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Michael Klein, Diana Moesgen u.a.: Kinder aus suchtbelasteten Familien stärken

Cover Michael Klein, Diana Moesgen, Sonja Bröning, Raineer Thomasius: Kinder aus suchtbelasteten Familien stärken. Das "Trampolin"-Programm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2013. 129 Seiten. ISBN 978-3-8017-2527-3. 24,95 EUR, CH: 35,50 sFr.

Reihe: Therapeutische Praxis.
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Autorinnen und Autoren

Der Erstautor Michael Klein ist als Professor an der Katholischen Hochschule Köln tätig und leitet das Deutsche Institut für Sucht- und Präventionsforschung in Köln.

Rainer Thomasius ist ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Diana Moesgen (Köln) und Sonja Bröning (Hamburg) arbeiten jeweils als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an den genannten Institutionen.

Entstehungshintergrund

Kinder aus suchtbelasteten Familien gelten als Hochrisikopopulation für die Entwicklung von suchtbezogenen und anderen psychischen Störungen. Das in diesem Buch vorgestellte „Trampolin“-Programm versteht sich als Präventionsmaßnahme, die einer Suchtentwicklung der betroffenen Kinder entgegenwirken will. Das Programm wurde von 2008-2012 im Rahmen eines durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geförderten Projekts entwickelt und gilt als erste in Deutschland entwickelte standardisierte Präventionsmaßnahme für Kinder aus suchtbelasteten Familien zwischen acht und zwölf Jahren. Grundlage des Konzepts sind Erkenntnisse der Prävention- und Interventionsforschung sowie praktisches Erfahrungswissen aus der Suchthilfe.

Thema und Aufbau

Das „Trampolin“-Programm wurde als suchtpräventive Gruppenmaßnahme für Kinder im Alter von 8-12 Jahren entwickelt und umfasst insgesamt zehn aufeinander aufbauende Module. Die Module 1-9 richten sich an die Kinder von Suchtkranken, das Modul 10 ist für die Eltern vorgesehen. Das Programm wurde zur Evaluation an insgesamt 27 Einrichtungen im gesamten Bundesgebiet eingesetzt.

Insbesondere Erkenntnisse aus der Residenzforschung sollen die Kinder vor der Entwicklung einer eigenen Abhängigkeit schützen. Im Einzelnen sollen der Kenntnisstand der Kinder zur Wirkung von Alkohol und anderen Drogen sowie deren Auswirkungen auf die Familie verbessert und so das Thema Sucht enttabuisiert werden. Des Weiteren sollen das Erlernen effektiver Stressbewältigungsstrategien, die Erhöhung des Selbstwerts, der Aufbau eines positiven Selbstkonzepts sowie die Erhöhung von Selbstwirksamkeitserwartungen erreicht werden.

Inhalt

Das modular aufgebaute „Trampolin“-Programm ist als Manual für den Einsatz in suchtpräventiven Gruppen konzipiert.

Nach der Einleitung werden im zweiten Kapitel zunächst Ziele und Inhalte des Konzepts kurz beschrieben, anschließend erfolgt ein ausführlicher Überblick über relevante nationale und internationale Forschungsergebnisse zur Arbeit mit Kindern aus suchtbelasteten Familien. Dies umfasst auch eine gute Zusammenschau der bisher vorliegenden Präventionsprogramme für Kinder aus Suchtfamilien.

Das dritte Kapitel beschreibt die notwendigen Rahmenbedingungen für den konkreten Einsatz des „Trampolin“-Programms. Hier werden die Zielgruppe, die notwendigen räumlichen und personellen Voraussetzungen, die Frequenz und Dauer der Gruppensitzungen sowie der Ablauf der Module vorgestellt. Auch auf den Umgang mit schwierigen Situationen während der Gruppenstunden wird eingegangen.

