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Michaela Schonhöft: Kindheiten [...] in anderen Ländern

Cover Michaela Schonhöft: Kindheiten. Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden. Pattloch (München) 2013. 382 Seiten. ISBN 978-3-629-13037-2. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Spätestens seit Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention im Jahr 1989 stellt sich die Frage, ob es universelle Mindest-Maßstäbe für eine „gute Kindheit“ gibt oder geben sollte. Wenn universelle Maßstäbe Sinn machen sollen, können sie allerdings nicht einfach dem Bild „moderner“ oder „bürgerlicher“ Kindheit folgen, das sich seit dem 17. Jahrhundert in Europa herausgebildet und zu spezifischen Institutionalisierungen von Kindheit geführt hat. Gleichwohl wird dieses Bild oft zum Maßstab genommen, um Kindheiten in anderen Teilen der Welt zu bewerten. Sie werden dann als noch nicht ausreichend „entwickelt“ oder „vor-modern“ verstanden, und den Kindern, deren Kindheit nicht dem Bild „moderner“ oder „bürgerlicher“ Kindheit entspricht, wird sogar suggeriert, überhaupt keine Kindheit zu haben („Kinder ohne Kindheit“). Der Begriff Kindheit mag im Singular notwendig sein, um zu vergleichen, wie die damit assoziierte Lebensphase oder der damit verbundene soziale Status in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen gestaltet wird. Aber es ist meines Erachtens darauf zu bestehen, dass es in der Welt durchaus verschiedene Kindheiten gibt und dass die einen nicht notwendigerweise eine geringere Qualität als die anderen haben.

Wie das Leben von Kindern und ihre Kindheiten zu beurteilen sind, wird in den letzten Jahren verstärkt unter der Frage diskutiert, worin die „Qualität“ von Kindheit oder das „Wohlbefinden“ von Kindern besteht. Zu dieser Frage werden immer häufiger empirische Studien und theoretische Entwürfe verfasst. Oft wird sie sogar dahingehend zugespitzt, ob Kindern eine „glückliche Kindheit“ ermöglicht wird. Das hier zu besprechende Buch nähert sich dem Thema vor allem aus der Perspektive der Mutter eines Kindes, die zugleich Journalistin ist.

Entstehungshintergrund

„Mama, wo wohnt das Glück?“, diese Frage ihrer Tochter hat Michaela Schonhöft veranlasst, dieses Buch in Angriff zu nehmen. Sie hat sich mit ihrer Familie zunächst auf eine längere Reise nach Thailand begeben und war dann auch in andere Länder gereist, um zu erfahren, worin das Glück für Kinder in verschiedenen Regionen der Welt besteht. Sie wollte nicht glauben, dass das Glück der Kinder nur ihrer eigenen Tochter wichtig ist oder gar nur für Kinder im reichen westlichen Europa gilt und ging an das Thema mit dem unbefangenen Blick einer Journalistin und mit den besorgten Fragen einer Mutter heran.

Nach eigenem Bekunden ließen die Autorin die Unterschiede in den Vorstellungen über eine gute Kindheit nicht los, die sie bei ihrer ersten Reise erfahren hatte. Sie las sich durch Forschungsarbeiten und Studien, in denen Psychologen, Anthropologen, Politologen und Sozialgeographen von Kindheiten in anderen Ländern berichten. Für sie öffnete sich eine Welt, die vieles, was sie bisher gelesen hatte, in Frage stellte. Warum, fragte sie sich, „werden bestimmte Erziehungsmethoden so dogmatisch angepriesen, gern auch von Ärzten und Pädagogen, auch wenn sie oft jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehren“ (S. 18). Sie unterhielt sich mit Freunden in Schweden, Frankreich, Spanien und Japan, durchstöberte im Internet weltweit Eltern- und Familienforen, recherchierte in nigerianischen, chinesischen und thailändischen Zeitungen auf der Suche nach den Themen von Erziehungsdebatten. In Asien, Lateinamerika, den USA und Europa führte sie schließlich lange Gespräche mit Eltern über ihre „Erziehungsphilosophien“, Wünsche und Hoffnungen für ihre Kinder, wobei auch kulturelle Schocks und Überraschungen, die ihre Gesprächspartner*innen bei Reisen in andere Länder in Sachen Kindererziehung erlebten, zur Sprache kamen.

