socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Roland Schleiffer: Der heimliche Wunsch nach Nähe

Cover Roland Schleiffer: Der heimliche Wunsch nach Nähe.. Bildungstheorie und Heimerziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 5., durchgesehene Auflage. 288 Seiten. ISBN 978-3-7799-2923-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Votum.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor

Prof. Dr. med. Roland Schleiffer, Jg. 1947 ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie für Psychotherapeutische Medizin mit psychoanalytischer Zusatzausbildung. Nach langjähriger Tätigkeit in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde er 1995 Professor für Psychiatrie und Psychotherapie in der Heilpädagogik an der Universität Köln. Seine Forschungsschwerpunkte betreffen systemische Entwicklungspsychopathologie, Bindungstheorie, Fremdunterbringung.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch „Der heimliche Wunsch nach Nähe. Bindungstheorie und Heimerziehung“ wurde als 5. durchgesehene Auflage Ende 2013 im Juventa Verlag publiziert. Die Erstveröffentlichung war 2001. Die Ausführungen des Autors stützen sich auf Ergebnisse eines zweijährigen Forschungsprojektes Ende der 1990er Jahre mit dem Ziel, „die Bindungsorganisation von Jugendlichen, die in einem Heim leben, zu untersuchen“ (S. 13). Im Kontext des Buches geht es darum, Anregungen für die Heimerziehung vor dem Hintergrund der Bindungsforschung zu geben. „Ohne Zweifel können das System der Heimerziehung und die Bindungsforschung wechselseitig voneinander profitieren“ (S. 278).

Der Autor, der auch als Supervisor tätig war, erkannte immer wieder die Hilflosigkeit der pädagogischen Fachkräfte im Heim. Die meist dissozialen Jugendlichen bereiten den Erzieherinnen und Erziehern bis heute große Schwierigkeiten. Oft fehle, so der Autor, den Fachkräften ein theoretisches Wissen über dissoziale Verhaltensweisen.

Die dem Buch zugrundeliegende empirische Untersuchung fand Ende der 1990er Jahre im Herrmann-Josef-Haus in Bonn-Bad Godesberg statt. Das Hermann-Josef-Haus ist eine große katholische Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Es verfügt über die Angebote ambulanter, teilstationärer und stationärer Betreuungsformen für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene von 0 bis 27 Jahren und deren Familien. In der Forschungsstudie wurden die Bindungsrepräsentanzen bei Jugendlichen in der öffentlichen Erziehungshilfe erfasst, um Schlussfolgerung für die moderne Heimerziehung vorzulegen (vgl. S. 124).

Aufbau

Das Buch „Der heimliche Wunsch nach Nähe“ ist in acht Kapitel gegliedert.

  1. Bindungstheorie
  2. Heimerziehung
  3. Bindung bei Jugendlichen im Heim: eine empirische Untersuchung
  4. Bindungsunsicherheit und psychische Auffälligkeit
  5. Bindung und Erziehungsschwierigkeit
  6. Erziehungshilfe
  7. Bindung in der stationären Erziehungshilfe von Jugendlichen
  8. Abschließende Bemerkungen

Inhalt und Diskussion

In Kapitel 1 werden die Grundannahmen der Bindungsforschung vorgestellt. John Bowlby (1907-1990) verstand soziale und psychische Konflikte als Folge mütterlicher Deprivation. In der Auseinandersetzung mit der Triebtheorie und der Objektbeziehungstheorie seiner Zeit arbeitete Bowlby unter dem Begriff Bindung das biologische Motivationssystem aus, welches von der realen Erfahrung des Kindes mit seinen Bezugspersonen geprägt wird. Seine empirische Forschung an Heimkindern wurde in den 1950er Jahren durch die WHO veröffentlicht. Die Probleme der Pflege-, Adoptiv- und Heimkinder der Nachkriegszeit konnten erstmals als Ausdruck eines Bindungswunsches diskutiert werden. Ein kritischer Blick auf Heimerziehung schlussfolgerte damals, dass sie dazu beitrage, traumatische Erfahrungen der Kinder fortzusetzen. Bowlby beschrieb die Phasen der Entwicklung der Bindung und die der Trennung von der Mutter (vgl. S. 25). Mary Ainthworth erforschte die Interaktionsqualität eines gelingenden und misslingenden Bindungsbedürfnisses. Sie erkannte, dass die Bindungsqualität Auswirkungen auf das Explorationsinteresse des Kindes habe (vgl. S. 44 ff). Der Zusammenhang zwischen sicherer Bindung an die Mutter und affektiver Reaktion des Kindes ist also seit langem bekannt. Die neuere Bindungsforschung entdeckte die Bedeutung sogenannter innere Arbeitsmodelle, eine Art theory of mind, die für die Einschätzung der Bedeutung von Beziehungen eine überragende Bedeutung haben. Eltern, die das Bindungsbedürfnis ihres Kindes feinfühlig wahrnehmen und beantworten tragen dazu bei, dass das Kind die Welt als sinnvoll erlebt und Beziehungen nicht automatisch als gefährlich wahrnimmt. In der Adoleszenz werden die inneren Arbeitsmodelle erneut wirksam, weil jetzt die Loslösung von den Eltern bewältigt werden muss. Sowohl beim Jugendlichen als auch bei den Bezugspersonen wird das Bindungssystem aktiviert.

