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Ergin Focali, Christoph Kimmerle u.a. (Hrsg.): Zukunft. Erziehen

Cover Ergin Focali, Christoph Kimmerle, Gabriela Naumann (Hrsg.): Zukunft. Erziehen. Grundlagen, Perspektiven, Kontroversen der sozialpädagogischen Ausbildung. Dohrmann Verlag (Berlin) 2013. 339 Seiten. ISBN 978-3-938620-27-4. D: 24,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Die Termini „Zukunft. Erziehen.“ assoziieren die Möglichkeit, in kommende Zeiten zu blicken, und das in einem Arbeitsfeld, das zur Lösung von komplexen Aufgaben zentraler Kenntnisse und der Integration von Wissensbeständen unterschiedlicher Fachgebiete bedarf. Den Wandel und die Wahrnehmung der vielfältigen Ansprüche sowie die daraus resultierenden Anforderungen an die Profession der ErzieherInnen zeigen die AutorInnen in ihrer ganzen Breite auf. Der Band, den Focali, Kimmerle, Naumann und weitere AutorInnen vorlegen, setzt es sich zum Ziel, den quantitativen und qualitativen Umbruch in der Erziehungslandschaft aufzugreifen, den Diskurs in der frühpädagogischen Bildungsdebatte zu beleuchten sowie fachliche Impulse speziell für die Ausbildung von ErzieherInnen zu liefern.

AutorInnen

Viele der AutorInnen wirken als Lehrkräfte in und an der sozialpädagogischen/ erzieherischen Ausbildung mit. Der Reader bietet somit ein Spektrum an unterschiedlichen Beiträgen, Praktiker und Wissenschaftler geben Einblick in ihre Lehr- und Forschungstätigkeiten.

Entstehungshintergrund

Anlass und Wunsch der Autoren ist es, Aspekte und Anforderungen von Ausbildung und Praxis zu diskutieren und die bildungspolitische Diskussion weiterzuführen. Die Heterogenität der Zugänge wird als Bild gedeutet, das die Breite der sozialpädagogischen Ausbildung wiedergeben soll.

Aufbau

Der vorliegende Reader gliedert sich in 7 Kapitel (mit insgesamt 21 Aufsätzen), die sich eigenständigen Themenbereichen widmen.

Aus den vorliegenden Textbeiträgen werden auszugsweise Inhalte bzw. ausgewählte Aspekte schwerpunktmäßig betrachtet.

Zu Teil 1: Grundlagen

Christoph Kimmerle: Grundlegende Aspekte menschlicher Entwicklung, fachliche Perspektiven und Paradigmen ( S. 10- 33) Kimmerle setzt sich im 1 Teil, dem Grundlagenkapitel, mit der Begriffsklärung und verschiedenen Konzeptionen von Entwicklung auseinander. Die Faktoren und Phasen der Entwicklung werden ebenso abgehandelt wie entwicklungstheoretische Modelle zur Anlage Umwelt Diskussion. Eine Auswahl psychologischer und soziologischer Perspektiven und Paradigmen zum Zusammenwirken von Anlage, Umwelt und Selbst runden die fachlichen Informationen ab. Dieses Kapitel ist als Lehrskript konzipiert, Kimmerle bietet eine Auswahl aus seiner Sicht besonders „gewinnbringender Perspektiven und Paradigmen“ für künftige ErzieherInnen an.

Gabriela Naumann: Der Körper – ein Querschnittsthema in der (sozial)pädagogischen Arbeit (S. 34- 50). Gabriela Naumann widmet sich im zweiten Beitrag mit interdisziplinärem Anspruch den verschiedenen Aspekten des Körperthemas, welches die Bedeutung des eigenen Körpers für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen in den Vordergrund stellt. Körperliche und psychische Veränderungen verlangen eine neue Annäherung und Auseinandersetzung mit dem eigenen Erscheinungsbild. Der jugendliche Körper, der als Träger von Statussymbolen fungiert, und die Gefahren, die aus dem Bedürfnis der Jugendlichen resultieren, ihren Körper zu modellieren, werden ebenso thematisiert wie die Rolle des Körpers als soziales Konstrukt. Im Punkt Der Körper in der (sozial)pädagogischen Praxis fordert Naumann dazu auf, den Körper nicht nur als ein Instrument zu verstehen, das im Fingerspiel des Morgenkreises … Verwendung findet. Der Körper, so Naumann, stellt „… die zentrale Instanz informeller, halbformeller und formeller Bildungsgelegenheiten dar“ (S. 45).Daher können insbesondere ErzieherInnen als Vorbilder die Kinder zu einem lustvollen und bewussten Umgang mit dem Körper anregen (vgl. S.47).

Zu Teil 2: Familie als primäres Sozialisationsumfeld und als Erziehungspartner

Rita Marx: Zur Entwicklung von Familienformen (S. 51-65). Marx beschreibt in ihren Ausführungen differenziert die Entwicklung von der sog. großen Haushaltsfamilie bis hin zu der heute gelebten Pluralisierung der Familienformen. Die Vielfalt der Lebensformen wird von der Kernfamilie ausgehend über reproduktionsmedizinisch entstandene Elternschaft bis hin zu Adoption und Pflegefamilien aufgelistet.

