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Anja Ehlers: Erziehungshilfen in Kooperation mit Schule

Cover Anja Ehlers: Erziehungshilfen in Kooperation mit Schule. Von der Kooperation zur Integration?! Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2013. 262 Seiten. ISBN 978-3-8300-7218-8. D: 85,80 EUR, A: 88,30 EUR, CH: 115,00 sFr.

Schriftenreihe Sozialpädagogik in Forschung und Praxis - Band 30.
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Thema

Bei diesem Buch handelt es sich sowohl um eine theoretische Aufarbeitung als auch um eine empirische Untersuchung der Hintergründe und Möglichkeiten einer Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule am Beispiel eines flächendeckenden Projekts im Main-Hunsrück-Kreis.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit wurde im Jahr 2012 am Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim als Dissertation zur Erlangung des Grades einer Doktorin der Philosophie eingereicht und angenommen. Gutachter waren Prof. Dr. B. Müller und Prof. Dr. W. Schröer.

Autorin

Die Autorin ist selbst seit 2002 im Jugendamt des Kreises beschäftigt, in dem das Projekt durchgeführt wurde. Seit 2007 war sie mit der jugendhilfeplanerischen Begleitung des Projektes betraut. Sie verstand sich in diesem Rahmen als „forschende Praktikerin“, die sich durchaus ihrer „Doppelrolle ‚vor Ort‘“ (S. 15) bewusst war.

Aufbau und Inhalte

Das insgesamt 240 Textseiten umfassende Werk ist in sieben Kapitel gegliedert, wobei die ersten 5 Kapitel der theoretischen Problemanalyse und der Schärfung der empirischen Fragestellung vorbehalten sind. Kapitel 6 – 7 umfassen die empirische Untersuchung.

Die zentralen Fragestellungen der Arbeit lauten: „Was sind Gelingensfaktoren beziehungsweise Hindernisse für die Kooperation? Welche institutionellen Voraussetzungen sind notwendig, um flexible und individuelle Hilfearrangements im Bereich der Erziehungshilfen umzusetzen?“ (S. 5)

Die Arbeit ist sehr systematisch aufgebaut und entwickelt in Kap. 2 zunächst die Beschreibung der beteiligten Institutionen sowie die Analyse ihrer Aufgaben. Aufbauend auf die „Theorie der Schule“ (S. 23) nach Helmut Fend werden sowohl die Funktionszusammenhänge zwischen Schule und Gesellschaft untersucht, wie auch – auf der operativen Handlungsebene – das Zusammenwirken von programmatischen und institutionellen Vorgaben, situativen Handlungskontexten und Aufgaben sowie Kompetenzen des Lehrers unter die Lupe genommen. Hierbei spielt der Begriff der „Rekontextualisierung“ als Prozess des In-Beziehung-Setzens von Rahmenbedingungen einerseits und jeweils aktuellen Situationen und Kompetenzen andererseits eine Schlüsselrolle.

In Bezug auf die Kinder- und Jugendhilfe werden neben den rechtlichen auch die funktionalen Grundlagen dargelegt, um dann einen Schwerpunkt bei der Gestaltbarkeit der Erziehungshilfen durch das Jugendamt einen Schwerpunkt zu setzen, in dessen Mittelpunkt (analog zum Lehrer in der Schule) der ASD-Mitarbeiter gestellt wird. Eine sehr lehrreiche Gegenüberstellung der beiden Institutionen Schule und ASD als Sachgebiet des Jugendamtes schließt das Kapitel 2 ab.

Gegenstand des 3. Kapitels sind die „gesellschaftlichen Gegebenheiten“ (S. 51) in Bezug auf die Lebensbedingungen von Kindern und Familien als Zielgruppe der beschriebenen und untersuchten Maßnahmen. Diese werden diskutiert vor dem Hintergrund der Beck`schen Individualisierungstheorie sowie Überlegungen von L. Böhnisch und B. Müller zu den Zusammenhängen von Familienleben, Bildung und schulischen Anforderungen in einer Risikogesellschaft. In einem Zwischenresümee (S. 66) wird die sozialpädagogische Erweiterung des schulischen Bildungsauftrags begründet.

In Kapitel 4 werden – als Vorbereitung der empirischen Untersuchung – Typen, Hindernisse und Gelingensfaktoren einer Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule herausgearbeitet. Unterschiedliche Kooperationsmodelle werden einander gegenübergestellt. Dabei werden nicht nur die Erziehungshilfen, sondern auch die Jugendarbeit und die schulbezogene Jugendhilfe (§§ 11 und 13 SGB VIII) in die Betrachtung mit einbezogen, um daran anschließend in Kapitel 5 die Gelingensfaktoren in Einzelnen zu präzisieren: Haltungen/Einstellungen der Akteure, institutionelle Rahmenbedingungen, theoretischer Bezugsrahmen sowie Kooperationsvereinbarung.

