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Marie Zaphiriou Woods, Inge-Martine Pretorius: Eltern-Kind-Gruppen

Cover Marie Zaphiriou Woods, Inge-Martine Pretorius: Eltern-Kind-Gruppen. Psychoanalytische Entwicklungsforschung und Praxisbeispiele. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2013. 272 Seiten. ISBN 978-3-95558-037-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Schriften zur Psychotherapie und Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen ; [Bd. 25].
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Thema

Die Erkenntnisse der modernen Entwicklungsforschung verdeutlichen den großen Einfluss, der den ersten Lebensjahren für die weitere Entwicklung zukommt. Bedeutsam sind hier vor allem die Beziehungs- und Interaktionserfahrungen, die ein Kind mit seinen zentralen Bezugspersonen macht. Damit sich ein Kind gut entwickeln kann, braucht es Eltern, die hinreichend feinfühlig mit dem Säugling/Kleinkind umzugehen vermögen. In den letzten Jahren haben sich verschiedene Konzepte etabliert, die darauf abzielen, insbesondere die mütterliche Beziehungskompetenz bzw. die Mutter-Kind-Interaktion und damit vermittelt die kindliche Entwicklung zu unterstützen (z.B. STEEP, SAFE…). Viele dieser bindungsorientierten Konzepte fokussieren auf das erste Lebensjahr. Vergleichsweise wenig Konzepte liegen jedoch vor, die die spezifischen Herausforderungen und Bedarfe, die mit Entwicklungsprozessen des zweiten und dritten Lebensjahres verbunden sind (Autonomieentwicklung, Exploration…) in den Mittelpunkt stellen. Genau dies ist der Gegenstand des vorliegenden Buches. Vorgestellt wird hier das Modell einer (therapeutischen) Frühintervention, das über viele Jahre von einer Gruppe eng kooperierender Kliniker am Anna Freud Centre, London entwickelt wurde und insbesondere auf die Unterstützung von Kleinkindern und deren Eltern abzielt, die unter Deprivation, Trauma und Verlust leiden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile, denen insgesamt siebzehn Kapitel zugeordnet werden.

Zu I. Geschichte, Theorie und Praxis der „Mutter-Kind-Gruppen am Anna Freud Centre“

Teil I umfasst sechs Beiträge.

Im 1. Kapitel („Der historische Hintergrund der Mutter-Kind-Gruppen am Anna Freud Centre und die beobachtete Erforschung der Kinderentwicklung“) zeichnet Inge-Martine Pretorius Angela Joyce nach, wie aus Anna Freuds Lebenswerk die heutigen Kleinkindgruppen, die potentielle Störungen im späteren Leben durch frühe Intervention vorzubeugen suchen, hervorgegangen sind.

Kapitel 2 (Marie Zaphiriou Woods: „Normale Entwicklung im zweiten und dritten lebensjahr: Ausflüge und Wiedervereinigungen“) erläutert die Theorie der normalen Entwicklung, die der Arbeit mit Eltern und Kindern zugrunde liegt.

Daran anknüpfend geht Marie Zaphiriou Woods im 3. Kapitel („Die psychoanalytisch orientierte Leitung einer Mutter-Kind-Gruppe“) auf die Struktur, Ziele und Interventionsformen ein, die in der Gruppenarbeit zum Tragen kommen.

Kapitel 4 („Zur Rolle des Spiels“, Jenny Stoker) beleuchtet die Rolle des Spiels für die kindliche Entwicklung und zeigt auf, wie die Gruppe die Spielfähigkeit freisetzen und unterstützen kann.

Im 5. Kapitel („Normale Schwierigkeiten und schwierige Normalität: Bericht über die Beobachtung eines Kleinkindes“) legt Anna Plagerson die Beobachtung eines Mutter-Kind-Paares in einer Mutter-Kind-Gruppe über einen Zeitraum von neun Monaten dar.

Das 6. Kap. von Inge-Martine Pretorius und Julie Wallace („Als kompetent gesehen werden: die Beziehung zwischen einem sehbehinderten Vater und seinen mit dem Floppy-infant-Syndrom geborenen Töchtern“) dokumentiert über einen Zeitraum von vier Jahren die Beziehungsentwicklung zwischen einem sehbehinderten Vater und seinen beiden Töchtern.

Zu II. „Anpassungen und Anwendungen des im Anna Freud Centre praktizierten Mutter-Kind-Gruppen-Modells“

Teil II gliedert sich in sieben Unterkapitel. Dargelegt werden hier methodische und technische Modifizierungen des Gruppenmodells, die aufgrund spezifischer Anforderungen der KlientInnen oder spezifische Rahmenbedingungen und Voraussetzungen angezeigt waren.

Jenny Stoker skizziert inKap. 7 („Unterschied und Behinderung: Erfahrungen in einer Gruppe für Kleinkinder mit Behinderung“) die Arbeit in einer Gruppe, die Kinder mit Behinderungen und Entwicklungsstörungen aufnahm.

In Kap. 8 („Leitung einer Mutter-Kind-Gruppe in einer Sozialbausiedlung“) werden von Lesley Bennett die Schwierigkeiten beschrieben, mit denen eine externe Mutter-Kind-Gruppe in einer heruntergekommenen Sozialbausiedlung zu kämpfen hatte.

