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David Klett: Die Form des Kindes

Cover David Klett: Die Form des Kindes. Kind, Familie, Gesellschaftsstruktur. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2013. 336 Seiten. ISBN 978-3-942393-46-1. D: 38,90 EUR, A: 40,00 EUR.
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Thema

Seit Philip Ariès‘ bahnbrechender „Geschichte der Kindheit“ (franz. 1960, dt. 1975) kann kaum noch bestritten werden, dass es sich bei dem, was wir Kindheit nennen, um ein historisch wandelbares soziales Phänomen handelt. Ariès legt sogar nahe, Kindheit als ein Produkt der neuzeitlichen bürgerlichen Gesellschaft zu sehen, das so in vorangegangenen Gesellschaften nicht vorkam. Es stellte sich immer wieder die kontrovers diskutierte Frage, ob Ariès Kindheit im ideengeschichtlichen, mentalitätsgeschichtlichen Sinn oder als semantische Einheit verstand. Unumstritten ist, dass Kindheit nicht einfach als eine Summe von Kindern sondern als erkenntnistheoretisch eigenständige soziale Kategorie zu verstehen ist.

In den theoretischen Debatten, die seit den 1980er Jahren die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung prägen, haben sich verschiedene Lesarten und Forschungsansätze herausgebildet, die gemeinhin unter dem Begriff „new social childhood studies“ zusammengefasst werden: zum einen eine mikrosoziologisch-ethnografische Kinderforschung, die sich einzelnen oder Gruppen von Kindern und ihrem Handeln in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten widmete; zum zweiten ein konstruktivistischer Ansatz, der Kindheit als historisch variable soziale Konstruktion versteht, in der sich insgeheim Machtinteressen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen niederschlagen, die ihrerseits ideologiekritisch dekonstruiert werden; zum dritten ein sozialstruktureller Ansatz, der Kindheit analog zu den Begriffen Klasse oder Gender als eine alle menschlichen Gesellschaften kennzeichnende, je verschiedene gefasste Strukturkategorie versteht, die das Verhältnis verschiedener Generationen ausdrückt und bestimmt.

Über Kontroversen und unterschiedliche Akzentsetzungen hinweg, stimmen alle diese Ansätze darin überein, dass Kinder und Kindheit(en) nicht als natürliche, sondern als soziokulturelle Phänomene zu verstehen sind. Sie wenden sich gegen überkommene und z.B. lange Zeit in der Entwicklungspsychologie verbreitete Vorstellungen, wonach Kinder und Kindheit eine Art Vorstadium zum vermeintlich vollkommenen Erwachsensein seien („becomings“), und bestehen darauf, Kinder und Kindheit als eigenständige Lebensformen mit spezifischen Eigenschaften, Eigeninteressen und Fähigkeiten, folglich auch mit eigenen Rechten zu verstehen („beings“). Kindern wird attestiert, dass sie an der Gestaltung der Gesellschaft und ihres eigenen Lebensprozesses aktiv mitwirken („agency“), wenn auch unter je spezifischen strukturellen Rahmenbedingungen, die über die Relevanz ihrer Kompetenzen und die Reichweite ihres Handelns mitentscheiden.

Aufbau und Inhalt

Die theoretische Studie von David Klett zeigt sich von solchen Forschungsansätzen und Debatten merkwürdig unberührt und verweist auch nicht auf sie. Ihm geht es, genau genommen, auch gar nicht um Kinder und Kindheit, sondern um Familie. Kinder sind für ihn von Interesse, weil sie zur Familie gehören und für den Bestand und die Kontinuität der menschlichen Gesellschaft unverzichtbar sind.

Die „Form des Kindes“ bedeutet für Klett, dass Kinder formbar sind und geformt werden müssen, damit sie zum Fortbestand und der Entwicklung der Gesellschaft beitragen können. Der Clou der Formierung des Kindes besteht nicht allein darin, dass sein Körper und seine Psyche „gesellschaftsfähig“ gemacht wird, sondern mehr noch darin, dass das Kind im gesellschaftlichen Bewusstsein zum Bestandteil einer „semantischen Einheit“ wird, die von der Welt der Erwachsenen abgetrennt erscheint.

