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Bernd Reiners: Kinderorientierte Familientherapie

Cover Bernd Reiners: Kinderorientierte Familientherapie. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2013. 272 Seiten. ISBN 978-3-525-46268-3. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Autor

Bernd Reiners arbeitet als Diplom-Psychologe in der Erziehungsberatungsstelle des Kinderschutzzentrums in Aachen. Er ist zugleich als Paar-, Familien- und Lehrtherapeut, Lehrsupervisor und Coach systemisch ausgebildet und in Fortbildung und Lehre tätig. 2004 hat er die Kinderorientierte Familientherapie (KOF) in der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik in Växjö/Schweden kennengelernt und dann in Deutschland bekannt gemacht.

Thema

Das Buch stellt die Kinderorientierte Familientherapie (KOF) in ihrem Selbstverständnis, der Theorie und der Praxis vor und diskutiert die systemische Wirksamkeit der spielerischen Aktion einer Familie im Kontext von Beratung und Therapie. Dabei wird die KOF nicht nur als eine Kombination zwischen Kindertherapie und systemischer Familientherapie, sondern als ein spezifischer Ansatz verstanden, der als „Ergänzungsverfahren für systemische Therapeutinnen, die mit Kindern arbeiten – oder für Kindertherapeutinnen, die die Eltern mehr einbeziehen möchten.“ (S. 256)

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 3 Teile mit insgesamt achtzehn Kapiteln.

Nachdem die ersten acht Kapitel im Teil A die Praxis der KOF in ihrem Rahmen und Ablauf dargestellt haben, wird diese Praxis im Teil B in sechs Kapiteln mit den zentralen theoretischen Grundlagen untermauert. Teil C behandelt dann in vier Kapiteln spezifische Fragestellungen, die in besonderen Situationen auftreten, und gibt einen Ausblick auf die weitere Entwicklung.

Die Praxis der KOF geht zurück auf den norwegischen Psychologen Martin Soltvedt, der auf dem Hintergrund der klassischen Sandspieltherapie im kindertherapeutischen Setting die Abwesenheit der Eltern kritisierte und in seiner Arbeit zusammen mit Barbro Sjölin-Nilsson am staatlichen Zentrum für Kinder- und Jugendpsychotherapie in Oslo die Interaktion und Kommunikation mehr und mehr in den Mittelpunkt der Arbeit rückte. Nachdem sich der Ansatz in den 90er Jahren verbreitet hatte, wurde er 2005 in seinem Buch „Barnorienterad Familjeterapi“ publiziert.

Im ersten Teil des Buches werden Merkmale der Praxis der KOF erläutert (S. 13-98). Für diese ist kennzeichnend, dass nach dem Kontrakt in einer ersten Phase der Therapeut allein mit dem Kind in die spielerische Interaktion geht (vgl. S. 22ff). Als Material dienen ein Sandkasten mit trockenem Sand, Spielfiguren und Spielgegenstände aus Holz, sowie eine spezifische Figur für das Alter-Ego des Therapeuten. Ergänzend kommt die technische Ausstattung für Video-Aufzeichnungen hinzu.

Das Spiel des Therapeuten mit dem Kind wird gleichzeitig mit einer Videokamera aufzeichnet, um mit dem Kind und auch separat mit den Eltern darüber sprechen zu können (vgl. S.48ff). Dabei werden Parallelen zum Alltag der Familie benannt und gedeutet. In einer weiteren Phase spielen nach einer Vorbereitung durch den Therapeuten die Eltern zusammen mit dem Kind, in das auch der Therapeut mit seiner Alter-Ego-Figur als Unterstützung einsteigt. Dabei zeigt der Autor sehr genau die therapeutische Funktion der Alter-Ego-Figur auf, indem grundlegende Interventionsregeln beschrieben werden. So stehen unter anderem die Förderung des Spiels zwischen Eltern und Kindern, die Schaffung einer Handlung (nicht nur Gespräch über die Figuren auf der Regieebene), die Beachtung der Individualität aller Spieler und ihrer Grenzen auf dem Hintergrund des Prinzips der Allparteilichkeit (vgl. S. 68ff) im Mittelpunkt. Gemeinsame Nachgespräche mit allen Beteiligten und eventuell eine weitere Spielsequenz mit einer spezifischen Aufgabenstellung runden den therapeutischen Prozess ab, der im Weiteren auch in anderen Settings fortgesetzt werden kann (vgl. S. 80f).

