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Elke Zachray: Das Adoptiertsein im Erlebnis- und Erfahrungsbereich [...]

Cover Elke Zachray: Das Adoptiertsein im Erlebnis- und Erfahrungsbereich von Betroffenen. Gespräche mit erwachsenen Adoptierten. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2013. 450 Seiten. ISBN 978-3-8300-6537-1. D: 98,80 EUR, A: 101,60 EUR, CH: 129,00 sFr.

Studienreihe psychologische Forschungsergebnisse - Band 171.
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Thema

Das Thema Adoption hat in den vergangenen zwanzig Jahren auch in der medialen Öffentlichkeit eine deutliche Zunahme an Beachtung gefunden. Das gilt auch für den Wissenschaftsbereich. Die vorliegende Dissertation der Autorin sucht einen dezidiert individuellen Zugang zum Thema – sowohl in methodischer wie auch in persönlicher Hinsicht.

Autorin

Elke Zachray beschreibt den Entstehungsprozess ihrer Arbeit in der Nachfolge ihres eigenen Diplomarbeitsthemas. Die Kontinuität, mit der sie über 25 Jahre am Thema arbeitet, führt sie selbst auf eigene Betroffenheit (18) zurück. Für sie stehen die „Erweiterung des Erfahrungsspektrums“ sowie ein „‚Direktes‘ Mitteilen von Erleben“ (17) im Vordergrund – geprägt durch eigene Erfahrung von „Wertschätzung und Entlastung in einer Selbsthilfegruppe“ (18).

Aufbau

Die Gliederung lehnt sich eng an eine Dissertation von Knorr, I. (Gespräche mit Adoptivmüttern, Hamburg, 1988) an. Darin finden sich nach einführender Zielformulierung und sehr kurzen allgemeinen Informationen zum Thema Adoption, die Fokussierung auf den Untersuchungsgegenstand („Schwerpunkt meiner Arbeit“) sowie eine Beschreibung der Vorgehensweise („Methodisches Vorgehen“) und eine direkte Darstellung der Ergebnisse in folgender Schwerpunktabfolge:

  1. Aufklärung über den Adoptivstatus
  2. Beziehung zu den Adoptiveltern
  3. Erlebte Gemeinsamkeiten mit den Adoptiveltern
  4. Empfindungen der Adoptierten zu ihrer Stellung in der Familie
  5. Bedeutung von Vererbung für die Adoptierten
  6. Suche nach den leiblichen Verwandten
  7. Die leiblichen Eltern im Erleben der Adoptierten
  8. Umgang mit dem Adoptiertsein
  9. Beurteilung der Adoptivsituation

Fünfundzwanzig qualitative Interviews bilden die Grundlage, auf denen die Ergebnisse fußen. Drei von ihnen werden in einer Art Voruntersuchung nach dem Kriterium „möglichst breite[s] Erlebensspektrum“ (63) intuitiv ausgewählt und im Umfang von je zehn Seiten präsentiert. Die Dissertation schließt mit der Diskussion der Ergebnisse und – ganz im Sinne der ursprünglichen Zielsetzung – mit „Gedanken und Empfindungen während dieser Arbeit“ (428) ab.

Inhalt

Fragebogen, strukturiertes- oder narratives Interview wurden als methodische Zugänge aus Erfahrungsgründen von der Autorin ausgeschlossen: „im Interview gibt es eine eindeutige Rollenaufteilung“, die ein hemmendes emotionales Gefälle zwischen dem Untersuchenden und dem Interviewten verursacht: „Die eine Person stellt Fragen …, die andere Person gibt darauf bezogen ihre Informationen …“ (45, unter Verweis auf Langer, I., Das persönliche Gespräch in der psychologischen Forschung. Köln, 1981, 14). So kommt nach kurzer Diskussion (46f) das „persönliche Gespräch“ als einzig adäquate Methode ins Spiel, zu dessen Kennzeichnung die personenzentrierte Haltung nach C. R. Rogers benannt wird. Die Akquisition der InterviewpartnerInnen erfolgte durch bereits bestehende persönliche Kontakte und die Mithilfe eines Jugendamtes.

