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Dieter Röh: Soziale Arbeit, Gerechtigkeit und das gute Leben

Cover Dieter Röh: Soziale Arbeit, Gerechtigkeit und das gute Leben. Eine Handlungstheorie zur daseinsmächtigen Lebensführung. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2013. 274 Seiten. ISBN 978-3-531-19356-4. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit in Theorie und Wissenschaft.
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Thema

Mit dem Buch wird eine Theorie der Sozialen Arbeit vorgelegt, die den Capability Approach (Amartya Sen und Martha Nussbaum) als zentralen Bezugspunkt hat. Auf der Basis professionstheoretischer sowie erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Vergewisserungen entwirft Dieter Röh eine Handlungstheorie Sozialer Arbeit als Unterstützung daseinsmächtiger Lebensführung. Die Problematik des Mikro-Makro-Gap zwischen Subjekt und Gesellschaft wird in einem systemischen Modell bearbeitet. Die Funktion Sozialer Arbeit wird bifokal als Stärkung von subjektiver Handlungsbefähigung und als Bildung befähigender Strukturen konzipiert.

Autor

Dr. Dieter Röh ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Seine Arbeitsgebiete sind Klinische Sozialarbeit, Rehabilitation, Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie sowie Geschichte, Theorien und Methoden Sozialer Arbeit.

Aufbau

Das Buch umfasst sechs Abschnitte.

Zu 1. Einleitung

Das einleitende Kapitel spannt den Bogen von Individuum und Gesellschaft, Handlung und Struktur auf. Im Mikro-Makro-Link werden die Entwicklungslinien von Sozialpädagogik und Sozialarbeit verortet. Die Verbindung von Sozialpädagogik und Sozialarbeit zu einer Einheit, welche Wissenschaft und professionelle Praxis umfasst, sich in Bezug auf das mikro- und makrosoziale Aggregierungsniveau von Gesellschaft systemisch versteht und durch den Capabilities Approach moraltheoretisch orientiert und erweitert wird, bildet den Ausgangspunkt sowie die Zielsetzung der Arbeit.

Zu 2. Professionstheoretische Vorüberlegungen zu einer Handlungstheorie Sozialer Arbeit

Im zweiten Kapitel wird die Handlungstheorie daseinsmächtiger Lebensführung unter professionstheoretischen Gesichtspunkten vorbereitet und charakterisiert. In Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Theorien Sozialer Arbeit (insbesondere Thiersch, Böhnisch, Staub-Bernasconi, Germain/Gitterman, Winkler) wird ein Defizit an spezieller Handlungstheorie bzw. an deren stringenter Herleitung problematisiert. Die Lösung wird in Form einer praxeologischen Handlungstheorie vorgeschlagen, welche allgemeine und spezielle Handlungstheorie vereint, als Handlungstheorie (theoretische) Probleme konstruiert, als Praxeologie zugleich die Selbstaufklärung und Problemlösungskompetenz der professionellen Praxis befördert. Der handlungs- und kompetenzorientierte Ansatz von Röh zielt auf eine eigenständige Soziale Arbeit, die mit dem Capabilities Approach ethisch und normativ klar orientiert ist, wirksame Intervention anstrebt, sich aufgrund der Nicht-Trivialität und Hyperkomplexität sozialer Realität sowie den Risiken von Expertenmacht jedoch einem „weichen“ Expertentum verpflichtet sieht. Als Gegenstand Sozialer Arbeit wird die daseinsmächtige Lebensführung innerhalb von sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen definiert; die zentrale Funktion der vierfach mandatierten Sozialen Arbeit wird in der Unterstützung von Menschen, deren Lebensführung durch soziale Probleme beeinträchtigt ist, gesehen. Mehrfach unterstrichen und begründet wird – u. a. durch einen historischen Exkurs – die Notwendigkeit einer ethisch-moralischen Fundierung Sozialer Arbeit.

Zu 3. Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Einordnung sozialer Phänomene

Das dritte Kapitel expliziert namentlich den kritischen Realismus Roy Bhaskars. Charakteristika des kritischen Realismus wie die beobachterunabhängige Realität von (manchen sozialen) Tatsachen oder die Annahme von nicht beobachtbaren Tiefendimensionen („deep dimensions“), die für Handlungen konstitutiv sind, werden im Vergleich auch mit anderen Theorien dargestellt, u. a. dem sozialen Konstruktionismus Kenneth J. Gergens. Die drei Wirklichkeitsdimensionen des kritischen Realismus (Domain of Real, Domain of Actual, Domain of Empirical) werden mit Bezug zu sozialen Phänomen ausgeführt und als die für die Soziale Arbeit maßgeblichen Dimensionen sozialer Realität postuliert.

