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Sabine Kern, Sabine Spitzer-Prochazka (Hrsg.): Das Drama der Abhängigkeit

Cover Sabine Kern, Sabine Spitzer-Prochazka (Hrsg.): Das Drama der Abhängigkeit. Eine Begegnung in 16 Szenen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 228 Seiten. ISBN 978-3-531-19778-4. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: [Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie / Sonderheft] Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, Sonderheft - 4.
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Thema

Im Mittelpunkt des vorliegenden Sonderhefts der Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie werden unterschiedliche Facetten der Abhängigkeit aus psychodramatischer Sicht beleuchtet, wobei die Lebenssituationen von abhängigen Personen im Zentrum der Betrachtung stehen. Forschungsbegründet und gleichzeitig praxisnah wird das Psychotherapieverständnis im Psychodrama aufgezeigt.

Herausgeberinnen

Sabine Kern ist Psychodrama-(Lehr-)Psychotherapeutin und Redakteurin der Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, ebenso wie ihre Co-Autorin Sabine Spitzer-Prochazka, die auch als Psychodrama-Psychotherapeutin tätig ist und als Mitherausgeberin der Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie fungiert.

Entstehungshintergrund

Psychodrama und Abhängigkeit – eine Geschichte, die schon Psychodrama-Gründer Moreno beschäftigt hat. Die AutorInnen begeben sich auf eine Spurensuche und spannen den Bogen von den Anfängen der psychodramatischen Therapie bei Alkoholabhängigkeit über Drogenabhängigkeit und Sucht bis zur aktuellen psychodramatischen Suchtbehandlung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 16 Hauptbeiträge.

Im ersten Beitrag „Zum Verständnis von Abhängigkeiten aus psychodramatischer Sicht“ geht Hans Benzinger auf den psychodramatischen Suchtbegriff ein und hebt hierbei insbesondere Morenos allgemeines Krankheitsverständnis und dessen Übertragbarkeit auf die Sucht hervor. Er verdeutlicht dieses umfassende suchtbezogene Krankheitsverständnis anhand von drei ausgewählten Fallbeispielen.

Anschließend setzt sich Sabine Kern in ihrem Artikel „Zur Ätiologie der Sucht. Wer sich in ein Labyrinth begibt, sollte den Ariadnefaden nicht vergessen!“ mit der Ursache von Suchterkrankungen auseinander, wobei sie ein psychodramatisches Erklärungsmodell zugrunde legt. Sie zeigt den Weg vom Gelegenheitskonsum über den Missbrauch bis zur Abhängigkeit anhand von ausgewählten Fallvignetten auf. Abschließend skizziert die Autorin die Möglichkeiten für Ausstiegsszenarien aus dem Kreislauf der Sucht.

Der nächste Beitrag „Autonomes Handeln. Soziologische, feministische und psychodramatische Perspektiven“ beschäftigt sich mit Autonomie, verknüpft die drei Perspektiven und stellt einen konkreten und situationsbezogenen Bezug zum psychodramatischen Tun her. Katharina Novy geht im speziellen auf die Rolle der Autonomie – im Sinne ihrer Stärkung und der Vergrößerung von Handlungsspielräumen – für feministische Bildung ein und zeigt anhand der psychodramatischen Grundlagen, Begegnung und Handlungsorientierung die Möglichkeiten einer autonomiefördernden Lebensgestaltung auf.

Kurt Fellöcker diskutiert in seinem Beitrag „Suchtprävention und Psychodramatheorie“ psychodramatische Möglichkeiten von Suchtvorbeugung sowie deren Umsetzung am Beispiel eines suchtpräventiven Theaterstücks in der Volksschule. Es werden an Psychodramatherapie und Psychodramapädagogik orientierte Wirkfaktoren von Suchtprävention in den Fokus gestellt.

Im Artikel „Posttraumatische Belastungsstörung und Suchterkrankung. Doppeldiagnose, Komorbidität und Behandlungsimplikationen“ von Christian Stadler wird ein Zusammenhang zwischen Posttraumatischer Belastungsstörung und Suchterkrankung hergestellt. Der Autor beschreibt jeweils die hirnphysiologischen Abläufe sowie die psychische Symptomatik, um dann auf die Komorbidität einzugehen. Auch hier wird die Theorie ganz konkret anhand von zwei Fallvignetten dargestellt, und Behandlungsimplikationen werden aufgezeigt.