Der Autor macht auf das von Havighurst 1948 vorgestellte Konzept des  „Entwicklungspfades“ aufmerksam: In einem bestimmten Lebensalter müssen Entwicklungsaufgaben „gelöst“ werden, deren Bewältigung mit Risiken verbunden sind. Biologische, psychische und soziale Aspekte spielen dabei eine Rolle. Die Fähigkeit des Menschen, mit schwierigen Lebenssituationen so umzugehen, dass sie subjektiv gelingend gelöst werden, hängt von der Qualität der psychischen Auseinandersetzung mit der Sache und den beteiligten Menschen ab. Die Bewältigungskompetenzen sind von sozialen Faktoren beeinflusst. Pathologisches Verhalten wird somit „als Abweichung von den unter normalen Umständen zu erwartenden Entwicklungspfad“ definiert (S. 69). Um auffälliges Verhalten zu entwickeln und zu verändern, ist die Beziehung zu den Jugendlichen zentraler Dreh und Angelpunkt.

In Kapitel 2 bemüht Schleiffer die sozialpädagogische Literatur, um die wechselhafte Geschichte der Zielsetzung und Reformbemühungen in der Heimerziehung vorzustellen. Das Heim als familienersetzende, ergänzende und unterstützende Leistung der Kinder- und Jugendhilfe und seine Weiterentwicklung im Bereich des Pflege- und Adoptionswesens wird mit der Frage konfrontiert, warum die Erklärungen für ein Gelingen oder Scheitern der Heimerziehung ohne den Bezug zur Bindungsforschung auskommen.

In Kapitel 3 wird das Forschungsdesigne beschrieben. An der qualitativen Untersuchung waren 72 von 82 Jugendlichen im Alter von 12 – 23 Jahren beteiligt. Die Persönlichkeitsmerkmale der Jugendlichen wurden mit dem Offer-Selbstbildfragebogen sowie der Child-Behaviour-Checklist erhoben. Dieser Elternfragebogen wurde hier allerdings den Fachkräften vorgelegt. Die Jugendlichen erhielten einen analogen Youth Self Report. Um das Bindungssystem zu erfassen, wurde mit Hilfe eines Erwachsenenbindungsinterview gearbeitet, das qualifizierte Auswerterinnen führten. Die Fragebögen finden sich im Anhang des Buches.
Die Studie bestätigt, dass die Jugendlichen in der Heimerziehung eine Gruppe darstellt, die in hohem Maß an Symptomen wie sozialem Rückzug, depressiven Verstimmungen, Angstzuständen, Aufmerksamkeitsproblemen, dissozialen Verhaltensweisen und sozialer Ausgrenzung leidet (vgl. S. 112). Alle Jugendlichen haben Trennungs- und Verlusterfahrungen hinter sich. Sie haben Eltern erlebt, die sich kaum um ihre Kinder kümmerten und Gewalterfahrungen zuließen. Den Probanden wurde eine unsichere Bildungsrepräsentanz nachgewiesen.

Eine Ausgangsthese von Roland Schleiffer war, dass die Bindungstheorie von Bowlby zwar im Kontext von Heimerziehung begründet wurde, ihre Weiterentwicklung allerdings nicht mehr dort stattfand. Schleiffers Versuch, Bindungsforschung innerhalb von Heimerziehung zu machen und an den Ort zurückzubringen, an dem sie ihre ersten großen Erkenntnisse gewonnen hatte, ist somit neu. Interessant ist darüber hinaus die Frage, wie das Angebot der erzieherischen Hilfe wirksam genutzt werden kann. Da eine Heimunterbringung nur dann indiziert ist, wenn die Belastungen der Eltern und des Kindes so groß sind, dass eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegt, stellt sich die Frage, in wie weit im Kontext des Settings einer stationären Hilfe eine Beeinflussung des Verhaltens der jungen Menschen möglich ist. Dazu bedarf es wissenschaftlicher Untersuchungen.