Annette Lepenies: Eltern in der Kita (S. 66-80). Die Rolle der Eltern, ihre Bedeutung für eine gelingende Partnerschaft und in der Konsequenz optimierte (Arbeits-)Bedingungen für Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte sind Gegenstand der Ausführungen von Lepenies. Sie mahnt die frühzeitige vorschulische Bildung für Kinder aus allen Bildungsmilieus an. Die Autorin beschreibt u.a. rechtliche Grundlagen und Ergebnisse einschlägiger Studien (Deutsche Befindlichkeit, S. 66-68), und verweist auf das Modell der Early Excellence-Centres als Möglichkeit, den angewachsenen gesellschaftlichen Anforderungen an die Kita gerecht zu werden. Ausschlaggebend ist die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Im Focus der Ausführungen von Lepenies stehen in diesem Artikel die Eltern, es gilt v.a. deren Sichtweise und deren Erziehungskompetenz einzubeziehen. Zu der individuellen Förderung des Kindes gehört die Partnerschaft mit den Eltern (S. 68), die Beteiligung der Eltern ist Voraussetzung für eine gelingende Erziehung in frühen Kinderjahren. „Die Eltern sind die Experten ihrer Kinder!“ ( S. 70). Die Autorin erläutert das grundlegende pädagogische Konzept des Early Excellence-Konzepts (‚Loop‘, S. 73) sowie grundlegende Umgangsweisen für einen förderlichen Prozess zwischen allen beteiligten Personen (z. B. ‚Gemeinsame Sprache‘ S. 74 f.), stellt ausgewählte Beobachtungsinstrumente (z. B. ‚Die Leuvener-Engagiertheits-Skala für Kinder‘, S.77) vor, und formuliert abschließend die in Early Excellence-Centres favorisierten pädagogischen Strategien.

Rita Marx: Entwicklungspsychologische Aspekte früher Trennung und außerfamiliärer Betreuung (S. 81-89). Die Autorin thematisiert das Wohl der Kinder und deren gelingende Entwicklung, da die Kinder als direkte Betroffene der gesetzlichen Regelungen des am 1.08.2013 in Kraft getretenen Kinderförderungsgesetzes (KiföG) zu betrachten sind. Es geht also um die Kleinkinder, die zur Betreuung ganz oder stundenweise in eine Einrichtung gegeben werden. Daher sind nicht die Debatten auf den unterschiedlichen Ebenen (u.a. Arbeitsmarktpolitik; Geschlechtsrollenbilder, S. 81) und zwischen den verschiedenen Beteiligten Gegenstand des Beitrags, sondern die Sorge darüber, dass in der gesellschaftlichen Diskussion nicht das aus früher Trennung von Kindern und Müttern resultierende individuelle Leid in Folge des Krippeneintritts gesehen wird (Verweis auf das Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, S.82). Marx führt durch die Ergebnisse und Erkenntnisse von A. Freud, M. Mahler, H. Erickson, J. Bowlby sowie Grossmann, K. /Grossmann, E. zur frühen Trennung, zur Bedeutung der Bindungspersonen bzw. der Bindungstheorie und schließlich zum Bindungsverhalten. Die Konsequenzen gravierender Trennungserfahrungen für Kind, Mutter und Vater werden somit deutlich(vgl. S.82-85). Marx plädiert dafür, Eingewöhnungsmodelle (vgl. H.-J. Laewen u.a.2006) zu nutzen, die bei Einjährigen fehlende Einsicht zur Objektkonstanz und Objektpermanenz zu bedenken und sogenannte Übergangsobjekte einzusetzen (D. W. Winnicott, S.86). Als Fazit aus der Sicht von Marx ergibt sich auch, dass Erzieherinnen die individuellen Anforderungen der einzelnen Kinder nicht erfüllen können. „Auch bei bester Ausbildung und bester fachlicher und personaler Kompetenz ist es kaum möglich, dass eine einzelne Erzieherin den Bedürfnissen der … in die Kita kommenden kleinen Menschen gerecht wird“ (S.87). Marx resümiert, es ist „… für Kinder und Eltern wichtig, dass vor Krippeneintritt ein sicheres inneres Bild von einer guten Bindungsbeziehung vorherrscht“ (S.88).

Zu Teil 3: Pädagogische Ansätze zu Entwicklungsförderung

Anton Hergenhan: Aggressive Kinder? Systemische Beziehungschancen (S. 90-104). Die Ausführungen des Autors basieren auf seiner langjährigen Berufserfahrung; aus seiner Sicht gehört der systemische Ansatz zum unentbehrlichen Bestandteil der Erzieherausbildung. Hergenhan fordert, aggressiven, d.h. von PädagogInnen manchmal als „verhaltensoriginell“ bezeichneten Kindern, mit sechs systemischen Basalkriterien zu begegnen und so (neue) Beziehungschancen zu eröffnen. Hergenhan reduziert das „Fremdwörtergestrüpp der Systemtheorie von Niklas Luhmann“ (S. 91) für den pädagogischen Alltag und entfaltet „ein effizientes Handlungsprogramm“ (S.92-103). Dieses Vorgehen verdeutlicht er anhand eines Beispiels und belegt die von ihm als wirksam identifizierten sechs Kriterien, die da heißen:

  • Persönliche Präsenz
  • Führung, die das Kind mündig sein lässt und respektiert
  • Ausdrückliche Identifikation der Ressourcen, der Fähigkeit
  • Positive Beachtung des Symptoms
  • Lösungsentwurf der Kinder
  • Einbau des kindlichen Bezugssystems

Erwachsene/ ErzieherInnen nehmen auf dieser Basis ihre eigene Rolle und Autorität sowie die des Kindes wahr. Die Kinder haben die Möglichkeit „mündig“ zu agieren, d.h. in ihrem Kontext Probleme und Konflikte zu bearbeiten, während die Erzieherin diesen Prozess anerkennend und kommentierend begleitet. Die Fachkraft bedient sich dabei des zirkulären Fragens, bezieht andere Kommunikationsteilnehmer mit ein und schafft so neue Beziehungswirklichkeiten. Ziel ist die Lösungsarbeit, der Paradigmenwechsel und damit die fundamentale Änderung eines Denk- und Arbeitsmusters (vgl. S. 100). Schließlich werden in dieses Programm die Eltern mit einbezogen, da sie zum kindlichen Bezugssystem gehören und eine wesentliche Rolle einnehmen.

