-934247-64-2. Schriftenreihe zur psychosozialen Gesundheit, Bd. 14. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15381.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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