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Kajsa Wahlström: Jungen, Mädchen und Erzieher-innen

Cover Kajsa Wahlström: Jungen, Mädchen und Erzieher-innen. Geschlechterbewusste Pädagogik für die Kita. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. 191 Seiten. ISBN 978-3-407-62847-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Frühpädagogik.
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Thema

Thema des Buches ist die Gleichstellungspädagogik. Die Verfasserin stellt überaus praxisnah und anschaulich vor, wie sie als Leiterin zweier Kita´s gemeinsam mit den dortigen Mitarbeiterinnen (ihr Team bestand ausschließlich aus Frauen) eine Gleichstellungspädagogik aufgebaut hat. Diese Pädagogik lässt sich nach ihren eigenen Angaben „auch auf Grund- und weiterführende Schulen, Universitäten, den Arbeitsplatz, eine Führungsgruppe und alle anderen Bereiche des Berufslebens übertragen“ (S. 7).

Autorin und Entstehungshintergrund

Kajsa Wahlström ist Kita-Leiterin – ein Titel, auf den sie stolz ist (S.6). Der Höhepunkt ihrer bisherigen Kitakarriere waren nach eigenen Worten die Jahre 1996-2000. In dieser Zeit entwickelte sie gemeinsam mit dem Personal zweiter Kita´s in einer mittelschwedischen Gemeinde eine Gleichstellungspädagogik für die Kinder und Erzieher/innen von Kindertagesstätten. Diese Zeit war wohl deshalb der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere, weil sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen recht intensiv an dem Thema gearbeitet und dabei Höhen wie Tiefen erlebt hat (S.6/7). Heute ist Kajsa Wahlström als pädagogische Beraterin in Gleichstellungsfragen tätig. Sie hält Vorlesungen und veranstaltet Fortbildungstage zu diesem Thema.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist aufgeteilt in fünf Kapitel und diese haben insgesamt 24 Unterkapitel. Hinzu kommen eine Einleitung und ein Abschnitt mit (fünf!) weiterführenden Literaturhinweisen.

Gleich zu Beginn macht Wahlström deutlich, dass es ihr darauf ankommt, Gleichstellungsarbeit als eine positive Aufgabe zu sehen (S. 10). Sie untersucht mit ihren Angestellten Verhaltensmuster und selbstgewählte Rollen. Und sie ist entschlossen, „zur Tat zu schreiten“ (ebd.). Ihr Ziel ist, gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen die Möglichkeiten der betreuten Kinder zu erweitern (ebd.).

Zudem zeigt Kajsa Wahlström deutlich, dass sie sich nicht auf die oft – und immer mit unbefriedigendem Ausgang (weil sich eine Seite auf jeden Fall ungerecht beurteilt fühlt) – geführte Diskussion zum Thema „Sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern biologisch erklärbar oder liegt die Begründung in unserem sozialen Umfeld?“ einlassen will: „Ich denke, es spielt keine Rolle, ob es hauptsächlich an dem einen oder anderen liegt. Das Wichtigste ist, dass es möglich ist, die Geschlechterrollen zu erweitern“ (S. 10/11) (womit nicht nur die Geschlechtsrollen der Kinder gemeint sind, sondern auch die der ErzieherInnen).

Nach der Einleitung folgt eine „Bestandsaufnahme“: Wie sieht es mit der Gleichstellung in der eigenen Kita aus? Auf den ersten Blick war alles in Ordnung: Die Kinder spielten friedlich miteinander und auch der Gesamteindruck war o.k. Bei näherem Hinsehen und Reflexion über das Gesehene entdeckte Wahlström, dass die Jungen und Mädchen sich häufig gemäß der zugedachten Geschlechterrolle verhielten und von ihren Erzieherinnen darin bestärkt wurden: Die Ansicht der Erzieherin wird durch ihre Kommentare zu den Kindern deutlich: „Jungen führen sich immer schlecht auf. Sie können sich nicht benehmen, wenn die Mädchen nicht auf sie aufpassen“ (S. 15).

Gleich zu Anfang des nächsten Unterkapitels fragt Wahlström nach den Gründen für die Entstehung der „verschiedenen Welten“ (S. 19), in denen Jungen und Mädchen leben. Ihre Antwort ist, dass ein großer Teil davon auf Erwartungen beruht: „Wir erwarten verschiedene Dinge von Mädchen und Jungen, und deswegen behandeln wir sie unterschiedlich – ohne uns dessen bewusst zu sein“ (ebd.). Am Beispiel der Behandlung von Neugeborenen verschiedenen Geschlechts auf einer Entbindungsstation wird verdeutlicht, dass die unterschiedliche Behandlung früher beginnt als wir denken. Sie zieht sich durch das ganze Leben hindurch: „Wie soll sich ein Mädchen benehmen? Lassen wir es zu, dass Mädchen andere Rollen übernehmen als die der Hilfslehrerin?“ Jungen dürfen allzu oft Regeln missachten, mit der Erlaubnis der Erwachsenen. „So sind halt Jungen“, wird dann oft gesagt“ (S. 31). Und: „Alle tragen zur Einordnung in eine Mädchen- und eine Jungenwelt in der Kita bei“ (S. 35). Aber wie das Ganze ändern?