Doris Nowak-Schuh erläutert in ihrem Beitrag „Abhängig vom Applaus. Narzissmus und Sucht“ die Rolle der narzisstischen Störungen im Zusammenhang mit Suchterkrankungen und stellt Komorbidität von Narzissmus und Sucht sowohl in Bezug auf Stimulanzien-Abhängigkeit als auch auf Essstörungen dar. Sie beschreibt das verarmte Rollenrepertoire narzisstischer Persönlichkeiten, zeigt die Psychodynamik anhand von Fallbeispielen auf und gibt Implikationen für eine Therapie mit narzisstischen PatientInnen.

Im folgenden Beitrag „Borderline und Abhängigkeit. Ein theoriegestützter Erfahrungsbericht über psychodramatische Einzeltherapien mit Borderline-PatientInnen mit komorbiden Abhängigkeitserkrankungen“ beschäftigt sich Sonja Hintermeier mit der Therapie von Borderline-PatientInnen und zeigt die spezielle Suchtdynamik auf. Sie beleuchtet Komorbidität, Ursachen und Auswirkungen von Abhängigkeit bei Borderline-PatientInnen aus psychodramatischer Sicht. Die Autorin macht den Psychodrama-Therapieansatz anhand von Fallvignetten deutlich.

Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstörung und co-abhängige Menschen zeigen Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede, was im Beitrag „Beziehungsdynamik von Co-Abhängigen und Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstörung“ von Christine Pichlhöfer herausgearbeitet wird. Der Vergleich arbeitet Besonderheiten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Beziehungsgestaltung hervor, nimmt Bezug auf die soziodramatische Rollenebene und verdeutlicht diese Beziehungsgestaltung im Rahmen von soziometrischer Darstellung der Beziehungsdynamik.

Der Beitrag „‚Man tritt ja keine Realitätsflucht an, wenn es nichts gibt, wovor man fliehen will‘. Die Begegnung eines Online-Rollenspielers mit einem psychodramatischen Rollenspieler“ von Ernst Silbermayr beleuchtet die Abhängigkeit von Online-RollenspielerInnen unter den Aspekten des subjektiven Leidensdrucks und der Schädlichkeit der virtuellen Welt. Theoretischer Input wird durch eine Fallgeschichte verdeutlicht. Im Sinne eines erweiterten Suchtbegriffs wird dem Thema Internet-Sucht Raum gegeben und das Phänomen mit seiner individuellen Diagnose ergänzt durch sozialpsychologische und gesellschaftspolitische Aspekte auf Basis des Soziodramas dargestellt.

Wolfgang Treiber beschreibt im seinem Text „‚Die Katze als Türöffnerin zur ambulanten Entwöhnungsbehandlung‘. Eine psychodramatische Begegnung im Beratungskontext einer Psychosozialen Beratungs- und ambulanten Behandlungsstelle“ anhand eines Falles die Beratungstätigkeit im Verlauf einer Abhängigenbehandlung. Im Beitrag wird die Anwendung des Sozialen Atoms unter motivationsdiagnostischem Fokus praxisnah dargestellt und eine suchtmittelfreie situationsadäquate Erlebens- und Verhaltensalternative aufgezeigt.

Dorothea Ensel geht in ihrem Beitrag „Von den Bremer Stadtmusikanten lernen. Psychodramatisches Arbeiten mit dem inneren HelferInnenteam“ auf das Team der inneren HelferInnen ein und verdeutlicht die psychodramatische Vorgehensweise anhand der Tierdarstellung im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Sie zeigt in zwei eindrücklichen Fallvignetten die Umsetzung im Rahmen der therapeutischen Praxis.

Die AutorInnen Barbara Haid, Wolfgang Färber und Jutta Fürst stellen in ihrem Beitrag „Verwegen? Von wegen! Deswegen … Über die Neugestaltung der Gruppenarbeit in einer Fachstation für Drogenerkrankungen“ die Planung und Umsetzung einer psychodramatischen Gruppe bereits in der Phase des Drogenentzugs vor. Hierbei wird einerseits die Geschichte der Gruppenarbeit an der dargestellten Station beleuchtet und andererseits die Startphase der Gruppe inklusive der Erfassung der hilfreichen Aspekte, Interventionen und Ereignisse. Abschließend wird der begleitende Supervisionsprozess ausgeführt.

Der nachfolgende Beitrag „Das Psychodrama als Behandlungsmethode bei essgestörten Patientinnen“ von Verena Vogelbach-Werner beschäftigt sich mit der Anwendung des Psychodramas in der Einzeltherapie bei Essstörungen, wobei beschrieben wird, wie der innere Konflikt auf der psychodramatischen Bühne dargestellt wird. Der Beitrag wird durch Fallvignetten ergänzt, die Psychodrama-Therapie erlebbar machen.