Eva Scala: Gestaltpädagogik (S. 105- 114). Wie aus dem Titel hervorgeht, steht im Mittelpunkt der Ausführungen von Scala die Gestaltpädagogik als „ein umfassendes Konzept ganzheitlicher Pädagogik, welches die persönlichkeitsfördernden Ansätze und Methoden verschiedener Richtungen der Humanistischen Psychologie und Pädagogik … mit den europäischen Traditionen der Reformpädagogik verbindet“ (S. 105). Besonderes Anliegen ist es der Autorin, die Persönlichkeit des Pädagogen als die einer kritisch-kreativen, und von Wohlwollen zu sich selbst und anderen geprägten Person zu beschreiben. Diese Eigenschaften bestimmen im Rahmen des gestaltpädagogischen Arbeitens den Kontakt zu seinem Umfeld, d.h. zu Kindern, Schülern etc. „Lernen wird vorrangig als Persönlichkeitsentwicklung verstanden“ (S.105). Neben den grundlegenden didaktischen Prinzipien und Methoden der Gestaltpädagogik, die von der Autorin aufgezählt werden, verweist sie knapp auf mannigfaltige pädagogische Bewegungen, die als Lerntrainingsmethoden und als Pädagogik der Menschenbildung Eingang in sozialpädagogische Arbeitsfelder gefunden haben und dort erkennbar verortet sind. Ausführlicher widmet sich Scala dem Kontaktprinzip der Gestaltpädagogik, das auf dem Hintergrund der Gestaltherapie entwickelt wurde. „Im pädagogischen Bereich kann das Kontaktmodell sowohl zu Analyse als auch zur Strukturierung von Lehr- und Lernprozessen verwendet werden“ (S.108). Scala beschreibt den Kontaktprozess selbst sowie mögliche Ursachen für Kontaktstörungen, die im Lernprozess auftreten können. Lernen wird von Scala als Ausdruck der individuellen „Kontaktgeschichte“ verstanden, die es aufzuarbeiten gilt. Abschließend werden die Ebenen des Kontaktes wie auch die Phasen und Methoden der Gestaltpädagogik aufgelistet.

Zu Teil 4: Zugänge zum Jugendalter: spezifische Herausforderungen und Formate

Klaus Farin: Über die Jugend und andere Krankheiten (S. 115- 120). Der Autor führt in seiner kurzen Darstellung zielgerichtet zur Bedeutung der Medien als Teil der kommerziellen Unterhaltungsindustrie und ihrer Bedeutung für die Einordnung der jungen Generation im Allgemeinen. Die allgegenwärtige gesellschaftliche Verunsicherung zeigt sich in der Vorstellung des Menschen v.a. als Sicherheitsrisiko, die Pluralisierung und Individualisierung verursacht neben Chancen auch Ängste, die bei einem Großteil aller Gesellschaftsangehörigen zu finden sind. Die Jugend, die als gefährdet eingestuft wird, muss daher geschützt, kontrolliert und überwacht werden, so die Überzeugung der Umwelt (Das repressive Revival, S.116), allerdings ist diese Jugend so schlecht nicht. Farin belegt dies u.a. mit einer Repräsentativerhebung der BZgA von 2001. Diese zeigt, dass „der Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis unter Jugendlichen in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist“ (S.117). Auch die Meinung, Jugendliche zeigen kein Engagement in Politik ist so nicht zu halten, vielmehr sind hier differenzierte Betrachtungen von Nöten. Farin kommt für sich zu einem ernüchterndem Fazit: „Die Mehrheit jeder Generation ist bieder, konsumtrottelig und unengagiert. … Das ist bei den Jungen kaum besser als bei den Alten. … Wir leben in einer Gesellschaft der mehrheitlich Nicht-Engagierten, der bloß Konsumierenden …“ ( S.117/118). Die Kritik von Farin richtet sich an die Erwachsenen, die er als desinteressiert und respektlos Jugendlichen gegenüber ansieht. So bekommen Jugendliche keine Anerkennung von ihren Eltern bzw. des Umfeldes, gute Leistungen im schulischen Bereich sind allerdings davon ausgenommen(vgl. S.119). Das Plädoyer des Autors zielt darauf ab, Kinder und Jugendliche zu selbstbewussten und engagierten Menschen zu erziehen und eine Anerkennungskultur (S.119) statt einer Versagenskultur zu entwickeln. Dies gilt auch für den Lern- und Lebensort Schule.