Ausgehend von einer Interpretation von Ariès‘ Studie zur Geschichte der Kindheit vertritt Klett die von ihm selbst als „gewagt“ bezeichnete These, „dass eine ‚Entdeckung des Kindes‘ mit einem radikalen Umbau der Gesellschaft zusammenfällt, der diese Entdeckung erst möglich macht“ (S. 22). Mit seiner theoretischen Studie „soll der gesellschaftstheoretische Außenhalt für die These einer Historizität der Kindheit nachgeliefert werden“ (ebd.).

Das Buch ist auf folgende Weise aufgebaut: Nach einer allgemeinen Betrachtung von „Funktion und System der Familie“, in der der Autor seine grundlegenden Thesen expliziert, folgen zwei umfangreiche, historisch angelegte Kapitel, die sich zum einen mit der Entwicklung und den Charakteristiken von Kind und Familie in der vormodernen Gesellschaft („Kind, Familienhaushalt und stratifizierte Gesellschaft“), zum anderen in der modernen Gesellschaft („Kind, Familie und Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft“) befassen. Im letzten Kapitel fasst er unter dem Titel „Inklusion des Kindes in der modernen Gesellschaft“ seine Untersuchungsergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick auf das „Kind in der nächsten Gesellschaft“, womit er auf einen Formulierung seines akademischen Lehrers Dirk Baecker zurückgreift, der auch ein enthusiastisches Vorwort zum Buch beigesteuert hat.

Der Autor ist weit davon entfernt, wie in manchen konservativen und immer wieder aktualisierten Ideologien „das Kind“ als ein Stück unwandelbarer Natur oder die Familie als „natürliche Keimzelle“ der Gesellschaft zu sehen. Ihn interessiert, wie die Formierung des Kindes in der Familie vonstattengeht und auf die Familie und die ihr von der Gesellschaft gestellten Aufgaben zurückwirkt. Dies hänge entscheidend von der jeweiligen Gesellschaftsstruktur ab, die Klett unter Bezug auf die Systemtheorie von Niklas Luhmann und die strukturell-funktionale Theorie von Talcott Parsons als „stratifikatorisch differenzierte“ und „funktional differenzierte“ Gesellschaften unterscheidet, wobei er die letztere als die eigentlich „moderne“ Gesellschaft versteht.

Beim Vergleich der beiden Gesellschaftsstrukturen kommt Klett zu dem Schluss, dass erst in der „modernen“, funktional differenziert genannten Gesellschaft die Familie zu einer relativ eigenständigen Sozialisationssphäre wird, in der das Kind als Kind zur Form wird und der Familie Sinn und Bedeutung (zurück-)gibt. Dabei versteht er die Familie im Sinne des Autopoiesis-Begriffs von Luhmann als sich selbst regulierendes Kommunikationssystem, das erst in der modernen Gesellschaft seine Inklusions-Potenziale entfaltet und dem Kind Raum gibt, sich zur „Person“ mit eigener Identität zu entwickeln.

Am Ende bewegt Klett die besorgte Frage nach der Form des Kindes in der „nächsten Gesellschaft“, in der die moderne Gesellschaft von der „Schriftgesellschaft“ zur „Computergesellschaft“ mutiere. In dieser im Entstehen begriffenen Gesellschaft werde die Familie „mit der Erfahrung leben müssen, dass sie den Zugriff von formierenden und deformierenden Kräften auf das Kind nur noch mit Mühe zu moderieren vermag. Eine Teilnahme an den Projekten der nächsten Gesellschaft lässt sich dann viel schwerer verbieten, erlauben, rationieren, weil sie eher en passant geschieht, wenn Kinder konsumieren, spielen, lernen. Und so wird die Aufgabe der Familie nicht im Gewähren und Verbieten liegen, sondern in der Sozialisation für die souveräne Bewegung in einer noch unübersichtlicheren Gesellschaft, die es nicht zu verstehen gilt, sondern in der es darauf ankommt, Anschlusssicherheit an die eigene Situation zu finden, gleichzeitig aber das Nichtverstehen, Nichtwissen, Nichtkönnen im Blick zu behalten“ (S. 292). In der „nächsten Gesellschaft“ hätten Kinder „einiges voraus“: sie seien besser „für jene Denkform der Form geeignet, die zu verlernen die moderne Gesellschaft wohl laufend Gelegenheit bietet“ (ebd.).

