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Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben [...]

Cover Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Piper Verlag GmbH (München) 2012. 3. Auflage. 256 Seiten. ISBN 978-3-492-30179-4. D: 9,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Thema

Der Titel des Buches „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ von Andreas Altmann lässt schon anhand der Wortwahl seines Titels so Einiges an Negativität erahnen. Sicherlich, so erwägt man als LeserIn vorab, ist hier Jemand nicht sonderlich zufrieden mit seinem eigenen Leben bzw. seiner Jugend.

Tatsächlich ist dies auch so. Unverblümt wird dem/r LeserIn eine biographische Odyssee dargeboten, die an Brutalität kaum zu überbieten zu sein scheint und die die wirklichen Seelenqualen des Individuums lediglich erahnen lässt.

Es handelt sich um eines der wesentlichen pädagogischen Dokumente unserer Kultur, wie bspw. die „Bekenntnisse“ des Augustinus, die Essais M. de Montaignes, die Szenen der niederländischen Maler des 16. und 17. Jahrhunderts, Pestalozzis Rechenschaft über das Scheitern seines Erziehungsexperimentes in Stans am Vierwaldstätter See, die Autobiographie Karl Philipp Moritz, Makarenkos Poem über die Gorki-Kolonie, van Goghs Selbstbildnisse, Elias Canettis Bericht über seine Kindheit, der berühmte Brief von Franz Kafka an seinen Vater. Das gesamte Buch dreht sich -wie auch die erwähnten Klassiker der Erziehungsliteratur- um die „pädagogische Aporie“ (Ausweglosigkeit), der jede Form von Erziehung immer unterworfen ist, weil „wir unsere eigene Bildung den Erwachsenen nicht nur verdanken, sondern ihnen auch vorwerfen können; jeder Bildungsprozeß ist Erweiterung und Bereicherung, aber auch Verengung und Verarmung dessen, was möglich gewesen wäre.“ [1]

Autor

Der Autor selbst, Andreas Altmann, ist die Hauptperson (in) dieser Biographie.

Er war Dressman, Schauspieler am Residenztheater München und am Schauspielhaus Wien, Jura- und Psychologiestudent, Gärtner, Taxifahrer, Privatchauffeur, Spüler, Kellner, Anlageberater, Straßenarbeiter – bis er mit einem Artikel über eine lange Eisenbahnfahrt durch China den internationalen Durchbruch als Reporter bei dem Magazin GEO schaffte. Ab diesem Zeitpunkt wurden sämtliche Therapien, in denen er sich jahrelang zur Bewältigung seiner Jugenderfahrung befand, überflüssig. „Hätte ich noch drei Jahrhunderte bei einem Weltmeister-Therapeuten auf der Couch gelegen, noch dreitausend Mal den Urschrei ausgestoßen, nichts und keiner hätte mich über mein unerfülltes Leben hinwegtrösten können, nichts und keiner mein grün und blau geschlagenes Herz wiederbelebt. Ich musste einen Trost finden, der in mir lag, in mir selbst. Ein verpfuschtes Dasein lässt sich nicht – ein Lieblingswort deutscher Diplom-Psychologen – ‚aufarbeiten‘. Man kann es nur zu Tode betrübt ertragen oder gewaltsam beenden. Oder ein fantastisches Glück haben und – springen“ (251).

Heute lebt er als Auslandsreporter und Reiseschriftsteller in Paris, zählt zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren und wurde u.a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und dem Seume-Literaturpreis ausgezeichnet.

Aufbau

Der Hauptteil des Buches handelt von der Jugend des Andreas Altmann.

Im Nachwort beschreibt er die weitere Odyssee seines Lebens als Erwachsener, die sich nach seiner Jugend in seinem Elternhaus, fortsetzt. Vorwiegend ist sein weiteres Leben geprägt von der Dichotomie zwischen Nähe und Distanz, die sich sowohl durch den privaten wie den beruflichen Menschen Andreas Altmann zieht, und seine Verhaltensweisen maßgeblich kennzeichnet.