Wolfgang Böhm: Das Jugendstrafverfahren(S. 121- 133). Die Tätigkeit und seine Erfahrungen als Jugendrichter und daraus resultierend der Anspruch, ErzieherInnen einen fundierten Überblick über das Jugendstrafrecht zu bieten sowie der Appell in begründeten Fällen rechtzeitig das Gespräch mit Angehörigen der Strafverfolgungsbehörden und der Justiz zu suchen, prägen die Ausführungen von Böhm. In gleicher Weise betont Böhm die Notwendigkeit einer transdisziplinären Kommunikation mit allen Beteiligten zum Wohle des straffälligen Jugendlichen oder Heranwachsenden. Böhm macht deutlich, dass es gilt, bei erfolgten Straftaten von Jugendlichen episodenhaftes und entwicklungspsychologisches ‚normales‘ Verhalten von deutlich devianten Verhalten und damit dem Beginn einer kriminellen Karriere zu trennen (vgl. S.121). ErzieherInnen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Verantwortung zu, da angemessenes Handeln im erzieherischen Kontext umfangreiches Wissen erfordert. Neben des Zielen und den Anwendungsbereichen des Jugendstrafrechts, erörtert Böhm die Rechtsfolgen der Taten gemäß JGG und beschreibt die möglichen Sanktionen, die sich an der konkreten Situation des Jugendlichen zu orientieren haben(vgl. S. 125). Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel werden dargestellt, auf die Vollstreckung der Jugendstrafe in Jugendstrafanstalten geht Böhm ebenso ein, wie er einen Einblick in die Bereiche der Aussetzung einer Jugendstrafe zur Bewährung gibt oder die Begründung für die Notwendigkeit der Bestellung eines Verteidigers erläutert. In einem abschließenden Absatz wird noch auf die Ermessensentscheidung des Gerichts hinsichtlich der Kosten im Verfahren bei Jugendlichen hingewiesen.

Anke Rabe, Claus-Peter Rosemeier: Psychoanalytisch-interaktionelle Gruppenpsychotherapie mit Jugendlichen in Therapeutischen Wohngemeinschaften (S. 132- 152). Der Artikel von Rabe und Rosemeier bietet anhand von ausgewählten Fallvignetten (vgl. S. 137) einen individuellen Einblick in Problemlagen und Störungsbilder von Jugendlichen, deren Wohnort eine TWG bildet. Die Autoren gehen sowohl auf funktionelle wie auch auf strukturelle Störungen ein. Ausgehend davon, dass alterstypische Aufgaben nicht, teilweise oder auf selbstschädigende Weise gelöst werden, wirken sich diese gemäß Rabe und Rosemeier als erhebliche Einschränkung im Fühlen, Denken und Handeln der Jugendlichen aus, in sozialen Situationen und Beziehungen führt diese Armut zu Beeinträchtigungen (vgl. 133). Rabe und Rosemeier beschreiben u.a. die Mentalisierungstheorie, die es den Jugendlichen erlaubt, für sie belastende Situationen zu bearbeiten. Dies erfolgt im hilfreichen Rahmen einer psychoanalytisch-interaktionellen Gruppenpsychotherapie. Das von den AutorInnen favorisierte Vorgehen gründet auf dem Göttinger Modell (vgl. S.145f.) Entscheidend, so Rabe und Rosemeier ist im Gruppenalltag die konsequente Haltung des Therapeuten. Diese selektive Authentizität, die als eine bewusste Abweichung von der Haltung der Neutralität zu sehen ist, lässt aber keineswegs die gebotene Abstinenz außer Acht (vgl. S.147). Allerdings ist nicht die Therapeutisierung des Alltags angesagt. „Im Gegenteil bleibt die Differenz der Aufgaben und Tätigkeiten von Pädagogen und Therapeuten für die stationäre Arbeit außerordentlich wichtig“ ( S. 150).

Zu Teil 5: Organisations-und Qualitätsentwicklung

Christoph Kimmerle:Ambivalente Auswirkungen einer Ökonomisierung? Hintergründe, Prämissen und Leitbilder des Diskurses zur Organisations- und Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe (S. 153- 155). Kimmerle gibt einen kurzen Einblick in den Verlauf zur Initiierung und Umsetzung einer Reform der öffentlichen Verwaltungen in Deutschland. Stichpunkte für den Veränderungsansatz in der Kinder und Jugendhilfe bilden u.a. die Begriffe wie das Neue Steuerungsmodell, das Ringen um die Definition von Qualität, die Organisationsentwicklung, die Zielvereinbarung, das Dienstleistungsunternehmen bzw. die Dienstleistungsphilosophie, der Adressat als aktiver, autonomer Markteilnehmer (vgl. S. 154). Zu diskutieren bleibt nach Ansicht des Autors, inwieweit sich die fortsetzende Ökonomisierung im Sozial- und Bildungsbereich anregend für die aktuelle Professionalisierungsdebatte für den Kinder- und Jugendhilfebereich auswirkt.

