socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rolf Werning, Ann-Kathrin Arndt (Hrsg.): Inklusion. Kooperation und Unterricht entwickeln

Cover Rolf Werning, Ann-Kathrin Arndt (Hrsg.): Inklusion. Kooperation und Unterricht entwickeln. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. 247 Seiten. ISBN 978-3-7815-1898-8. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 27,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Im Mittelpunkt steht das Thema Kooperation, denn: „Inklusive Schulen verwirklichen das Miteinander von unterschiedlichen Personen in unterschiedlichen Kontexten“ (S. 7).

Herausgeber und Herausgeberin

  • Rolf Werning ist Professor für Sonderpädagogik an der Leibnitz Universität Hannover. Er bearbeitet dort das Lehrgebiet Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen.
  • Ann-Kathrin Arndt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich des Erstherausgebers.

Entstehungshintergrund

Die Entstehung dieses Sammelbandes basiert auf der seit 2009 in Deutschland rechtskräftigen Vereinbarung über die Rechte von Menschen mit Behinderung.

Aufbau

Kooperation von Regelschullehrkräften und Lehrkräften für Sonderpädagogik

  • Ann-Kathrin Arndt, Rolf Werning: Unterrichtsbezogene Kooperation von Regelschullehrkräften und Lehrkräften für Sonderpädagogik. Ergebnisse eines qualitativen Forschungsprojekts
  • Ann-Kathrin Arndt, Annika Gieschen: Kooperation von Regelschullehrkräften und Lehrkräften für Sonderpädagogik im gemeinsamen Unterricht. Perspektiven von Schülerinnen und Schülern
  • Lena Voß: Die Konzepte „Kompetenzzentrum für sonderpädagogische Förderung“ und „Regionale Integrationskonzepte“ als Wegbereiter für Inklusion. Eine qualitative Untersuchung.
  • Dirk Reiche: Entwicklung der Zusammenarbeit von multiprofessionellen Klassenteams im Sekundarstufenbereich I anhand einer Arbeitsplatzbeschreibung für Förderschullehrkräfte im Rahmen des Regionalen Konzeptes Hannover Nordwest
  • Jessica M. Löser: „Support Teacher Model“ – Eine internationale Perspektive auf Lehrerkooperation an inklusiven Schulen
  • Michele Eschelmüller: Unterrichtsentwicklung mit Unterrichtsteams in integrativen Schulen

Kooperatives Lernen im inklusiven Unterricht

  • Meltem-Avci-Werning, Judith Lanphen: Inklusion und kooperatives Lernen
  • Rainer Mangels: Förderung des metakognitiven Wissens in kooperativen Lernarrangements im inklusiven Mathematikunterricht der Primarstufe

Kooperation zwischen Bildungsinstitutionen am Beispiel des Übergangs Kindergarten – Grundschule

  • Michael Lichtblau, Sören Thoms, Rolf Werning: Kooperation zwischen Kindergarten und Schule zur Entwicklung der kindlichen Interessenentwicklung
  • Antje Rothe: Professionelle Herausforderungen im Umgang mit Heterogenität am Schulanfang

Inhalt

Die Herausgeberin und der Herausgeber stellen in ihrem Beitrag ausgewählte Forschungsergebnisse zur unterrichtsbezogenen Kooperation von Regelschullehrkräften und Lehrkräften für Sonderpädagogik vor. Übergreifend wird festgestellt, dass verschiedene Variationen der Kooperation durchgeführt werden. Arndt und Werning befassen sich mit

  • den Vorteilen der Kooperation, als da beispielsweise wäre eine Entlastung durch die Sonderpädagoginnen oder Sonderpädagogen;
  • den Schwierigkeiten und Entwicklungsbedarfen, als da z. B. ein Zeitmangel hervorgehoben wird;
  • der Rollen- und Aufgabenverteilung in der unterrichtlichen Kooperation, z. B. wird vor dem Hintergrund fehlender zeitlicher Ressourcen erkennbar, dass „in der Doppelbesetzung und/oder in der gemeinsamen Vorbereitung äußere Differenzierungsformen umgesetzt werden […]. Zum anderen überwiegt in gemeinsamen Unterrichtssituationen eine Rollen- und Aufgabenverteilung, welche der Sonderpädagogin bzw. dem Sonderpädagogen eine nachrangige Rolle zuweist“ (S. 16).

Das Ziel der Studie ist „eine empirisch abgesicherte und verdichtete theoretische Beschreibung der Kooperation von Regelschullehrkräften und Lehrkräften für Sonderpädagogik an einer integrierten Gesamtschule“.

Das Forschungsprojekt zeichnet sich durch ein qualitativ und mehrperspektivisch angelegtes Forschungsdesign aus.

