socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Frank J. Müller: Integrative Grundschulen aus Sicht der Eltern

Cover Frank J. Müller: Integrative Grundschulen aus Sicht der Eltern - auf dem Weg zur Inklusion? : Eine qualitative/quantitative Erhebung zur Elternzufriedenheit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 2. Auflage. 469 Seiten. ISBN 978-3-7815-1935-0. 39,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Forderung für „ein flexibles System von Fördermaßnahmen, das einer Aussonderungstendenz der allgemeinen Schule begegnet, gemeinsame soziale Lernprozesse Behinderter und Nichtbehinderter ermöglicht und den individuellen Möglichkeiten und Bedürfnissen behinderter Kinder und Jugendlicher entgegenkommt“ ist eine aus den 1970er Jahren. „Die dadurch zustande kommende gemeinsame Unterrichtung von behinderten und nicht behinderten Kindern bringt eine sonderpädagogische Verantwortung für die allgemeine Schule mit sich, die sie bisher nicht wahrzunehmen brauchte, weil es neben ihr die Sonderschule gab und noch gibt.“ So formuliert der Deutsche Bildungsrat und zwar bereits im Jahr 1973 (S.24). Gut vierzig (!) Jahre später hat die Rede von der Inklusion das wortreiche Getöse der Fachwelt und auch der (fach)politischen Diskursräume bereichert. Ob dadurch im realen Leben insbesondere der durch Behinderung und Ausgrenzung betroffenen Menschen sich grundsätzlich und ausreichend Veränderungen zur sozialen, kulturellen, ökonomischen und eben auch bildungsbezogenen Teilhabe und Teilgabe ergeben, mag fünf Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) bezweifelt werden.

Ein wesentlicher Bereich in der Debatte umfasst den schulischen Bildungskontext. Neben den strukturellen und inhaltlichen Aspekten sowie den Perspektiven der SchülerInnen und der pädagogischen Fachkräfte erscheinen die Eltern als wesentliche Akteure in einem gelingenden oder eben nicht gelingenden Bildungsprozess eines gemeinsamen Unterrichts.

Autor

Dr. Frank J. Müller hat sich als studierter Sonderpädagoge mit dieser empirischen Studie in Grundschulpädagogik promoviert und arbeitet aktuell als Lehrer an einer Berliner Gemeinschaftsschule.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende empirische Untersuchung widmet sich der Sicht der Eltern auf die integrative Grundschule im Bundesland Berlin unter der Leitfrage: „Womit zeigen sich Eltern unterschiedlichster Couleur zufrieden oder unzufrieden in Hinblick auf die integrative Grundschule ihres Kindes?“ (S.10).

Um dies zu erfassen wurden Leitfaden-Interviews mit 35 integrations- und differenzierungserfahrenen Berliner Grundschuleltern aus verschiedenen Milieus geführt und darauf aufbauend per Fragebogen 1194 Eltern aus 74 Berliner Grundschulklassen befragt, in denen Kinder mit Förderbedarf ‚Lernen‘ und/oder ‚geistige Entwicklung‘ integriert werden.

Das umfangreiche Buch gliedert sich in fünf wesentliche Kapitel. Nach einer thematisch hinführenden Einleitung werden im zweiten Kapitel einerseits die theoretischen Dimensionen von Heterogenität in pädagogischen Prozessen ausgeführt sowie maßgeblich die Einflussgrößen der Zufriedenheit und der Einstellung erläutert, um daran anschließend den Forschungsstand zur Sicht von Eltern auf Schule nachzuzeichnen und das Erkenntnisinteresse der vorgelegten Studie auszuführen sowie das methodische Forschungsdesign zu erläutern.

Es folgt zunächst die Darlegung der ersten Teilstudie von 35 Elterninterviews mit Familien aus möglichst vielfältigen Hintergründen. Hierbei wird erkenntlich, dass der Lehrkraft und ihren Kompetenzen bezüglich der Zufriedenheitseinschätzung der Eltern eine wesentliche Bedeutung zukommt. Zudem sind die Einstellungen der anderen Eltern, die MitschülerInnen und damit das Klassenklima entscheidend bezüglich der Zufriedenheit. Bezogen auf den Unterricht und die Rahmenbedingungen sowohl bezogen auf die Klasse als auch die Schule ergeben sich unterschiedlichste Einflussaspekte auf die Zufriedenheit der Eltern. Auf diesen empirisch generierten „zufriedenheitsrelevanten Einschätzungen“ (S.226) sowie Ergänzungen aus der Fachliteratur hat der Autor einen Fragebogen entwickelt, den er Eltern aus 74 zufällig ausgewählten Klassen mit integrationserfahrenen SchülerInnen vorgelegt hat, wobei er sich im Design grundsätzlich an einem Konzept der Zufriedenheit aus der Marktforschung orientiert. Mit einem Rücklauf von 69% wird eine ausgesprochen hohe Rate erreicht. Den stärksten Einfluss auf die Zufriedenheit der Eltern liegt in der Einschätzung des Wohlbefinden des eigenen Kindes und der Freundschaften des Kindes, gefolgt vom differenzierten Umgang der Lehrkraft mit den Kindern und des Umgangs der Kinder miteinander sowie der individuellen Förderung des eigenen Kindes. Bei genauem Blick zeigen sich hier sehr detailreich ausgeführte Zufriedenheitseinflussgrößen aus Sicht der Eltern.