Aufbau und Inhalt

Auf der Basis ihrer Reiseeindrücke, ihrer Gespräche in verschiedenen Regionen der Erde und ihrer Recherchen in Büchern, Zeitungen und Internet unternimmt Michaela Schonhöft den Versuch, einen möglichst konkreten Eindruck von der Vielfalt der Vorstellungen zu vermitteln, von denen sich Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder leiten lassen. Sie ist davon überzeugt, dass alle Eltern ihre Kinder glücklich machen wollen. „Glück als das wesentliche Erziehungsziel: Darauf können Eltern sich weltweit, über alle Sprachen, Kontinente und Kulturen [hinweg] verständigen. Doch wie das Glück zu definieren und zu erreichen ist, darüber haben sie alle sehr unterschiedliche Ansichten.“ (S. 20)

Wie diese Ansichten beschaffen sind, zeigt die Autorin, indem sie jeweils verschiedene Lebensabschnitte beleuchtet, ohne diese strikt nach dem chronologischen Alter zu gliedern. Sie beginnt damit, wie Mütter in verschiedenen Ländern mit ihrer Schwangerschaft umgehen und die Geburt ihres Kindes erleben, und endet damit, wie sich Kinder mit wachsendem Alter in der Welt orientieren und vor welchen Herausforderungen sie stehen. Während in den ersten Kapiteln die Perspektive der Mütter dominiert, kommen in den späteren Kapiteln auch die Sichtweisen der Kinder und schließlich der Jugendlichen zum Vorschein. Die Überschriften der einzelnen Kapitel beschreiben anschaulich, worum es der Autorin jeweils geht:

  • Ein Kind der Gemeinschaft: Schwangerschaft und Geburt
  • Ein Fels in der Brandung: Nestwärme
  • Es braucht ein ganzes Dorf: Sich gemeinsam kümmern
  • Der Moment: Zeit ist Glück
  • Die Zügel nicht zu sehr straffen: Demokratie im Kinderzimmer
  • Respekt: Von den sozialen Kompetenzen
  • Lernen fürs Leben: Wissen macht glücklich
  • Das Glück hat kein Preisschild: Konsumterror
  • Die geheimen Gärten unserer Kindheit: Raus in die Natur!
  • Erwachsen werden

Und am Ende der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden:

  • Was ist eine kinderfreundliche Gesellschaft?

Ganz offensichtlich ist die Autorin davon fasziniert, wie Mütter (Väter scheinen nur eine Nebenrolle zu spielen) und Nachbarn in Gesellschaften, die aus europäischer Sicht als wenig entwickelt gelten, meist mit ihren Kindern umgehen. Sie erfährt, bei allen Unterschieden, dass den Kindern dort oft mit großer Gelassenheit begegnet wird und ihnen zugleich große Aufmerksamkeit und Fürsorge zuteilwird, ohne dass sie in ein kindliches Ghetto verbannt werden. Sie zeigt sich beeindruckt und eingenommen davon, dass Kinder oft schon früh Verantwortung übernehmen und ihre sozialen Kompetenzen von den Eltern respektiert werden. Sie ist aber auch irritiert von dem Druck, den „Tigermütter“ vor allem in ostasiatischen Gesellschaften auf ihre Kinder ausüben, damit sie in kurzer Zeit viel Wissen erwerben und Karriere machen (wobei sie zugleich darauf aufmerksam macht, dass manche Jugendliche, z.B. in China, sich gegen den „Wahnsinn“ wehren). An den „modernen“ Gesellschaften stört sie der „Irrglaube, Konsum mache glücklich. Und wem dann der Konsum aus finanziellen Gründen noch verwehrt ist, den macht der Überfluss der anderen erst so richtig fertig“ (S. 278). An Eltern in den USA und Europa fiel ihr auf (und missfiel ihr), dass sie sich zwar oft sehr intensiv um ihre Kinder kümmern, ihnen allerdings nicht beibrächten, „sich auch intensiv um andere zu kümmern“ (S. 291).

Michaela Schonhöft begegnet ihren Gesprächspartnerinnen sehr offen und lässt sich immer wieder gern von ihnen überraschen. Aber sie hält auch mit ihren eigenen Ansichten nicht hinter dem Berg. So ist sie davon überzeugt, dass Kinder „schon früh ein stark ausgeprägtes Naturbewusstsein“ entwickeln, das sich sogar bei den Kuscheltieren zeige (S. 302). Sie liebten es, Pflanzen zu betrachten und Tiere zu versorgen. Sie bedauert deshalb, dass in den Familien wohlhabender industrialisierter Gesellschaften viel von dem verschwunden sei, „was sie noch vor wenigen Generationen zusammengehalten hat: das Schwein im Stall, die Kaninchen und Hühner im Hof, der Gemüsegarten hinterm Haus“ (S. 310). Auch zeigt sie sich davon überzeugt, dass Kinder und Teenager „von einem biologischen Instinkt getrieben sind, Neues zu entdecken“ (S. 317). Und sie bedauert deshalb auch, dass junge Menschen sich hierzulande nur noch in der Schule und im Leistungssport selbst beweisen dürften. „Einige Kulturen haben dies erkannt und setzen auf Beschäftigung, auf frühe Verantwortungsübertragung, auf Ruhe im System“ (S. 317). An südpazifischen Kulturen beeindruckt sie, dass den Kindern und jungen Leuten dort das Gefühl gegeben werde, „ernst genommen zu werden, neue Ideen einbringen zu dürfen. Sie entwickeln schon früh ein Gespür für die Gemeinschaft und haben ein geringeres Bedürfnis, unkalkulierbare Risiken einzugehen“ (S. 321).