Kapitel 6 beginnt (ab S. 131) mit einer Beschreibung des Untersuchungsfeldes und des Untersuchungsdesigns. Die Untersuchung konzentriert sich insgesamt auf die Beschreibung der Hilfeempfänger, die Darlegung der Angebots- und Hilfeformen, die Analyse der Hilfeverläufe und die Prüfung der Erfüllung von Qualitätskriterien. Die Untersuchung erfolgte in drei Phasen, beginnend mit einer Aktenanalyse über 351 Fälle, des Weiteren mit einer anonymen schriftlichen Befragung von 14 Jugendhilfeakteuren sowie abschließend der mündlichen Befragung von fünf Experten zu zwei erfolgreich abgeschlossenen Fällen.

Die insgesamt 65 Seiten umfassende Darstellung der Ergebnisse konzentriert sich zunächst auf eine quantifizierende Analyse von Familienkonstellationen, HzE-Maßnahmen im Vorfeld, Begründungen für den Hilfebedarf und gewährte Hilfeformen. Darüber hinaus wurde Hilfedauer Hilfeplanung und Hilfeplan-Fortschreibungen sowie Folgemaßnahmen untersucht.

Die Befragung der Jugendhilfeakteure bezieht sich im Schwerpunkt auf die Bewertung der verschiedenen Steuerungsinstrumente im Projekt (u.a. Dokumentierungsformen und Teamarbeit). In den zwei abschließend untersuchten Einzelfällen wird noch einmal präzisierend auf die Faktoren Kooperationsbereitschaft, sozialpädagogisches Können und kooperatives Vorgehen aus der Sicht der mündlich befragten Expert_innen eingegangen. Dabei wird herausgearbeitet, dass es durchaus erhebliche Lücken zwischen formulierten Hilfezielen und umgesetzten Maßnahmen geben kann. Abschließend fasst die Autorin die Ergebnisse ihrer Untersuchung zusammen und resümiert: „Die Ergebnisse werfen ein ambivalentes Bild auf die Integration von Erziehungshilfen in (sic!) Schule. Betrachtet man das Gesamtergebnis, ist der Ansatz positiv zu bewerten. betrachtet man insbesondere die empirischen Befunde der Aktenanalyse, zeigen sich Verbesserungsbedarfe.“ (S. 231) Insbesondere wird auf Probleme der Entwicklung, Einführung und Fortschreibung des Gesamtkontexts sowie auf die Dominanz der Schule auf der operativen Ebene hingewiesen. Ein weiteres Problem ist, „dass die Instrumente der Erziehungshilfen aufgeweicht und nicht umgesetzt werden.“ (S. 235) In der weiteren Gestaltung einer zukünftigen Ganztagsschule sollten die hier erforschten Probleme der Kooperationsentwicklung in einer lokalen Bildungslandschaft berücksichtigt werden.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Arbeit erfasst und behandelt das aktuelle Thema der Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule in umfassender und gründlicher Weise. Sie untermauert ihre Argumentation mit hinreichenden theoretischen Modellen. Die empirische Untersuchung ist in ihrer mehrstufigen Anlage dem Gegenstand sehr angemessen. Die sprachliche Bearbeitung ist sehr gut. Insofern eignet sich diese Arbeit gut sowohl als Einführung in diese komplexe Thema wie auch zur Vertiefung einzelner kritischer Aspekte.

Letztlich hätte jedoch die Diskussion um den individuellen Rechtsanspruch auf Hilfen zur Erziehung und eine dem entgegenstehende Absicht öffentlicher Träger in Richtung einer flächendeckenden „Gewährleistungsverpflichtung“ einen größeren Raum einnehmen können. Denn mit der Maxime „kostenintensive, separate Einzelfallhilfen (…) durch ein Angebot flächendeckender, bedarfsgerechter, integrierter Grundversorgung in und ausgehend von der Schule“ (S. 8) zu ersetzen, ist bereits eine Vorentscheidung getroffen. Die Entwicklung präventiver Angebote in und durch den schulischen Kontext ist eine generelle Notwendigkeit in einer individualistischen Bildungsgesellschaft. Diese Absicht darf aber nicht ausgespielt werden gegen die Notwendigkeit sozialstaatlicher erzieherischer Hilfen für Familien, die losgelöst und ohne Einfluss der Schule umgesetzt werden müssen.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 29.04.2014 zu: Anja Ehlers: Erziehungshilfen in Kooperation mit Schule. Von der Kooperation zur Integration?! Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-7218-8. Schriftenreihe Sozialpädagogik in Forschung und Praxis - Band 30. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15786.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


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