Im fünften Kapitel wird als Fazit das Modell der Einflussvariablen der Elternzufriedenheit sowohl mit der Klasse als auch der Schule gebündelt ausgeführt. Besonders beeindruckt dabei, „für die Eltern von Jungen und Mädchen, Eltern unterschiedlicher kultureller Hintergründe (Ost-West-Sozialisiation, Migrationserfahrung), Eltern von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf und Eltern unterschiedlicher sozioökonomischer Hintergründe lassen sich insgesamt mehr Gemeinsamkeiten feststellen als Unterschiede“ (S.379). Hieraus lassen sich verschiedene Ansatzpunkte ableiten, wie die Zufriedenheit der Eltern als starke Einflussgröße im Bildungsprozess maßgeblich im Grundschulalter erhöht werden kann.

Fazit

Bei dem vorgelegten Buch handelt es sich um eine sehr umfangreiche wissenschaftliche Studie, weshalb der sprachliche Duktus und die Darlegung der Erkenntnisse einer solchen entspricht und nicht unbedingt auf schnellem Wege zu unkompliziert ableitbaren Erkenntnissen führt. Gleichwohl liegt darin die Stärke dieses Buches, da es einerseits sehr grundlegend den Zugang zu Einflussfaktoren auf die Zufriedenheit von Eltern in Schulen mit integrativen Klassen empirisch klärt und andererseits damit die Inklusionsdebatte argumentativ befördert. Es gibt nachvollziehbare Stellgrößen im Veränderungsprozess, die je nach Umsetzung die Zufriedenheit der Eltern beeinflussen und diese somit als Beförderer oder Bremser erleben lässt. Somit fällt ein weiteres Argument, dass gegen eine Umsetzung eines gemeinsamen Unterrichts aller Kinder spricht. Zum Aspekt der Finanzierung besteht ebenfalls seit einiger Zeit eine entsprechende Erkenntnis: „Die Analyse ergab, dass es keine finanziellen Gründe gegen eine flächendeckende Umsetzung des GU [gemeinsamen Unterrichts; S.B.] gibt. Es ist eher so, dass dadurch die notwendige Verbesserung der sonderpädagogischen Ausstattung erreicht werden könnte. Einspareffekte durch wohnortnahe Integration führen für die Schulträger – statt hoher Beförderungskosten zu entfernteren Sonderschulen und Einsparungen im Betrieb getrennter Sonderschulen – zu finanzieller Entlastung“ (Preuss-Lausitz/ Müller 2009: o.S.).

Dies macht deutlich, dass die Inklusionsdebatte trotz der stärkeren juristischen Verankerung durch die UN-BRK wohl noch weitere Dekaden verstreichen lassen wird, da es kein Mangel an Erkenntnis gibt sondern schlicht einen Mangel an ernsthafter gesellschaftspolitischer Umsetzung.

Eine kleine Einschränkung zum Schluss: Es verwundert etwas, dass bei einer durchgesehenen Neuauflage durch das Lektorat des Verlages dennoch einige Fehler im Satzbau bzw. Layout übersehen wurden.

Literatur

  • Deutscher Bildungsrat (1973): Empfehlungen der Bildungskommission: Zur pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher. Bonn
  • Preuss-Lausitz, Ulrich/ Müller, Frank J. (2009): Ressourcen für den Gemeinsamen Unterricht. Ein Modellvorschlag zur kostenneutralen Umsetzung gemeinsamer Unterrichtung und Erziehung im ganzen Land Berlin. www.frank-müller.net

Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
E-Mail Mailformular


Alle 17 Rezensionen von Stefan Bestmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 30.12.2014 zu: Frank J. Müller: Integrative Grundschulen aus Sicht der Eltern - auf dem Weg zur Inklusion? : Eine qualitative/quantitative Erhebung zur Elternzufriedenheit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 2. Auflage. ISBN 978-3-7815-1935-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15501.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!