Eine weitere These der Forschergruppe hängt mit den von Ainthworth beschriebenen Bindungsqualitäten zusammen. Sie hatte entdeckt, dass je nach subjektiver Bedeutungszuschreibung die Auswirkungen der Bindungsqualität auf das Verhalten der Jugendlichen auch zur Ausbildung pathologischer Persönlichkeitsmerkmale führen kann, allerdings müssen einige Risikofaktoren zusammenkommen.

In Kapitel 4 vertiefen drei Einzelinterviews die These, dass Jugendliche mit schwacher Bindung dazu neigen, pathologische Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln und die Beziehungsangebote der pädagogischen Fachkräfte und Therapeuten torpedieren. Hier wird auch auf die transgenerationale Weitergabe der Bindungsorganisation aufmerksam gemacht.

In Kapitel 5 wird die Handlungsebene der Erziehung thematisiert und der Sinn des dissozialen Verhaltens erklärt. Dabei greift der Autor auf die Kategorie des Technologiedefizites von Erziehung (Luhmann) zurück. Erziehung setze die Bereitschaft zur Erziehung voraus, und sie sei darauf angewiesen, an das psychische System des zu Erziehenden anzuknüpfen. Die Wirksamkeit von Erziehung könne nicht vorausgesagt werden. Im Kontext von Heimerziehung kann die Bereitschaft, sich erziehen zu lassen, erst Recht nicht angenommen werden. Obwohl die moderne Heimerziehung sicher besser funktioniert als die familiäre Erziehung, die die Jugendlichen kennengelernt haben, gelingt es selten, ihr Verhalten pro sozial zu beeinflussen. Der Kreislauf von basaler Unzufriedenheit, einem grundsätzlichen Misstrauen gegen Beziehungsangebote und den dissozialen Selbsthilfemechanismen ist schwer zu unterbinden.

In Kapitel 6 wird die Hilfe durch Erziehung kritisch diskutiert. Am Beispiel der Sonderpädagogik und der Psychotherapie, die ebenfalls mit erziehungsschwierigen Kindern und Jugendlichen arbeiten, stellt Schleiffer fest, dass es hilfreich sei, den Erziehungsanspruch zwar aufrechtzuhalten, aber „sich vom Verdacht einer Erziehungsabsicht zu entlasten“ (S. 224).

In Kapitel 7 bekräftigt der Autor das Ziel von Heimerziehung im Sinne des Bemühens um die Verbesserung der Anpassungsfähigkeit. Allerdings dürfen die Erfolgsaussichten nicht überschätzt werden. Gesunder Pessimismus sei notwendig. Um innere Arbeitsmodelle zu verändern, sind ausreichend Zeit und Reflexion aber auch Beziehungsangebote notwendig, die immer wieder geprüft werden müssen. Die meist unbewussten Bindungswünsche der Jugendlichen brauchen ein starkes Gegenüber, das in der Lage ist, eigene Bindungswünsche an die Jugendlichen zurückzustellen. Pädagogische Fachkräfte in der Heimerziehung werden von Jugendlichen als Bindungspersonen genutzt. Erziehung ist ohne Bindungsbeziehung nicht denkbar. Im Fall der Heimerziehung muss der Erziehungsanspruch allerdings immer wieder reflektiert werden, und die Fachkräfte brauchen eine Begleitung für ihre Selbstreflexion in Bezug auf ihr Bindungssystem, welches von den Jugendlichen aktiviert wird.

In Kapitel 8 wird der Wunsch bekräftigt, Heimerziehung und Bindungsforschung stärker zusammenzubringen.

Fazit

Das Buch spiegelt den Sinn der Verbindung von Bindungstheorie und pädagogischer Aufgabe der Heimerziehung wider. Wie schwierig es ist, Bindung empirisch zu erforschen und deren subjektive Wirksamkeit zu verallgemeinern, um sie einer wissenschaftlichen Überprüfung anheimzustellen, bleibt auch in dieser Studie ein Problem. Zur besseren Lesbarkeit des Textes wäre es hilfreich Übergänge zwischen den Kapiteln herzustellen, Fragestellungen zu formulieren und die Exkurse stärker zu strukturieren. Dem Anliegen des Buches kann ich aus sozialpädagogischer Perspektive nur zustimmen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
E-Mail Mailformular


Alle 37 Rezensionen von Christiane Vetter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 30.12.2013 zu: Roland Schleiffer: Der heimliche Wunsch nach Nähe.. Bildungstheorie und Heimerziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 5., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-7799-2923-9. Reihe: Votum. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15947.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!