Kajsa Wahlström beginnt damit, ein „Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit“ (S. 41) für ihre Angestellten zu erzeugen, denn: „Großzügigkeit und Gemeinschaft schaffen Geborgenheit und ein Zusammengehörigkeitsgefühl“ (S. 40). Darüber hinaus motiviert sie ihre Mitarbeiterinnen zum Beobachten: „Um Fortschritte zu machen, mussten wir herausfinden, wie es mit der Gleichstellung an unserer eigenen Kita aussah“ (S. 41). Aus der Niederschrift der Beobachtungen mit Papier und Bleistift wird eine Beobachtung per Videokamera. Die Aufzeichnungen der Interaktionen mit den Kindern werden vom gesamten Team betrachtet und analysiert. Dabei beginnen die Erzieherinnen mehr und mehr, das Benehmen der Kinder als eine Antwort auf ihr Verhalten zu betrachten (S. 53). Wahlström fasst das Ergebnis der Videoanalysen wie folgt zusammen: „Wir mussten monatelang Beobachtungen durchführen, bis wir uns endlich von der Auffassung lossagten, dass wir Mädchen und Jungen in unserer harmonischen Kita gleich behandeln. Der Durchbruch wäre ohne die Videokamera nicht zustande gekommen, die jedes Detail unseres Verhaltens unbarmherzig auffing. Wir mussten uns allmählich eingestehen, dass wir konsequent, doch unbewusst, traditionelle Geschlechterrollen verstärkt hatten“ (S. 73).

Diese beim ersten Anblick entmutigende Erkenntnis bedeutet jedoch auch, dass, wenn alle das gleiche Verhalten zeigen, es auch geändert werden kann: „Es ist ein fantastisches Gefühl, zu der Einsicht und Erkenntnis zu gelangen, dass alles, was man macht, eine Rolle spielt. Sie sind wichtig. Sie üben Einfluss aus“ (S. 75). Wir sind nicht die einzigen Verantwortlichen, weil Staat, Medien u.am. das geschlechtsrollenkonforme Verhalten ebenfalls stärken. Aber wir können mit positivem Beispiel bei uns selber anfangen: „Wenn wir uns selbst wertschätzen, verändert das den Alltag“ (S. 111).

Für die „wilden Jungs“ hält Wahlström folgendes Rezept parat: „Die Jungen in nahen Beziehungen und Empathie zu schulen ist der einzig mögliche Weg, ihnen grundlegende Dinge wie den Respekt vor Grenzen und einem Nein beizubringen“ (S. 115).

In Bezug auf die Umsetzung ihrer Beobachtungen hält sie es für wichtig, Jungs und Mädchen für eine Weile voneinander zu trennen und die neue Gruppenteilung mit einer Aufgabe für eine bewusste Verhaltensweise zu kombinieren (S. 121): Die Methode für Mädchen hat zum Ziel, die Geschlechterrollen der Mädchen zu erweitern, ihr positives Selbstwertgefühl und ihre Identität zu stärken (ebd.). Dabei geht es konkret darum, die Mädchen als Individuen zu bestärken, sodass sie größere Selbstständigkeit erobern und ihre eigenen Bedürfnisse ausdrücken können (ebd.). Die Methode für Jungen hat das gleiche Ziel (S. 122), aber einen anderen Inhalt: „Sie soll Jungen Gemeinschaft mit anderen finde lassen und ihnen Fähigkeiten beibringen, die in Beziehungen benötigt werden und die sie als Individuen weniger verletzlich machen (ebd.). Oftmals bleiben Bücher bei diesen Ideen stehen. Nicht aber bei Wahlström: Wie die Umsetzung konkret geschieht, wird sehr anschaulich geschildert. Diese Veranschaulichungen nehmen vielleicht sogar den größten Teil des Buches ein und sind immer sehr spannend zu lesen, z.B.: „Je mehr die Erzieherin sich auf Emotionen konzentriert, desto mehr Jungen tun dasselbe“ (S. 129).

Diskussion und Fazit

Als Empiriker muss ich das Buch weitgehend ablehnen. Allzu viele „Sachverhalte“ beruhen auf den eigenen Beobachtungen der Verfasserin. Was, wenn diese nicht so neutral und objektiv sind, wie es sich Kajsa Wahlström erhofft? Was, wenn ihre eigenen Reflexionen durch eine „geschlechterbewusste Brille“ gefiltert wären und sie gar nicht mehr wahrnimmt, dass es auch Jungs und Mädchen gibt, die sich nicht gemäß der ihnen zugedachten Geschlechterrolle verhalten?

Was mir an dem Buch gefällt, sind die vielen praktischen Beispiele und der „erfinderische Einfallsreichtum“, der in diesen Beispielen deutlich wird. Was mir auch gefällt, ist, dass Kajsa Wahlström immer authentisch ist: Sie schreibt, was sie denkt und vermittelt ihre Sicht der Dinge glaubhaft und nachvollziehbar. Sie nennt viele praktische Beispiele, was das Buch insbesondere für Praktikerinnen (also z.B. für ErzieherInnen oder LehrerInnen) sehr wertvoll macht. Geschildert werden keine komplizierten Sachverhalte oder komplexe Theorien. Wahlström beschreibt ganz einfache Beobachtungen aus ihrem Alltagsleben und verallgemeinert diese dann. Wahlström ist eine Frau, die es gelernt hat, „anzupacken“ (vgl. den Anfang dieser Rezension). Dieser Sachverhalt wird an vielen Stellen ihres Buches deutlich. Wahlström „lebt“ die Gleichstellung von Mann und Frau – und das hat sie mit ihrem Buch bezeugt.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 23.11.2015 zu: Kajsa Wahlström: Jungen, Mädchen und Erzieher-innen. Geschlechterbewusste Pädagogik für die Kita. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. ISBN 978-3-407-62847-3. Reihe: Frühpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16026.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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