Kerstin Adolf- Wright: Organisationsentwicklung und Bildungsmanagement als sozialpädagogische Aufgabe und Herausforderung (S. 157- 155). Den Veränderungen der Aufgaben und Tätigkeiten von ErzieherInnen und SozialpädagogInnen auf dem Hintergrund der aktuellen bildungspolitischen Entwicklungen und dem Akzent auf Maßnahmen zur Ökonomisierung widmet sich der Text von Adolf- Wright. Die Autorin thematisiert den Bereich des Bildungsmanagements mit Blick auf „das entstehende Spannungsgefüge in der Verbindung von Pädagogik und Ökonomie und zeigt Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes und der Denkweisen betriebswirtschaftlicher Modelle und Instrumente auf“ (S. 157). Zur Strukturierung und Organisation sozialpädagogischer Einrichtungen ist die Entwicklung und Etablierung eines Leitbildes erforderlich sowie auch die Konzeption der Einrichtung, die sich als individuelles Profil der Einrichtung präsentiert. Diesen Vorgang beschreibt Adolf- Wright, um sich dann mit der Funktion der Konzeption zu beschäftigen und ihre Notwendigkeit im Hinblick auf Aspekte wie z.B. die Beschreibung von gemeinsam gelebten Werten der MitarbeiterInnen oder einheitlichem Handeln zu begründen (vgl. S.159-160). In diesem Beitrag sind weiter Erläuterungen zur Personalentwicklung (Bedeutung der Qualifikation der MitarbeiterInnen, S.160), zum Bildungsmarketing (Konkurrenz und Wettbewerbssituation der Bildungsinstitutionen, wirksame Öffentlichkeitsarbeit, S.162-163 und zum Bildungssponsoring (Aktivitäten zur Ressourcenausstattung sozialwirtschaftlicher Organisationen, S. 166-167) zu finden. Die Autorin bekräftigt in ihrem Fazit, dass Bildung nicht als handelbare Ware gesehen werden darf, pädagogisches Handeln sich an ethischen Grundlagen zu orientieren und sich deutlich von rein ökonomischen Aspekten zu distanzieren hat (vgl. S. 168).

Christian Schubert, Grit Herrnberger: Systematische Organisationsentwicklung und Bildungs-management in der Kindertagesstätte (S. 170- 192). Schubert und Herrnberger gehen der Messbarkeit von Qualität v.a. im Kontext pädagogischer Arbeit mit jungen Kindern nach und regen den Leser/die Leserin zur Diskussion dieser Frage an. Die Feststellung und Messbarkeit von Qualität ist eine Herausforderung, Kriterien müssen in ihrer Komplexität gesehen werden, und eine genaue Feststellung erfordert eine akribische Abklärung des Begriffs Qualität. „Lange, den verlängerten Ladenzeiten angepasste Betreuungszeiten bedeuten noch keine gute Qualität“ (S.172). Die AutorInnen beschreiben die Dimensionen pädagogischer Qualität anhand der drei Qualitätsdimensionen, der Struktur-, der Prozess- und der Ergebnisqualität sowie die grundsätzliche Möglichkeit Qualität festzustellen(vgl. S.173-178). Verschiedene interne und externe Evaluationsinstrumente und Qualitätsentwicklungskonzepte, die in deutschen Kindertagesstätten Anwendung finden, schließen sich an (z.B. KES-R, S. 182, Din EN ISO 9000:2000, S.185-186, IQUE und QBE, S.188).

Talibe Süzen: Auf dem Weg zu einer interkulturellen Kinder-und Jugendhilfe? (S. 193- 207). Der Beitrag von T. Süzen hat den Anspruch, über ein „Konzept der interkulturellen Öffnung der sozialen Dienste sowie über einige Standards für die pädagogische Arbeit im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe“ (S. 193) zu berichten. Zur Beschreibung der Ausgangslage dienen Süzen statistische Daten (rund 15,7 Millionen der 81,7 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, vgl. S. 193). Die Lebenslagen sind sehr unterschiedlich und nach der Studie des Heidelberger Instituts Sinus Sociovision von 2007 in acht Milieus einzuordnen. Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland gleichen der einheimischen Bevölkerung in Unterschiedlichkeit und Facettenreichtum, zeichnen sind z.B. durch ähnliche Denkweisen und ähnliche Lebensstile aus (vgl. S. 194). Bildung und soziale Lage bestimmen die prekären Bedingungen von Menschen mit Migrationshintergrund, Süzen fordert den Zugang zu bestehenden gesellschaftlichen Ressourcen. Die Leistungen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII) müssen gerade für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zugänglich sein (vgl. S.197). Eine Tabelle verdeutlicht mögliche Zugangsbarrieren, migrationsspezifische Störungen, kulturelle Hindernisse und institutionelle Hürden (vgl. S. 197-199). Die interkulturelle Öffnung verlangt nach einer zielgerichteten Prozesssteuerung (Kreis der strategischen Steuerung, vgl. S. 200-201). Fachkräfte, die diesen Prozess begleiten, müssen über interkulturelle Kompetenzen verfügen, um Chancengerechtigkeit, Anerkennung und Zugangsgerechtigkeit für alle Menschen zu sichern. Die Teilhabe an gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen sieht Süzen auch als politisches Ziel von Integrationskonzepten. Zur Umsetzung der Zielsetzungen favorisiert die Autorin den lebensweltorientierten Ansatz der Sozialen Arbeit.

