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Tobias Lobstädt: Tätowierung, Narzissmus und Theatralität

Cover Tobias Lobstädt: Tätowierung, Narzissmus und Theatralität. Selbstwertgewinn durch die Gestaltung des Körpers. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 266 Seiten. ISBN 978-3-531-18148-6. 39,95 EUR.
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Thema

Traditionell wird die Tätowierung gesellschaftlichen Randgruppen zugeordnet. In den letzten Jahrzehnten hat sie zusehends soziale Gruppen erfasst, für die es in der Vergangenheit undenkbar gewesen wäre, sich tätowieren zu lassen. Etwa 10 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 16 und 40 Jahren trägt inzwischen mindestens eine Tätowierung. Diese massenhafte Verbreitung und Normalisierung der Praxis des Tätowierens fordert die sozialwissenschaftliche Analyse sowie deren Erklärungspotential heraus.

Tobias Lobstädt stellt sich dieser Aufgabe und integriert vielfältiges sozialwissenschaftliches und psychologisches Theoriegut, um die prima facie undurchschaubaren und geheimnisvollen Mechanismen der psychischen und gesellschaftlichen Bedeutsamkeit des Tätowierens zu erfassen.

Autor

Tobias Lobstädt arbeitet als Bildungsmanager und Medienpädagoge im Rhein-/Ruhrgebiet.

Entstehungshintergrund

Bei der Arbeit handelt es sich um eine Dissertation. Bereits 2000 hat der Autor zehn narrative Interviews durchgeführt, die er in der 2011 erschienenen Arbeit auf Basis theoretischer Konzepte mittels der dokumentarischen Methode auswertet.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, wobei die Kapitel 2-4 einen literaturbasierten Zugang und die Kapitel 5-7 einen empirischen Zugang wählen.

Dieser Logik folgend beziehen sich die Kapitel 2, 3 und 4 auf die Bedeutung des Narzissmus, die Theatralität und die Zeichentheorie. Kapitel 5, 6 und 7 beziehen sich auf die bereits erwähnte explorative Studie von 2000, eine weitere Studie (20 biografische Interviews) sowie die Ergebnisdarstellung zu den empirischen Untersuchungen. Gerahmt ist dieser Hauptteil durch die die Einleitung (1) und eine Zusammenfassung (8).

Inhalt

Im 2. Kapitel wird die Entstehung des Narzissmusbegriffes dargelegt. Dabei spielt erst einmal Freuds Unterscheidung in primären und sekundären Narzissmus eine wichtige Rolle. Bekanntermaßen hat Freud den sekundären Narzissmus negativ konnotiert und als Hintergrund diverser psychischer Störungen aufgezeigt (z.B. Perversion). Konträr zu dieser Sicht steht Heinz Kohuts Auffassung. Kohut als renommiertester Vertreter einer psychoanalytischen Selbstpsychologie begriff den Narzissmus als eigenständige Entwicklungsdimension neben der Triebentwicklung. Insbesondere ein umgeformter Narzissmus kann zu einer Transzendenz des Selbst führen, was Kohut anhand bekannter Personen wie Freud, Goethe oder Churchill aufzeigt. Tätowierungen in diesem Zusammenhang zu betrachten bedeutet, sie in ihrer Funktion als Stabilisierung des Selbst zu sehen.

Durch Arbeiten von Stavros Mentzos, des Konzepts von Didier Anzieu und Mathias Hirsch wird der Ansatz von Kohut differenziert und insbesondere auf den Körper bezogen. Die Frage ist hier, welche zentrale Rolle spielen Einschreibungen (Tätowierungen) in den Körper (dauerhaft bzw. beständig) bei der Aufrechterhaltung oder Stabilisierung des Selbst. Nach Hirsch wird der Körper vom Selbst abgespalten und dient dann als Selbstobjekt im Sinne Kohuts. Ein Selbstobjekt ist das Korrelativ zum Selbst, wobei beides intern repräsentiert wird. Üblicherweise werden verinnerlichte bedeutsame Bezugspersonen als Selbstobjekte gesehen. Nach Hirsch kann diese Funktion der Körper übernehmen und kann so als Quelle der narzisstischen Zufuhr und bestätigenden Anerkennung fungieren. Tätowierungen wären somit Krisenbewältigung und Vermeidungsstrategie gegen psychische Krankheiten.

Im 3. Kapitel wird das Konzept der Theatralität eingeführt. Hier geht es im Sinne Goffmans um Eindruckssteuerung. Der Körper ist ein zentrales Medium der Zeichenverwendung. Durch die Tätowierung kann man leicht und schnell seine soziale Zugehörigkeit kommunizieren. Dies ist in einer Gesellschaft besonders wichtig, in der der Einzelne immer weniger in soziale Nahräume, in denen er bereits bekannt ist (man kennt sich seit vielen Jahren aufgrund gemeinsamer Erfahrungen), eingebettet ist, sondern ständig mit Menschen zu tun hat, die er zum ersten Mal sieht. Hier kommt es auf den ersten Eindruck an, die Darstellung, den Körper und die Zeichen, die für jeden sichtbar hervorstechen. So wird auch Komplexität reduziert, da der Andere in eine Kategorie eingeordnet werden kann. Anders als die Kleidung ist die Tätowierung fest am Körper (Haut) verankert und stellt noch stärker als die Kleidung ein leicht erkennbares Zeichen der Zuordnung dar. Die Tätowierung ist damit auch ein postmodernes Phänomen, da sie eine Zuordnung auf Basis einer Erscheinung an der Oberfläche (Haut) gestattet.

