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Anne Fritsch: Klinische Sozialarbeit im Krankenhaus

Cover Anne Fritsch: Klinische Sozialarbeit im Krankenhaus. Die Integration in klinische Behandlungsprozesse aus theoretischer und empirischer Sicht. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2013. 210 Seiten. ISBN 978-3-86924-476-1. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 87,00 sFr.
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Thema

Klinische Sozialarbeit als Fachsozialarbeit hat sich in den letzten Jahren rasant etablieren können, da sie eigenständige Beiträge mit einem Fokus auf Sozialdiagnostik, Beratung und Behandlung in der Gesamtbehandlung von erkrankten Menschen vorweisen kann. Anne Fritsch beschäftigt sich in ihrer in Buchform veröffentlichten Masterthesis mit der Bedeutung Klinischer Sozialarbeit im Krankenhaus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Bereiche:

  1. Einleitung,
  2. theoretischer Teil und
  3. empirischer Teil.

In der Einleitung erfolgt ein erstes allgemeines Plädoyer zur Berücksichtigung Sozialer Arbeit in der Krankenhausversorgung. Anhang der postulierten „Lücken“ über den Kenntnisstand hinsichtlich Gegenstand und methodischer Kompetenz (2) entwickelt die Autorin mehrere Ausgangsfragen für ihre dann folgende empirische Untersuchung. Noch in diesem Kapitel erfolgt die Gegenstandsbestimmung Klinischer Sozialarbeit mit dem Fokus auf eine Fachsozialarbeit als Ergänzung zur generalistisch orientierten grundständigen Sozialen Arbeit. Dazu erfasst sie allerdings kaum die internationale Perspektive, insbesondere in den angelsächsischen Ländern mit einer forschungsorientierteren Strategie. Die Konzentration auf das deutsche Gesundheitswesen beinhaltet hauptsächlich die Rollen der Krankenhaussozialarbeit mit einer folgenden Beschreibung möglicher Aufgaben in der Krankenhausversorgung. Hier werden verkürzt die Aufgaben der „Sozialanamnese“, „Beratung“, „Vermittlung von Hilfsangeboten“ und „Entlassungsmanagement“ (17-18) beschrieben. Die Darstellung der Adressatinnen und Adressaten von Sozialdiensten erfolgt eher oberflächlich und eine sozialarbeitstheoretische Begründung des Tätigwerdens fehlt gänzlich. Die gewünschte „Schärfung“ von „Krankenhaussozialarbeit“ versus „Klinische[r] Sozialarbeit“ ist insgesamt nur bedingt gelungen.

Im theoretischen Teil zeigt sich eine defizitär ausgerichtete Auseinandersetzung mit theoretischen Bezügen mit der darauf gründenden These, das Verstehens- und Handlungsmodelle in der Sozialen Arbeit fehlen würden. Eine theoretische Auseinandersetzung mit Aspekten der sozialen Teilhabe, Lebensweltorientierung und -bewältigung sowie sozialer Probleme im Zusammenhang mit Autoren wie Wendt, Staub-Bernasconi, Thiersch oder Böhnisch hätte hier zu einer anderen Einschätzung geführt. Fritsch stellt im Folgenden überzeugend das interessante „Verstehensmodell“ des „sentimental work“ nach Anselm Strauss vor (23ff.). Dabei zeigt sie deutlich auf, dass Interaktion, Vertrauen, Biografiearbeit, emotionale Zuwendung durch Trost wichtige Bestandteile erfolgreicher Arbeit sind. Als weiteres führt die Autorin in das biopsychosoziale Konzept mit Einbindung der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) ein. Die Koppelung an teilweise überholten und über dreißig Jahre alten Positionen von Viefhues oder Senftleben übersehen die aktuellen Begründungszusammenhänge Klinischer Sozialarbeit. Des Weiteren beschreibt Fritsch noch das Konzept der Salutogenese, um dann in ihrem Zwischenfazit nochmals für die Wahl ihrer gewählten theoretischen Konstruktionen zu werben.

Der empirische Teil umfasst die Erhebung patientenbezogener quantitativer Daten in der nicht-repräsentativen Studie im Zusammenhang mit Beratungen durch den Sozialdienst. Dabei führt die Einführung von Variablen mit der Bezeichnung Kategorie zu gelegentlicher Verwirrung, zumal es sich um soziodemografische Daten handelt. In den folgenden Unterkapiteln werden die deskriptive Datenauswertung beschrieben, um über die Dauer von Beratungsleistungen für einzelne Patientinnen und Patienten hypothetische Aussagen zu den Bereichen „Gefühlsarbeit“, „biopsychosoziale Logik“ und „salutogenetische Denkweise“ (66) zu generieren. Sinn und Aussagekraft des quantitativen Teils erschließen sich nicht überzeugend. Der qualitative Forschungsteil ist deutlich stringenter als der vorige Ansatz, hier werden allerdings zwei leitfadengestützte Verfahren gewählt, um dann SozialarbeiterInnen über problemzentrierte Interviews und andere Professionsangehörige über Experteninterviews zu befragen. Die Begründung für diese Entscheidung und Samplingauswahl findet sich indes nicht. Die Ergebnisse im Kontext zu multiprofessionellen Sichtweisen auf die Soziale Arbeit überraschen kaum, da die administrative Unterstützung im Zusammenhang mit Entlassungsmanagement in der Fachliteratur dokumentiert ist, wenn auch in der psychiatrischen Versorgung noch weitere Wirkungsaspekte eine Rolle spielen (100).

In der Schlussbetrachtung ihrer Thesis kommt Fritsch zu der Zusammenfassung der Argumentation für eine Soziale Arbeit als Ergänzung zu medizinischer und pflegerischer Versorgung und nimmt hier eine eher defensive Position ein.

Diskussion

Grundsätzlich ist es erfreulich, wenn AbsolventInnen ihre Examens- und Qualifikationsarbeiten veröffentlichen, um Einblick in die Konzeption und Durchführung zu erhalten. Anne Fritsch hat somit von der Planung und Idee ein wichtiges Thema erkannt und sich ambitioniert forschungsgeleitet daran erprobt. Das sollte jedenfalls gewürdigt werden. Die formalen Fehler (wie z.B. eine nicht erfolgte Silbentrennungsfunktion) und inhaltliche Schwächen machen das Buch aber zu keinem ausgeprägten Lesevergnügen; eine inhaltliche Überarbeitung und Lektorierung hätte dem Werk gut getan.

Fazit

Diese Veröffentlichung kann ich aufgrund der beschriebenen Schwächen und des unangemessen hohen Preises für den Hochschulbereich kaum empfehlen. Für die Praxis erschließen sich leider kaum verwertbare Erkenntnisse.


Rezensent
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 27.01.2014 zu: Anne Fritsch: Klinische Sozialarbeit im Krankenhaus. Die Integration in klinische Behandlungsprozesse aus theoretischer und empirischer Sicht. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2013. ISBN 978-3-86924-476-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15914.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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