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Martin Jäggle, Thomas Krobath u.a. (Hrsg.): Kultur der Anerkennung

Cover Martin Jäggle, Thomas Krobath, Helena Stockinger, Robert Schelander (Hrsg.): Kultur der Anerkennung. Würde, Gerechtigkeit, Partizipation für Schulkultur, Schulentwicklung und Religion. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2013. 350 Seiten. ISBN 978-3-8340-1214-2. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Anerkennung als humane, lebensweltliche und pädagogische Aufgabe

„Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Diese Prämisse, die in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ gilt als globale Ethik der Menschheit – ohne Wenn und Aber! Sie muss Voraussetzung dafür sein, dass alle Menschen auf der Erde, Junge und Alte, Mächtige und Ohnmächtige, Reiche und Arme in ihrem Alltag und im gesellschaftlichen Miteinander ein gutes, gelingendes Leben führen können. Diese Anforderungen gelten für familiale und institutionalisierte Bildung und Erziehung in besonderem Maße; denn Anerkennung ist eine Eigenschaft, die in den Köpfen der Menschen entstehen muss, bevor sie sich als sittliche und moralische Werte- und Normenvorgabe etablieren kann. Es ist die individuelle, gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt, die Menschheit und Menschlichkeit ausmacht. Mit den Anmahnungen und Vorschlägen, Schule neu zu denken (Hartmut von Hentig), neu zu gestalten (Helmut Fend) und eine neue Schulkultur zu entwickeln (Gerald Hüther), sollen hier nur ein paar der vielzähligen und vielgestaltigen Ideen und Theorien genannt werden, wie sich eine „Kultur der Anerkennung“ im Schulleben durchsetzen kann.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Bildung ist das höchste Gut, das Menschen vermittelt werden kann. Sie fällt nicht vom Himmel, kann jedoch in die Wiege gelegt und in der Gesellschaft ermöglicht werden – wenn die individuellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind! In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt kommt es darauf an, schulische und außerschulische Bildung zum Maßstab für Humanität und Aufklärung zu machen. Es gilt, die ego-, ethno- und eurozentrierten Begrenzungen und Mauern zu überwinden. Nicht die Einfalt, sondern die Vielfalt des menschlichen Daseins gilt es zu erkennen und zu leben. Die Heterogenität des Menschseins fordert zum Perspektivenwechsel heraus, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) in eindringlicher Weise fordert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ . Schule heute muss ein interkultureller Lern- und Lebensort werden (Alfred Holzbrecher, Hrsg., Interkulturelle Schule. Eine Entwicklungsaufgabe, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/11812.php).

Bildungswissenschaftliche Initiativen zu Fragen der Heterogenität, Vielfalt, Integration, Inklusion und Migration werden in den Erziehungswissenschaften in den europäischen Ländern engagiert diskutiert (z. B.: Paul Mecheril / Maria do Mar Castro Varela / Inci Dirim / Annita Kalpaka / Claus Melter, Migrationspädagogik, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9383.php). An der Universität in Wien fand Anfang Mai 2012 ein Forschungskolloquium und ein internationaler Kongress zur Thematik „Kultur der Anerkennung“ statt. Fachleute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigten sich dabei mit den Fragen, wie

  • „Wege inklusiven Umgangs mit Diversität in Unterricht und Schulleben“ möglich werden,
  • „Mitgestaltung von demokratischen Strukturen in der Schule“ implementiert werden kann,
  • „strukturelle Formen der Wertschätzung und Würdigung aller Beteiligten“ wirksam werden können,
  • „ein konstruktiver Umgang mit Konflikten“ vermittelt werden kann.

Der Religionspädagoge Martin Jäggle vom Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, der Vizerektor an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems, Thomas Krobath, die Wiener Universitätsassistentin Helena Stockinger und der Religionspädagoge Robert Schelander geben den Tagungsband heraus.

Aufbau und Inhalt

„Eine Schulkultur der Anerkennung würdigt die Person vor jeder Leistung, in allen Unterschieden von Vielfalt und durch alle Beteiligten“. Diese Überzeugung liegt der Konzeption der wissenschaftlichen Tagung zugrunde. „Würde und Diversität“ – „Bildung und Gerechtigkeit“ – „Schule und Partizipation“ sind die ersten drei Kapitel des Sammelbandes; die Darstellung und Bewertung von Forschungsprojekten wird im vierten Kapitel vorgenommen; und im fünften Teil werden „Modelle“ vorgestellt, wie die Ansprüche und Anforderungen für eine Kultur der Anerkennung realisiert werden können. Das in der Einführung in den Tagungsband skizzierte Schema für eine Kultur der Anerkennung vermittelt einen didaktischen Überblick und ermöglicht curriculare und schulpraktische Zugänge.