Bei den Ergebnissen zur unterrichtsbezogenen Kooperation bemerken die Verfasserin und der Verfasser

  • dass es nicht die eine Kooperation gibt. Die unterrichtsbezogene Kooperation ist ein Zusammenspiel unterschiedlicher Ebenen.
  • das Fehlen von „Zeitfenstern […] außerhalb des Unterrichts“ – und das wird unter dem Aspekt der Gelingens- und Hinderungsbedingungen der unterrichtsbezogenen Kooperation als hinderlich erlebt. Außerdem befassen sich die Autorin und der Autor:

    • mit der Zuweisung sonderpädagogischer Ressourcen;
    • der Anzahl der kooperierenden Lehrkräfte;
    • der Wertschätzung und Akzeptanz der Kooperation;
    • der individuellen Kooperationsbereitschaft, Erfahrung und Kompetenz;
    • der persönlichen Beziehung der kooperierenden Lehrkräfte;
  • dass die Doppelbesetzung eine Voraussetzung für eine unterrichtliche Kooperation ist:

    • bezüglich des flexiblen Einsatzes der Sonderpädagoginnen und -pädagogen;
    • der unterrichtlichen Variation der Aufgaben- und Rollenverteilung;
  • die Rollen- und Aufgabenverteilung im gemeinsamen Klassenraum:

    • hinsichtlich der unterschiedlichen Positionen und einem Rollenwechsel;
    • mit Blick auf die Kooperation in Bezug auf Unterrichtsruhe und Disziplin;
    • bezüglich ähnlicher Rollen und Aufgaben von Regelschul- und Förderschullehrkraft;
    • auf die Verteilung der Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler blickend;
    • auf den Entwicklungsbedarf der Kooperation in gemeinsamen Unterrichtssituationen schauend;
  • die Kooperation im Unterricht bei Lerngruppenteilung und Nutzung des Förderraums – und hier werden betrachtet:

    • die Bildung leistungsheterogener Gruppen;
    • die Bildung von eher leistungshomogenen Gruppen;
    • die Variation der Vorgehensweise bei der Gruppenteilung;
  • die außerunterrichtliche Kooperation hinsichtlich der Rollen und Aufgabenverteilung in der Unterrichtsvorbereitung – und da geht es um:

    • die weitestgehend unabhängige Unterrichtsvorbereitung durch die Regelschullehrkraft;
    • eine geteilte oder gemeinsame Unterrichtsvorbereitung;
    • die Nachbereitung des Unterrichts;
    • die divergente Einschätzung zu einer veränderten Rollen- und Aufgabenverteilung in der Unterrichtsvorbereitung;
    • den Wunsch nach einer gemeinsamen Unterrichtsvorbereitung;
    • den Informationsaustausch zwischen den Lehrkräften
  • die außerunterrichtliche Kooperation hinsichtlich der sonderpädagogischen Beratung;
  • die außerunterrichtliche Kooperation bezüglich der gemeinsamen Klassenleitung;
  • die festen Strukturen und individuellen Aushandlungen, wodurch es zur Entwicklung einer unterrichtsbezogenen Kooperation kommt.

In ihrer Diskussion und dem Ausblick besprechen die Verfasserin und der Verfasser die unterrichtsbezogene Kooperation:

  • zwischen Flexibilität, Diffusität und Struktur;
  • zwischen De-Privatisierung und Privatisierung;
  • zwischen Assistenz und Teamarbeit;
  • zwischen Unterrichtsermöglichung und -entwicklung;

Nach dem oben besprochenen ersten Beitrag befassen sich die Zweitherausgeberin und Annika Gieschen mit der Schülerinnen- und Schülerperspektive. Sie befassen sich mit den Perspektiven:

  • auf den gemeinsamen Unterricht, wozu es im deutschsprachigen Raum noch recht wenig Studien gibt (vgl. ergänzend URL www.psychologie-aktuell.com [Download: 13.10.2013]);
  • auf die Kooperation von Regel- und Förderschullehrkräften, die bisher in der Forschung auch kaum beachtet wurde.

Methodisch setzen sich die Autorinnen mit der Kindheitsforschung auseinander.

Bei der Bewertung der Kooperation von Regel- und Förderschullehrkräften durch die Schülerinnen und Schüler werden angesprochen:

  • die Vorerfahrungen der Schülerinnen und Schüler;
  • die zusätzliche bzw. schnelle Unterstützung durch zwei Lehrkräfte;
  • die individuelle Unterstützung und leistungsbezogene Differenzierung;
  • die Veränderung der Unterrichtsruhe;
  • die Verbesserung der Arbeitsatmosphäre und des Lernzuwachses;
  • die negativ bewerteten Aspekte.

Zur Rollen- und Aufgabenverteilung von Förder- und Regelschullehrkraft im gemeinsamen Unterricht vor dem Hintergrund des Umgangs mit Leistungsheterogenität machen die beiden Verfasserinnen Angaben

  • dazu, ob die Regellehrkraft die richtige Lehrkraft und die Förderlehrkraft eine Hilfslehrkraft ist, die über besondere Kompetenzen verfügt. Hier geht es dann:

    • um die Wahrnehmung unterschiedlicher Rollen und Aufgaben der Regel- und Förderlehrkraft;
    • um die Relevanz der Kooperationsform „one teach, one assist“;
    • um die besonderen Kompetenzen der Förderlehrkraft;
  • zur Relevanz der Differenz leistungsstark-leistungsschwach;
  • zum „Schonraum“ und dem Risiko der Zuschreibung „leistungsschwach“ mit dem Blick auf die Förderraumnutzung und der äußeren Differenzierung. Hier liegt der Fokus auf:

