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Katharina Detemple: Zwischen Autonomiebestreben und Hilfebedarf

Cover Katharina Detemple: Zwischen Autonomiebestreben und Hilfebedarf. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Jugendhilfe. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2013. 99 Seiten. ISBN 978-3-8340-1239-5. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 17,90 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit aktuell - Band 22.
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Thema

Als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr verstanden, die auf sich gestellt in ein anderes Land geflohen sind und dort meist Asyl beantragen. Nach der UN-Kinderrechtskonvention stehen ihnen ungeachtet ihrer Staatsbürgerschaft im Ankunftsland dieselben Rechte wie Kindern zu, die in diesem Land geboren sind und dessen Staatsbürgerschaft besitzen. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) befinden sich weltweit 42,5 Millionen Menschen auf der Flucht, von denen fast die Hälfte minderjährig ist. Ein nicht genau bekannter, aber erheblicher Teil sind Kinder, die sich ohne Begleitung von Familienangehörigen auf die Flucht begeben haben. Der UNHCR verzeichnete im Jahr 2011 weltweit 17.700 Asylanträge, die von unbegleiteten Kinderflüchtlingen gestellt wurden. In Deutschland war im Jahr 2008 fast ein Drittel der Erstantragsteller*innen unter 18 Jahre alt.

Minderjährige Flüchtlinge können in Deutschland ihre Rechte nur eingeschränkt wahrnehmen. Eine Vielzahl ihrer Rechte wird regelmäßig und systematisch verletzt und missachtet und sie werden in fast allen Lebensbereichen diskriminiert. Das Leben der jungen Flüchtlinge ist in vielen Bereichen fremdbestimmt und unterliegt zum Teil restriktiven gesetzlichen Regelungen. Dazu gehören der jahrelange unsichere Aufenthaltsstatus, die damit verbundene mittelalterliche „Residenzpflicht“ oder der oft unzureichende Zugang zur Gesundheitsversorgung, schulischen Bildung und beruflichen Ausbildung. Durch die Residenzpflicht und den Zwang an bestimmten, meist abgelegenen Orten leben zu müssen, werden junge Flüchtlinge vom sozialen Leben ausgeschlossen und erhalten zudem deutlich seltener Leistungen der Jugendhilfe als deutsche Kinder.

Positive Entwicklungen sind der nach vielen Protesten erreichte Wegfall der Meldepflicht für Schulen, das Bleiberecht für eine sehr kleine spezielle Gruppe und die Lockerung der Residenzpflicht in einigen Bundesländern. Dies hat die grundsätzlichen Probleme jedoch nicht berührt.

Im Widerspruch zur UN-Kinderrechtskonvention werden an den Grenzen bzw. auf den Flughäfen alleinstehende Kinder und Jugendliche weiterhin oft an der Einreise gehindert und zurückgeschickt. Sie müssen ein Schnellverfahren („Flughafenverfahren“) über sich ergehen lassen und werden am Flughafen manchmal über mehrere Monate inhaftiert. Kinderspezifische Fluchtgründe werden sehr selten im Asylverfahren anerkannt. Jugendliche erhalten oft keine Beratung in asyl- und ausländerrechtlichen Fragen und sind im Asylverfahren auf sich alleine gestellt.

Wenn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge den Weg nach Deutschland geschafft haben und hier nicht bei Verwandten leben können, werden sie in der Regel in stationären Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht. Dort leben sie in Gruppen mit anderen Flüchtlingen oder mit deutschen Jugendlichen und werden pädagogisch betreut. Auf ihre Situation in einer dieser Einrichtungen bezieht sich das hier zu besprechende Buch.

Aufbau und Inhalt

In dem Buch, das aus einer Magisterarbeit an der Universität Mainz hervorgegangen ist, versucht Katharina Detemple, die Situation junger Flüchtlinge in einer Jugendhilfeeinrichtung möglichst alltagsnah zu erforschen und insbesondere die Sichtweisen der hier lebenden Jugendlichen kennenzulernen (und bekanntzumachen). Bevor sie ihre Forschungsergebnisse vorstellt, geht sie in vier Kapiteln folgenden Fragen nach:

  1. Was bedeutet eigentlich Flucht und warum fliehen insbesondere Kinder und Jugendliche?
  2. Welche Rechtsdokumente bieten jungen Flüchtlingen Schutz und welche spezifischen Schutzrechte haben unbegleitete minderjährige Flüchtlinge?
  3. Wie wird mit dem Recht auf Asyl in Deutschland und Europa umgegangen?
  4. Welches sind die Rahmenbedingungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland und wie gestaltet sich ihr Alltag?

Die Untersuchung fand hauptsächlich im Rahmen eines zweimonatigen Praktikums in einer hessischen Jugendhilfeeinrichtung statt. Diese Einrichtung befindet sich in einer ländlichen Gegend. Sie ist zwar durch den öffentlichen Nahverkehr an eine größere Stadt angebunden, die Verbindung ist aber zeitaufwendig und abends bzw. an den Wochenenden eingeschränkt. Die Jugendlichen sind während des Aufenthalts der Autorin 14 bis 19 Jahre alt, überwiegend männlich und stammen vorwiegend aus Afghanistan, Somalia und Äthiopien. Unter den 24 in der Einrichtung lebenden Jugendlichen befinden sich einige wenige deutschstämmige Mitbewohner. Im Rahmen ihrer Forschung war die Autorin in die täglichen Aufgaben eingebunden, hat u.a. an den Mahlzeiten teilgenommen, die Jugendlichen zu Terminen begleitet, ihre Post mit ihnen bearbeitet oder Freizeitaktivitäten mit ihnen unternommen. Dies hat die Entstehung eines Vertrauensverhältnisses erleichtert. Die Forschung selbst bestand aus „teilnehmender Beobachtung“ und „halbstrukturierten Einzelinterviews“ mit den Jugendlichen und Betreuern.