Im nächsten Beitrag „Die Lebenslinie in der Initialphase ambulanter Suchttherapie. Vom ‚Anamnestischen Spaziergang‘ zur ‚Subjektiven Krankheitstheorie‘“ von Christel Lenz wird die szenische Arbeit mit der Lebenslinie in der Suchttherapie vorgestellt und anhand von Fallbeispielen illustriert. Die Bedeutung der Selbstexploration – im Sinne eines Sichtbarmachens der Suchtgenese – für die Initialphase wird herausgearbeitet, und die verschiedenen Möglichkeiten bei der Arbeit mit der Lebenslinie werden aufgezeigt.

Bettina Waldhelm-Auer zeigt in ihrem Beitrag „Leben mit Konsum und Rückfällen“ den Umgang mit Rückfällen im Rahmen der Suchttherapie und gibt Erklärungen für die Rückfallhäufigkeit in diesem Zusammenhang. Die Autorin stellt die Theorien zur Veränderungsmotivation von Abhängigen – ebenso gespickt mit Fallvignetten – in den Fokus ihrer Ausführungen und beschreibt den psychodramatischen Zugang im Rahmen eines Lebens mit Konsum.

Der letzte Beitrag „Am Sterben führt kein Weg vorbei“ dieses Sonderhefts zeichnet die Gedanken Helmut Haselbachers zu Abhängigkeit, Tod und Sterben im Rahmen eines Interviews auf, geführt von Sabine Spitzer-Prochazka. Es wird ein Bogen geschlagen vom Beginn des Lebens über die Rollenfindung, die Eigenverantwortung bis hin zur Begegnung, zum destruktiven Handeln und zum Abschied.

Diskussion

Die Herausgeberinnen präsentieren einen äußerst interessanten und lesenswerten Überblick über Abhängigkeit aus psychodramatischer Sicht. Die Auswahl der AutorInnen ist überaus gelungen und zeugt von hoher Praxiskompetenz. Es bietet sich ein erkenntnisreicher Einblick in die Arbeitsweise des Psychodramas im Umgang mit Sucht – Theorie wird mit Fallbeispielen gespickt und so zu verständlicher Materie. Psychodrama wird in den sehr unterschiedlichen Beiträgen als potente und brauchbare Methode dargestellt, wodurch ein differenzierter Einblick in die praktische Psychodrama-Arbeit gewährt wird und, durch die gut gewählten Ausschnitte aus der Therapie mit Sucht-KlientInnen, ein spannender Überblick gelingt. Die HerausgeberInnen stellen durch die Beitragsauswahl auch die Vielfältigkeit der Methode ins Zentrum, mit deren Hilfe auf unterschiedlichen Gebieten abhängige Menschen bei der Bewältigung ihres oft schwierigen Lebens gestärkt werden können. Die innere Haltung des Psychodramas wird sehr gut sichtbar und zeigt den strukturierten und zugleich flexiblen Rahmen auf, innerhalb dessen Psychodrama-Therapie bei Abhängigen passiert.

Bereichernd präsentiert sich auch der Anspruch, neben Theoriegrundlagen und Praxisexkursen den Blick auch auf die Forschung zu richten. Die theoretischen Inputs zeigen, wie Psychodrama funktioniert bzw. funktionieren kann; die Fallvignetten verdeutlichen den schwierigen Auftrag, an Abhängige heranzukommen, und die Notwendigkeit, dafür alle Erfahrungs- und Wissensschätze zu nutzen, die zur Verfügung stehen. Die ausgewählten Beiträge bereichern, wecken Kreativität und die Lust, das Thema Sucht und Suchttherapie anzugehen und laden zu disziplinübergreifenden Überlegungen ein.

Fazit

Das Drama der Abhängigkeit ist eine äußerst aktuelle und vielschichtige Darstellung psychodramatischer Therapie bei Abhängigkeiten und sehr gut geeignet einen Einblick in die Wirkweise des Psychodramas bei Abhängigkeitserkrankungen zu erhalten.


Rezensentin
Mag.a Alexandra Koschier
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit Donau-Universität Krems – Universität für Weiterbildung Fakultät für Gesundheit und Medizin
Homepage www.donau-uni.ac.at/psymed
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Zitiervorschlag
Alexandra Koschier. Rezension vom 12.11.2013 zu: Sabine Kern, Sabine Spitzer-Prochazka (Hrsg.): Das Drama der Abhängigkeit. Eine Begegnung in 16 Szenen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-19778-4. Reihe: [Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie / Sonderheft] Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, Sonderheft - 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15753.php, Datum des Zugriffs 31.07.2016.


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