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Beatrice Friedli Deuter: Lernräume (heterogene Gruppen)

Beatrice Friedli Deuter: Lernräume. Kinder lernen und lehren in heterogenen Gruppen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2013. 166 Seiten. ISBN 978-3-258-07712-3. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Lernen als mäandernder Prozess

Das Bild vom mäandernden Fluss, der unterschiedlich schnell fließt, manchmal sogar still steht, aber auch rasend schnell sich bewegt, sich seine eigenen Wege sucht, mit dem eigentlichen Ziel, nämlich abwärts zu fließen und sich mit der Hauptströmung zu verbinden, ist ein guter Spiegel für Lernen. Auch beim menschlichen Lernen kann es nicht darum gehen, linienförmig, vorbestimmt und eingegrenzt in die Curricula sich zu bilden und gewissermaßen mit dem „Nürnberger Trichter“ vorgegebenes Wissen zugeteilt zu bekommen; vielmehr sind Lernen und Lehren individuelle Prozesse, die in der Vielfalt der Menschen ihre Voraussetzungen und Wirkungen finden. Wir sind bei der Überzeugung angelangt, dass (schulisches) Lernen nicht eingegleist und untergliedert sich vollziehen kann, also nicht im dreigliedrigen Schulsystem eingezwängt werden darf, sondern in einer, auf Heterogenität grundgelegten Schule vonstatten gehen muss. Das ist das pädagogische Credo, wie es seit Jahrzehnten etwa in den Studien des Deutschen Bildungsrates und von internationalen Kommissionen zum Ausdruck kommt: „Schulorganisation und Didaktik … (darf) nicht von der Vorstellung präformierter Begabungskonstanten ausgehen, sondern (/muss) sich daran orientieren, wie Begabungen entwickelt, gefördert und angeleitet werden können“ (1966).

Entstehungshintergrund und Autorin

„Mäandernde Lernverläufe geben den Kindern Raum und Zeit“. Diese Lehr- und Lernerfahrung widerspricht den gesellschaftlichen (und ideologischen) Vorgaben, die im allgemeinen in den Bildungsprogrammen und Schulgesetzen formuliert werden, nämlich den Heranwachsenden eine linienförmige und an die (ökonomischen) Bedürfnisse angepasste Bildung und Erziehung zu vermitteln. Lernen darf also nicht zum Vollzug verkommen, sondern muss zum Entwicklungsprozess werden, der von der Bedeutung der Vielfalt und Heterogenität der Menschen bestimmt ist. Die Berner Heilpädagogin, Schulleiterin einer Gesamtschule und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule, Beatrice Friedli Deuter, vermittelt im Buch „Lernräume“ ihre Erfahrungen mit heterogenen Lerngruppen in der Schule und Lehrerausbildung.

Aufbau und Inhalt

Im einführenden Beitrag „Verschiedenheit und Unterricht“ stellt der Leiter des Instituts für Heilpädagogik der PH Bern, Michael Eckhart, ein Lernmodell für den Unterricht in einer heterogenen Schulklasse zur Diskussion und plädiert für eine neue Schlüsselkompetenz des Lehrens und Lernens, die darauf ausgerichtet ist, alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen. An diesem „Würfelmodell“ orientiert sich die Autorin in ihrer pädagogischen und organisatorischen Arbeit. „Beweglichkeit für eine vielfältige Didaktik“, als Grundmuster für Lehren und Lernen. Es sind die wertvollen Praxisbeispiele und Vorschläge, die das Handbuch zu einem Hingucker und Hingreifer für Lehreraus- und -fortbildung machen. Die Lehrerin und der Lehrer, die im Unterricht hinter sich die Tür zumachen und angstvoll in Habacht-Stellung verharren, ja niemandem am pädagogischen und methodischen Tun Anteil haben zu lassen, dürften (sollten) der Vergangenheit angehören.

Lehren und Lernen lernen im Team, im pädagogischen und professionellen Erfahrungsaustausch, durch gemeinsam entwickelte Innovationen und Aha-Erlebnisse, diese Herausforderung thematisiert die Autorin in sechs Praxisfeldern, etwa indem sie auf die Bedeutung von Ritualen bei Lernprozessen verweist, die Chancen und Möglichkeiten von offenen Unterrichtsorganisationen darstellt, Beispiele für gemeinsame, heterogene Lernsituationen aufzeigt, diskutiert, welche Kompetenzen sich entwickeln können, wenn die Aufmerksamkeit bei Lernprozessen darauf gerichtet wird, dass Kinder von- und miteinander lernen, die Lehr-Praxis-Erfahrung „Differenzieren und Individualisieren“ nicht als Gegensätze, sondern als die zwei Seiten derselben Medaille aufzeigt, und Lern- und Unterrichtsplanung gewissermaßen als Akte der Selbstidentifikation und der funktionalen und professionellen Ausübung kennzeichnet.

Diskussion

Dem Rezensenten sei in diesem Zusammenhang erlaubt, als pro domo und als überzeugten ehemaligen Gesamtschullehrer, auf Initiativen hinzuweisen, die gewissermaßen „best Practice“-Beispiele schulischen Lernen darstellen (Manfred Prenzel / Michael Schratz / Gisela Schultebraucks-Burgkart, Hrsg., Was für Schulen! Schule der Zukunft in gesellschaftlicher Verantwortung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12587.php;Margret Rasfeld, "Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin", 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11659.php; Von Schulen lernen: „Teamarbeit macht Schule“. Bausteine der Entwicklung. Die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim, Seelze-Velber 2009, 120 S.).

Fazit

Es gibt viele Praxisanleitungen zum Lernen und Lehren. Nicht wenige davon kommen als Rezepturen daher und bewirken bei den Praktikern nicht selten eher Frust als Lust, mehr Enttäuschung denn Anregung und Hilfe. Das Handbüchlein „Lernräume“ von Beatrice Friedli Deuter gehört nicht zu dieser Kategorie; Es ist vielmehr ein anregendes Exempel dafür, dass die Diskussion und Weitergabe von Lehr- und Lernerfahrungen für die Weiterentwicklung von Bildungsprozessen notwendig, nützlich und hilfreich ist, beim Unterricht mit heterogenen Lerngruppen den humanen, individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, dass das Recht auf Bildung allen Menschen zusteht, wie dies in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (1948) formuliert wird: „Jedermann hat das Recht auf Bildung… Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit … gerichtet sein…“.

Das Handbuch sollte Eingang finden in die universitäre Lehrerausbildung und in die (schulinterne) Lehrerfortbildung.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.11.2013 zu: Beatrice Friedli Deuter: Lernräume. Kinder lernen und lehren in heterogenen Gruppen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2013. ISBN 978-3-258-07712-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15418.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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