Der weit überwiegende Teil der Arbeit gehört den Gesprächsdarstellungen und deren Interpretationen (63-399). Zehn Darstellungen entstanden durch die Überarbeitung von „persönlichen Gesprächen“ aus den Jahren 1986-1987 (im Rahmen eines Diplomarbeitsprojektes), 15 weitere aus den Jahren 1990-1995. Die ProbandInnen befanden sich zum Zeitpunkt der Kontakte im Alter zwischen etwa 20 und 50 Jahren. Die geführten Gespräche hatten eine Dauer von 1,5 bis 6,5 (sic!) Stunden (53). Dabei stehen 20 weibliche Gesprächpartnerinnen lediglich fünf Gesprächspartnern gegenüber – eine tabellarische Auflistung verschafft hierzu einen schnellen Überblick (59f). Die Falldarstellungen selbst sind in Sinnabschnitte gegliedert dargestellt und jeweils in Zusammenfassungen gebündelt, z.B. Vorgeschichte – Adoptiveltern - Aufklärung über Status – Bedeutung des Aufklärungsalters - Namensänderung – Reaktion auf Aufklärung etc. (64f). Illustrierend sind dazu zwei- bis dreizeilige Transkriptexzerpte angeführt, d.h. die evaluierten Themenbereiche sind im Querschnitt durch die Gesprächsaufzeichnungen Belegstellen angeführt.

Eine detaillierte Diskussion der Ergebnisse findet sich auf abschließenden 27 Seiten. Darin werden die Ergebnisse der beiden Interviewphasen („Stichproben“, 400) miteinander verglichen und weitergehende Ergebnishypothesen erarbeitet. So werden z.B. „Faktoren, die für eine (gelungene) Adoptionsbeziehung wichtig sind“ (401f) und „Identitätsfindung“ (403f) in ihrer je positiven wie negativen Variante – erneut mit Interviewdaten hinterlegt – diskutiert. Der „Aussagewert der Ergebnisse“ (407f) wird (selbst)kritisch hinterfragt (407) und insbesondere in Rückkopplung mit den GesprächspartnerInnen im direkten (sic!) Kontakt geprüft (408). Zu vielen weiteren Themen wie z.B. „Zeitpunkt der Aufklärung“ (412), „Bedeutung der Aufklärungsmodi“ (413), „Beziehung zu den Adoptiveltern“ (414), „Adoptionsmotiv“ (416), „Erlebte Gemeinsamkeiten mit den Adoptiveltern“, „Empfindungen der Adoptierten zu ihrer Stellung in der Familie“, „Von den Adoptiveltern gespürte besondere Erwartungen“ (alle 417), sowie „Auswirkung von Bildungsniveau und Einkommen“ (418), „Stellung bei den Geschwistern“ (ebd.), „Bedeutung der Vererbung für die Adoptierten“ (419) und „Die Suche nach leiblichen Verwandten“ (ebd.) etc. sucht die Autorin im Abschlusskapitel die Auseinandersetzung mit Ergebnissen der wissenschaftlichen Literatur (Drescher, C.R., Familiendynamik bei spätadoptierten Kindern. Gießen, 2006; Ebertz, B., Adoption als Identitätsproblem, Konstanz, 1987; Paulitz, H. (Hg.), Adoption, Position, Impulse, Perspektiven, München, 2006 u.a.). Viele Fragen nach der Eltern-Kind-Beziehung, dem gesellschaftlichen Umfeld und nach „geschlechtsspezifischen Unterschieden“ etc. sind zum Abschluss zusammen getragen (426). Ein kurzes Kapitel widmet die Autorin ihren eigenen Erfahrungen und ihrem persönlichen Gewinn (428f): „… wurde immer augenfälliger, dass sich in meinem Leben etwas bewegte, wenn ich mit diesen Gesprächen [i.e. Interviews] befasst war“ (428). Sie berichtet von der Kontaktaufnahme zum eigenen leiblichen Vater, zu dem in der Folge eine intensive Beziehung möglich war.