Der theoretische Teil B des Buches (S. 90 – 180) entfaltet systematisch die Themen der Indikation, des Settings, der Theoriehintergründe, des Menschenbildes, der Spiel-, Lern- und Kommunikationstheorien, sowie der Wirksamkeit der KOF. Kennzeichnend für die KOF ist die Fundierung des Ansatzes in der klassischen, psychodynamischen Kindertherapie, in der Systemischen Therapie sowie in verhaltenstherapeutischen Konzepten, wie z. B. dem der Selbstwirksamkeit der sozial-kognitiven Lerntheorie von Bandura. Über das spielerische Tun und das Ausprobieren von neuen Kommunikationen lernt die Familie sich selbst zu verstehen und mögliche neue Interaktionsmuster kennen, die über die kognitive Verarbeitung in den begleitenden Gesprächen in den familiären Alltag integriert werden können.

Der Teil C des Buches geht auf Besonderheiten in der Praxis der KOF ein (S. 181 – 259). Zunächst werden Alternativen zum Sandspiel erläutert, wie zum Beispiel die Arbeit mit Handpuppen, kreative Formen des Malens oder das vom Psychodrama und der Rollenspieltheorie geprägte Spielgespräch. Sehr hilfreiche Ausführungen findet der Leser zu spezifischen Fragen, die in der Praxis der KOF auftreten. Widerstände und Aggressivität des Kindes und der Eltern beim Spiel werden ebenso thematisiert wie die spezifische Situation getrennt lebender oder psychisch kranker Eltern. Auch auf spezifische Störungsbilder des Kindes wie Autismus oder selektiven Mutismus wird in einem Kapitel eingegangen. Zudem werden Fragen unterschiedlicher Settings wie dem der aufsuchenden Familientherapie, der Anwendung der KOF im Kontext familiengerichtlicher Verfahren oder der Anbahnung von Pflege- bzw. Adoptionsverhältnissen behandelt. Auch die Möglichkeiten der KOF in sogenannten Zwangskontexten werden erörtert.

Im Ausblick reflektiert der Autor auf die Eigenständigkeit des Ansatzes der KOF, das eindeutig als Ergänzungsverfahren definiert wird. Die Verbreitung der KOF schreitet zügig voran, da immer mehr Ausbildungen den Ansatz aufgreifen.

Diskussion

Bernd Reiners hat mit dieser Publikation erreicht, dass die KOF nun einer breiten Fachöffentlichkeit in Deutschland zur Verfügung steht. Der Ansatz ist eine große Bereicherung für die therapeutische Arbeit mit Kindern und Familien. Das Buch ist sehr anschaulich geschrieben und auch die theoretischen Teile sind lebendig formuliert, so dass das Lesen wirklich Spaß macht. Ein ausgiebiges Literaturverzeichnis ermöglicht es dem Leser, das eine oder andere Thema zu vertiefen. In einem Nachwort zum Buch (S. 260) sowie auf seiner Homepage lädt der Autor zum fachlichen Diskurs und zur Vernetzung ein. Hilfreiche Materialen, wie zum Beispiel ein fachlich fundierter „Auswertungsbogen für eine KOF-Spielsitzung“ stehen zum Download bereit.

Alle Inhalte des Buches werden mit einer Vielzahl von Beispielen aus der praktischen Arbeit verdeutlicht; zusammenfassende Tabellen gliedern den Gedankengang und helfen, die Abläufe, sowie zentrale Merkmale und Fragestellungen der einzelnen Kapitel überblicksartig präsent zu haben. So merkt man dem Gedankengang des Buches an, dass es nicht nur am Schreibtisch entstanden ist, sondern aus der lebendigen systemischen Praxis heraus entfaltet wurde.

Fazit

Angesichts der Aktualität des Ansatzes der KOF ist dieses Buches für Lehre, Studium und Praxis eine uneingeschränkte Empfehlung wert. Dem Autor ist für die Rezeption des nordeuropäischen Ansatzes in Deutschland ein großer Dank auszusprechen, denn es ist zunehmend wichtig, dass die Systemische Therapie in Deutschland Ansätze im internationalen Kontext wahrnimmt und für die eigene Weiterentwicklung nutzt.


Rezensent
Dr. Georg Singe
Dozent am Institut für Soziale Arbeit, Angewandte Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Georg Singe. Rezension vom 13.01.2014 zu: Bernd Reiners: Kinderorientierte Familientherapie. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2013. ISBN 978-3-525-46268-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15960.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


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