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Frank Schulz-Nieswandt: Der inklusive Sozialraum

Cover Frank Schulz-Nieswandt: Der inklusive Sozialraum. Psychodynamik und kulturelle Grammatik eines sozialen Lernprozesses. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 62 Seiten. ISBN 978-3-8487-0777-5. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 28,90 sFr.

Reihe: Studien zum sozialen Dasein der Person - Band 6.
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Entstehungshintergrund und Autor

Beim vorliegenden Band handelt es sich um die Verschriftlichung von Vorträgen, die der Verfasser in unterschiedlichen Zusammenhängen gehalten und deren Inhalte er in verschiedenen Monographien ausführlicher dargestellt hat. Schulz-Nieswandt ist Sozialwissenschaftler, Professor für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung sowie Direktor des Seminars für Genossenschaften der Wirtschafts-und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Aufbau und Inhalte

Der Verfasser fasst die Ergebnisse seiner Studien einleitend in Hypothesenform zusammen: Inklusion kann nur das Ziel eines sozialen Lernprozesses sein, der auf Verantwortungsethik statt reiner Gesinnungsethik beruht und einer anthropologisch fundierten Reflexion im Rahmen einer psychodynamisch orientierten Kulturwissenschaft bedarf (S. 12).

I. Die Ausgangslage und die Herausforderungen

Die Inklusionsforderung der UN-Behindertenrechtskonvention erfordert nicht nur für Menschen mit Behinderungen im engeren Sinne, sondern z. B. auch für pflegebedürftige und demente alte Menschen einen erheblichen Umbau bisheriger Versorgungsstrukturen. Eine inklusive Gemeinde ist nicht ohne eine soziale Stadtentwicklung, weitere De-Institutionalisierung im Sinne der Forderung „ambulant statt stationär“, neue Wohnformen im Alter, mehr Pflegeprävention und Rehabilitation und neue Betriebsformen für multi- disziplinär arbeitende Teams möglich.

Eine solche inklusionsgetriebene Entwicklung vernetzter Sozialräume ist nach Schulz-Nieswandt aber auch eine „kulturelle Entwicklungsaufgabe der Menschen“ (S. 35), die eine Änderung von Denkstilen (unter anderem der dichotomen Aufteilung in „Etablierte“ und „Outsider“) und Routinen des Alltags notwendig macht. Veränderte rechtliche, politische und ökonomische Rahmenbedingungen müssen deswegen um kulturelle und psychologische Analysen und Vorschläge ergänzt werden.

II. Pfade des handlungsleitenden tieferen Verstehens

Voraussetzung für das Gelingen von Inklusion ist eine über die Gesinnungsethik hinausgehende „Ethik der Achtsamkeit“ als Normmodell professionellen Handelns (S. 37). Darunter versteht der Verfasser eine „Gastfreundschaftskultur“ gegenüber dem homo patiens, die keine unkritische Orientierung an dessen aktuellen Bedürfnissen bedeutet und deswegen keine „Selbst-Kastrierung“ des Professionellen erfordert, aber sehr wohl die „Expertokratie paternalistischer Art“ (S. 38) überwinden muss.

Das neue Recht ist eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für das Gelingen von Inklusion. Hierfür ist ergänzend zu einer veränderten Eigenlogik der Institution auch ein kultureller Wandel des professionellen Handelns der konkreten Personen erforderlich. Dieser kann nur gelingen, wenn die Menschen ein ausreichendes Selbstbewusstsein haben und die neuen Herausforderungen nicht als narzisstische Kränkung in ihrer bisherigen Arbeit interpretieren. Eine wichtige psychologische Voraussetzung hierfür ist die aus Urvertrauen hervorgegangene Offenheit für Neues. Vertrauen reduziert Unsicherheit und ermöglicht so den Aufbau von Sozialkapital, das aber nur in schon vorhandenen Netzwerken entstehen kann.

Diskussion

In den letzten Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Inklusion nicht ohne Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen gelingen kann, weil zum Beispiel große soziale Ungleichheit mit zum Teil scharfer Abgrenzung nach unten und Diskriminierung von Randgruppen verbunden ist. Es ist das Verdienst des Autors, diese Änderungsnotwendigkeiten durch kulturelle und psychologische Dimensionen ergänzt zu haben. Wünschenswert wäre hier die Ausarbeitung konkreter Programme zur Änderung von Unternehmenskulturen und Verhaltensweisen der Professionellen.

Fazit

Die Lektüre ist nicht nur für Professionelle im Bereich von Pflege und kommunaler Pflegeplanung geeignet, sondern gibt auch viele Anregungen für notwendige Schritte zur besseren Umsetzung von Inklusion in anderen Bereichen der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen.


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 04.03.2014 zu: Frank Schulz-Nieswandt: Der inklusive Sozialraum. Psychodynamik und kulturelle Grammatik eines sozialen Lernprozesses. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8487-0777-5. Reihe: Studien zum sozialen Dasein der Person - Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15500.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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