Der Erziehungswissenschaftler von der Katholischen Universität Eichstädt-Ingolstadt, Wolfgang Schönig, fragt in seinem Beitrag „Die Schule des 21. Jahrhunderts als Raum der Bildung?“ nach den Entwicklungen und Engpässen in der aktuellen, neoliberalen Schulreform. Die Brüchigkeiten und Unklarheiten der Sinnstrukturen in der Spätmoderne – „das gesellschaftliche Subjekt bleibt in einem sinnentleerten Feld zurück“ – zeigen sich vor allem in der partikularisierten Wissensvermittlung und lassen vermissen, wie humaner Gemeinsinn in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt vermittelt und erfahrbar gemacht werden kann.

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Fakultät für Humanwissenschaft der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, Annette Scheunpflug, eröffnet das erste Kapitel mit ihrem Beitrag „Anerkennung wagen. Herausforderung für die Schulen im Umgang mit Diversität“. Sie analysiert die konkrete Situation, warum Schule die Werte „Wertschätzung als Person“, „Selbstverantwortung und Selbstwert“ oftmals nur unzureichend vermitteln kann und zeigt am Beispiel des bayerischen Modell- und Forschungsvorhabens KOMPASS (Kompetenz und Stärke aus Selbstbewusstsein) Strukturen und Methoden auf, wie eine „Didaktik der Anerkennung“ für die Schule realisiert werden kann. An Forschungsergebnissen zeigt die Autorin Veränderungen der Lernkultur bei SchülerInnen und Lehrkräften auf, die sich darstellen in einer „positivere(n) Grundeinstellung gegenüber Schule und Leistung, … größere(m) Interesse am Schulstoff, … höhere(r) Motivation und ... stärkere(m) Selbstvertrauen in die eigenen Kompetenzen“.

Der Sozialwissenschaftler Stephan Marks vom Freiburger Institut für Menschenrechtspädagogik reflektiert mit seinem Referat „Menschenwürde und Scham“ Beispiele aus der schulischen Praxis. Er verweist darauf, dass die grundlegende und anthropologische Emotion der Scham als wichtiger, persönlichkeits- und gemeinschaftsbildender Wert, in der schulischen Bildung und Erziehung vernachlässigt wird. Er plädiert für eine „Menschen-würdigende Pädagogik“ und zeigt auf, welche individuellen und institutionellen Rahmenbedingungen zu beachten sind und wie ein konstruktiver Umgang mit Scham aussehen kann.

Der Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Lothar Krappmann, bezieht sich mit seinem Beitrag „Identität und lebenswerte Schule“ auf die Tatsache, „dass Identität, die Grundlage der Handlungsfähigkeit, sich in der sozialen Interaktion entwickelt, im Hin und Her mit und unter den Menschen, mit denen wir leben, arbeiten, Freundschaften schließen oder uns abgrenzen, mit denen wir uns unterhalten, freuen oder trauern, streiten und vertragen“, und zwar unablässig. Der Blick auf die universale, allgemeingültige Konvention der Kinderrechte könnte eine Grundlage für eine lebenswerte Schule sein.

Die Didaktikerin und Erziehungswissenschaftlerin von der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg, Astrid Kaiser, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf „Gender und Schule“, indem sie die Anerkennung in verschiedenen Lebensbereichen und Zugangsweisen diskutiert. Ihre empirischen Untersuchungen zu Geschlechterdifferenzen im Schulalter, die Beobachtungen zur Entwicklung und Praxis bei geschlechtsspezifischen Unterschieden, verdeutlichen die Notwendigkeit, geschlechterpädagogisches Denken und Handeln in der Lehreraus- und -fortbildung stärker als bisher zu berücksichtigen und in der Erziehungstheorie und -praxis zu verankern. Wege dazu zeigt die Autorin auf: „Sensibilisierung dafür, dass auch in der Schule patriarchale Strukturen fixiert sind – Optimierung der kommunikativen Kompetenzen der Lehrpersonen – Stärkung der Handlungsfähigkeit – Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechteridentität – Flexibilisierung der Geschlechterrollen“.