In der Ergebnisdarstellung zeichnet die Autorin den Lebensweg der Jugendlichen nach und beschreibt die von ihnen ausgedrückten Hoffnungen und Ziele; versucht, ihre psychosoziale Situation zu erfassen und die Konflikte zu verstehen, in denen sie sich befinden; und geht schließlich auf ihre Bewältigungsstrategien ein. Die Autorin hat junge Menschen erlebt, für die Unterstützung und Betreuung wichtig ist, die jedoch keine hilflosen Objekte, sondern aktiv agierende Subjekte sind. Die meisten jungen Flüchtlinge, die sie in der Einrichtung kennengelernt hat, „arbeiten zielstrebig darauf hin, aus der Situation der Hilfsbedürftigkeit herauszukommen und sich eine Grundlage zu schaffen, auf der sie selbstständig und unabhängig leben können. Von zentraler Bedeutung sind für sie dabei der Spracherwerb sowie die schulische Bildung“ (S. 83). Die Einrichtung, in der die Jugendlichen leben, scheint nach dem Eindruck der Autorin ihren Bedürfnissen im Großen und Ganzen gerecht zu werden. Sie fänden dort Rückhalt, Gemeinschaft und Sicherheit, wobei die Versorgung und der geregelte Alltag eine wichtige Rolle spielten. Die größten Störfaktoren für eine positive Entwicklung verortet die Autorin nicht innerhalb der sozialpädagogischen Förderstrukturen, sondern außerhalb der Einrichtungen. Es seien vor allem das lang andauernde Asylverfahren und die rechtlichen Beschränkungen aufgrund ihres Aufenthaltsstatus sowie die damit verbundene Unsicherheit und das aufgenötigte „Versteckspiel“, was die Jugendlichen emotional belaste.

Aus ihrer Forschung leitet die Autorin einige Fragen und Anregungen ab. Die Pädagogen in den Jugendhilfeeinrichtungen könnten zwar an den politischen Strukturen und Grundproblematiken der Jugendlichen wenig ändern, sie könnten jedoch wesentlich dazu beitragen, dass eine Atmosphäre der Familiarität und Zusammengehörigkeit entsteht, die es den Jugendlichen erleichtert, sich in der Fremde angenommen zu fühlen. Vor allem sollte die pädagogische Arbeit Raum für Begegnungen schaffen. Hierzu müssten die Pädagogen auch mit den Herkunftskulturen der jungen Flüchtlinge vertraut sein und sich in ihre Fluchterfahrungen und dabei erlittene Traumata hineinversetzen können. Die Einrichtung müsse die Jugendlichen auf ein eigenständiges Leben vorbereiten, wozu es nicht zuletzt wichtig sei, ihre Autonomiewünsche zu respektieren und zu unterstützen, z.B. indem Kontakte zu Sportvereinen in der Umgebung der Einrichtung ermöglicht werden. Dabei müssten die pädagogischen Betreuer die Gesamtsituation der jungen Flüchtlinge im Auge behalten und sich mit den Jugendlichen zur Verbesserung ihrer Situation politisch und gesellschaftlich engagieren.

Diskussion und Fazit

Die Fallstudie ist gewiss nicht repräsentativ für alle Jugendhilfeeinrichtungen, in denen junge Flüchtlinge leben. Aber sie vermittelt einen konkreten Eindruck von den Vorstellungen und Erwartungen der Jugendlichen und gibt somit wichtige Hinweise, was in Jugendhilfeeinrichtungen beachtet und gewährleistet werden sollte. Sie lässt deutlich werden, dass diese Einrichtungen zu Orten werden müssen, in denen die jungen Flüchtlinge lernen können, ihre Handlungsräume gegenüber der Außenwelt zu erweitern und Selbstbestimmung zu erlangen. Viele von ihnen haben ja notgedrungen schon sehr selbstständig gelebt, sind aber auch immer wieder gedemütigt und in ihrer Selbstachtung verletzt worden, nicht zuletzt nach ihrer Ankunft in Deutschland selbst.

In der pädagogischen Praxis muss deshalb den Kindern und Jugendlichen ermöglicht werden, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihren Handlungskompetenzen zu vertrauen. Folgerichtig müssen die Stimmen der jungen Flüchtlinge im dialogischen, partizipativen Miteinander des Heimalltags ihren festen Raum haben. In diesem Sinne hat der Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (b-umf) kürzlich konkrete Vorschläge für die Partizipation in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen vorgelegt: „Handlungskonzept Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe“, November 2013, zu beziehen über Bundesfachverband UMF e.V., Geschäftsstelle München, Nymphenburger Str. 47, 80335 München, E-Mail: partizipation@b-umf.de; Web: www.b-umf.de.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Children‘s Rights European Academic Network (CREAN) c/o Freie Universität Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 30.12.2013 zu: Katharina Detemple: Zwischen Autonomiebestreben und Hilfebedarf. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Jugendhilfe. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2013. ISBN 978-3-8340-1239-5. Reihe: Soziale Arbeit aktuell - Band 22. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16012.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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