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Daniel Innerarity: Demokratie des Wissens

Cover Daniel Innerarity: Demokratie des Wissens. Plädoyer für eine lernfähige Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2013. 280 Seiten. ISBN 978-3-8376-2291-1. D: 28,80 EUR, A: 29,70 EUR.

Reihe: Sozialtheorie.
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„Wissensdemokratie“

In der interdependent und entgrenzender sich entwickelnden (Einen?) Welt vollzieht sich ein bisher nicht erlebter Wandel. Die zunehmende Fülle der sowohl frei zugänglichen, wie auch der ökonomisch und ideologisch aufgedrängten und der subtil vermittelten Informationen, lassen den Bürger und Konsumenten eher ohnmächtig denn souverän zurück. Unsicherheiten, Ängste, Passivität und Resignation machen sich breit. Das sind Hemmschwellen gegen freiheitsbedürftige und selbstbestimmte Entwicklungen, die für demokratisches und zivilgesellschaftliches Denken und Handeln stehen. Der höchste humane Wert, die Menschenwürde, lebt ja davon, dass alle Menschen überall auf der Erde gleiche und unveräußerliche Rechte genießen und nach den demokratischen Grundsätzen der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens leben können, wie dies in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert wird. Um das zu erkennen und zu verwirklichen, bedarf es der menschlichen Fähigkeit der Erkenntnis, die gründet auf der dem Menschen gegebenen Vernunft und seinem Bewusstsein von Gut und Böse, wie dies Aristoteles mit „epistême“, dem Wissen, zum Ausdruck bringt: „Die allgemeinsten Formen des Wissens sind das betrachtende („theoretische“), handelnde („praktische“) und hervorbringende („produktive Wissen“)“ (W. Detel, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 201). Es sind diese Ausprägungen und Differenzierungen, die Erkenntnisfähigkeit als intellektuelle Kompetenz und Fähigkeit aufscheinen lassen, nach einem guten, gelingenden Leben zu streben: „Eine demokratische Gesellschaft beruht nicht nur auf legitimen Entscheidungen, sondern auch auf dem ihnen angemessenen Wissen“.

Entstehungshintergrund und Autor

Wie aber entsteht und wird Wissen vermittelt und erworben? Diese eminent bedeutsame Frage basiert ja auf der Erfahrung (aber auch Unsicherheit), dass und wie die „Legitimität einer politischen Kontrolle des Wissens und … der Qualität jenes Wissens, auf dem diese Kontrolle beruht“ sich vollzieht und wirksam wird. Eine demokratische Wissens- und Innovationsgesellschaft, die den Anspruch erhebt, dass die Bürger, trotz oder gerade wegen der (Über-)Fülle der Informationen, souveräne und sachgerechte Entscheidungen treffen können, braucht Kompetenzen, die neben den traditionellen Kriterien – perfekt, gut informiert, kritisch – ergänzt werden müssen durch kreatives Denken und Tun (siehe dazu auch: „Kreativitätspositiv“, Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php).

Daniel Innerarity, der an der spanischen Universidad del País Vasco in Bilbao politische Philosophie lehrt und als Direktor das Instituto de Gobernanza Democrática leitet, geht in seinem Buch „Demokratie des Wissens“ davon aus, dass „mehr als ein Mittel zur Wissensbeschaffung ( ) Erkenntnis ein Medium des Zusammenlebens (ist)“; was bedeutet, dass Erkenntnis in einer Wissensgesellschaft vor allem darin besteht, sie „zum mächtigsten Dispositiv bei der Konstituierung eines demokratischen Raums zwischenmenschlichen Zusammenleben zu machen“. Den aufsehenerregenden Hammer bei dieser Suche nach Erkenntnis formuliert Innerarity, indem er feststellt, dass nicht Entscheidungsmängel oder Unmoralität der Grund dafür sind, dass unser Demokratiebewusstsein hinter den Notwendigkeiten zurückbleibt, sondern die Erkenntnisdefizite „in einer unzureichenden Organisation unseres Wissens im Sinne seiner demokratischen Legitimation“ liegen.