Die Wiener Religions- und Islamwissenschaftlerin Amena Shakir stellt „Überlegungen zur Kultur der Anerkennung im Islam“ an. Sie analysiert und setzt sich mit ausgewählten Quellen aus dem Koran und der Sunna auseinander. Die in den Menschenrechten festgelegten Grundlagen der Gleichheit, der Gerechtigkeit und der Vielfalt der Menschen finden sich in den islamischen Quellen und Offenbarungen wieder: „Ziel einer Kultur der Anerkennung… ist es, jeden Menschen unabhängig von seinen Leistungen, seiner Herkunft, seinen weltanschaulichen Überlegungen und möglichen weiteren Unterschieden zu schätzen, zu ehren und zu würdigen“.

Der Salzburger Migrationsforscher Bernhard Perching greift mit seinem Beitrag „Vielfalt der Religionen sichtbar und lebbar machen“ auf die Entstehungsgeschichte der Wechselbeziehungen von Staat und Religion zurück. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde die bis dahin abhängige Konstellation des Individuums durch religiöse und staatliche Macht dahingehend verändert, dass „Staat und Religionsgemeinschaften ( ) separierte Sphären (sind), der Staat ist religiös (weitgehend) neutral“. Die Säkularisierung als Macht- und Ordnungsprinzip dürfe freilich nicht dazu führen, die von Gläubigen gewohnten und beanspruchten Lebens- und Zeitstrukturen tilgen zu wollen; vielmehr kommt es darauf an, eine Vielfalt von Lösungen im gesellschaftlichen Diskurs zu ermöglichen. „Voraussetzung dazu ist eine Kompromissfähigkeit und Verhandlungskultur, die das Interesse am gemeinsamen Ganzen über die Durchsetzung unveränderbar geglaubter Normen setzt und damit aus dem oft hohlen Schlagwort der Toleranz eine gelebte Wirklichkeit der Anerkennung im Rahmen der Rechtsordnung macht“.

Das zweite Kapitel beginnt Robert Schelander mit seinem Beitrag „Gerechtigkeit – Anerkennung – Bildung“, indem er den anerkennungstheoretischen Ansatz des Eichstädt-Ingolstädter Bildungstheoretikers Krassimir Stojanov diskutiert. Die These, dass Anerkennung für die Entwicklung des Selbstverständnisses des Subjekts von grundlegender Bedeutung ist, entfaltet Schelander anhand der Selbst- und Weltbezüge des Individuums, und er thematisiert die Wertvorstellungen am Beispiel der Bildungsgerechtigkeit, die sich nicht zuvorderst als Verteilungs-, sondern als Anerkennungsgerechtigkeit zeigen müsse, weil „Bildungsprozesse die Anerkennungsformen der Empathie, des Respekts und der sozialen Wertschätzung voraussetzen“.

Der Religionspädagoge von der Sächsischen Evangelischen Hochschule Moritzburg, Christian Kahrs, setzt sich mit „Diskursdidaktik“ auseinander, indem er über die Kultur der Anerkennung im Lehr-Lern-Prozess im Unterricht nachdenkt. Er stellt das pädagogische Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden als „Macht“-Konstellation und politisch-pädagogisch legitime Struktur dar. Die professionelle Pflicht von Lehrenden, Lernenden bestimmte, curricular, didaktisch und methodisch definierte Inhalte zu vermitteln und Kompetenzen zu entwickeln, lässt sich ohne die Anerkennung „als epistemologisches Prinzip der Freiheit“ nicht erreichen. Der Autor bietet dafür den „Diskurs“ an, als Kern einer Unterrichtskultur der Anerkennung.

