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Markus Dederich, Heinrich Greving u.a.: Behinderung und Gerechtigkeit

Cover Markus Dederich, Heinrich Greving, Christian Mürner, Peter Rödler: Behinderung und Gerechtigkeit. Heilpädagogik als Kulturpolitik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2013. 280 Seiten. ISBN 978-3-8379-2305-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: Therapie & Beratung.
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Thema

Grundsätzlich ist in Debatten um Inklusion der Konzeptionalisierung von Behinderung als historisch-kultureller Differenz eine stärkere Beachtung zu schenken. Dabei ist zu analysieren „ob das normative und mit universalem Anspruch auftretende Postulat der Inklusion mit einer faktisch diversifizierten und heterogenen Kultur […] durchsetzbar ist“ (S. 13). Außerdem gilt es herauszuarbeiten, auf welche Weise gesellschaftliche Institutionen wie die Disziplin und Profession der ‚Heilpädagogik‘ an der Produktion und Reproduktion dieser Kultur teilhaben.

Nach Ansicht der Herausgeber ergibt sich dieses Gebot in besonderer Weise aus den Diskussionen um Behinderung und Gerechtigkeit im Zusammenhang mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Dass diese auf die Unmöglichkeit einer vollständigen Klärung inklusionsbezogener Fragen verweist, ist Gegenstand der vorliegenden Publikation. Davon ausgehend wird der Versuch unternommen, die politische Dimension der ‚Heilpädagogik‘ durch die Bestimmung von Wechselseitigkeiten zwischen Kultur, Politik und Disziplin herauszuarbeiten bzw. rekonzeptionalisieren.

Entstehungshintergrund

Wie bereits in den drei vorausgegangenen Veröffentlichungen der Herausgeber (‚Zeichen und Gesten‘, ‚Inklusion statt Integration‘ und ‚Heilpädagogik als Kulturwissenschaft‘) so wird auch im vorliegenden Band der Versuch unternommen neue Wege bei der Untersuchung zentraler Problemstellungen der ‚Heilpädagogik‘ zu beschreiten, bzw. aktuelle Fragen in einem kulturellen Kontext zu reformulieren. Ausgangspunkt ist dabei die Feststellung, dass die politische Dimension der ‚Heilpädagogik‘ seit der Materialistischen Behindertenpädagogik meist zu wenig beachtet wird, wodurch organisatorische und organisationskulturelle Fragestellungen aus dem Blick geraten.

Aufbau

Den 15 Beiträgen dieses Bandes ist eine fundierte Einleitung der Herausgeber vorangestellt, in welcher die zentralen Begriffe definiert und Zusammenhänge zwischen diesen Themenfelder stringent erläutert werden.

Im ersten Kapitel zum Thema Gerechtigkeit stehen vor allem ethische Fragen im Kontext von Freiheit und Selbstbestimmung und deren Verhältnis zur ‚heilpädagogischen‘ Praxis im Mittelpunkt.

Die Beiträge des zweiten Kapitels zum Bereich Politik nehmen anschließend die verschiedenen Dimensionen des Politischen zum Ausgangspunkt und diskutieren die Ausgestaltung verschiedener Dimensionen der Verwirklichung bzw. Verhinderung von Gerechtigkeit, vor allem anhand deren Auswirkungen auf behinderte Randgruppen.

Der letzte Abschnitt zum Thema Kultur/ Kulturpolitik geht von der These aus, dass der gesamte kulturelle Raum auf die Gestaltung des Politischen zurückwirke und Kultur und Politik sich wechselseitig aufeinander beziehen. Kulturpolitik ist demnach zu verstehen als „ein Schauplatz für bzw. Austragungsort von Konflikten, Ideen und Differenzen“ (S. 12).

Zu Kapitel 1: Gerechtigkeit

In seinem Beitrag Recht und Gerechtigkeit verweist Markus Dederich auf Leerstellen und Fehlannahmen in Diskussionen um Gerechtigkeit und Inklusion. Er konstatiert nicht nur eine Vernachlässigung von individuellen Handlungsdimensionen und somit einer konsequenten Bezugnahme auf sozialethische Perspektiven, sondern auch eine meist unausgesprochene Gleichsetzung von Recht und Gerechtigkeit. Diese diskutiert er kontrastierend durch eine Bezugnahme auf eine philosophiegeschichtliche Abhandlung des Verhältnisses von Recht, Gerechtigkeit und Moral, Emmanuel Levinas Konzeption von Gerechtigkeit als einer spezifischen sozialen Figuration und Jacques Derridas ‚Aporien des Rechts‘. Abschließend stellt er zur Diskussion „ob das Recht das richtige Medium ist, Gerechtigkeit herzustellen“ (S. 32) und verweist auf die Grenzen einer stark normorientierten Inklusion, die gelebte Werte zu vernachlässigen droht.