Aufbau und Inhalt

Um das zu beweisen und Auswege aus diesem Dilemma zu finden, gliedert Innerarity sein Buch in vier Teile.

Im ersten Teil setzt er sich mit der „überlastete(n) Intelligenz“ auseinander, indem er auf die Paradoxien der Wissensgesellschaft verweist und von einer „gut informierte(n) Ignoranz“ spricht. Es zeigt sich nämlich das Problem, dass wir, eingelullt und euphorisiert von den (scheinbar) im Überfluss zur Verfügung stehenden Informationsmengen und -qualitäten, Wissen und Kenntnisse aus zweiter Hand bekommen, die uns unfähig für souveräne eigene Entscheidungen machen und uns nur allzu leicht und nicht selten unbewusst in die Irre führen, oder uns in Sicherheiten wiegen, die im höchsten Maße unsicher sind. Die diskutierten Lösungsansätze verweisen auf eine Reihe von Möglichkeiten, um den „Kampf gegen die Überkomplexität“ aufzunehmen und „von einem exzessiven, vom Ideal der Perfektion und Vollständigkeit geleiteten Umgang mit Wissen zu einem eher selektiven Umgang mit ihm über(zu)gehen“. Mit der Frage „Könnte es sein, dass Ordnung gar nichts anderes ist als der Umgang mit Unordnung und dass Regeln im Grunde eine Verbindung von Ausnahmen sind?“ rüttelt er in der Tat an liebgewonnenem, eingeübtem und eingeschliffenem Ordnungsdenken und lockt den Leser auf eine neue kreative Spur.

Wie dieses Ordnungsleck und die Ungewissheiten erkannt und wie mit ihnen umgegangen werden kann, thematisiert der Autor im zweiten Teil. Es gilt, den Begriff der „Wissensgesellschaft“ zu analysieren und darin nicht (nur) das anthropogene Ursprüngliche, sondern auch das menschengemachte Gewordene zu erkennen. Wie die aus Wissen gemachte Welt geworden ist und funktioniert und welche Entwicklungen sich vollzogen haben, damit heute von einer „Nichtwissensgesellschaft“ gesprochen werden kann, wird klug und schlüssig dargelegt. Im philosophischen Denken wie im tätigen Alltag kommt der Kritik am scheinbar „gesicherten“ Wissen eine besondere Bedeutung zu; die Macht und Ohnmacht des Wissens vollzieht sich ja einerseits in der Konzentration von bestimmten und gezielt eingesetzten Wissenselementen, und andererseits schafft „verstreutes Wissen“ sowohl Machtausübung durch Informationen, als auch deren Hinterfragung. „Die Wissensgesellschaft versetzt uns in eine Lage, in der nicht mehr wenige Akteure fast alles, sondern eher viele Akteure wenig kontrollieren“. Dies zeigt sich eben nicht nur im individuellen und gesellschaftlichen Tagtäglichen, sondern auch im Verhältnis von Wissenschaft und Politik, von Wissenschaft und gesellschaftlichem Handeln und in der Politikberatung. „Diese Gesamtheit neuer Umstände nötigt uns, die Unterscheidungen zwischen Tatsachen und Werten, Experten und Laien oder auch zwischen Wissen und Nichtwissen neu zu bestimmen“, etwa dahingehend, einen „wissenschaftlichen Bürgersinn“ zu kreieren.