Im 4. Kapitel entfaltet der Autor eine Zeichentheorie der Tätowierung. Dabei verfährt er historisch-systematisierend, indem er die Tätowierung von der Antike bis zur Postmoderne und Mediengesellschaft in ihren teilweise konträren Funktionen darlegt. Während in der Antike die Tätowierung z.B. der Stigmatisierung von Leibeigenen diente, ist sie in der Gegenwart Individualitätszeichen und Zugehörigkeitszeichen im Sinne einer als positiv empfunden Identifikation. In diesem Kapitel geht Lobstädt auch auf die Darstellung von Medienstars ein und arbeitet interessante Beobachtungen heraus, die die Entwicklung seit der Jahrtausendwende fokussieren. Die Tätowierung ist vermehrt Normalität geworden, was wiederum zur Extravaganz zwingt. Mit einem ganz normalen Tattoo kann man kaum mehr Aufmerksamkeit erregen, höchstens man ist die Frau des Bundespräsidenten. Interessant kann es dann vielleicht nur noch sein, wenn die Tätowierung eines Stars misslungen ist bzw. das Ergebnis eher als bedauerlicher Unfall darstellbar ist.

An den theoretischen Teil schließt im 5. Kapitel die Darstellung der explorativen Studie des Autors an. Bereits auf Basis dieser Studie sollen Handlungsmuster deutlich werden. Die Differenzierung in Einfach-, Mehrfach- und Extremtätowierte leitet Lobstädt bereits aus dieser älteren Studie ab. Im Mittelpunkt stehen hier nicht Motive wie der Wunsch der kulturellen Zugehörigkeit zur Tattooszene, sonder die Tätowierung als individuelles Mittel der Selbstdarstellung. Auch gelang es die theoretisch postulierten Zeichenklassen (Individualitätszeichen, Prestigezeichen und Zugehörigkeitszeichen) anhand der qualitativen Auswertung empirisch nachzuweisen.

Das 6. Kapitel – die Hauptuntersuchung – bildet den zentralen Teil der empirischen Untersuchung. Grundlage dafür waren Hypothesen, die aus der Vorstudie sowie aus dem Theorieteil gewonnen wurden. Dabei zeigte sich, dass für Mehrfachtätowierte die narzisstische Selbstregulation eine wichtige Rolle spielt. Nach dem Dreisäulenmodell in Anlehnung an Mentzos kann man bei den Modi der Selbstregulation zwischen Spieglung, Identifikation und Anerkennung differenzieren. Diese Kategorien ließen sich empirisch bestätigen. Der Kontrast zu den Einfachtätowierten, bei denen die individuelle Selbstdarstellung im Vordergrund steht, diente der nochmaligen Abgrenzung bzw. Profilierung der Mehrfachtätowierten und ihrer Selbstregulation.

Im 7. Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst. Darüber hinaus führt das 7. Kapitel in 7.3 anhand einer Einzelfallanalyse weitere Aspekte ein, die insbesondere durch den Begriff der „Ambivalenz“ umschrieben werden. Das Schwankende und Instabile der Bedeutung der Tätowierung wird hier an einem Einzelfall sichtbar gemacht. Damit wird die Stringenz der vorherigen Analysen etwas gelockert. Der Einzelfall zeigt, dass das Fragment (Tattoo) die Ganzheit des Körpers widerspiegeln kann, in dem Sinne, dass das ganze Tattoo Sinnbild des ganzen Körpers ist. Das Tattoo dient auch der Selbstbehauptung, kann aber auch nach einer Weiterentwicklung oder persönlichen Reifung als obsoletes Zeichen am eigenen Körper identifiziert werden.

Diskussion

Die Arbeit ist außerordentlich vielschichtig. Der Theorierahmen greift psychologische, soziologische und semiotische Aspekte auf. Dabei zeigt sich ein selektiver Charakter der Theoriebezüge. Dies macht die Arbeit im Grunde eher zu einer hypothesenprüfenden als zu einer hypothesengenerierenden Forschung. Vorab postulierte Kategorien (z.B. die Zeichenklassen) sollen sich am Material wiederentdecken lassen. Dies mag durchaus der Fall sein. Allerdings sind – davon kann man ausgehen – auch andere Lesarten des transkribierten Materials denkbar und möglich.

Insgesamt gibt die Arbeit einen hervorragenden Überblick über die Vielschichtigkeit der Motivlagen und Wirkungen, die die Praxis des Tätowierens hervorbringen. Insbesondere auch für Praktiker ist das Buch von hohem Interesse, da es differenziertes Wissen zum Hintergrund des Tätowierens bietet.

Fazit

Ein insgesamt vielschichtiges Buch, das den Leser herausfordert, das Thema tiefgründig auszuloten und das hilft, ein Phänomen, das leicht in einer vereinheitlichenden Sicht dargestellt wird, in seiner Differenziertheit und seinem Facettenreichtum zu erfassen.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 06.02.2014 zu: Tobias Lobstädt: Tätowierung, Narzissmus und Theatralität. Selbstwertgewinn durch die Gestaltung des Körpers. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18148-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15476.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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