Diskussion

Wer diese Arbeit in die Hand nimmt, darf keine wissenschaftliche Studie im gewohnten Sinne erwarten. Insofern sollte eine Würdigung zunächst kritischen Aspekten Rechnung tragen. Nach der Einleitung zu Etymologie, Historie & populärwissenschaftlichem Publikationsstand lässt die Autorin eine methodische oder gar methodologische Diskussion gänzlich vermissen. Querverbindungen zum wissenschaftlichen Feld sind erst am Ende der Arbeit (400-426) in sehr kurzen Abschnitten (vgl. Seitenangaben oben) erkennbar. Die Entscheidung zum „persönlichen Gespräch“ wirkt intuitiv-individuell, sie ist mit einem einzigen Argument (non-direktiv) begründet (46f) und in der Diskussion selbst angezweifelt (408, 428). Die Gesprächsaufzeichnungen sind (in Eigenarbeit, 428) uneinheitlich transkribiert (z.B. 18, 20) und nicht (oder nicht erkennbar) nach standardisiertem Verfahren ausgewählt. Eine eindeutige Entscheidung für ein qualitativ geprägtes Studiendesign (45) wird – an der Genderthematik erkennbar - in der eigenen Interpretation durchbrochen: „Da ich dann doch nur mit fünf Männern … sprechen konnte, ist für mich kein Rückschluss auf einen Unterschied zu dem Erleben der adoptierten Frauen möglich“ (406). Beinahe rührend wirkt der Versuch, die Arbeitsergebnisse „anhand von Testgütekriterien“ (Validität, Reliabilität, Repräsentativität, Utilität) abzusichern: „Validität: Die Untersuchungsergebnisse entsprechen weitgehend dem tatsächlichen Erleben meiner Gesprächpartnerinnen. Deren Zustimmung zu meinen Ausführungen bei den nachfolgenden Besprechungen sehe ich als einen Hinweis auf die Gültigkeit der Darstellungen …“ (408). Dabei muss hervorgehoben werden, dass weniger dem Argument an sich, denn seiner methodischen Zuordnung widersprochen werden kann. Formale Kritikpunkte ergeben sich auch durch leicht erkennbare Lücken in der Rezeption der (ohnehin auf den deutschsprachigen Raum eingeschränkten) Literatur (Liste mit 53 Angaben, Anhang XI) sowie uneinheitlicher Zitationsweise (25, 32 u.a.).

Liest man die Arbeit jedoch jenseits des Wissenschaftskontextes, lassen sich (auch im Sinne der Autorin) viele Erkenntnisse gewinnen: „Der Nutzen dieser Arbeit ist m.E. die Darstellung der Vielfalt der Möglichkeiten des Erfahrens- und Erlebens in der Adoptivsituation. So können andere Betroffene – sich wiederfinden und verstanden bzw. – ‚nicht mehr allein‘ fühlen. – andere Möglichkeiten des Erlebens kennen lernen und – die Verwertbarkeit der Informationen für ihr eigenes Leben überprüfen“ (409). Ausdruck in Alltagssprache, dezidiert persönlich-bekennender Zugang, eine wertschätzende, empathische sowie kongruente Grundhaltung (Rogers) machen die Arbeit vor allem für interessierte Laien lesenswert. In den differenzierten Darstellungen sind Aspekte zu entdecken (z.B. „möglichst geringes Alter der Adoptiveltern“ als stabilisierendes Kriterium, 402; Bedeutung der „Dankbarkeitserwartung“, ebd.), die für die je eigene bewusste Entwicklung von Betroffenen von hoher Relevanz sein können. Tabellarische Übersichten (59-62, 402) erleichtern die Orientierung in der Textfülle und somit für die außerwissenschaftliche Zielgruppe das Selbststudium.

Fazit

Die Schwierigkeit liegt in der missverständlichen Adressierung: Umfang und Publikationssetting zeigen die Ansprache an einen wissenschaftlichen Adressatenkreis, die durch Methodik und Umsetzung kaum gehalten werden kann. Dafür aber ist die Arbeit vielen Betroffenen zu empfehlen, die durch eine kongruent agierende Autorin viel wertschätzende Unterstützung und orientierende Information gewinnen werden.


Rezensent
Dr. Karl-H. Richstein
MA (MSO), Paar- & Familientherapeut(EKFuL), Mediation(BMev) & Supervison(DGSv), Krisenintervention(ICISF)
Homepage www.KRichstein.de
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Zitiervorschlag
Karl-H. Richstein. Rezension vom 25.06.2014 zu: Elke Zachray: Das Adoptiertsein im Erlebnis- und Erfahrungsbereich von Betroffenen. Gespräche mit erwachsenen Adoptierten. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-6537-1. Studienreihe psychologische Forschungsergebnisse - Band 171. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15830.php, Datum des Zugriffs 27.07.2016.


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