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Burkhard Bierhoff: Konsumismus. Kritik einer Lebensform

Cover Burkhard Bierhoff: Konsumismus. Kritik einer Lebensform. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. 100 Seiten. ISBN 978-3-86226-185-7. 8,80 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-658-12222-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Burkhard Bierhoff verfolgt in dem 100 Seiten umfassenden Buch zwei Ziele. Zum einen geht es ihm darum, die Hintergründe und Folgen des Konsumismus aufzuarbeiten. Zum anderen will er eine Alternative aufzeigen, die von besonderer Qualität ist. Sie stellt nämlich dem Konsumismus keineswegs eine andere Lebensform gegenüber, sondern setzt an dessen inneren Widersprüche an. Diese zeichnen sich im Kern dadurch aus, dass der Mensch als Konsument seine Existenz auf dem Markt kauft, um ein Bedürfnis zu befriedigen, das gemäß der konsumistischen Logik weder befriedigt werden kann, noch darf. Was bleibt ist eine Form der Selbstverletzung. Diese „Ahnung selbstschädigender Aktivität“ (91) stellt dabei zugleich die Chance für die Entfaltung eines neues Bewusstseins dar, damit ist ein Prozess gemeint, den Bierhoff in Anlehnung an Jeremy Rifkin als „Transformation in eine ‚empathische Zivilisation‘“ (ebd.) bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Seinsweise, die auf menschliche Bindungen, Liebe Empathie, Fürsorge und Glückserleben basiert und damit die Möglichkeit des Ausstiegs aus dem Konsumismus eröffnet.

Autor

Burkhard Bierhoff, Dr. paed., ist Erziehungssoziologe, arbeitet als Privatdozent an der Universität Dortmund und als Professor im Studiengang „Soziale Arbeit“ an der Hochschule Lausitz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Erziehungstheorie, Subjekttheorie, Lebensstile, Konsum und Nachhaltigkeit.

Aufbau und Inhalt

„Konsumismus. Kritik einer Lebensform“ ist – exklusive Vorbemerkung, Einführung und Epilog – in 9 Abschnitte unterteilt.

Bierhoff startet seinen Gedankengang mit dem Abschnitt „Vom ‚Wohlstand für alle‘ zur Armut im Überkonsum“. Dort rekurriert er auf das, was seit den 1970er Jahren als Güterwohlstand Bezeichnung findet. Gemeint ist damit eine einseitige Fokussierung auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse. Das Wohlergehen der Menschen, ihre geistige und persönliche Entfaltung, war zu keinem Zeitpunkt Ziel dieses alle Menschen betreffenden Wohlstands (19). Ziel war und ist es vielmehr, stets neue Bedürfnisse zu wecken und damit einhergehend das Versprechen zu formulieren, durch Konsum eine Befriedigung dieser Bedürfnisse erreichen zu können. Das Erlebnis- und Kulturmarketing der Werbeindustrie ist Teil und Handlanger dieser Strategie, die letztlich mit dazu führt, „dass es den Konsumenten kaum gelingt, […] darüber zu befinden, welche Bedürfnisbefriedigungen sie als ‚wahr‘ und ‚sinnvoll‘ […] und welche sie als ‚falsch‘ und ‚sinnlos‘“ (23) erleben. Präsentiert wird den Konsumenten ein „Reichtum der Wahlmöglichkeiten“ (27), der auf eine doppelte Armut verweist: zum einen auf die Armut derjenigen, denen die finanziellen Mittel nicht zur Verfügung stehen, um Teil der Konsumgesellschaft sein zu können, und zum anderen auf die spirituelle Armut derjenigen, die ihre innere Leere verzweifelt durch letztlich sinnlosen Konsum aufzufüllen versuchen.

Daran anschließend widmet sich Bierhoff der „Entmündigung und Disziplinierung des Konsumenten“. Die Denkfigur, die hier insbesondere im Rückgriff auf Peter Brückner entfaltet wird, besteht im Wesentlichen darin, dass die soziale Integration von der Fähigkeit abhängt, konsumieren zu können. Stehen z.B. eine geringe Qualifikation oder problematische (familiäre) Krisenereignisse dieser Fähigkeit entgegen, ist die Teilhabe an der Konsumgesellschaft massiv gefährdet. Damit entscheidet die Konsumrate darüber, ob der Einzelne integriert ist oder nicht. Bierhoff schließt daraus, dass sich auf diese Weise „der Massenkonsum mit seiner sozialintegrativen Funktion zunehmend als […] Grundlage für die Entmündigung und Disziplinierung des Konsumenten erwiesen“ (31) hat.