Diskussion

Die Studie von David Klett ist eine der seltenen Versuche, eine „große Erzählung“ oder theoretische Gesamtschau zustande zu bringen, die im vorliegenden Fall bedeutet, zu erklären, wie Kinder und Familie aufeinander verwiesen sind und welche funktionale Bedeutung sie füreinander und für die jeweils bestehende Gesellschaft besitzen. Sie ist von Grundgedanken der soziologischen Systemtheorie geleitet und bewegt sich vollständig im Rahmen der von ihr vorgegebenen Begriffe. Da ich mit dieser Theorie trotz Kenntnis der einschlägigen Schriften nicht auf gutem Fuß stehe, kann ich nicht verhehlen, dass ich einige innere Widerstände und Schwierigkeiten hatte, die Ausführungen Kletts zu verstehen und nachzuvollziehen – und anderen Leser*innen, die nicht mit dieser Theorie vertraut sind, mag es ähnlich gehen.

Die gesellschaftliche Institution der Familie wird zwar in Abhängigkeit von der jeweiligen Gesellschaftsstruktur gesehen, aber es werden keine näheren Bestimmungen vorgenommen, wer zur Familie gehört, ob sie als Klein- oder Großfamilie, als blutsverwandtschaftliche und soziale Einheit zu verstehen ist. Trotz Veränderungen der Gesellschaftsstruktur scheint sie in ihrer eigenen Struktur gleich zu bleiben. Kinder werden ebenso wie Familien in systemtheoretischer Tradition zwar als „Person“ bezeichnet, aber sie erscheinen nicht als handlungsfähige, mit Kompetenzen ausgestattete Subjekte. Sie werden ausschließlich in ihrem funktionellen Bezug zur Familie und deren funktionelle Aufgaben in der Gesellschaft gesehen. Damit ist der theoretische Ansatz Kletts himmelweit von den Postulaten und den Erkenntnissen der neueren sozialwissenschaftlichen Kinder- und Kindheitsforschung entfernt. Sich mit ihnen explizit zumindest auseinanderzusetzen, wäre von einer Studie mit dem hohen Anspruch, die Zusammenhänge von Kind, Familie und Gesellschaftsstruktur im historischen Prozess zu begreifen, zu erwarten gewesen.

Ein weiterer gravierender Mangel von Kletts theoretischer Studie, der allerdings auch manchen anderen Strömungen der neueren Kindheitsforschung anzukreiden ist, besteht in ihrer eurozentrischen Sichtweise. Die europäischen Gesellschaften und ihre Geschichte erscheinen als das Maß aller Dinge, als Normalfall gewissermaßen. Andere Gesellschaften und Kulturen und dort sich herausbildende Kindheiten kommen gar nicht erst in den Blick. Nach Kletts Denkmuster wären sie bestenfalls als eine Art nachholender „Modernisierung“ vorzustellen. Meines Erachtens ist es dringend geboten, in der Kinder- und Kindheitsforschung der Frage nachzugehen, ob jenseits europäischer, aber auch in manchen Nischen der europäischen Gesellschaften selbst (man denke etwa an die wachsende Zahl der Migrant*innen und ihrer nachfolgenden Generationen), eine „nächste Gesellschaft“ und mit ihr Kindheiten sich ankündigen, die mit dem Bild einer in die Familie eingebetteten und von ihr geleiteten „Form“ nur wenig gemein haben.

Die Studie von Klett ist „konservativ“, nicht im naiven Sinne einer als „natürlich“ vorgestellten Familie oder eines als Verkörperung der Natur vorgestellten Kindes, aber in dem Sinne, dass das Kind als nachwachsendes Wesen für den Erhalt oder bestenfalls für die evolutionäre „Fortentwicklung“ der bestehenden Gesellschaft geformt, sprich: erzogen und sozialisiert werden muss. Die vorrangige Sorge des Autors scheint dahin zu gehen, dass die Kinder sich dieser Formierung entziehen und ihre gewonnene Autonomie und Individualität auf eigenmächtige Weise nutzen, um die Gesellschaft nach ihrem Gusto und kollektiven Interesse zu formen.

Fazit

Eine anspruchsvolle, nicht leicht zu verstehende theoretische Studie über die historischen Formwandlungen und Zusammenhänge von Kind, Familie und Gesellschaftsstruktur, die die in Europa entstandene Moderne zum Maß aller Dinge macht.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Children‘s Rights European Academic Network (CREAN) c/o Freie Universität Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 30.12.2013 zu: David Klett: Die Form des Kindes. Kind, Familie, Gesellschaftsstruktur. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2013. ISBN 978-3-942393-46-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15834.php, Datum des Zugriffs 02.07.2016.


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