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Rebekka Diebold: Trauerbegleitung von Jugendlichen

Cover Rebekka Diebold: Trauerbegleitung von Jugendlichen. Bausteine professionellen Handlungswissens in der offenen Jugendarbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 191 Seiten. ISBN 978-3-658-02056-9. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Research.
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Thema und Entstehungshintergrund

Titel und Untertitel geben schon einen Hinweis: Eine Annäherung an den Problembereich Trauer und Trauerbegleitung wird insbesondere mit Blick auf die Jugend in einer ihr angemessenen Weise versucht. Trauernde Jugendliche erleben Abschiede und Verluste oft mit Sprach- und Orientierungslosigkeit, befinden sie sich denn selbst erst in einer Phase des Auslotens und der Suche nach einem passenden Lebenskonzept, in dem der Tod noch keinen Platz gefunden hat. Um Jugendliche gezielt in ihrer Trauer begleiten zu können, bietet das Werk ein Instrumentarium mit Hilfestellungen für die Offene Jugendarbeit.

Autorin

Vorliegende Arbeit von Rebekka Diebold ist im Rahmen ihres Studiums zur Sozialen Arbeit an der Fakultät für Sozialwesen, Duale Hochschule Baden-Württemberg, entstanden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus einem theoretischen, empirischen und einem Ergebnisteil und ist insgesamt in neun Hauptkapitel unterteilt. In den ersten vier Kapiteln werden zunächst als theoretische Rahmung der Arbeit grundlegende Begriffe erläutert.

Ausgangspunkt bildet das Kapitel Trauer mit dem Versuch einer Definition, wie Trauer verstanden werden möchte sowie theoretische Auffassungen von Trauer als Prozess. Unter Bezugnahme auf den amerikanischen Trauerforscher William Worden werden Traueraufgaben als Themen identifiziert, die den Trauerprozess prägen und Anhaltspunkte liefern, mit dem Verlust und der neuen Situation leben zu lernen.

Kapitel 2 schließt an mit einer Begriffserklärung zum Thema Jugend mit ihren zentralen Themen und wichtigen Entwicklungsaufgaben (Robert Havighurst).

Daran anschließend versucht die Autorin der Leserin / dem Leser nahezubringen, wie Jugendliche trauern und welche unterstützende Begleitung sie in ihrer Trauer benötigen. Dazu ist es wichtig zu verstehen, dass Jugendliche ein spezielles Trauerverhalten zeigen, dass weder dem eines Kindes noch dem eines Erwachsenen zuzuordnen ist. Kognitives Wissen um den Tod und emotionales Begreifen gehen hier oft getrennte Wege. Zudem ist auch die Jugendphase gekennzeichnet durch Fragilität und Instabilität, woraus verschiedene Herausforderung für die Begleitung erwachsen.

In Kapitel 4 wird in diesem theoretischen Teil abschließend erörtert, dass Trauerbegleitung auch in der Offenen Jugendarbeit ein Thema sein sollte. Aspekte der Offenen Jugendarbeit werden thematisiert und vorgestellt. Es stellt sich die Frage nach einer adäquaten Begleitung und Realisierung im Umgang mit trauernden Jugendlichen in der Offenen Jugendarbeit, die nun versucht wird, im empirischen Teil zu beantworten. Forschungsleitend ist dabei zunächst die Frage, wie und auf welche Art Jugendliche trauern. Überlegungen, wie diese Unterstützung und Begleitung aussehen kann, münden in der Entwicklung von Bausteinen für die Offene Jugendarbeit. Methodisch orientiert sich die Autorin an dem Paradigma der Qualitativen Sozialforschung, Jugendliche und ihre Erfahrungen werden als gleichberechtigte Subjekte in einem auf Erkenntnisgewinn angelegten Forschungsprozess gesehen. Die Sichtweisen ausgewählter Jugendlicher wurden mithilfe des teil-narrativen Interviews erhoben, zusätzliches Datenmaterial konnte durch Gespräche mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern gewonnen werden. Die Auswertung der Daten basiert kategorienbildend auf den Prinzipien der Qualitativen Inhaltsanalyse, wie sie etwa Philipp Mayring vorschlägt.

Die forschungsleitenden Fragen nach Art und Weise der Trauer Jugendlicher sowie Möglichkeiten des Umgangs mit trauernden Jugendlichen sind in Kapitel 7 beispielhaft beschrieben und beantwortet. Es konnte nicht nur gezeigt werden, dass „Gefühle und Gedanken während der Trauer stark durcheinanderwirbeln und das Leben beherrschen“ (S. 150), es konnte auch aus Sicht der Jugendlichen dargestellt werden, welches Verhalten sie sich von ihrem Umfeld in Zeiten der Trauer wünschen. Daraus lassen sich besonders für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter wertvolle Hilfestellungen ableiten. Trauer ist, so die Autorin, als Teil jugendlicher Lebenswelt auch ein Thema der Offenen Jugendarbeit.