Peter Rödler arbeitet in Menschen(ge)recht – Anthropologische Grundüberlegungen zu einer menschlichen Qualität anschaulich heraus, dass die Forderung ‚Inklusion für alle‘ aufgrund der derzeitigen Verteilung materieller Ressourcen – national wie global – in ihrem Gesamtanspruch als Utopie zu bezeichnen ist. Des Weiteren diskutiert er anthropologische Grundvoraussetzungen, um einen universell gültigen normativen Kern zu begründen. Martha Nussbaums ‚Capability-Approach‘ stellt er dabei das Konzept der ‚biologistischen Unbestimmtheit‘ entgegen, welches auch auf Menschen mit schweren Beeinträchtigungen angewendet werden könne und auf die zentrale Bedeutung des sozialen und kulturellen Eingebundenseins verweist. Rödler zufolge ließen sich ausgehend von diesem „anthropologischen Zentralpunkt“ (S.45) wahrhaft inklusive Zielperspektiven - pädagogisch wie gesellschaftlich – formulieren und derzeitige Verfahren auf dieser Grundlage bewerten.

Sascha Plangger und Volker Schönwiese heben in ihrem Beitrag Bildungsgerechtigkeit zwischen Umverteilung, Anerkennung und Inklusion mit einem Rekurs auf Nancy Frasers Gerechtigkeitskonzept der ‚partzipatorischen Parität‘ hervor, dass gerade in neoliberalen Kontexten das soziale und kulturelle Modell von Behinderung der Disability Studies nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Vielmehr gelte es in Diskussionen um (Bildungs-)Gerechtigkeit Behinderung als dreidimensionales Phänomen (Ökonomie, Kultur, Politik) zu betrachten. In Abgrenzung zu „dekonstruktivistischen Theorie-Entwicklungen“ (S. 68) betonen sie die Relevanz empirischer Forschungen auf dem Gebiet der Inklusion, die sie an Beispielen veranschaulichen.

Aus einer politisch-philosophischen Perspektive fragt Christian Lindmeier in Gerechtigkeit, politische Inklusion und Behinderung nach Möglichkeiten einer fundamentalen (Teilhabe-)Gerechtigkeit. Mittels einer soziologischen Begriffsbestimmung von Inklusion und Exklusion hebt er die Notwendigkeit der Reflexion von Machtfragen bezüglich der Rechtfertigung und Bestimmung der Verteilung von Gütern hervor. Zudem stellt er das Potential des ‚capability approaches‘ und die Notwendigkeit eines „beständigen politischen >Monitorings< unter Beteiligung von behinderten Menschen“ (S. 90) heraus.

Mit dem Dilemma, dass „Gerechtigkeit und Inklusion […] in der gemeinschaftlichen Sphäre ihren engen Zusammenhang“ (S. 108) verlieren und dass „gemeinschaftliche Inklusion letztlich eine Frage der Freiwilligkeit ist“ (S. 97), setzt sich FranziskaFelder im Beitrag Inklusion und Gerechtigkeit auseinander. Die Autorin verdeutlicht, dass das Verhältnis von Inklusion und Gerechtigkeit zwar auf einer basalen Ebene durch die Anerkennung Aller und gesellschaftliche Teilhabe an demokratischen Willensbildungsprozessen gewährleistet werden könne. Auf einer gemeinschaftlichen Ebene bleibe dieses Verhältnis letztlich jedoch aufgrund der notwendigen individuellen Freiheit unbestimmt. Hier schlägt Felder vor, die Bezugnahme auf Recht und Gerechtigkeit durch das Interesse am konkreten Anderen zu erweitern.