Zu Teil 6:Perspektiven der (sozial)pädagogischen Ausbildung

Kim-Patrick Sabla, Tilmann Wahne: Lehren und Lernen in der Elementarpädagogik (S. 208-220). Die Professionalisierung und die Akademisierung des elementarpädagogischen Bereichs sowie die Verbesserung der vorhandenen fachschulischen Ausbildungsgänge zum/zur Erzieher/Erzieherin werden angestrebt. Das Erreichen dieser Zielsetzung fordert den Autoren zufolge „… die Notwendigkeit einer eigenständigen Didaktik des Lernens und Lehrens im Kontext sozialpädagogischer Handlungs-, Arbeits- und Ausbildungsfelder, die durch die besonderen Bedingungen personenbezogener Dienstleistungen gekennzeichnet sind und damit besondere Anforderungen an die professionell handelnden Akteure/innen stellen“ (S. 208). Neben der Kritik an Verschulungs-, Normierungs- und Standardisierungstendenzen weisen Sabla und Wahne auf die z.B. zunehmende Dominanz fachfremder Messverfahren zur Bestimmung pädagogischer Qualität hin (vgl. S. 209). Weiter betonen die Autoren die Bedeutung des reflexiv konstruierenden Arbeitens, das auch die AdressatInnen miteinbezieht und das sozialpädagogische Handlungsfeld als Lern-, Lehr- und Gestaltungsort eigener Art kennzeichnet (vgl. S. 210-211). Die Vielfalt der sozialpädagogischen Handlungsfelder und Ausbildungsgänge, die umfangreichen Perspektiven und Einsatzmöglichkeiten verlangen nach einem Mehr an eigenständiger Lehr-, Lernforschung (vgl. S.211). Die Trennung sozialpädagogischer Arbeit und Lehre führen die Autoren auf die unterschiedlichen Akzentsetzungen zurück, die sich aus der allgemeindidaktischen Diskussion in der Sozialen Arbeit ergeben. Die Ausbildung der sozialpädagogischen AusbilderInnen wird kritisch beleuchtet, Ansprüche an eine Didaktik der Sozialpädagogik werden formuliert, da „… viele Faktoren und neueste Entwicklungen im Elementarbereich dafür sprechen, die sozialpädagogische und didaktische Ausgestaltung der Sozial- und Erziehungsberufe mehr in den Fokus von Forschung und Theoriebildung zu rücken“ ( S. 214). Eine Didaktik der Sozialpädagogik „… ist als wesentliche Gestaltungsaufgabe für all sozialpädagogischen Bildungskontexte zu realisieren“ (S. 217).

Sigrid Ebert: Der deutsche Qualifikationsrahmen setzt neue Aspekte im System der Aus- und Weiterbildung sozialpädagogischer Fachkräfte (S. 221-230). Ebert greift die im Rahmen des Bologna-Prozesses einsetzende Entwicklung in Deutschland auf, die die strikt getrennten und selektiv wirkenden Bildungssysteme sowie die daraus resultierenden und erworbenen formalen Bildungsabschlüsse einem gemeinsamen Niveau des deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) zuordnet (vgl. S.222). Diese Gleichstellung „ … hat u.a. auch die Gleichstellung der auf Fachschulniveau angesiedelten Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern mit den an Hochschulen angebotenen BA-Studiengängen für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und den erst seit ein paar Jahren eingeführten BA-Studiengängen ‚Bildung und Erziehung in der Kindheit‘ zur Folge“ ( S. 222). Der DQR fordert auf acht Niveauebenen Fach-bzw. Personale Kompetenzen ein. Die gleichwertigen Kompetenz- bzw. Qualifikationsprofile können auf verschiedenen Bildungswegen erworben werden. Im Mittelpunkt der beruflichen Bildung steht der Erwerb von Kompetenzen, diese „… umfassen mehr als die Verfügung über Wissen …“ (S.223). Ebert beschreibt den Verlauf hin zur Professionalisierung sozialpädagogischer Fachkräfte, vermittelt einen Einblick in das Ringen der Fachschulen/Fachakademien um Festigung ihrer Position als dem Ausbildungsort für sozialpädagogische Fachkräfte. Der Autor sieht in der aktuellen Gleichstellung der formal in unterschiedlichen Bildungsgängen erworbenen Berufsabschlüsse im DQR eine Chance, die pädagogische Qualität der Tagesbetreuung von Kindern außerhalb des Raumes Schule zu vernetzen. Diese Entwicklung verlangt nach einer geeigneten Strategie und der Festlegung von fachlichen Standards all der verschiedenen in Kindertageseinrichtungen tätigen Berufsgruppen (vgl. 227-229).

Jens Mühe: Bauchlastig oder Kopfgesteuert? Bedeutung der (entwickelten) Intuition für sozialpädagogisches Denken und Handeln und die Aufgabe der Fachschulausbildung (S. 231-254). In seinen Ausführungen nimmt Mühe intuitives und theoretisch basiertes Handeln von ErzieherInnen in den Blick. Der Autor diskutiert den „vermeintlichen Widerspruch zwischen Intuition und Reflexion“ (S.231), und sieht die althergebrachte Meinung über Erzieherinnen bestätigt. Diese werden als liebevolle Praktikerinnen ohne Fähigkeit, fundiertes theoretisches Wissen einzusetzen, d.h. eben vorrangig emotional und daher nicht zu rationalem und abstraktem Denken in der Lage, charakterisiert. Zur Definition des „schillernden“ Begriffs Intuition stützt sich der Autor auf zahlreiche Quellen. Neben den von Mühe als widersprüchlich identifizierten Hinweisen für Eltern zum intuitiven Umgang mit ihren Kindern in Erziehungsratgebern, greift er die Ausführungen u.a. von Gigerenzer, Bauer, Freud, Oschatz und Adorno (vgl. S. 235-247) zur Bestimmung von Intuition auf. Mühe gelangt zum Schluss, dass allein in den folgenden Punkten eine Übereinstimmung beim Terminus Intuition zu erkennen ist, diese „besteht darin, dass 1.) Intuition schnell ist, dass sie sich 2.) vom gründlichen Nachdenken unterscheidet und dass 3.) die Quellen der Intuition dem intuitiv handelnden Subjekt in der akuten Situation nicht bewusst sind“ (S.247). Der Autor widmet sich sodann der Konkretisierung von Intuitionen, die er als spontane Gefühle, Gedanken und Handlungen (S.248) beschreibt. Im Anschluss formuliert er fünf Forderungen („1.Intuition beforschen und begründen, 2.Intuition im Rahmen der Ausbildung beschreiben, problematisieren und üben, 3. Reflexion eigener und gesellschaftlicher vermittelter epistemischer Vorstellungen anregen, 4. Alltagstheorien erkennen und reduzieren lernen, 5. Entwicklung zur Theoriefähigkeit anregen S. 250-253). Ist der Fachschulunterricht von einer Atmosphäre des Respekts und von gegenseitigem Vertrauen geprägt, so bietet er Mühe zufolge den geeigneten und optimalen Raum für die Bearbeitung und Auseinandersetzung mit diesen Postulaten.