Kap. 9 („Aufbau einer Kleinkindergruppe in einem Wohnheim für obdachlose Familien: eine iterative Technik“ von Elspeth Pluckrose) setzt sich ebenfalls mit den besonderen Anforderungen auseinander, die die Arbeit mit Eltern, die sich in einer prekären Lebenssituation befinden und mitunter traumatische Erfahrungen mitbringen, an die BeraterInnen und an das Gruppensetting stellen.

Fátima Martinez del Solar knüpft in Kap. 10 mit ihrem Beitrag: „Aufsuchende Arbeit mit vulnerablen Müttern und ihren Kleinkindern: der Aufbau einer Mutter-Kind-Gruppe in einem sozial benachteiligten Stadtteil im Süden Londons“ hieran an und berichtet über ihre Erfahrungen mit dem Aufbau und der Leitung einer Mutter-Kind-Gruppe in einem sozialen Brennpunkt im Süden Londons.

Das 11. Kapitel („Mütter und förderungsbedürftige Kleinkinder: eine integrative Mutter-Kind-Gruppe in St. Petersburg“) führt nach Russland. Valentine Ivanova und Nina Vasilyeva reflektieren hier ihre Erfahrungen mit der Leitung von Kleinkindgruppen, an die u.a. durch den biographischen Hintergrund der Teilnehmenden (Mütter, die in Waisenhäusern aufwuchsen) besondere Herausforderungen gestellt sind.

Kulturspezifische Herausforderungen werden ebenfalls in Kap. 12 und 13. aufgegriffen. Evanthia Navridi setzt sich mit der „Integration, Teilen und Separation: Einführung des Begriffs ‚Kleinkind‘ und des Konzepts der Kleinkindgruppen in Griechenland“ auseinander; Ana Maria Barrantes und Elena Piazzon reflektieren in „Den eigenen Weg finden: Berufstätige Mütter in einer peruanischen Kleinkindergruppe“ ihre Arbeit in Lima.

Zu III. Forschung und Evaluation

In Teil III des Buches werden abschließend die Ergebnisse dreier Forschungsprojekte zusammengefasst.

Annabel Kitson, Marie Luisa Barros und Nick Midgley legen zunächst die Befunde einer „Qualitative(n) Studie über die Erfahrungen von Müttern, die eine psychoanalytische Mutter-Kind-Gruppe“ besuchten vor (Kap. 14).

Carolina Camino Rivera, Kay Asquith und Anna Prützel-Thomas gehen in Kap 15 der Frage nach, ob und inwiefern sich die Reflexionsfähigkeit der Mütter im Laufe ihrer Teilnahme an einer Mutter-Kind-Gruppe verbessert („Nachdenken über mein Kind: Kann eine psychoanalytische Kleinkindergruppe die mütterliche Reflexionsfähigkeit vervessern?“).

Thema des 16. Kapitels von Joshua Holmes, Anna Prützel-Thomas und Kay Asquith ist die Mikroanalyse von Videoaufzeichnungen, die Mutter-Kind-Interaktionen während einer Imbisspause zum Gegenstand haben („Imbisspause in einer Mutter-Kind-Gruppe des Anna Freud Centre: Mikroanalyse gemeinschaftlicher Mahlzeiten im Kleinkindalter“).

Fazit

Das vorliegende Buch gibt einen sehr guten Ein- und Überblick über die psychoanalytisch fundierte Eltern-Kind-Gruppen-Arbeit, so wie sie am Anna Freud Centre entwickelt wurde und praktiziert wird. Vorgestellt wird sowohl die konkrete „Rahmung“ der Eltern-Kind-Gruppen (Struktur, Aufbau, Frequenz, Dauer, Ablauf…) als auch auf verständliche Art und Weise die dem Konzept zugrunde liegende (Entwicklungs-)Theorie. Die ausgesuchten Beiträge geben einen lebendige und gut lesbare Anschauung von der praktizierten Arbeit in den Gruppen und machen deutlich, wie wichtig es ist, die jeweiligen Gegebenheiten zu reflektieren und das Konzept flexibel an diese anzupassen. Das Buch „Eltern-Kind-Gruppen“ kann ich ohne Einschränkung Professionellen empfehlen, die mit belasteten Familien bzw. Eltern-Kind-Paaren arbeiten bzw. im Feld der Frühprävention tätig sind. Empfohlen werden kann es aber auch Studierenden (insbesondere der Psychologie, Früh- und Heilpädagogik, der Sozialen Arbeit) sowie interessierten Eltern.


Rezensentin
Prof. Dr. Ariane Schorn
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Entwicklungspsychologie, Qualitative Sozialforschung, Psychosoziale Beratung, Supervision
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Zitiervorschlag
Ariane Schorn. Rezension vom 22.07.2014 zu: Marie Zaphiriou Woods, Inge-Martine Pretorius: Eltern-Kind-Gruppen. Psychoanalytische Entwicklungsforschung und Praxisbeispiele. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2013. ISBN 978-3-95558-037-7. Schriften zur Psychotherapie und Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen ; [Bd. 25]. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15984.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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