Mangelndes Selbstbewusstsein und die Unfähigkeit sich langfristig und ausdauernd Dingen zu widmen sind genauso kennzeichnend wie mangelndes Durchhaltevermögen, wie das schnelle Aufgeben bei Misslingen oder noch nicht Erreichen des Zieles.

Inhalt

Eine Kindheit der Nachkriegszeit im idyllischen Wallfahrtsort Altötting wird dem/r LeserIn vorgestellt.

Gleich zu Beginn: die erste Katastrophe. Die Mutter verliert die Nerven im Wochenbett und versucht, ihren Sohn mit dem Kopfkissen zu ersticken. Durch eine Hebamme, die gerade noch rechtzeitig das Krankenzimmer betritt, überlebt das Kind.

Als Wiedergutmachung wird das Kind mit Liebe überschüttet und kleidungstechnisch der erwarteten Tochter angepasst. „Puppa“ -wie Püppchen- wird fortan sein Name. Nach vier Jahren wird dann doch noch eine Tochter „Maria Perdita Désirée“ geboren und der mütterliche Posten des Lieblingsmenschen neu besetzt. „Jetzt fühlte ich am lebendigen Leib, dass ich sie nicht interessierte. Ich war ihr Pflichtprogramm, die Kür - die Liebe - bekam die Schwester“ (12). Nägelkauen, Haare ausreißen, Stuhlgangverweigerung. Das komplette Programm an Aggressionen oder besser gesagt „Schreie nach Liebe“ folgten. „Mutter konnte mich nicht feuern, das nicht, aber sie konnte mich auf Sparflamme setzen. Bekam ein abgeschobener Fußballer ein Mindestgehalt, bekam ich nun die Mindestration an Wärme, die man von einem zivilisierten Menschen erwarten konnte“ (14).

Dann beginnt -nach der Rückkehr aus dem Krieg- die Beziehung zu dem eigenen Vater, Franz Xaver Altmann, der tief gezeichnet von einer -modern ausgedrückt- „posttraumatischen Belästungsstörung“ ist. Das eigene Potential nicht genutzt habend, sich dem Elternwillen gebeugt habend, indem er das Familienunternehmen als Rosenkranzhändler weiterführt anstatt zu studieren, fristet er fortan in Altötting eine traurige Existenz. „Eine Tätigkeit, die alles Erfreuliche an ihm verwittern ließ: seinen Charme, sein Hirn, seine musische Begabung. Er war der erste Mensch, bei dem ich verstand, dass Attraktiv- und Klugsein nicht reichen, um nicht abzustürzen in ein gnadenlos banales Schicksal“ (19). Allerdings stürzt er nicht nur selbst ab, sondern lässt stattdessen seinen Frust an sämtlichen Familienmitgliedern aus. „Franz Xaver Altmann gegen den Rest der Welt“ (136). Ein regelrechter Kotzbrocken, kann man meinen. Alles an erdenklichen Scheußlichkeiten und Fiesivitäten wird von ihm aufgefahren. Krank, im wahrsten Sinne des Wortes, ist dieser Mensch.

Irgendwann erfolgt der endgültige Schlussstrich zwischen den Eltern. Detta, die Geliebte des Vaters, zieht ein, die Mutter zieht nach etlichen Querelen dann doch aus, wird vom Vater aber weiterhin aus der Ferne drangsaliert und tyrannisiert. Um den Schein zu wahren, wird selbstverständlich keine Scheidung im erzkatholischen Altötting eingereicht. Man überlässt die zerrütteten Verhältnisse sich selbst. Die Kinder bleiben nunmehr dem Tyrannen -in brutaler Gewalt und Schrecken ohne Ende- hilflos über Jahre hinweg ausgeliefert.