Der Dozent an der Evangelischen Hochschule in Freiburg, Jürgen Rausch, plädiert für „Bildungsgerechtigkeit statt Exklusivität“, indem er auf den Widersinn von exklusiver Förderung von Hochbegabung aus christlicher Perspektive hinweist. „Bildungshandeln in Schulen muss sowohl die Einzigartigkeit als auch die Dimension der Freiheit achten und fördern, indem die Entwicklung individueller Fähigkeiten und Begabungen … bestmöglich angesprochen wird“ Dabei gilt, dass „jede Gabe und Begabung eines Menschen immer auch in ihrer Bedeutung für andere und für die Gemeinschaft zu sehen und zu fördern“ ist. Anstelle von Separierungen, Bildung von homogenen Lerngruppen oder exklusiven Klassen- und Schulmodellen wird „Diversity-Managing“ empfohlen. „Ziel einer solchen Entwicklung ist es, den erfolgreichen Umgang mit Heterogenität und Diversität über struktural-organisationale Veränderungsprozesse zu erreichen“.

Der Wiener Bildungsforscher und -theoretiker Henning Schluß formuliert drei Thesen für „Anerkennung als pädagogische Kategorie“. Er setzt sich mit Tendenzen der Egalisierung, Nivellierung und Anonymisierung auseinander und empfiehlt „eine beständige Reflexion eben dieser Tendenzen in Institutionen“, denen es sich bewusst und immer wieder entgegenzustellen gilt, ohne sie je abschaffen zu können: „Anerkennungsgerechtigkeit und andere Formen der Gerechtigkeit ergänzen sich, können sich aber nicht ersetzen“ – „Anerkennung und Leistung gehören zusammen“ – „Eine bewusste Kultur der Anerkennung ist in Institutionen besonders wichtig, weil diese Anerkennung tendenziell verweigern“.

Im dritten Teil reflektieren die Leiterin der Abteilung Bildungswissenschaft an der Wirtschaftsuniversität in Wien, Erna Nairz-Wirth, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Elisabeth Wendebourg und der Bildungsforscher Klaus Feldmann die individuellen, familialen, schulischen und strukturellen Bedingungen, die einen Zusammenhang von „Schulabbruch und schulische(r) Anerkennung“ konstituieren. Sie informieren über Forschungsprojekte, bei denen u. a. Lehrerinnen und Lehrer zu Fragen des schulischen Scheiterns von Schülerinnen und Schülern interviewt wurden. Die Bewertungen der Ergebnisse, die sie stützen auf zahlreich vorhandene Theorien und Annahmen, zeigen deutlich, „den Blick auf die Schule nicht durch Noten, Abschlüsse, PISA-Tests, bürokratische Regeln und Klischeevorstellungen über Lehrerinnen, Lehrer, Schülerinnen und Schüler einzuengen, sondern die Perspektiven bedürfnis- und gemeinschaftsorientiert zu erweitern“.

Der Seminarleiter und Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaften der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Thomas Rihm, diskutiert mit seinem Beitrag „Vermitteln und Verständigen?“ die Fragen bei der Anerkennung des Subjektstandpunktes als ergänzenden Aspekt inklusiver Schulentwicklung. Es geht um die Diskrepanz von Inklusion und Exklusion in der institutionalisierten und verordneten Schulentwicklung. „Die Inklusionsdebatte trifft, als eine in der Lebenswelt verankerte Bewegung, auf ein Reformkonzept von Schulentwicklung, das sich an zweckrationalen (und damit auch exkludierenden) Gesichtspunkten orientiert“. Er plädiert für die Implementierung des (didaktischen) Modus „Verständigung“, neben dem Modus „Vermittlung“ und verdeutlicht an Beispielen und Thesen die doppelte Bedeutung der Modi: als Widersprüchlichkeit, Komplettierung und Alternative in der schulischen (Lern- und Verhaltens-)Entwicklung von jungen Menschen.

Helena Stockinger zeigt „die wechselseitige Verwiesenheit von Kultur der Anerkennung und Kindheitsforschung“ auf. Die in er aktuellen,sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung werden die Konzepte „das Kind als sozialer Akteur“ und der „generationalen Ordnung“ herangezogen. Sie werden von der Autorin in ihrer Theorie- und Praxisentwicklung thematisiert und auf die Bedeutungsdimensionen des Annerkennungs-Begriffs bezogen. In Anlehnung an die von Annedore Prengel ausdifferenzierten Grundannahmen in der qualitativen Kindheitsforschung, werden die Formen der „egalitären Anerkennung“, der „differenzierenden Anerkennung“ und der „Anerkennung des Abhängigkeits- und Hierarchieverhältnisses“ dargestellt und die wechselseitige Verwiesenheit festgestellt. Ziel muss sein, mit einer Kultur der Anerkennung Würde, Gerechtigkeit und Partizipation beim Lernen (als Verhaltensänderung!) zu ermöglichen.