Bei allen Verschiedenheiten des Umgangs mit Kindern, denen die Autorin auf ihren Reisen begegnet ist, hält sie gewisse Mindestmaßstäbe für eine „gute Kindheit“ und eine „kinderfreundliche Gesellschaft“ für allgemeingültig. „Wenn Kinder sich wohl fühlen sollen, brauchen sie viel Zuspruch aus ihrer Umgebung, sichere und vertrauensvolle Bindungen. Ein warmherziges Zuhause macht Kinder widerstandsfähiger gegen die großen und kleinen Katastrophen im Leben. Kinder wollen wahrgenommen werden, von ihren Familien, aber auch von Menschen in ihrer Umgebung, von der Gesellschaft. Sie möchten als gleichwertige, geschätzte Mitbürger willkommen sein, nicht nur als spätere Steuerzahler. Kinder verdienen es zudem, die gleichen Chancen zu haben, ob Junge oder Mädchen, Migrant oder Nichtmigrant, Kinder von Rechtsanwälten oder Kinder von Bauarbeitern“ (S. 356).

Diskussion

Ein schön zu lesendes, unprätentiöses Buch. Die Autorin nimmt die Leserin und den Leser gleichsam mit auf ihre Reisen, auch die virtuellen und gedanklichen, und lässt sie/ihn teilhaben an ihren Überraschungen, Aha-Erlebnissen, Entdeckungen. Michaela Schonhöft wollte kein wissenschaftliches Buch schreiben – und das ist gut so! Wer es in erster Linie für eine Seminararbeit oder für Quellenstudien zur Hand nimmt, kann gewiss nicht allzu viel damit anfangen, aber es sorgt fürs Überdenken mancher vermeintlicher Gewissheiten. Mitunter schleichen sich Platitüden ein („Jugend ist eine Zeit des Sturm und Drangs. Das hat sich in unseren Köpfen so festgesetzt“; S. 324), aber die unbefangene Schreibweise ist auch geeignet, die Leserin und den Leser an manche schwierige Fragen heranzuführen, und überlässt es ihr/ihm, eigene Antworten zu finden.

Genau genommen, ist es kein Buch über Kinder und Kindheiten, sondern ein Buch über das, was sich Erwachsene, meist Mütter, in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen darunter vorstellen und wie sie ihre eigenen Kinder erziehen, sich mit ihnen identifizieren und was sie für diese und mit ihnen erreichen wollen. Kinder kommen kaum als handelnde Individuen vor, zumindest nicht die ganz kleinen, aber bei der Betrachtung der alltäglichen „Erziehungsphilosophien“ der Eltern lässt die Autorin erkennen, dass sie erstaunt und erfreut ist zu erleben, wie selbst unter den schwierigsten Lebensbedingungen schon die Kleinsten ernst genommen und in ihren Eigenheiten respektiert werden. Dem Buch ist anzumerken, dass die Autorin es nicht zuletzt geschrieben hat, um selbst mehr Klarheit darüber zu gewinnen, wie sie mit ihrem eigenen Kind umgehen sollte.

In gewisser Weise räumt das Buch damit auf, Vorstellungen von Kindheit, die sich in hiesigen Köpfen festgesetzt haben und in Europa weithin als normal oder gar vorbildlich gelten, als der Weisheit letzten Schluss zu halten. Es ist durchzogen von großer Skepsis über die Segnungen des materiellen Wohlstands. Diese kommt besonders dann zum Ausdruck, wenn die Autorin darüber nachdenkt, was mit den Kindern passiert, wenn sie zu Teenagern geworden sind und an der Schwelle zum Erwachsensein stehen. Da kommt mitunter so etwas wie Wohlstandsverdrossenheit und Kulturpessimismus ins Spiel. Gleichwohl hütet sich die Autorin davor, das Leben von Kindern in anderen Teilen der Welt zu idealisieren. Zum Beispiel merkt sie an: „In vielen Kulturen ist körperliche Züchtigung wesentlicher Bestandteil der Erziehung. Kinder sollen früh begreifen, wo ihr Platz ist, nämlich ganz unten“ (S. 162).

Vielleicht wird die Frage nach dem „Kindheitsglück“ (S. 144) manchmal überstrapaziert und die Autorin hätte ein bisschen genauer das Leben von Kindern ins Auge fassen sollen, die mit dem Überleben kämpfen. Aber das Buch enthält auch wunderbare Passagen über den Überlebenswillen und die sozialen Kompetenzen von Kindern, die schon früh für sich und ihre Familien sorgen müssen und lässt sie an einigen Stellen des Buches auch selbst zu Wort kommen.

Fazit

Kein Buch, das Weisheiten verkündet, sondern auf unprätentiöse Weise dazu einlädt, sich von Vorstellungen über Kinder und Kindheit in anderen Ländern und Kulturen überraschen und inspirieren zu lassen. Seine Botschaft: es gibt nicht die eine gute Kindheit, sondern eher viele davon oder zumindest die Suche nach ihnen.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Children‘s Rights European Academic Network (CREAN) c/o Freie Universität Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 23.01.2014 zu: Michaela Schonhöft: Kindheiten. Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden. Pattloch (München) 2013. ISBN 978-3-629-13037-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15879.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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