Die eigene Befreiung gelingt Altmann schließlich durch eine lebensbedrohliche Ausnahmesituation, in der er reaktiv reagiert, und die daraufhin den Bruch mit dem Vater endgültig vollzieht. Die schreckliche Erfahrung aber kann ihn nicht brechen. Sie wird vielmehr zu einem Schlüssel für ein Leben jenseits des Opferstatus.

Diskussion

Das Grauen einer Kindheit und Jugend wird mithilfe einer dezidierten Beobachtungsgabe treffend auf den Punkt gebracht. Die Wortwahl mutet trotz allem nach wie vor primitiv an. Vllt. jedoch muss dies auch in dieser Weise gehandhabt werden, um den Geschehnissen gerecht werden zu können. Vllt. lässt es sich einfach aus der Perspektive eines derart misshandelten Kindes/Jugendlichen/Erwachsenen nicht anders beschreiben.

Der eigentliche Kern sind aber die Auswirkungen dieser Kindheit, die das weitere Leben im Erwachsenenalter maßgeblich kennzeichnen. Diese spiegeln sich eindeutig in den Ergebnissen der empirischen Forschung wieder. Erfolgsmenschen führen bekanntlich ihr Versagen eher auf äußere Umstände zurück, sind weniger innerlich angegriffen bei Misserfolg und starten unermüdlich erneut, so dass sich ihre positive Erfolgbilanz dann auch tatsächlich einstellt. Misserfolgsgeprägte Menschen führen ihr Versagen vorwiegend auf mangelnde eigene Fähigkeiten zurück, so dass sich ihre negative Erfolgsbilanz als „self-fulfilling prophecy“ (sich selbst erfüllende Prophezeihung) quasi ebenfalls von selbst bestätigt. Robert K. Merton bezeichnet den Denkfehler, die eigene Rolle zu übersehen und die Ereignisse dann als Beweis für die eigene Vorhersage anzuführen, pointiert als „reign of error“ (Fehlerherrschaft).

Diesen Kreislauf, häufig auch als negativer „Matthäus-Effekt“ [2] bezeichnet, ist es nicht einfach zu durchbrechen, da hierfür eine langfristig angeleitete Verhaltensmodifikation vonnöten ist.

Allein mit Intelligenz lassen sich Erfolg bzw. Misserfolg also längst nicht erklären.

Anhand des Wahrzeichens der Intelligenz, des Fühlhorns der Schnecke, machen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ deutlich, dass die Genese der Dummheit durch eine physische Verletzung, der Zurückweisung durch ein Hindernis, den Geist durch Schrecken lähmt. „Die entfalteteren Tiere verdanken sich selbst der größeren Freiheit, ihr Dasein bezeugt, daß einstmals Fühler nach neuen Richtungen ausgestreckt waren und nicht zurückgeschlagen wurden. Jede ihrer Arten ist das Denkmal ungezählter anderer, deren Versuch zu werden schon im Beginn vereitelt wurde; die dem Schrecken schon erlagen, als nur ein Fühler sich in der Richtung ihres Werdens regte. Die Unterdrückung der Möglichkeiten durch unmittelbaren Widerstand der umgebenden Natur ist nach innen fortgesetzt, durch die Verkümmerung der Organe durch den Schrecken.“ [3] Damit ist „Dummheit … ein Wundmal“, welches „die blinden Stellen in demselben Individuen (als) Stationen (anzeigt), auf denen die Hoffnung zum Stillstand kam“. [4]

Wenn also ein Mensch nicht dumm ist, sondern lediglich in seinem Leben „verhindert“ oder „behindert“ wurde, weil sein Bildungsprozeß keine Erweiterung und Bereicherung, sondern Verengung und Verarmung erfahren hat, dann stellt sich die Frage, ob und wie man selbst aktiv darauf Einfluss nehmen kann.