Der Leiter des Praktikumsamts an der Philosophischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, Klaus Wild, informiert mit seinem Beitrag „Evaluation und Anerkennung am Beispiel einer ‚Wahrnehmungs- und wertorientierten Schulentwicklung‘“(WWSE) über Konzeptbildung und -entwicklung bei der Implementierung einer „inneren Schulentwicklung“. Das Innovations- und Modellprojekt wird von 2003 an in 550 staatlichen und kirchlichen Schulen in Deutschland, Österreich und Tschechien durchgeführt. Die evaluierten Ergebnisse und Einschätzungen zeigen, „dass sich innere Schulentwicklung vor allem auf die konkreten Bedürfnisse an der Schule Beteiligten vor Ort beziehen muss, um zu wirklichen und dauerhaften Veränderungsprozessen“ zu kommen.

Im vierten Kapitel werden „Forschungsprojekte“ vorgestellt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wiener Institut für Praktische Theologie, Edda Strutzenberger, informiert mit ihrem Beitrag über die Ergebnisse ihres Dissertationsfrage „Welche Bedeutung hat Religion in der Schulentwicklung?“. Dabei stellt sie die kontroversen Positionen vor, die in den Auseinandersetzungen um weltanschauliche Fragen bei der bildungspolitischen und schulischen Diskussion relevant sind. Die in Interviews, Hospitationen und Gesprächsverläufen ermittelten Einstellungen und Erfahrungen von Religionslehrerinnen und -lehrern, die sich an ihren Schulen auch an Schulentwicklungsprozessen beteiligen, zeigen auf, „dass die bewusste Wahrnehmung von Religion und religiöser Pluralität in Schulentwicklungsprozessen zwar ambivalent und konfliktuös, dadurch aber auch bereichernd und bildend wirksam werden kann“.

Die Wiener Theologin Andrea Lehner-Hartmann und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Renate Wieser setzen sich, im Zusammenhang mit einer „Kultur der Anerkennung“ mit der Thematik „Gewalt an und in Schulen“ auseinander: „Der Gewalt ins Angesicht sehen“. Sie verweisen darauf, „dass Desintegrationserfahrungen und eine negative Anerkennungsbilanz bei Schülerinnen und Schülern über massive Schamgefühle und ein schwaches Selbstkonzept zu gewalttätigen Konflikten führen“. Sie stellen die Ergebnisse einer Studie vor, bei der Projekte zur Gewaltprävention an Wiener Schulen durchgeführt und analysiert wurden. Dabei wird (natürlich) betont, dass es „ein Leben ohne Gewalt nicht gibt“; vielmehr komme es darauf an zu erkennen und erlebbar zu machen, „Gewalt als integralen Faktor im menschlichen Zusammenleben und damit auch in pädagogischen, schulischen Zusammenhängen anzuerkennen, … jedoch keineswegs resignierend hinzunehmen…, vielmehr heißt es, sich zu positionieren – sowohl als Individuum als auch als Gemeinschaft und Gesellschaft“.

Der Religionswissenschaftler vom Institut für Katholische Theologie der Technischen Universität in Dortmund, Bert Roebben, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Katharina Kammeyer und die Stipendiatinnen Veronika Burggraf und Kathrin Hanneken informieren über das Forschungsprojekt „Große Erzählungen, kleine Erzählungen. Empirische Studien zur Stärkung personaler und spiritueller Kompetenz von Jugendlichen in einer diversitätssensiblen Schulkultur“. Die an den französischen Philosophen und Literaturtheoretiker Jean-François Lyotard angelehnte Theorie vom Ende der großen Erzählungen und philosophischen Transformationen wird im Forschungsprojekt aufgenommen und mit den „kleinen, individuellen Lebensgeschichten“ konfrontiert. „Kinder und Jugendliche haben das Recht, personale und spirituelle Kompetenz zu erwerben“. Die Anerkennung von Individualität und Vielfalt stellt sich als schulische Aufgabe und Herausforderung dar. Wie dies in einem inklusiven Religionsunterricht didaktisch und methodisch zu vermitteln ist, zeigt das Autorenteam an ausgewählten Texten und kreativen Schreib- und Erzählformen auf.

