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Christine Moritz (Hrsg.): Transkription von Videodaten in der Qualitativen Sozialforschung

Cover Christine Moritz (Hrsg.): Transkription von Videodaten in der Qualitativen Sozialforschung. Multidisziplinäre Annäherungen an einen komplexen Datentypus. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2013. 536 Seiten. ISBN 978-3-658-00878-9. D: 39,99 EUR, A: 82,19 EUR, CH: 99,50 sFr.
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Thema

Der vorliegende Sammelband „Transkription von Video- und Filmdaten in der Qualitativen Sozialforschung. Multidisziplinäre Annäherungen an einen komplexen Datentypus“ beschäftigt sich mit derzeitigen Formen der Video- und Filmerfassung aus unterschiedlichen forschungsmethodischen Annäherungsweisen. Die Notwendigkeit der Erfassung der Inhalte im Video in ihrer Linearität und Gleichzeitigkeit wird im Sammelband auf der einen Seite durch interpretative, auf der anderen Seite durch deskriptive Verfahren erwirkt. Auf diese Weise entstehen, so die Herausgeberin, sog. „diagrammatische Schreibweisen“ der Video- und Filmtranskription und -interpretation (S. 24f) die dem Zeitmedium Film/Video geschuldet sind.

Herausgeberin

Dr. phil. Christine Moritz ist Geschäftsführerin der Feldpartitur GmbH sowie Lehrende an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Europa.

Entstehungshintergrund

Dieser Sammelband entstand anlässlich der bestehenden Herausforderung in der Erfassung von Video-und Filmaufzeichnungen in der qualitativen Sozialforschung. Für Moritz stand die Diversität der Herangehensweisen von Transkription der Video-und Filmaufzeichnungen, das Aufzeigen und Sammeln praktischer Forschungsbeispiele sowie eine „multidisziplinäre Annäherung“ im Sinne der (erkenntnis-)theoretischen Auseinandersetzung im Vordergrund. Diese Anliegen führt Moritz forschungsmethodisch -wie auch forschungsmethodologisch umfassend, multidisziplinär und in der Diversität der Ansätze sehr anschaulich dar.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in zwei Teile und enthält zusätzlich Online-Materialien, die auf der Internetseite des Verlages publiziert sind.

  1. Im ersten Teil (Seite 17-102) werden forschungsmethodische Aspekte im Kontext der historischen Dimension von Videotranskription beschrieben.
  2. Im zweiten Teil (Seite 107-539) wird anhand von angewandter Forschungspraxis ein multidisziplinärer forschungspraktischer Aspekt dargestellt.

Neben den in der qualitativen Methodenliteratur eher als klassisch zu bezeichnenden Ansätzen der Kommunikations- und Medienwissenschaft, Soziologie, Bildungs- und Kulturwissenschaften sind auch Arbeiten aus bislang weniger berücksichtigten Disziplinen des Tanzes, der Musikanalyse und -pädagogik sowie der audiovisuellen Wissensvermittlung in einem multidisziplinären Austausch im Rahmen der sich ausbreitenden web 2.0 Kultur und der zunehmenden Multimedialität der Akteurs-Kommunikation skizziert.

Inhalt

Im ersten Teil gibt – auch einführend in den Gesamtband – Christine Moritz in ihrem Beitrag „Vor, hinter, für und mit der Kamera: Viergliedriger Video-Analyserahmen in der Qualitativen Sozialforschung“ einen umfassenden Überblick zu den aktuellen forschungstheoretischen Überlegungen zur Arbeit mit Video- und Filmmaterial in der Qualitativen Sozialforschung. Es wird auf die aktuelle Forschungsliteratur im deutschsprachigen Raum sowie den Fragen zur Materialität eines Videos/Films detailliert eingegangen. Weiterhin werden Gründe für oder gerade auch gegen eine Video-Filmtranskription sowie deren unterschiedliche Funktionen in Phasen des Forschungsprozesses („während des Schreibprozesses“ und „nach dem Schreibprozess“, S. 28-29) erläutert, um in den derzeit diskutierten Problemfeldern (S. 31f) zu münden. Die komplexe Thematik wird in diesem Teil nicht nur sehr detailliert und unter Bezugnahme auf die einzelnen Beiträge im vorliegenden Sammelband aufgezeigt, sondern auch, dies ist besonders erwähnenswert, schlüssig in das beeindruckende „viergliedrige Video/Film-Analyseverfahren“ (Vor der Kamera, Hinter der Kamera, Für die Kamera und Mit der Kamera) übergeführt. Die Autorin entwickelt aus den Gedanken die forschungspraktische Konzeption des sog. „Multikodaltranskripts“. Dieses kombiniert „methodenneutral“ und angelehnt an die jeweils zugrundeliegende Forschungsfrage interpretative und deskriptive Anteile, um in einem sog. „Feldpartitur-Design“ (S. 36) gebündelt zu werden. Abschließend gibt die Autorin Hinweise zu Gütekriterien der videobasierten Sozialforschung, „Checklisten“ und Möglichkeiten der Reflexion von Forschungsanlagen- und Designs, somit einen theoretisch fundierten, an die aktuelle Forschungslandschaft anschließenden, vor allem jedoch forschungspraktisch orientierten Einstieg in den Sammelband.