Zu Kapitel 2: Politik

Anne-Dore Stein stellt in Das Politische als das Handeln im »Zwischen« – Die politische Dimension der Heilpädagogik dezidiert die Notwendigkeit eines aktiven politischen Handelns der Disziplin heraus. Das Politische definiert Stein unter Bezugnahme auf Hannah Ahrendt (politischer Raum als kulturelle, intersubjektiv hervorgebrachte Leistung) und Oskar Negts Verantwortungsbegriff. Übertragen auf die ‚Heilpädagogik‘ verlange diese Rahmung die Klärung der Frage, „welche Art von gesellschaftlicher Institution »die Heilpädagogik« heute ist“ (S. 120) bzw. „eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin und ihrer gesellschaftlichen Funktion der Selektion der »Nicht-Brauchbaren«“ (S. 119). Daher sei die historische Vorherbestimmung durch scheinbar ‚objektiv-natürliche‘ Sachverhalte und die eigene Ausrichtung auf Selektion und Separation in gleichem Maße in Betracht zu ziehen, wie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen eines ‚autoritären Kapitalismus‘ (Heitmeyer). Stein resümiert, dass die derzeit herrschende Sprachlosigkeit durch ein politisches Handeln im Zwischen unter anderem dadurch zu überwinden wäre, dass die Disziplin diesen Widerstreit offenlege und als Katalysatorin inklusiver Strukturen fungiere.

Jörg Michael Kastl fordert in seinem kritischen und teils überspitzt anmutenden Beitrag („Inklusionspropaganda“ S. 150) eine Konkretisierung des Inklusionsdiskurses, u.a. durch eine soziologische Begriffsbestimmung von Inklusion und Integration. Dabei problematisiert Kastl Fehlannahmen in aktuellen Diskussionen um Inklusion. Diese sieht er sowohl in übersteigerten Hoffnungen an die UN-BRK als auch in einer unkritischen Bezugnahme auf Annedore Prengels Konzept der ‚Pädagogik der Vielfalt‘.

Dass Wissenschaft und Forschung hochwirksame Macht- und Herrschaftsinstrumente sind und im deutschsprachigen Raum die Definitions- und Gestaltungsmacht bisher weitestgehend bei nichtbehinderten Forscher_innen liegt, thematisiert Petra Flieger in Durch Partizipation zu mehr Gerechtigkeit in der Forschung zu Behinderung. In Anlehnung an den Rechtsphilosophen Peter Koller und Nancy Frasers Konzept der ‚partizipatorischen Parität‘ stellt sie Potentiale partizipatorischer Forschung für Gerechtigkeit in Forschung und Gesellschaft heraus. Die Anforderungen an selbige hält Flieger auf der Grundlage eines internationalen Vergleichs von partizipatorischen Forschungsansätzen überblicksartig fest und verweist abschließend auf Best Practice Modelle.

Ob und inwieweit mit Verfahren individueller Hilfeplanung Teilhabe hergestellt werden kann, fragt Erik Weber in seinem Beitrag. Da Hilfeplanung aufgrund des Zusammentreffens unterschiedlicher Interessenlagen als ambivalente Angelegenheit zu betrachten sei und die konsequente Achtung persönlicher Kompetenzen sowohl durch defizitäre Diagnosen als auch die zentrale Stellung von Gesundheitsproblemen im SGB erschwert werde, fordert er geeignete Strukturen für ein rechtlich abgesichertes, teilhabeorientiertes, personenzentriertes und sozialräumliches Arbeiten in der Behindertenhilfe.

Ausgehend von Pierre Bourdieus Kapitaltheorie und auf der Grundlage zum Teil eigener empirischer Erkenntnisse arbeitet Fabian von Essen in seinem Beitrag Die politische Dimension der sozialen Konstruktion von »Lernbehinderung« anschaulich heraus. Van Essen zufolge zeige sich die politische Dimension daran, dass durch die Kategorie ‚Lernbehinderung‘ soziale Ungleichheit reproduziert werde. Aufgrund einer weiterhin defizit-orientierten und medizinisch-biologisch konnotierten Etikettierungspraxis seien zudem negative Auswirkungen auf die Subjketivierung festzustellen, welche ein verändertes disziplinäres Selbstverständnis erfordern. Diese Überlegungen münden in die zaghaft anmutende Forderung des Autors den disziplinären Zuständigkeitsbereich zu einer „Pädagogik für sozial Benachteiligte“ (S. 198) zu erweitern. Nach Ansicht des Rezensenten wäre an dieser Stelle eine Kontextualisierung hinsichtlich aktueller Diskussionen um Dekategorisierung und eine subsidiäre Konzeption der ‚Sonderpädagogik‘ hilfreich.