Tobias Braune-Krickau und David Käbisch von der Phillips-Universität Marburg fragen „Mehr als Bildung?“, indem sie über den Beitrag des Religionsunterrichts zu einer Kultur der Anerkennung reflektieren. Sie setzen sich dabei mit dem Selbstverständnis und den Zuschreibungen zum Anerkennungsbegriff in öffentlichen, kirchlichen und religionspädagogischen Kontexten auseinander, konfrontieren diese mit der wissenschaftlichen Anerkennungstheorie, wie sie vom Philosophen Axel Honneth entwickelt wurde und thematisieren begründete Schlussfolgerungen für den Religionsunterricht. Daraus entwickeln sie acht Thesen, in denen sie die „religiöse Bildung als Beitrag zu einer Kultur der Anerkennung“ ausweisen.

Die Lehrbeauftragte am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien, Barbara Breen-Wenninger, die Schulleiterin der Volksschule und kooperativen Mittelschule der Austrian International Schools, Sigrid Friedl, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin für Islamische Religionspädagogik an der Universität in Wien, Elif Medeni, informieren mit ihrem Beitrag „Schulentwicklung an einer islamischen Privatschule im Spannungsfeld von Kooperation und Reflexion, Theorie und Praxis“. Während in Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Kanada Forschungsarbeiten über theoretische und praktische Konzepte, sowie über Entwicklungsprozesse vorliegen, sind Untersuchungen und Studien in Österreich (wie auch in Deutschland) eher selten. Es ist deshalb interessant und zeigt Wege für Entwicklungs- und Forschungskooperationen auf, wie am Beispiel der genannten Wiener islamischen (Privat-)Schule sich Schulentwicklung gestaltet – nicht zuletzt bedeutsam für die Frage, wie an öffentlichen Schulen Kinder islamischen Glaubens integriert und gefördert werden können.

Die Hochschullektorin von der Fakultät für Germanistik, Lilli Berlinska, und der Dozent für Germanistische Linguistik, Max Didenko, beide von der Universität Odessa, berichten mit ihrem Beitrag „Kompetenzen versus Kultur“ über ukrainische Erfahrungen. Die zögerlichen, aber eingeleiteten Veränderungen vom „Dressurlernen“ hin zu anderen, modernen Lernstrategien werden vom Autorenteam dargestellt. Die Kennzeichnung des Kulturbegriffs mit dem „Eisbergmodell der Kultur“ verdeutlicht die Diskrepanz zwischen den traditionellen, dominanten Entwicklungen und den Erfordernissen für eine interkulturelle Interaktion.: „(wir müssen) eine andere Kultur der Wertschätzung in unseren Schulen entwickeln ( ), in der Vertrauen und Interesse wachsen können“.

Im fünften Kapitel werden „Modelle“ vorgestellt. Die Lehrerin und Religionspädagogin am Katechetischen und Pädagogischen Seminar der Diözese Ostrava-Opava, Eva Muronova, informiert mit ihrem Beitrag „Die spirituelle Dimension der Schulkultur“ über ein Evaluationsprojekt in Tschechien. Unter Einbeziehung der Struktur des tschechischen Schulsystems und den Einflüssen der tschechischen Kirche auf die schulische Entwicklung im Lande und in den einzelnen Regionen kommt der Evaluation des vom Bistums-Zentrum initiierten und von rund 150 Grundschulen in der Region genutzten Projekt „Wahrnehmungs- und Wertorientierte Schulentwicklung“ eine weiterführende Bedeutung zu. „Im Blick auf die spirituelle Dimension handelt es sich hier um ganz konkrete Qualitäten von Schulkultur als Stille und Ruhe, Beseitigung von ‚Schulangst‘, Freude am Leben, Übersteigung von Grenzen im Sinne von gezieltem Experimentieren und kritischem Nachdenken“ und anderen Wertvorstellungen für eine humane Schule.

Die Fortbildungskoordinatorin für evangelische Religionslehrerinnen und -lehrer in Österreich, Sonja Danner, und die Sozialwissenschaftlerin vom Institut für Konfliktforschung in Wien, Brigitte Halbmayr, berichten über „AnERKENNUNG und geDENKstätten-Besuche“ als Herausforderungen für die Pädagogik. Sie zeigen die historischen, lokal- und regionalbezogenen, didaktischen, sachorientierten und emotionsbedingten Grundlagen auf, wie Gedenkstättenbesuche vorbereitet und durchgeführt werden können, setzen sich mit den Erwartungshaltungen der jugendlichen und erwachsenen TeilnehmerInnen auseinander und ermutigen, sich auf Kommunikationen und Konfrontationen einzulassen.