Im Beitrag „Das vertextete Bild. Überlegungen zur Gültigkeit von Videoanalyse“ von Jo Reichertz wird kritisch der in der Qualitativen Sozialforschung „einerseits trivial[en], andererseits falsch[en]“ (S.56) Frage nachgegangen, ob man Bilder zum Zwecke sozialwissenschaftlicher Deutung überhaupt in Text (in diesem Fall: in Formen der Video-/Filmtranskription) überführen kann. Der Autor zeigt schlüssig auf, dass aus der Position der hermeneutischen Wissenssoziologie die zu interpretierenden Bilder (Videos) als soziale Handlungen begriffen werden (müssen), die sich auf der einen Seite als gezeigte Handlung, auf der anderen Seite als Handlung des Zeigens fassen lassen.

Carina Englert zeigt in ihrem Beitrag Do It Yourself – Die hermeneutische-wissenssozialogische Videoanalyse in praktischer Anwendung die forschungspraktischen Erhebungs-und Aufbereitungsverfahren von Datenmaterialien; insbesondere die Analyse und Interpretation von Daten werden in den Fokus genommen. Sie zeigt auf, welche Komplexität durch das Zusammenspiel von Ton und Aufnahme im Umgang mit dem Videomaterial erforderlich ist. Anhand detaillierter Beispielausschnitte zeigt die Autorin nachvollziehbar auf, wie eine hermeneutisch-wissenssoziologische Videoanalyse forschungspraktisch umgesetzt wird.

Teil II gliedert sich in drei Bereiche. Kunst, Musik, Film und Sport (S. 107- 277) mit Beiträgen von Hietzge mit dem Titel „Frei laufen? Trendsportforschung aus dem Blickwinkel ihrer medialen Inszenierung am Beispiel eines Parkour Videos“, „Ästhetische Eroberung des Himmels und der Klassenzimmer? – Der RWU-Unterrichtsfilm „Falschirmjäger“ (1939) eine Filmanalyse unter Anwendung der Feldpartitur“ von Niethammer, „Double Blind - Analyse des Videotrailers einer Tanzperformance `zero degree` der Tänzer Akram Khan und Sidi Larbi Cherkaoui“ von Hauke und Moritz, „Entdeckung von Licht und Schatten in der Videoproduktion von Kindern“ von Hilt, „Beschreibung von täglichen Ereignissen für die Kontextrepräsentation“ von Arellano, Varano, Perales, „Die Bedeutung von Mimik und Emotion im Animationsfilm visuellen Effekten und Transmedia“ von Helzle, „Grundideen des `Kremser Modells der Musiktherapie` im Spiegel der Feldpartitur“ von Tucek, Zoderer, Simon, Sobotka und Wenzel, „Videoannotation im künstlerischen Hauptfachunterricht an Musikhochschulen: Annotierte (Selbst-)reflexion Musikstudierender“ von Kamper und „Der Mops mit der Wurst oder ein erster Einsatz der Feldpartitur zur Studie verköperlichter Führungsprozesse bei Dirigenten“ von Abfalter.

Diese Beträge zeigen allein in der bloßen Aufzählung eindrucksvoll, welche Möglichkeiten das Videomaterial und deren Analyse in den einzelnen Kontexten haben und wie es mit der Feldpartitur bearbeitet werden kann. Die bislang eher auf den Text orientierte Sozialforschung erhält durch die unterschiedlichen Herangehensweisen neue Möglichkeiten, mit dem nichtdiskursiven audivisuellen Datenmaterial (ästhetischer Ausdruck, nichtverbale und mediale Verständigung, Interkultur, Körper und Körperbewegung, Multimedialität) umzugehen, und weisen daher über die einzelnen Fachgrenzen hinaus. Themenspezifisch werden die Beiträge durch Screenshots bzw. Abbildungen von Feldpartituren und weiteren Notationsformen ergänzt.

Im weiteren Unterpunkt Intermedialität (S. 283-384) finden sich Beiträge von Bliesener „Transkription synchroner multimedialer rechnerbasierter Telekonferenzen“, „Transkription multimodaler Gefüge: Herausforderungen bei der Untersuchung interaktiver Prozesse am PC“ von Stertkamp und Schüler sowie der Beitrag „Text-Videoüberlagerungen als Möglichkeit zur Darstellung von qualitativ kodierten Video-und Audiodaten“ von Gürtler.

Auch hier wird anschaulich der jeweilige Zugang zum Datenmaterial beschrieben und sehr detailliert in Tabellen, Abbildungen und Transkriptionsausschnitten dargelegt. Der Umgang am Computer und den damit verbundenen Herausforderungen und Möglichkeiten, sowie deren Anforderungen an qualitative Analysesoftware wird erklärt.