    • der Bedeutung für den Lernerfolg;
    • der Gruppeneinteilung
    • dem Förderraum als Schonraum;
  • zur gewünschten Differenzierung bei der Aufgabenschwierigkeit, die bei der Leistungsbewertung abgelehnt wird. Hier geht es um:

    • innere Differenzierung;
    • Leistungsbewertung;
  • zum Verhältnis des selbstständigen und kooperativen Lernens zur Unterstützung durch die Lehrkraft. Zur Sprache kommen:

    • das selbstständige und kooperative Lernen;
    • die Relevanz der Unterstützung durch die Lehrkraft;
    • die Wünsche der Schülerinnen und Schüler.

In dem Artikel von Lena Voß geht es um die Darstellung der zentralen Ergebnisse aus einer Untersuchung zum Konzept der Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung und regionalen Integrationskonzepten aus dem Sommer 2011. Die Forschungsfrage lautet: „Inwiefern eignen sich Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung und Regionale Integrationskonzepte als Wegbereiter für Inklusion?“ (S. 65).

Dirk Reiche beschreibt prozesshaft die Überlegungen, die seitens der Sonderpädagoginnen und -pädagogen stattgefunden haben und weiterhin stattfinden, „um Einblicke in die Einbindung der Sonderpädagogik in eine Integrierte Gesamtschule zu geben“ (S. 86).

Jessica M. Löser arbeitet in ihrem Beitrag „die Bedeutung und Herausforderungen von Lehrerkooperation sowie Möglichkeiten der strukturellen Verankerung von Kooperation auf der schulischen Ebene“ (S. 107) heraus und stellt das „Support Teacher Modell“ vor.

Michele Eschelmüller thematisiert Unterrichtsteams. „Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, entfalten Unterrichtsteams eine hohe Wirkung in Bezug auf Arbeitszufriedenheit der einzelnen Lehrpersonen, auf die Unterrichtsentwicklung der Schulen und insbesondere den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler. Dabei kommt der Schulleitung eine besondere Bedeutung zu“ (S. 125).

Avci-Werning und Lanphen nehmen in ihrem Beitrag die Vielfalt und Unterschiedlichkeit in einer inklusiven Schulklasse in den Blick. Vielfalt und Unterschiedlichkeit werden als Ressourcen genutzt. Es werden die Grundprinzipien kooperativen Lernens dargestellt, woraus ein Abbau von Vorurteilen gegenüber den anderen resultiert.

In Rainer Mangels´ Beitrag wird aufgezeigt, wie „ein metakognitives Wissen über Lernstrategien bereits im Mathematikunterricht der Primarstufe angebahnt werden kann, das als Grundlage taugt für die eigenständige Planung, Steuerung und Evaluation von Problemlöseprozessen“ (S. 176).

Lichtblau, Thoms und der Erstherausgeber befassen sich mit der kindlichen Interessenentwicklung im Übergang vom Kindergarten zur Schule. Hierfür referieren sie die Ergebnisse einer Längsschnittstudie, welche die Interessenentwicklung von Kindern aus soziokulturell benachteiligten Familien zum Thema hat.

Der Beitrag von Antje Rothe stellt die Forschungsergebnisse eines Forschungsprojekts, welches sich mit den Lernerfahrungen im Übergang befasst, vor. „Auf der Grundlage der Fokussierung der Perspektiven von Erziehern bzw. Erzieherinnen und Lehrkräften soll der professionelle Umgang mit Heterogenität am Schulanfang untersucht werden“ (S. 221).

Diskussion

Hinsichtlich des Einsatzes von Sonderpädagogen bei allen Bemühungen um schulische Inklusion – und dieser ist gem. Artikel 24 des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen auch gar nicht vorgesehen – erlaube ich mir auf den Brief von Frau Professorin Dr. Doris Elbers an die Fraktionen der SPD und Bündnis 90/DIE GRÜNEN des Landes NRW zu verweisen, der über die URL www.lokalkompass.de/witten/politik/ [Download: 13.10.2013] abrufbar ist. Gefordert wird in Artikel 24 Absatz 3 Buchstabe a der Schattenübersetzung des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen dagegen aber peer support (vgl. Rensinghoff 2004).

Fazit

Zur Lektüre der besprochenen Publikation aufgefordert werden sollen alle ausgebildeten und angehenden Lehrerinnen und Lehrer aller verfügbaren Lehrämter, da die Entwicklung inklusiver Bildung eine zentrale Herausforderung darstellt.

Literatur

  • Rensinghoff, Carsten: Peer Support in der beruflichen Habilitation schwer hirnverletzter Jugendlicher und junger Erwachsener. Butzbach-Griedel 2004.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
E-Mail Mailformular


Alle 117 Rezensionen von Carsten Rensinghoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 15.10.2013 zu: Rolf Werning, Ann-Kathrin Arndt (Hrsg.): Inklusion. Kooperation und Unterricht entwickeln. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. ISBN 978-3-7815-1898-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15398.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!