Jean-Paul Sartre zeigt über sein Bühnenstück „Geschlossene Gesellschaft“ einen Lösungsweg auf, dass es nämlich immer eine freie Entscheidung ist, sich in eine selbstgewählte Hölle zu begeben, die durch schlechte Beziehungen zustande kommt. „Das bedeutet, wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von andren“. [5] Ein „lebendiges Totsein“ ist die Folge, „wenn man von der ständigen Sorge um Urteile und Handlungen umgeben ist, die man nicht verändern will“. [6] „In welchem Teufelskreis wir auch immer sind, ich denke, wir sind frei, ihn zu durchbrechen. Und wenn die Menschen ihn nicht durchbrechen, dann bleiben sie, wiederum aus freien Stücken, in diesem Teufelskreis. Also begeben sie sich aus freien Stücken in die Hölle.“ [7]

Fazit

In allen Kulturen wird Kindern die „frontale(n) Gestelltheit gegen das Umfeld“ (Pleßner) erspart durch eine „Brechung“ der Realitätsgewalt; ein „Filter“ fungiert daher zwischen Kind und Wirklichkeit, einerseits um Schutz bzw. Hilfe zu gewährleisten, andererseits dient er der Einprägung eines kulturellen Schemas. [8]

Wachsen Kinder ohne Liebe, Schutz- und Schonraum auf, der sie sich langsam auf die Welt vorbereiten lässt, kommt es zu Deformierungen der Seele, die sich langfristig im Erwachsenenalter fortsetzen und kaum wieder zu normalisieren sind. Therapien scheinen wenig erfolgversprechend. Wie auch, wenn das Urvertrauen in andere Menschen zerstört ist?! Nichts ist im Nachhinein wieder gut zu machen. Der Glaube an Therapien, die Abhilfe schaffen können, obsolet. Sie können bestenfalls zur Selbsterkenntnis beitragen. Als einziges Mittel: Aktive Selbstinitiative! „Action ist system, Handlung ist System“ (Parsons)[9], lautet die Botschaft der Luhmannschen Systemtheorie, wobei aber der Handelnde der Handlung untergeordnet ist und lediglich dem gesellschaftlichen Handlungspotential Folge leistet. Die Faszination, die Fokussierung auf Etwas (z. B. das Schreiben), kann zudem helfen und als Haltegriff fungieren. Das zumindest ist Altmanns vorgeschlagener Lösungsweg, der dem von Sartre vorgeschlagenen nicht allzu fern ist: nämlich den Teufelskreis zu durchbrechen – in welcher Form auch immer.


[1] Mollenhauer, Klaus: Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur, Bildung und Erziehung. (4. Aufl.) München/Weinheim 1994. S. 10.

[2] Die Bezeichnung „Matthäus-Effekt“ spielt an auf einen Satz aus dem Matthäusevangelium aus dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Mt 25, 29)

[3] Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften. Bd. 5: Dialektik der Aufklärung und Schriften 1940-1950. Hrsg. von Gunzelin Schnid Noerr. Frankfurt a.M. 1987. S. 289f.

[4] Ebd.

[5] Jean-Paul Sartre über Geschlossene Gesellschaft. In: Sartre, Jean-Paul: Geschlossene Gesellschaft. Stück in einem Akt in neuer Übersetzung. Neuübersetzung von Traugott König. (38. Aufl.) Hamburg 2001. S. 61.

[6] Ebd., S. 62.

[7] Ebd.

[8] Mollenhauer, Klaus: Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur, Bildung und Erziehung. (4. Aufl.) München/Weinheim 1994. S. 34ff.

[9] Luhmann, Niklas: Einführung in die Systemtheorie. (2. Aufl.) Heidelberg 2004. S. 18.


Rezensentin
Dr. des. Sandra Schaub
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Zitiervorschlag
Sandra Schaub. Rezension vom 10.04.2014 zu: Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Piper Verlag GmbH (München) 2012. 3. Auflage. ISBN 978-3-492-30179-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15677.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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