Zu Kapitel 3: Kultur/ Kulturpolitik

Das dritte Kapitelbeginnt mit einem Beitrag von Erich Otto Graf. Darin postuliert dieser, dass der Zugang zu formaler Bildung gerade im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen im Neoliberalismus nur bedingt einen Beitrag zur Gerechtigkeit liefern kann. Vielmehr, so Graf, bedürfe es veränderter gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse unter Beteiligung der Betroffenen.

Warum der gesellschaftliche Perspektivenwechsel im Zusammenhang mit Inklusion schwer zu vollziehen ist diskutiert Holger Burckhart in seinem Essay. Im Sinne des Konzepts der ‚diskursiven Ethik‘ als einem verantwortungsethischen Ansatz verweist er auf die Notwendigkeit Differenz „als Vielfalt moralisch und kommunikativ Gleichartiger und -wertiger“ (S. 227) zu betrachten und Inklusion somit als gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen.

In seinem fundierten Beitrag Zur Kultur der Gerechtigkeit der Heilpädagogik geht Heinrich Greving der Frage nach wie die ‚Heilpädagogik‘ zur sozialen Gerechtigkeit beitragen kann. Er diskutiert dies ausgehend von einer definitorischen Grundlegung des Kulturbegriffes und gerechtigkeitstheoretischer Überlegungen, woraus er spezifische Anforderungen an das Professionsverständnis der ‚Heilpädagogik‘ ableitet. Mit Verweis auf konstruktivistische Überlegungen und sein eigenes Modell zur fachlichen Dimension der ‚heilpädagogischen‘ Professionalität fordert Greving eine mehrdimensionale Orientierung unter anderem aufgrund aktueller gesellschaftlicher Tendenzen im Neoliberalismus. ‚Heilpädagogik‘ müsse demnach differenztheoretisch, interdisziplinär und multimodal agieren.

Christian Mürner diskutiert in »Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne« Kulturpolitische Perspektiven zur narrativen Heilpädagogik die Bedeutung einer ästhetischen und narrativen Perspektive in der Darstellung von Behinderung. Dabei hebt er das Potential literarischer Darstellungen hervor, welche Behinderung mehrperspektivisch thematisieren. Mit Bezug auf Theodor W. Adornos ‚Ästhetische Theorie‘ fordert der Autor eine ästhetische Dimension in der kulturpolitischen Perspektive, deren Ambivalenz hilfreich erscheint, um defizitäre Sichtweisen zu verringern und Gerechtigkeit zu erhöhen.

Jan Weisser fordert in seinem Beitrag DisabiLiTy STudies in EducaTion: Kritische Wissensaktivitäten entfalten eine radikale Referentialisierung eigener Wissensaktivitäten. Er greift dabei das im deutschsprachigen Raum bisher nicht beachtetet Konzept der ‚Disability Studies in Education‘ auf und verdeutlicht die Notwendigkeit diskursiver Interventionen exemplarisch an einem Gerichtsurteil des schweizerischen Bundesgerichtshof zur integrativen Beschulung. Weisser zufolge zeichne sich die Perspektive der Disability Studies in Education durch eine kritische Betrachtung von Barrieren im Zusammenhang von Bildung und Behinderung aus. Kritische Wissensaktivitäten zielen dabei auf die Überwindung bestehender Barrieren, die Thematisierung normativer Konstrukte und Beteiligungsprobleme in der Wissensproduktion.

Diskussion

Die hier versammelten Beiträge verdeutlichen durch die Vielzahl theoretischer Perspektiven sowie weitestgehend durch ihre inhaltliche Stringenz und analytische Tiefe eindrucksvoll, dass es sich bei Inklusion nicht um ein voraussetzungsfreies Anliegen handelt, sondern deren Umsetzung stets historisch-kulturell determiniert ist. Wenngleich Inklusion nicht dezidiert im Zentrum steht, können die Ausführungen zum Verhältnis von Behinderung und Gerechtigkeit doch grundsätzlich zu einer Schärfung der Begrifflichkeit beitragen. Besonders hervorzuheben ist, dass die Beiträge auf die Eingebundenheit der ‚heilpädagogischen‘ Praxis und Theorie in kulturelle Zusammenhänge verweisen und somit inner-disziplinär/-professionelle Barrieren aufzeigen, denen zukünftig eine größere Beachtung zukommen sollte.