Um die „kognitive Herausforderung der Ökonomie“ geht es um dritten Teil. Die Bedeutung von Wissen und Nichtwissen zeigt sich in besonderer Weise in der ökonomischen Entwicklung der Welt. Wirtschafts-, Finanzkrisen, Spekulationsskandale und überbordende Ausbeutung sind Anzeiger dafür, dass sich Werte verschieben, Monopole und Mächte wachsen (vgl. dazu auch die vielfältige und wachsende Kritik am Ökonomismus, Markt-Kapitalismus und Neoliberalismus, wie sie sich insbesondere im intellektuellen und wissenschaftlichen Diskurs darstellt und in www.socialnet.de rezensiert wird; vgl. auch: Beate Binder / Friedrich von Bose / Katrin Ebell / Sabine Hess / Anika Keinz, Hrsg., Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15279.php). Der vielfach geforderte Perspektivenwechsel und die drängenden Aufrufe, dass die Menschheit vor der Herausforderung stehe, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden, wie dies 1995 die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ formuliert hat, sind ja nur dann möglich, wenn es gelingt, Verantwortung und Vertrauen in die menschliche Entwicklung zu etablieren: „Die derzeitige ökonomische Krise (ist) letztlich eine Krise der Verantwortlichkeit“ (Markus Weingardt, Hrsg., Vertrauen in der Krise. Zugänge verschiedener Wissenschaften, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14664.php; Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12878.php).

Im vierten Teil plädiert der Autor für eine „Geographie der Kreativität“. Damit macht er deutlich, dass nicht Pessimismus oder gar Fatalismus die Wege aus der problematischen Entwicklung der Menschheit seien, sondern intelligente und dem Menschen eigene intellektuelle Denk- und Handlungsweisen. Denn, das ist eine zwar nicht neue, aber in den Zeiten der Krisen durchaus angesagte Erkenntnis: Kreativität kann man lernen! Etwa, indem sich die Menschen darauf besinnen, wie soziale Innovationen entstehen, wie Gemeingüter geschaffen, gepflegt und erhalten werden (siehe dazu auch: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php). Dazu freilich bedarf es des Bewusstsein, dass gesellschaftliche Innovation nicht nur und vor allem nicht in erster Linie ökonomische, auf Profit hin ausgerichtete Aktivitäten sein dürfen, sondern bestimmt sein müssen von der Überzeugung, dass ein Wohlergehen aller Menschen auf der Erde notwendig ist, um die Menschheit human weiter zu entwickeln. „Lokal denken, global handeln“, dieser Slogan sollte ermöglichen, die „kognitive Wende“ in der Entwicklung der Menschheit. Dazu diskutiert Innerarity verschiedene Theorien, wie das Bewusstsein vom „soziale Kapital“ als Grundlage einer humanen Existenz etabliert werden kann; durch eine neue Wissensproduktion in einer Wissensgesellschaft, „in der die Bereitschaft schwindet, hierarchisch getroffene und nicht transparente Entscheidungen zu akzeptieren“, sondern neue Formen der Partizipation und Kommunikation herausfordern.

Fazit

Wo sich Meinungen und Regeln als unumstößliche, selbstverständliche und nicht in Frage zu stellende Wahrheiten darstellen und das individuelle und gesellschaftliche Leben der Menschen bestimmen, bedarf es der Obacht und der Aufklärung! Denn das ist ja der Anspruch einer demokratischen Gesellschaft: Erkenntnis aus dem Humanum zu gewinnen, was bedeutet, die menschliche Würde, Verstandesbewusstsein, Gerechtigkeits- und Freiheitswollen zu leben und Selbstbestimmung in der lokalen und globalen sozialen Gemeinschaft als Grundlage der humanen menschlichen Existenz zu erkennen. Daniel Innerarity vermittelt mit seinem Buch die Hoffnung, dass eine zivilgesellschaftliche Verfasstheit dazu beitragen könne, Gerechtigkeit herrschen zu lassen, und er macht Mut, Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen zu generieren und in den gesellschaftlichen Prozessen anzuwenden. Mit seinem Aufruf, „dass die Reflexion künftiger Entwicklungen und Konsequenzen das beste Mittel einer Erneuerung der Demokratie“ darstelle, verweist er darauf, dass aktive und von den Bürgerinnen und Bürgern gestaltete Wandlungsprozesse nicht nur notwendig, sondern auch nützlich für eine lernfähige, demokratische Gesellschaft sind.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.10.2013 zu: Daniel Innerarity: Demokratie des Wissens. Plädoyer für eine lernfähige Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2291-1. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15552.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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