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Andreas Hinz, Robert Kruschel: Bürgerzentrierte Planungsprozesse in Unterstützerkreisen

Cover Andreas Hinz, Robert Kruschel: Bürgerzentrierte Planungsprozesse in Unterstützerkreisen. Praxishandbuch Zukunftsfeste. Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V. (BVKM) (Düsseldorf) 2013. ISBN 978-3-910095-91-5.
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Thema

In ihrem Vorwort zitiert Ines Boban Wilhelm Humboldt, der festgestellt hat, dass es immer die Verbindungen mit Menschen seien, welche das Leben wertvoll erscheinen lassen. „Zukunftsfeste sind eine […] Form, eben diese Verbindungen mit den Menschen des je eigenen Feldes bzw. Systems zu pflegen, weil es Beziehungen festigt, wenn das „gemeinsame Dritte“ miteinander geteilt wird“ (S. 007). Mit dem gemeinsamen Dritten ist dann im Klaus Dörnerschen Sinne der – und darauf wird ja in der Publikation auch Bezug genommen – der Dritte Sozialraum gemeint.

Autoren

Andreas Hinz ist Professor für Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Hinz legte 1992 an der Universität Hamburg eine Dissertation zur Bewältigung von Heterogenität in der Schule vor, die 1993 beim Curio Verlag Erziehung und Wissenschaft unter dem Titel „Heterogenität in der Schule : Integration – interkulturelle Erziehung – Koedukation“ in der ersten Auflage veröffentlicht wurde.

Robert Kruschel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Entstehungshintergrund

Die zu besprechende Publikation ist das Resultat einer Kooperation zwischen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und dem bvkm (Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V.) aus den Jahren 2010 und 2011. In dieser Zeit wurde ein Zertfikatskurs zu bürgerzentrierten Planungsprozessen in Unterstützerkreisen durchgeführt.

Was war für die Entstehung dieses Buches bedeutsam? Hierzu heben Hinz/Kruschel in ihrer Einleitung hervor, dass die Publikation all den Menschen, die ein Zukunftsfest moderieren, „als eine Art Anker (dient - CR). Es führt sie chronologisch durch den Moderationsprozess, stellt theoretische Hintergründe dar und zeigt Perspektiven für weitere Entwicklungen auf“ (S. 010).

Aufbau

  1. Vorwort
  2. Einleitung
  3. Grundlagen
  4. Gesamtstruktur von Zukunftsfesten
  5. Rollen bei einem Zukunftsfest
  6. Verlauf von Zukunftsfesten
  7. Grafische Moderation von Zukunftsfesten
  8. Erfahrungen von Beteiligten mit Zukunftsfesten im Rückblick
  9. Zukunftsfeste ziehen Kreise
  10. Literatur
  11. Anhang
  12. Stichwortverzeichnis
  13. Notizen

Verzeichnis der DVD

  • Videoclip Zukunftsfeste
  • Praxisfilm Zukunftsfeste
  • Materialien
  • Hintergrundtexte
  • Links

Inhalt

Nach dem Vorwort von Ines Boban und der Einleitung von den beiden Autoren wird sich in Kapitel 3 den Grundlagen gewidmet. Eingeleitet wird mit einem, aus Robert Jungks Feder stammenden, Zitat, welches sich auf die Veränderung der Welt bezieht und die Zukunft nicht als schicksalhaft beschreibt. In diesem ersten Kapitel werden Begriffsklärungen vorgenommen, der historische Background beleuchtet und Bezüge zur Theorie produziert.

Bei der Bürgerzentrierung wird bei Zukunftsfesten auf den Inklusionscharakter ein besonderer Blick geworfen.

In ihrem historischen Exkurs beleuchten die Autoren zwei Entwicklungslinien von personenzentrierten Ansätzen, nämlich jene, welche dem institutionellen Behindertenhilfesystem entspringt und jene, die aus der Integrationsbewegung kommt.

Die theoretische Begründung des gesamten Unternehmens erfolgt mithilfe der Feldtheorie (Bezug: Kurt Lewin), der Kapitaltheorie (Bezug: Pierre Bourdieu), der Theorie U (Bezug: Otto Scharmer) und der Anerkennungstheorie (Bezug: Axel Honneth).

Bei der begrifflichen Differenzierung widmen sich Hinz/Kruschel den sprachlichen Unterschieden. Der nordamerikanische Oberbegriff person-centered planning, der mit personenzentrierte Planung in die deutsche Sprache übersetzt wird, so ist auf Seite 21 zu lesen, wird in Deutschland nicht verwendet. Hier habe sich der Oberbegriff Persönliche Zukunftsplanung durchgesetzt. Problematisch sei das die nordamerikanische Version einen spezifischen personenzentrierten Ansatz bezeichnet. Auf diese Weise könne es, den Verfassern folgend, zu einer begrifflichen Verwirrung kommen.