Zu 4. Grundlagen des Capabilities Approach

Im vierten Kapitel werden mit dem Utilitarismus, den Vertragstheorien von Hobbes und Locke sowie der Gerechtigkeitstheorie John Rawls zunächst wichtige theoretische Ansätze nachgezeichnet, mit denen sich Martha Nussbaum und Armatya Sen auseinandersetzen. Die unterschiedlichen Lesarten des Capabilities Approach von Nussbaum und Sen werden verdeutlicht. In einer stärker nationalökonomischen Perspektive, die u. a. den „Human Development Index“ hervorbrachte, zeigt Sen, dass für Gerechtigkeit und Wohlergehen neben Einkommensfragen weitere Faktoren wie z.B. Zugänge zum Bildungs- und Gesundheitssystem und die Möglichkeiten der Ressourcennutzung gewichtet werden müssen. Er enthält sich jedoch einer Auflistung von Capabilities, wie sie Nussbaum vorlegt. In einer aus der Aristotelischen Philosophie entwickelten, „stark vagen“ Konzeption des guten Lebens adressiert Nussbaum stärker das konkrete Regierungshandeln von Staaten, welches das Erreichen von Schwellenwerten in Bezug auf die Capabilities garantieren soll.

Röh widmet sich in diesem Kapitel ausführlich der Darstellung konzeptioneller Elemente des Capabilities Approach (u. a. Ressourcentransformation, Capabilities und Functionings, basic, internal und external Capabilities, Wahlfreiheit, Verantwortung, Rationalität, Sozialwahltheorie), klärt bzw. problematisiert Begrifflichkeiten (u. a. Nussbaums Definition von Person), macht teilweise eigene Präzisierungsvorschläge (u. a. die Aufschlüsselung von Capabilities in „Capacities“ als tatsächlich nutzbare Ressourcen und „Abilities“ als Kompetenzen zur Ressourcentransformation) und vertieft Bezüge zur Sozialen Arbeit (u. a. Definition des Sozialen, Gerechtigkeit für Menschen mit Behinderungen). Eingehend wird auch das Paternalismusproblem diskutiert.

Des Weiteren wird ein Vergleich des Capabilities Approach mit Lebenslagen-, Bedürfnis- und Menschenrechtstheorien geleistet. In Bezug auf die „Spielräume“ im Lebenslagenkonzept werden Parallelen ausgeführt (Verwirklichungschancen und Wahl der Verwirklichung). Die Bedürfnistheorien von Ilse Arlt und Werner Obrecht werden skizziert und unter Einbezug auch der Kategorien von Nussbaum und dem Lebenslagenansatz Gerhard Weissers synoptisch dargestellt. Hinsichtlich der Menschenrechte wird deren Akzentuierung von negativen Rechten hervorgehoben, wohingegen der Capabilities Approach in stärkerem Masse auch die faktische Befähigung zur Wahrnehmung von Rechten umfasst.

Zu 5. Soziale Arbeit als Unterstützung einer daseinsmächtigen Lebensführung

Im fünften Kapitel wird zunächst das Lebensführungskonzept zusammenfassend dargestellt und weiter expliziert, u. a. diskurs- und machttheoretisch. Die Leitdifferenz von Handlung und Struktur, die das Buch wie ein roter Faden durchzieht, wird im „systemischen Modell daseinsmächtiger Lebensführung“ komplementär konzeptualisiert, woraus sich als zentrale Handlungsaufträge Sozialer Arbeit individuelle Handlungsbefähigung und Kritik ungerechter Verhältnisse ergeben. Im Verhältnis zur (Sozial-)Politik hat Soziale Arbeit demzufolge die Aufgaben, die Befähigungen zur gesellschaftlichen Teilhabe zu sichern, auf die Abschaffung von sozialen Missständen politisch hinzuwirken und auch stellvertretend Interessen von „Sprachlosen“ wahrzunehmen. Des Weiteren werden ausführlich Probleme der subjektiven Handlungsfreiheit thematisiert: soziale Einschränkungen von Autonomie, Kontingenz, adaptive Präferenzen, begrenzte Rationalität, erlernte Hilflosigkeit u. a. m. Als Grundprinzipien von Interventionen Sozialer Arbeit werden Bildsamkeit und Ressourcennutzung thematisiert. Bildsamkeit wird in Erweiterung des pädagogischen Bezugs und in Anlehnung an den aristotelischen Begriff der (veränderbaren) Form als durch Menschen gestaltungsfähige Veränderbarkeit verstanden, die auf den vier Ebenen der Subjekte, der Sozialbeziehungen, der Sozialräume und der sozioökonomischen Lage ausgeführt werden. Der komplexe Prozess der Ressourcenallokation, -nutzung und -transformation wird ressourcentheoretisch fundiert und kritisch in Bezug auf „Weltaneignungsbarrieren“ auf den o. g. vier Ebenen dargestellt. Angemessene Ressourcenausstattungen, aber auch Ressourcennutzungsfähigkeiten sind Voraussetzungen, um ein gutes Leben im Sinne des Capabilities Approach verwirklichen zu können. Den pointierten normativen Begründungen Sozialer Arbeit im vorliegenden Werk entspricht eine ethische Sensibilität für den eingreifenden Charakter von sozialen Interventionen. Die Problematik begründeter paternalistischer Eingriffe im Sinne advokatorischer Ethik wird durch ein „ethisches Kontinuum“ von autonomer Lebensführung und Verantwortungsübernahme durch Andere gelöst, verbunden mit einer Care-Ethik, die zwischen lebensweltlichen und professionellen Hilfen differenziert. Das Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung der Handlungstheorie daseinsmächtiger Lebensführung sowie einer systematischen Zuordnung der Handlungsmethoden Sozialer Arbeit auf einem Kontinuum mit den beiden Polen der direkten Handlungsbefähigung und der Veränderung der Umwelt.