In „Dienstbare Bedürfnisse und ihre Veränderbarkeit“ zeichnet Bierhoff die in Anlehnung an Rudolf Bahro nachgezeichnete Differenz von kompensatorischen und emanzipatorischen Interessen nach (34ff.). Kompensatorische Interessen zielen auf Ersatzbefriedigung ab, wobei das, was ersetzt werden soll, nicht erreicht werden kann. Insofern scheitert die Kompensation. Dass überhaupt etwas kompensiert werden muss, ist wiederum gesellschaftlich erzeugt. Der Mensch strebt nach Emanzipation, will sich selbst von fremden Zwängen befreien und in die Welt hineinbilden. Auf diese Weise erfährt der Mensch an der Welt sich selbst. Wird allerdings diese dem Menschen zutiefst eigene Bewegung blockiert, bleibt eine innere Leere zurück, die aufgefüllt werden will, dieses aber nicht in einer sich selbst gemäßen Weise vermag. Der unerfüllte Mensch wird anfällig für jene Versprechen, die auf den Konsum vorbereiten.

Im anschließenden Abschnitt mit der Überschrift „Die Kommodifizierung des Konsumenten“ geht es um das seit dem Ende des Feudalismus notwendige Zur-Ware-machen des Menschen. Als Konsumierender und Mitglied der Konsumgesellschaft muss er seine Arbeitskraft für mögliche Käufer attraktiv machen und erhalten. Diejenigen, denen das nicht gelingt, gehören notwendiger Weise zum „Heer der Umsonstgeborenen“ (50). Bierhoff sieht wenig Hoffnung in der Möglichkeit, einen Ausweg aus der Kommodifizierung und damit aus dem Konsumismus durch die Konsumierenden selbst zu erlangen. Diese sind in der Regel durch den „repressive[n] Zusammenhang von Sozialisation, mangelnder menschlicher Zuwendung im Aufwachsen der Kinder, […] menschlicher Gleichgültigkeit und Selbstausbeutung“ (51f.) usw. zu sehr in die Strukturen des Konsumismus verwoben. So macht Bierhoff den Konsumenten selbst keinen Vorwurf am Aufrechterhalten des Systems, sondern sieht vielmehr im Kapitalismus selbst den Verantwortlichen, „der weltweiten Raubbau betreibt […], den Profit als Selbstzweck setzt und durch Privatisierung alles, auch Güter der Allgemeinheit, zu Waren macht“ (52).

Ein solches seinem Wesen nach unmenschliche System betrifft auch die körperliche und seelische Gesundheit des Menschen. In „Krankmachender Konsum mit exterministischen Folgen“ greift Bierhoff diese Überlegung auf. Wer eine gute Ware sein will, um selbst wiederum Waren konsumieren zu können, muss sich den Forderungen des Systems beugen. Flexibilität, Mobilität und das damit einhergehende Zerreißen von Familienstrukturen, die Vereinsamung, die physische und psychische Selbstausbeutung lassen den Einzelnen tatsächlich vereinsamt und heimatlos zurück. Zugleich winkt das System mit der Eintrittskarte in eine trügerische Gemeinschaft, die sich allein auf das Faktum, dass Menschen gemeinsam, aber nicht miteinander konsumieren, beschränkt. Mit dem Konsumismus, der auf Täuschung und Enttäuschung, auf nie enden wollendem Hunger basiert, geht ein Exterminismus einher. Gemeint ist damit ein Zivilisationsstadium, das sich selbst dadurch aufrecht zu erhalten versucht, indem es seine ökologischen notwendigen Bedingungen zerstört. Bierhoff verweist hier auf das Erfordernis eines erweiterten kategorischen Imperativs, den er mit Verweis auf Ludwig Stein anführt, aber um eine Dimension ergänzt: Der Mensch muss, so Bierhoff, sich selbst als aufspreizendes Zentrum zurücknehmen. Damit erteilt Bierhoff dem Anthropozentrismus eine deutliche Absage, und zwar um des Menschen und einer menschlichen Existenz willen.

In „Vom Konsumismus zur ‚Freiwilligen Einfachheit‘“ befasst sich Bierhoff kritisch mit dem von Richard Gregg 1936 entwickelten und von Duane Elgin u.a. in den 1970er Jahren weiterentwickelten Leitkonzept der „freiwilligen Einfachheit“ (59). Hier zählen Werte wie Unabhängigkeit, ökologische Verantwortung, ein weitgehender Verzicht auf Fleisch, eine artgerechte Tierhaltung usw. Der von den Soziologen Paul H. Ray und Ruth Anderson entdeckte LOHAS-Typ (LOHAS = Lifestyles of Health and Sustainability) wird von Bierhoff als Teil eines die ökologische Krise vorantreibenden exterminierenden Systems entlarvt (63).

In „Der salutogenetische Weg aus dem Überkonsum zum Postkonsumismus“ greift der Autor das von Aaron Antonovsky entwickelte Konzept der Salutogenese auf. Dieses geht davon aus, „dass der Mensch mit seiner Geburt in den Fluss des Lebens gestoßen wird und er sich nicht aussuchen kann, wie die Beschaffenheit dieses Flusses an dieser biografisch-gesellschaftlichen Zeitstelle ist […]. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, ein guter Schwimmer im Strom des Lebens zu werden“ (65f.). Der in den Konsumismus hineingeborene Mensch kann – scheinbar – gut schwimmen, wenn er in der Lage ist, zu konsumieren. Tatsächlich schwimmt dann aber kein Mensch, sondern ein Kommodifizierter bzw. ein Stück Ware, das nach Waren, nicht aber nach seiner Wahrheit, sprich: nach seinem Menschsein strebt (67). Dorthin gilt es den Menschen zu führen; das kann gelingen, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen, die Menschen in die innere Leere leiten, eine grundlegende Veränderung erfahren. Bierhoff sieht den „Übergang zu einer postkonsumistischen Lebensform“ in einem salutogenetischen Weg, „der aus der gegenwärtigen ‚Pathologie der Normalität‘ herausführt“ (71).