Die Organisation von Zukunftsfesten hat sich an sog. großen Fragen, an Situation zu orientieren.

Hinsichtlich der Gesamtstruktur von Zukunftsfesten gilt es nach der Vorbereitung ein Treffen ganz verschiedener Menschen in einem Raum zu organisieren. Über mehrere Stunden hinweg sollen gemeinsam potentielle Zukunftsszenarien mit einem und für einen Menschen betrachtet werden. Wesentliche Elemente, die auch näher beschrieben werden, sind MAP und PATH.

Bei der Rollenverteilung werden ebendiese mit den Anwesenden bei einem Zukunftsfest besprochen. Da gibt es die Hauptperson, die jede und jeder sein kann., wie z. B. der Mensch, der einer Unterstützen Kommunikation bedarf. Die Hauptperson ist der Mittelpunkt eines Zukunftsfestes. Dann wird das Moderationstandem dargestellt. Ein Moderationstandem ist unabdingbar für Vorbereitung, Planung und Nachbereitung von Zukunftsfesten. Das dritte bzw. vierte (ein Tandem wird ja immer aus zwei Personen gebildet) Elementare bei Zukunftsfesten ist der Unterstützerkreis. Der Unterstützerkreis wird aus den Anwesenden eines Zukunftsfestes gebildet und diese Anwesenden sind genau die Richtigen. Der Agentin oder dem Agenten kommt beispielsweise am Ende eines Zukunftsfestes die Rolle einer oder eines Motivierenden zur Aktivierung des Unterstützerkreises zu.

Wie Zukunftsfeste ablaufen, wird im sechsten Kapitel ausführlich dargestellt. „Im Detail wird aufgezeigt, welche Schritte während des eigentlichen Treffens gegangen werden, worauf zu achten ist und welche Gestaltungselemente genutzt werden können. Auch was im Anschluss an das Zukunftsfest für alle Beteiligten zu tun ist und welche weiteren Schritte möglich sind, wird dargestellt“ (S. 060). Die Autoren warnen die Moderation davor, sich zu sehr an die in diesem Abschnitt vorliegenden Ausführungen zu klammern, da sie lediglich eine Unterstützung bzw. Orientierungshilfe darstellen. Es geht zunächst darum, wie ein Zukunftsfest zustande kommt. Häufig geschieht dies durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Es werden beispielhaft verschiedene Anlässe vorgestellt, die ein Zukunftsfest begründen, etwa Arbeitslosigkeit oder soziale Isolation. Es geht dann um die Vorbereitung eines Zukunftsfestes. Hier steht das Moderationstandem der Hauptperson beratend und unterstützend zur Seite. Die wichtigsten Stationen der Vorbereitung sind:

  • das Erstellen eines Unterstützerkreises;
  • das Anfertigen von Einladungen;
  • das Organisieren eines geeigneten Raumes;
  • Überlegungen hinsichtlich eines Dankeschöns für die UnterstützerInnen.

Mit Blick auf die Durchführung eines Zukunftsfestes richten die Autoren ihren Blick auf die Vorbereitung des Orts des Geschehens, was durch das Moderationstandem und die Hauptperson zu leisten ist. Bevor das Zukunftsfest beginnt soll die Struktur des Tages sichtbar sein. Mental soll sich dann auf das Zukunftsfest vorbereitet werden. Das Moderationsteam beantwortet vor dem Start des Zukunftsfestes Fragen, die den Prozess unterstützen können. Nach dieser Klärung durch das Moderationsteam, werden alle Anwesenden mit Fragen, die alle von den Verfassern formuliert sind, konfrontiert.