Zu 6. Ausblick

Das abschließende Kapitel benennt vier offene Fragen: Weiterführung der erkenntnis- und handlungstheoretischen Diskussion, empirische Erforschung der Lebensführung, Klassifikation von Lebensführungskonfigurationen und theoretische Begründung von Handlungsmethoden.

Diskussion

Die Notwendigkeit einer moraltheoretischen, normativen Fundierung Sozialer Arbeit wird durch das Buch überzeugend dargelegt und mit dem Capabilities Approach eingelöst. Die umfangreiche Darstellung und Kontextualisierung des Capabilities Approach in der Sozialen Arbeit sichert dem Werk bis auf weiteres eine Alleinstellung. In Verbindung mit weiteren Kernelementen der vorgelegten Theorie, wie der handlungstheoretischen Ausrichtung, der Situierung Sozialer Arbeit im Mikro-Makro-Link, der Gegenstands- und Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit als bifokale Unterstützung daseinsmächtiger Lebensführung, der Orientierung am kritischen Realismus und der ausgeprägten ethischen Durchdringung, gelingt ein zeitgemäßer und zukunftsfähiger Gesamtentwurf Sozialer Arbeit. Die gehaltvolle Auseinandersetzung mit einem beachtlichen Kanon an Grundlagenliteratur des Fachs sowie mit diverser bezugswissenschaftlicher Literatur weist – inklusive der informativen Exkurse – hohe Konsistenz auf. Jedoch sind teilweise auch Tendenzen zur Harmonisierung zu beobachten. Die markanten inhaltlichen und theoriearchitektonischen Unterschiede zum systemischen Paradigma der „Zürcher Schule“ bleiben beispielsweise – bei gleichzeitiger Charakterisierung des eigenen Ansatzes durch das Attribut „systemisch“ – weitgehend unbestimmt. Vollumfänglich zu überzeugen vermögen vor dem Hintergrund einer breiten und differenzierten Rezeption gegenwärtiger Theorieentwürfe die Gegenstandsbestimmung Sozialer Arbeit mit dem Akzent auf Lebensführung und die Funktionsbestimmung von Sozialer Arbeit als Unterstützung von Menschen, die durch soziale Probleme in ihrer selbstbestimmten Lebensführung beeinträchtigt sind.

Bei einem Buch, das „nichts weniger als die Wissenschaft und die Praxis der Sozialen Arbeit insgesamt“ (S.11) zum Gegenstand hat, ergeben sich zwangsläufig Abkürzungen und Lücken. In besonderer Weise vermisst werden kann der Bereich der empirischen Forschung, der weitgehend eine Leerstelle bleibt. Ist Forschung (z. B. als produktiver Faktor im Zusammenhang von Wissenschaft und Praxis, als Orientierung des professionellen Handelns oder als Stimulans und Korrektiv der Theoriebildung) ein derartig zu vernachlässigendes Element der Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit?

In didaktischer Hinsicht verleihen ein klarer Aufbau, eine gut nachvollziehbare Sprache und zahlreiche Zusammenfassungen dem Buch – trotz und in Verbindung mit einem erheblichen Material- und Zitationsreichtum – nahezu den Charakter eines Lehrbuchs.

Fazit

Der Capability Approach ist zweifelsohne einer der bedeutendsten sozialtheoretischen Ansätze der Gegenwart. Aufgrund seines Profils liegt der Bezug zur Sozialen Arbeit nahe. Dieser wird seit einigen Jahren diskutiert, hat aber bisher eher zu vereinzelten Publikationen geführt. Es ist das Verdienst von Röh, mit diesem Buch den Capabilities Approach unter der disziplinären Perspektive der Sozialen Arbeit gründlich aufgearbeitet und für eine Theorie Sozialer Arbeit fruchtbar gemacht zu haben.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Hüttemann
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Zitiervorschlag
Matthias Hüttemann. Rezension vom 11.02.2014 zu: Dieter Röh: Soziale Arbeit, Gerechtigkeit und das gute Leben. Eine Handlungstheorie zur daseinsmächtigen Lebensführung. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2013. ISBN 978-3-531-19356-4. Reihe: Soziale Arbeit in Theorie und Wissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15449.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


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