Im anschließenden Abschnitt mit der Überschrift „Theoretische Perspektiven und praktisches Handeln“ bedenkt er einen solchen Ausweg. Entscheidend ist dabei, dass der Mensch nach Glück strebt und zwar auch dann, wenn dieses Glück (nur) eine Täuschung ist und das einstige Glücksversprechen immerzu in der Enttäuschung endet (die es dann wiederum zu verdrängen gilt). Nimmt man dieses Streben ernst, muss mit einem Ausweg aus dem Konsumismus ein positiven Ziel verknüpft sein. Ein solches positives Ziel kann, so der Autor, „die aktive Mitwirkung am Gemeinwesen“ sein, das „die menschlichen Potenziale und Qualitäten“ fördert, so dass neue „postkonsumistische Sozial- und Wirtschaftsformen“ (79) hervorgebracht werden können.

Hier schließt BierhoffSchritte zu Genuss und Nachhaltigkeit – Anregungen für einen nachhaltigen Lebensstil“ an. Es handelt sich dabei um „‘Schritte in eine sozialökologische Milieuwirklichkeit‘“ (81), die u.a. in der Ablehnung eines statusorientierten Konsums als Zeitvertreib, in der Förderung einer „Globalisierung des Mitgefühls“ (82), dem Sich-verweigern des Zwangs nach Mobilität, im Zurückgreifen auf ökologisch kultivierte, selbsterzeugte Nahrungsmittel aus der Region etc. bestehen.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist mit 100 Seiten überschaubar. Entwickelt wird im Grunde genommen ein einziger Gedanke, aber dieser Gedanke hat es in sich. Burkhard Bierhoff formuliert eine deutliche, sehr pointiert ausgearbeitete Kritik am Konsumismus. Die Lebensform des Konsumismus ist letztlich eine vielleicht notwendige Folge des Kapitalismus, der den weitgehend entmenschlichten Menschen braucht. Entmenschlicht, weil das Menschliche am Menschen nur noch in der Negation „vorhanden sein“ darf. Der Mensch muss das unerfüllte, leere, sich ängstigende, einsame, zerrissene, im Grunde von sich selbst und seiner Umwelt isolierte Geschöpf sein, das danach strebt, sich von sich selbst – jener gewaltigen inneren Leere – abzulenken. Er wählt lieber die Täuschung, als in der Enttäuschung zu verharren, denn das System, das den Menschen nicht zu sich selbst kommen lässt, verweigert ihn zugleich die Möglichkeiten, mit jener Enttäuschung umgehen zu können. Das ist es letztlich auch, was den Ausweg aus dem Konsumismus zu schwer macht. Bierhoff schlägt einen solchen Weg vor. Was bleibt, ist die Antwort auf die Frage, wie es dem Menschen, gelingen kann, diesen Weg einzuschlagen.

An dieser Stelle ist im Grunde eine kritische Pädagogik gefragt, eine Pädagogik, welche die gesellschaftlichen Bedingungen, die zu einer solchen inneren Leere führen, herausarbeitet – insofern also aufklärt – um im nächsten Schritt den Menschen zu stärken, diese Verhältnisse menschlich zu gestalten. Es kann nicht Aufgabe eines solchen Buches sein, den Weg zu einer derart menschlichen Gestaltung en détail herauszuarbeiten. Darum geht es Bierhoff auch nicht. Sein Ziel ist das Formulieren der Kritik, und diese Kritik ist ihm gelungen. „Konsumismus. Kritik einer Lebensform“ ist leserfreundlich geschrieben. Die einzelnen Gedanken fügen sich allmählich zu einem großen Ganzen. Häufig werden einzelne Überlegungen wiederholt, neu und anders formuliert. Was anfangs möglicherweise beim Leser Irritationen hervorrufen mag, erweist sich nach und nach als durchaus sinnvoll, weil in den Wiederholungen andere Sinndimensionen aufscheinen.

Fazit

Kurzum: Ein gut zu lesendes, dem nachdenkenden Leser Denkstoff bietendes, kritisches und mit zahlreichen Bezügen versehendes Büchlein, dass für Laien und Fachleute gleichermaßen inspirierend sein dürfte.


Rezensent
Dr. Thomas Damberger
Homepage thomas-damberger.de
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Zitiervorschlag
Thomas Damberger. Rezension vom 03.12.2013 zu: Burkhard Bierhoff: Konsumismus. Kritik einer Lebensform. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-86226-185-7.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-658-12222-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15820.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


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