Die stimmungsvolle Eröffnung eines Zukunftsfestes wird über Anregungen vorgestellt. Die ModeratorInnen begrüßen die Anwesenden und stellen sich als ModeratorInnen vor. Hierfür enthält die Publikation Tipps. Nach der Eröffnung des Zukunftsfestes wird ein sechsschrittiger MAP-Prozess – und MAP, so erfahren wir auf Seite 032 heißt auf Deutsch Karte - durchlaufen. Diesem MAP folgt eine lange Erholungspause, in der auch gegessen werden kann und soll. Um die Weiterarbeit effektiv ablaufen zu lassen, werden von Hinz/Kruschel Ernährungstipps gegeben, um den Magen für diese Weiterarbeit weniger zu belasten und die Konzentration zu befördern. Diese Konzentration wird im Anschluss an die Pause für PATH – und dieser Terminus wird auf Seite 033 mit Weg übersetzt – benötigt. PATH ist für die Planung des konkreten Vorgehens notwendig. Zum Abschluss des Zukunftsfestes geht die Publikation auf die Rolle der Agentin oder des Agenten ein. Es werden hier verschiedene Möglichkeiten durch dekliniert. Nicht immer verläuft ein Zukunftsfest erfolgreich. Für diesen Fall enthält die Publikation Gründe, die für das Scheitern eines Zukunftsfestes verantwortliche gemacht werden können. Zum Abschluss dieses sechsten Kapitels wird ein Ausblick präsentiert, der sich mit dem befasst was nach dem Zukunftsfest kommt. Mit dieser Arbeit oder Verarbeitung wird begonnen, „sobald der letzte Gast gegangen ist, die Räumlichkeiten in ihren Ursprungszustand versetzt wurden und das Licht des Veranstaltungsortes aus ist“ (S. 142).

Was kann sich, nach dem bisher Gelesenen, hinter dem 7. Kapitel verbergen, in welchem die Autoren etwas über die grafische Moderation bei Zukunftsfesten festgehalten haben? Die Erklärung folgt dann aber schon in den Einleitungssätzen zum Kapitel: „Neben einigen allgemeinen Erklärungen und Hinweisen zu den Aufgaben der grafischen Moderation wird explizit für jeden Schritt eines Zukunftsfests dargestellt, was die/der Grafische ModeratorIn jeweils tun kann, und es werden Empfehlungen bezüglich ihres/seines Auftretens gegeben“ (S. 148). Die Grafische Moderation verzichtet ganz auf den Gebrauch von Wörtern, damit auch UnterstützerInnen und Unterstützer, die nicht des Lesens mächtig sind, problemlos diesem Prozess beiwohnen können.

Die Publikation befasst sich mit dem Profil der Grafischen Moderation und erläutert die Aspekte Entschleunigung, Authentizität, Zügigkeit statt Perfektion und Kommunikation.

Weiter befasst sich das Kapitel mit der Materialauswahl hinsichtlich der Wahl des Papiers und geeigneter Stifte.

In einem weiteren Abschnitt erfolgt die Darstellung der Aufgaben der Grafischen Moderation vor, während und nach dem Zukunftsfest.

Über die Erfahrungen von Beteiligten an Zukunftsfesten berichtet das achte Kapitel, dem sich ein Kapitel anschließt, welches mithilfe von zwei Fallbeispielen aufzeigt, wie Zukunftsfeste Organisationen verändern können.

Diskussion

Die Methode Zukunftsfeste ist interessant und lobens- und lohnenswert. Allerdings darf das so genannte professionelle Moderationstandem das gesamte Geschehen nicht zu sehr dominieren. Es soll von diesem so genannten Expertentum auf Augenhöhe agiert werden. Das wird leider in der Arbeit mit Behinderten oft von der Seite der Behinderten vermisst. Behinderte – und der Rezensent schließt sich in diese Gruppe ein – wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, was dann Fremdbestimmung ablehnt.

Eine gute Arbeitshilfe bietet für nicht lesen könnende Menschen die mitgelieferte DVD, womit dann ein Stück Selbstbestimmung hergestellt wird.

Eindrucksvoll und hilfreich sind die zahlreichen Fotografien und Bilder in der Printausgabe der besprochenen Publikation. Auch das ist wieder hilfreich für nicht des Lesens mächtige Leserinnen und Leser.

Fazit

Eine sehr lesenswerte Veröffentlichung legen Andreas Hinz und Robert Kruschel vor. Noch attraktiver wird die Lektüre durch die mitgelieferte DVD, die natürlich ein DVD-fähiges Abspielgerät bei der Leserinnen- und Leserschaft voraussetzt. Die notwendigen Informationen erhält man aber auch über die alleinige Lektüre des Printexemplars!

Wie weiter oben schon geschrieben dient die Publikation v. a. allem den Menschen, die ein Zukunftsfest moderieren, „als eine Art Anker. Es führt sie chronologisch durch den Moderationsprozess, stellt theoretische Hintergründe dar und zeigt Perspektiven für weitere Entwicklungen auf“ (S. 10).


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 30.12.2013 zu: Andreas Hinz, Robert Kruschel: Bürgerzentrierte Planungsprozesse in Unterstützerkreisen. Praxishandbuch Zukunftsfeste. Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V. (BVKM) (Düsseldorf) 2013. ISBN 978-3-910095-91-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15863.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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