Das vierte Kapitel beschreibt die Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation. Die Autoren nutzten ein prospektives, randomisiert-kontrolliertes Untersuchungsdesign mit drei Messzeitpunkten (vor und nach der Intervention sowie sechs Monate nach Beendigung). Die Kinder der Interventionsgruppe nahmen an dem „Trampolin“-Programm teil, die Kinder der Kontrollgruppe teilten im gleichen Zeitrahmen suchtunspezifische, spielpädagogische Aktivitäten („Hüpfburg-Gruppe“). Die Zuteilung zu beiden Gruppen sollte randomisiert erfolgen.

Insgesamt 130 Kinder nahmen an dem „Trampolin“-Programm teil, 88 Kinder waren der „Hüpfburg-Gruppe“ zugeteilt, die Geschlechtsverteilung war ausgeglichen, im Durchschnitt waren die Kinder etwa 10 Jahre alt. Die Kinder in der „Trampolin“-Gruppe zeigten im Verlauf des Programms und in der Nachbefragung signifikant mehr „Wissen“ über Sucht und weniger „psychische Belastung“. Die Kinder in der „Hüpfburg-Gruppe“ zeigten marginal weniger destruktiv-ärgerbezogenes Verhalten. Insgesamt profitierten beide Gruppen überwiegend in gleichem Maße von den Interventionen. Die Evaluation zeigt, dass auch die Kinder der „Hüpfburg-Gruppe“ bedeutsame Verbesserungen in relevanten Bereichen wie vermeidende Stressbewältigung, konstruktiv-palliative Stressbewältigung, negative Stressbewältigung insgesamt, psychisches Wohlbefinden und Selbstkonzept erreichten.

Im fünften Kapitel werden die einzelnen Module des „Trampolin“-Manuals ausführlich vorgestellt. Im Anhang finden sich für den Praktiker Arbeitsblätter zur Gestaltung der einzelnen Module, die auch auf der beiliegenden CD-ROM zur Verfügung stehen.

Diskussion

Die Autoren beschreiben, „dass die Kinder in vielfältiger Weise von beiden Interventionen profitierten“. Die Kinder beider Gruppen zeigten sechs Monate nach der Behandlung eine geringere psychische Belastung, wobei die Kinder der „Trampolin“-Gruppe dies in höherem Ausmaß zeigten. Sie hatten zudem, da ihnen ja entsprechendes Wissen vermittelt wurde, einen besseren Kenntnisstand zum elterlichen Suchtverhalten als die Kontrollgruppe. Die Autoren diskutieren, dass neben den spezifischen Interventionen in der „Trampolin“-Gruppe vor allem unspezifische Faktoren wie Zuwendung, Wertschätzung, Anerkennung und Erfolgserlebnisse in beiden Gruppen wirksam waren. Dieser Umstand könnte das vergleichsweise gute Ergebnis der „Hüpfburg-Gruppe“ erklären.

Fazit

Die Autoren haben neben den bisherigen vorwiegend angloamerikanischen Studien erstmals ein wissenschaftlich evaluiertes Präventionsprojekt für Kinder aus suchtbelasteten Familien in Deutschland vorgelegt. Das Konzept aus insgesamt zehn Modulen orientiert sich an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und kann anhand des vorliegenden Manuals mithilfe der zahlreichen Arbeitshilfen gut in der Praxis umgesetzt werden.


Rezensent
Dipl.-Psychol. Martin Zobel
Psychologischer Psychotherapeut, Lehrbeauftragter an der Katholischen Hochschule Köln, Dozent an der Akademie für Verhaltenstherapie (AVT) Köln sowie am Eifeler Verhaltenstherapie Insititut (EVI) Daun, Psychotherapeutische Praxis in Koblenz.
Homepage www.martin-zobel.de
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Zitiervorschlag
Martin Zobel. Rezension vom 29.07.2014 zu: Michael Klein, Diana Moesgen, Sonja Bröning, Raineer Thomasius: Kinder aus suchtbelasteten Familien stärken. Das "Trampolin"-Programm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2013. ISBN 978-3-8017-2527-3. Reihe: Therapeutische Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15844.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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