Im dritten Unterpunkt des Teil II Interaktion (S. 391-539) zeigen die Beiträge von Vom Lehm, „Transkription und ethnomethodologische Videoanalyse“, „Marianne hat Kopfschmerzen – Annäherung an eine videobasierte Mimiktranskription (FACS) in Feldpartitur“ von Kürvers, „Sichtbarmachen was sonst verborgen bleibt, Annäherung an eine videobasierte interpretative Mikroanalyse in der Interaktion zwischen Menschen mit Demenz und Pflegenden“ von Welling, „Mathematische Spielsituationen im Kindergarten untersuchen – Die Herausforderung der Datenaufbereitung im Umgang mit Videodaten“ von Schuler sowie der Beitrag „Reflektierte strukturierte Videoanalyse als Mittel institutioneller Professionalisierung angehender Fremdsprachenlehrender: Fokus auf nonverbale Elemente“ von Köhler themenspezifische Besonderheiten und Herangehensweisen.

Dieser letzte Abschnitt gibt Einblicke darüber, wie Transkripte in der Ergebnisdarstellung einer Forschungsarbeit verwendet werden, und erläutert differenziert die Kombination mit bestehenden Verfahren (etwa mit konversationsanalytischen Transkripten, diversen Paper&Pencil methods oder auch Text-Bild-Darstellungen, so etwa bei Vom Lehm, S. 392-440 u.a.). Des Weiteren werden Einblicke in Transkripte, Notationen und Interpretationen von Ereignissen mit der Feldpartitur Software 1.0 aufgezeigt. Themenspezifisch werden die Forschungsprojekte im Hinblick auf eine videobasierte interpretative Mikroanalyse und deren Annäherung aufgezeigt. Die forschungspraktische Herangehensweise hinsichtlich der Datenaufbereitung wird in einzelnen Schritten beschrieben (Welling, S. 443-485) sowie eine reflektierten strukturierte Videoanalyse fokussiert auf nonverbale Elemente erläutert (Köhler, S. 524-538).

Diskussion

Der Sammelband vereint heterogene, auch divergierende oder sich widersprechende, Beiträge aus verschiedenen Fachrichtungen in einem bislang eher vernachlässigten Bereich der Qualitativen Sozialforschung, und zeigt allein hierdurch eine selten in dieser Weise vorfindliche und beeindruckende multidisziplinäre Annäherung an die Transkription von Video/Filmdaten. Dem Leser erschließt sich quer durch die Disziplinen die eigentliche Problemstellung der Erfassung audiovisueller Materialien innerhalb einer logoszentrierten (Wissenschafts-)Welt in einem jeweils anderen Licht, was durch die besonders erwähnenswerte Darlegung der forschungspraktischen Beispiele (teilweise als zu diskutierende „Werkstattblicke“ deklariert) nicht nur zu einem beeindruckenden Überblick der derzeit diskutierten forschungsmethodischen wie auch forschungsmethodologischen Überlegungen, sondern vor allem zu einer fundierten kritischen Auseinandersetzung mit der komplexen Thematik führt. Die Heterogenität von Video- und Filmtranskriptionen wird in den einzelnen Beiträgen immer wieder sehr gut herausgearbeitet und differenziert, aber auch – etwa in Form des „viergliedrigen Videoanalyserahmens“ (im Sinne einer zusammenfassenden Diskussion untypischerweise zu Beginn des Sammelbandes dargelegt) für den/die Leser/in immer wieder zusammengeführt und gebündelt.

Fazit

Der vorliegende Sammelband scheint weitaus mehr als eine multidisziplinäre „Annäherung“. Das Anliegen, durch eine multidisziplinäre Bündelung und den damit einhergehenden Wechsel der Perspektive eine erweiterte Auseinandersetzung mit der bestehenden Problematik zu erreichen, hat dieser Sammelband erreicht. Nicht nur der „viergliedrige Video/Film-Analyserahmen“ ist ein hilfreiches Instrument, sich der Herausforderung des Datenmaterials zu stellen, auch die vielen Forschungsbeispiele ermöglichen für den/die Forschende/n Einblicke zu Möglichkeiten der praktischen Umsetzung im eigenen Forschungshandeln, die zur unausweichlichen Auseinandersetzung mit der individuellen Forschungsanlage, die das Material an die Forschenden stellt, ermutigt. Der Sammelband stellt somit ein wertvolles Forschungspraxishandbuch für die Forschung mit Film und Videodaten für Forschende dar.


Rezensent
Niklas Obitz
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Zitiervorschlag
Niklas Obitz. Rezension vom 09.09.2014 zu: Christine Moritz (Hrsg.): Transkription von Videodaten in der Qualitativen Sozialforschung. Multidisziplinäre Annäherungen an einen komplexen Datentypus. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-00878-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15752.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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