Da bislang Trauer in der Jugendarbeit wenig thematisiert wird, widmet sich Kapitel 8, Bausteine für den Umgang mit trauernden Jugendlichen in der Offenen Jugendarbeit, nun dem ‚Wie‘ nach Hilfen und Strukturen in einer Art methodischem Konstrukt. Dieses Konstrukt besteht aus vier Ebenen, die die Autorin nun der Leserin, dem Leser näherbringt. Ebene 1 stellt als Grundlage die ‚notwendige Handlungsbasis‘ für einen professionellen Umgang mit trauernden Jugendlichen. Darauf aufbauend stellt Ebene 2 sechs Bausteine vor, die im Vorfeld eines Trauerfalles beachtet werden müssen. Ebene 3 schließt mit Handlungsrichtlinien an, die im konkreten Trauerfall Hilfestellungen bieten können. Ebene 4 zeigt schließlich Gestaltungsanregungen zur Bewältigung von Trauererlebnissen. Das Buch endet mit einer kritischen Selbstreflexion und Fragen, die in dieser Arbeit offen bleiben mussten.

Diskussion

Trauernde Jugendliche zu unterstützen und zu begleiten ist (auch) eine Angelegenheit professioneller Berufsausübung, wurde jedoch bislang in der Offenen Jugendarbeit wenig thematisiert. Gerade nach dem Tod eines nahestehenden Menschen sind Erwachsene oft von vielen Unsicherheiten geprägt, wie sie Jugendliche gut begleiten können. Die Jugend ist geprägt von einem Streben nach Abgrenzung und Eigenständigkeit, dies zu verstehen macht es einfacher zu akzeptieren, dass Jugendlich nicht unhinterfragt Ratschläge Erwachsener annehmen wollen, sondern auf der Such nach eigenen Formen des Umgangs mit Verlusterfahrungen sind. Diese Handreichung erhebt den Anspruch, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern ein persönliches Rüstzeug für ihre Begleitung mit trauernden Jugendlichen zur Verfügung zu stellen. Dieses Gerüst an Hilfestellungen und Gestaltungsanregungen steckt noch in den Kinderschuhen, entwickelt zunächst als methodisches Konstrukt, das sich erst in der Praxis bewähren muss. So verstanden umgeht die Autorin damit einer Fixierung auf allgemeingültige Lösungen in Trauerfragen, die es so ohnehin nicht geben kann, denn Trauern begegnet uns in höchst unterschiedlichen Erscheinungsformen.

Was dieses Buch bietet, ist ein auf Forschungsergebnissen beruhendes Grundkonzept, dass zwar noch wenig praxisorientiert ist, dennoch gut durchdachte Handlungsrichtlinien zur Trauerbegleitung anbietet, so durchaus eine Orientierungshilfe für die Begleitung trauernder Jugendlicher sein kann. Diebolds Buch bedient zudem mehrere Zielgruppen: Leserinnen und Leser, die im Bereich der offen Jugendarbeit tätig sind werden das Buch vermutlich genauso mit Gewinn lesen wie Forschungsinteressierte, die an Methodik interessiert sind. Schön wäre es gewesen, einen theoretisch differenzierteren Überblick über die Phase der Jugend, über die Entwicklung des individuellen Todeskonzeptes, über jugendliche Todeseinstellungen sowie Trauerreaktionen von Jugendlichen als Protagonisten in diesem Werk zu bekommen. Die Ausführungen von Diebold greifen an manchen Stellen zu kurz und lassen doch einige Fragen offen.

Fazit

Dieses Buch ist jedoch insgesamt ein Erkenntnisgewinn, da es Blicke auf ein Thema zulässt, dass bislang noch wenig differenziert erörtert wurde. Es fordert auf, sich mit Sterben, Tod und Trauer in Verbindung mit der Phase der Jugend näher zu befassen. Insofern ist auch die Aufforderung der Autorin zu begreifen, den Umgang mit trauernden Jugendlichen in der Ausbildung gezielter Kinder- und Jugendarbeit stärker zu forcieren. Trauernde Jugendliche benötigen unterstützende Beziehungen, müssen Gefühle offen kommunizieren können und emotionale Nähe erleben; die Beziehung zu Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern kann so als zusätzliche Ressource im Umgang mit trauernden Jugendlichen angedacht werden, ein Ansatz, den man weiter verfolgen sollte. Das Buch stellt hierfür mögliche Handlungsrichtlinien vor.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 10.12.2013 zu: Rebekka Diebold: Trauerbegleitung von Jugendlichen. Bausteine professionellen Handlungswissens in der offenen Jugendarbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-02056-9. Reihe: Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15616.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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