Heidrun Schmidt: Europaperspektiven in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern „Einmal Europa und zurück“ (S. 255-276). Das Modell der Internationalen Berufskompetenz (Lenske 2000) fordert eine Erweiterung der beruflichen Handlungskompetenz. „Dazu gehören als Teil der Internationalen Basisqualifikation Fremdsprachenkenntnisse und internationale Fachkenntnisse und als Teil der Internationalen Schlüsselqualifikationen interkulturelle Kenntnisse und interkulturelle Disposition (Lenske 2000)“ (S. 256). Schmidt greift den benefit auf, der sich aus der Europaorientierung in der Erzieher/Innenausbildung (Lenske 2000) ergibt. Die Sozialpädagogik folgt hier freilich einer Entwicklung, die in der freien Wirtschaft schon seit Jahren gelebt wird, so Schmidt (S. 256). Der Umgang mit der Vielfalt, aber auch die Barrieren/Stolpersteine auf den Weg in die Europäisierung (z.B. Konsequenzen für Studierende, die eine Auslandspraktikum ableisten, vgl. S. 261/vgl. S. 265) zeigt die Autorin ebenso auf wie den Zuwachs an Kompetenz und Erweiterung von Wissensbeständen der Studierenden, die den Schritt ins Ausland gewagt haben. Diese Entwicklung, die das Verlassen der Komfortzone bedeutet, ist notwendig, denn ein Mehr an Transparenz und geregelte Anerkennungsprinzipien in einem gemeinsamen Bildungsraum für alle Akteure erlauben Mobilität und gegenseitigen Austausch. Die Studierenden werden u.a. darin unterstützt, ihre Sozial-, Methoden- und Fachkompetenz zu entwickeln und so zukünftige Arbeitsmöglichkeiten zu erweitern (vgl. S. 274).

Zu Teil 7:Reflexionen im Kontext von Sprache, Geschlecht und Kultur

Tatjana Weber: Das Leben ist ein langes Spielen mit Sprache & Kommunikation (S.277-293). Sprache ist die Grundlage jeder Beziehung und stellt das Mittel zur (zwischen-)menschlichen Verständigung dar. Die kulturelle Teilhabe wird durch Sprache ermöglicht (vgl. S.277). Weber legt in ihrem Beitrag die Bedeutung von Sprache nahe, erläutert die Phasen der Sprachentwicklung, und verweist auf die Bedeutung und Rolle der Eltern für die Sprachentwicklung der Kinder. Die Autorin beschreibt Sprachförderungsmodelle für Kinder, die Eltern im Sinne der Erziehungspartnerschaft auch dazu einladen, ohne zu stigmatisieren, „… gemeinsam mit Kindern die deutsche Sprache zu erobern“ (S. 284). Beispiele für die Sprachförderung im Alltag, Beobachtungsfragen zum Sprachvermögen und Kommunikationsvermögen von Kindern sowie Beobachtungsfragen für Studierende runden den Beitrag ab (vgl. 287-292).

Margarethe Herzog: Geschlechtsstereotypen und Geschlechter – Sensibilität im Kinderbilderbuch (S. 294 -318). Anhand von Kinderbüchern, d.h. Bilderbüchern, setzt sich die Autorin, mit einer kindgerechten Darstellung von Literatur für Kinder im Elementarbereich auseinander. Herzog bietet einen Abriss über Bildergeschichten beginnend z. B. mit H. Hoffmanns Struwwelpeter einer „Warngeschichte“ über die „Wilden Kerle“ von M. Sendak, oder A. Lindgrens „Michael aus Lönneberga“ bis hin zu A. MitgutschWimmelbüchern“ und Janosch, der Kinder mit seinen Protagonisten Tiger und Bär „als typische kindliche Freunde und selbstständige Helden zur Identifikation“ (S. 301) einlädt. Die Autorin analysiert die Rollen von Jungen und Mädchen anhand dieser und weiterer Geschichten, beleuchtet Klischees und thematisiert Vorurteile, hinterfragt die geschlechtersensible und geschlechtergerechte Darstellung der kindlichen Hauptfiguren. Herzog geht dann auf die weiblichen Figuren als Handlungsträgerinnen ein, zeigt anhand von aktuellen Beispielen wie die Protagonistinnen „ihre geschlechtsspezifische Sozialisation hinterfragen“ und „alte Rollenmuster“ (S. 307f.) ablegen. Die Autorin plädiert dafür, dass Mädchen genauso wie Jungen die Chance eröffnet wird, zu erfahren, „ … was es wirklich heißt, weiblichen oder männlichen Geschlechts oder etwas dazwischen und ein Teil der Gesellschaft zu sein“ (S.315). Dies ist der Weg „ … zu einer geschlechtersensiblen und möglicherweise geschlechtsneutralen Perspektive und Haltung im (pädagogischen) Umgang mit Kinderbilderbüchern im Elementarbereich …“ (S. 315).