Der Dozent und Fachleiter für Ethik und Religionen an der Pädagogischen Hochschule in Luzern, Dominik Helbling, erzählt von schultheoretischen und -praktischen Erfahrungen in einer Luzerner interkulturellen und interreligiösen Schule: „Bekenntnisunabhängig – pluralistisch“ titelt er seinen Beitrag, in dem er neue Konzeptionen des Religionsunterrichts als schulischen Beitrag zu einer Kultur der Anerkennung vorstellt. Dabei stellt er heraus, dass es nicht genügt, einen neuen Lehrplan für Schulen zu erstellen; vielmehr ist es notwendig, „eine neue Haltung gegenüber dieser Pluralität (zu) entwickeln“.

Thomas Krobath und die Religionspädagogin von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems, Elisabeth Schwarz, bringen mit ihrem Modellvorschlag „Reich-Gottes-Verträglichkeitsprüfung in der Schule“ eine religionsdidaktische Konkretisierung zur Schulentwicklung in den Diskurs ein. Die aus den Bereichen von technischen Anwendungen bekannten „Verträglichkeitsprüfungen“ in die didaktische und curriculare Diskussion einzubringen, klingt erst einmal abenteuerlich; sie im Religionsunterricht unter den Fragestellungen der (religiösen) Erfahrungen, Bedürfnissen, Benachteiligungen, Privilegierungen und Wirklichkeiten anzuwenden, kann als interessanter Motivationszugang verstanden werden.

Die Religionspädagoginnen und Koordinatorinnen des Projektes „Forschen wir gemeinsam“ am Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien, Elisabeth Kasper und Barbara Wandl, bringen Erfahrungen, Ergebnisse und Visionen zum genannten Forschungsprojekt ein.: „Wenn Schulentwicklung als Bemühen verstanden wird, das Lernen, Arbeiten und Leben aller in der Schule zu verbessern, muss sie auch für religiöse Bedürfnisse, Phänomene und Differenzen sensibel sein“.

Den Schlussbeitrag im Sammelband „Kultur der Anerkennung“ liefert die Berliner Schulleiterin der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin-Zentrum, Referentin und Bildungsberaterin Margret Rasfeld (Margret Rasfeld: "Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin", 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11659.php). Sie gibt einen Erfahrungsbericht über die Strukturen und Innovationen in ihrer Schule und vermittelt Optimismus: „Unsere Erfahrung aus vielen Fortbildungen ist, die Menschen lassen sich anstecken durch drei Dinge: eine starke Vision, das gelebte Beispiel, Mut“. Zum Ende ihre Beitrages bringt sie in einer Gegenüberstellung Aufforderungen für eine neue Schulkultur in den Diskurs und fordert zur Weiterentwicklung auf.

Fazit

„Maßgeblich für Schulentwicklung sind wertorientierte Ausrichtung an der Würde des Einzelnen, wertschätzender Umgang mit Diversität, wertvolle Strukturen demokratischer Beteiligung und menschengerechte Bildung“. Die vom Herausgeberteam im Vorwort des Tagungsbandes zum Kongress „Kultur der Anerkennung“ (Mai 2012) formulierten Markierungen kennzeichnen die schulischen und gesellschaftlichen Herausforderungen für eine Schule für alle. Die Vielfalt, die das Schulleben gestalten sollte, bei Beteiligung aller, spiegelt auch die Vielfalt der pädagogischen, lebensweltlichen und weltanschaulichen Beiträge der Referentinnen und Referenten des Kongresses und Colloquiums wider. Der Sammelband sollte beim erziehungswissenschaftlichen und (schul-)pädagogischen Diskurs um eine gute Schule zur Kenntnis genommen werden!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.12.2013 zu: Martin Jäggle, Thomas Krobath, Helena Stockinger, Robert Schelander (Hrsg.): Kultur der Anerkennung. Würde, Gerechtigkeit, Partizipation für Schulkultur, Schulentwicklung und Religion. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2013. ISBN 978-3-8340-1214-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15934.php, Datum des Zugriffs 30.07.2016.


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