Die systematische Unterteilung durch die drei Unterkapitel sowie die Klärung zentraler Begrifflichkeiten in der Einleitung erweisen sich als äußerst hilfreich, um die unterschiedlichen Analyseebenen voneinander zu trennen.

Gleichzeitig ist kritisch anzumerken, dass eine weitergehende und grundlegende definitorische Bestimmung von Behinderung (‚nicht diagnostisch oder klassifikatorisch, sondern kritisch-analytisch‘, S. 14) hilfreich wäre, um die angestrebte kritische Perspektive der ‚Human Abilities Studies‘ zu erweitern. Denn trotz erwähnter Konvergenzen zu den Disability Studies bleibt meist offen, inwiefern deren kulturelles Modell von Behinderung, besonders bezogen auf die Konstruktion körperlicher Schädigungen, Beachtung findet. Zwar liefern beispielsweise Plangger und Schönwiese zunächst ein weitreichendes Konzept von Behinderung, indem sie dieses dreidimensional (ökonomisch, kulturell und politisch) anlegen und somit eine vielversprechende Kombination aus sozialem und kulturellen Modell anstreben. Inwiefern die Mehrheitsgesellschaft Bilder von Behinderung erzeugt oder gar körperliche Schädigungen produziert, bleibt dabei jedoch unbeantwortet.

Ähnlich verhält es sich mit Steins definitorischer Grundlegung von Behinderung nach Feuser (S. 123), bei welcher die biologisch-organische Beeinträchtigung als naturgegeben durchscheint. An dieser Stelle wäre eine dezidierte Bezugnahme auf die Kritik an ontologisierenden Zuschreibungen körperlicher Schädigungen der Disability Studies (vgl. Waldschmidt 2007) erfolgversprechend, gerade um die berechtigten Einwände bzgl. medizinisch-defizitären Etikettierungspraxen, welche Stein, Weber, von Essen und Mürner äußern, konsequent weiterzuführen.

Daran anknüpfend provoziert das zu Beginn eingeführte Konzept der Kulturpolitik, als „»Auseinandersetzung darüber, welche Wörter man verwenden sollte« (Rorty 2008, S. 15)“ (S. 12) zudem ein Nachdenken über die disziplinäre Bezeichnung der ‚Heilpädagogik‘.

Fazit

Die einzelnen Beiträge heben in der Summe eindringlich die Notwendigkeit einer grundlagentheoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung und Gerechtigkeit hervor. Dadurch werden in mehrfacher Hinsicht wichtige Impulse zur Diskussion um Inklusion geliefert. Zum einen wird in den Worten Rödlers (S. 51) dazu beigetragen „dass das Projekt nicht schon im Ansatz auf der Ebene des theoretischen Fundaments in eine Sackgasse gerät“. Zum anderen wird anhand der ‚Heilpädagogik‘ exemplarisch die Verstrickung weiterer ‚Behinderungspädagogiken‘ (Hazibar/ Mecheril 2013) in gesellschaftliche und kulturelle Praktiken des Ein- und Ausschlusses verdeutlicht. Somit sei diese Publikation allen angeraten, die sich aus einer gesellschafts- und kulturpolitischen Perspektive mit dem Thema Inklusion beschäftigen und es bleibt zu hoffen, dass diese Veröffentlichung in der fachlichen Debatte in gebührendem Maße rezipiert wird.

Literatur

  • Hazibar, Kerstin; Mecheril, Paul (2013): Es gibt keine richtige Pädagogik in falschen gesellschaftlichen Verhältnissen. Widerspruch als Grundkategorie einer Behinderungspädagogik. In: Zeitschrift für Inklusion, Nr. 1 (2013), URL: www.inklusion-online.net/index.php/i, Datum des Zugriffs 06.11.13.
  • Waldschmidt, Anne (2007): Macht – Wissen – Körper. Anschlüsse an Michel Foucault in den Disability Studies. In: Waldschmidt, Anne/ Schneider, Werner (Hg.): Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung. Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld. Bielefeld: transcript, 55-77.

Rezensent
Benjamin Haas
Lektor für den Bereich Inklusion im Jugendalter an der Universität Bremen
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Zitiervorschlag
Benjamin Haas. Rezension vom 18.11.2013 zu: Markus Dederich, Heinrich Greving, Christian Mürner, Peter Rödler: Behinderung und Gerechtigkeit. Heilpädagogik als Kulturpolitik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2013. ISBN 978-3-8379-2305-6. Reihe: Therapie & Beratung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15393.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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