Ergin Focali: Kultur – Eine kritische Reflexion (S. 319- 334). Den Kulturbegriff mit „seiner immensen Bedeutungsvielfalt“ greift Focali auf, dieser „Containerbegriff“ Kultur bedarf je nach Kontext einer genauen Auslegung, um Differenzen auszuräumen, wie sie sich auch im Rahmen der sozialpädagogischen Ausbildung im Alltags- und Professionsverständnis offenbaren können. Der Autor diskutiert den Terminus Kultur im Zusammenhang mit der Natur (als Komplementärbegriff, alles vom Menschen veränderte, bearbeitete Natürliche ist Kultur, S. 322), der Sprache (mit ihrer kulturbildenden Funktion, „Kommunikation schafft Kultur, und ist gleichzeitig Kultur“ S. 324.) und den gesellschaftlich verankerten Ritualen (Strategien zum Umgang mit Unwägbarkeiten der Natur, mit Statusübergängen usw., oder der Schaffung von symbolischen Ordnungsprozessen S.325 f.). In einem Exkurs widmet sich der Autor der Lebensphase Jugend und dem in diesem Zeitraum „beobachtbaren Hinterfragen der in der frühen Kindheit erlernten Normen und Werte“ (vgl. S. 328-329). Focali schließt mit Ausführungen zu einem für die heutige Zeit angemessenem Verständnis von (Trans-) Kultur. Infolge der Überschreitung aller kulturellen Grenzen zeichnet sich ab, dass das herkömmliche Verständnis von „Kultur, das im Gegensatz von Eigenkultur und Fremdkultur denkt“ (S. 332) aufzugeben ist, und „ … die allgemeinste Trennung, die der (abendländische) Mensch mit dem Begriff eingeführt hat, fundamental in Frage zu stellen: Die zwischen Mensch und Welt bzw. die zwischen Kultur und Natur“ (S.333).

Diskussion

Das zentrale Anliegen dieses Textbuches ist es „ … fachliche Impulse für die Weiterentwicklung der sozialpädagogischen Ausbildung, speziell der von Erzieher/inne/n in Deutschland“ zu geben.“ Die AutorInnen verweisen auf die vielfältigen Aufgaben im Bereich von Erziehung und lassen die ganze Breite von Anforderungen, die an zukünftige Erzieher/inne/n gerichtet sind, deutlich werden. Der Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten wird ebenso aufgeführt, wie die Notwendigkeit der Integration von Wissensbeständen aus verschiedenen Fachgebieten. In den Texten spiegeln sich aktuelle Herausforderungen, Problemlagen, aber auch die Ansprüche an die im sozialpädagogischen Feld von Erziehung tätigen Fachkräfte werden in ihrer Vielfalt belegt.

Fazit

Dieses Buch ist eine Fundgrube, freilich eine Fundgrube, die von den LeserInnen fordert, genau zu wissen, was er/sie denn sucht. Die Vielfalt der Texte, die einen roten Faden vermissen lassen, führen ohne Überleitung von Thema zu Thema. Die einzelnen Beiträge sind stets getragen von persönlichem Engagement, die unterschiedliche Gewichtung und Seitenzahl der Beiträge ist allerdings nicht ganz nachvollziehbar. Daher ist es für die LeserInnen teilweise sehr mühsam, sich durch das Dickicht der vielen Informationen zu bewegen.

Auf eine Differenzierung zwischen den Berufen SozialpädagogInnen und ErzieherInnen wird verzichtet, das wirkt sehr irritierend. Irritationen lösen auch die wiederholten persönlichen Ansprachen des Lesers oder der Verweis auf die eigene pädagogisch- therapeutische Qualifikation aus. Wünschenswert wäre ein intensiveres Lektorat (vgl. z. B. S.32, S. 166, S.194, S.250).

Wer sich angesichts des aktuellen Diskurses in der Bildungs-und Erziehungslandschaft orientieren will, dem liefert das Textbuch einen umfassenden Ein- und Überblick zu erforderlichen Qualifikationen, spezifischen (personalen) Fähigkeiten und bildungspolitischen Entwicklungen sowie Hinweise auf (weiterführende) Literatur.


Rezensentin
Heidemarie Gregor
Akademische Rätin, Dipl. Päd.(Univ.),Dipl. Sozialpädagogin (FH), Beauftragte für das Praktische Studiensemester, OTH Regensburg, Schwerpunkte: Geschichte, Theorien der Sozialen Arbeit, Moderation, Sozialpädagogische Arbeit mit dem Betreuungsgesetz
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Zitiervorschlag
Heidemarie Gregor. Rezension vom 14.03.2014 zu: Ergin Focali, Christoph Kimmerle, Gabriela Naumann (Hrsg.): Zukunft. Erziehen. Grundlagen, Perspektiven, Kontroversen der sozialpädagogischen Ausbildung. Dohrmann Verlag (Berlin) 2013. ISBN 978-3-938620-27-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15711.php, Datum des Zugriffs 02.07.2016.


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