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Gudrun Marci-Boehncke, Matthias Rath: Kinder – Medien – Bildung

Cover Gudrun Marci-Boehncke, Matthias Rath: Kinder – Medien – Bildung. Eine Studie zu Medienkompetenz und vernetzter Educational Governance in der frühen Bildung. kopaed verlagsgmbh (München) 2013. 264 Seiten. ISBN 978-3-86736-372-3. D: 18,80 EUR, A: 19,40 EUR, CH: 27,50 sFr.

Reihe: MedienBildungForschung - Band 2.
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Thema

„Kinder – Medien – Bildung“ – unter diesem Titel veröffentlichen Gudrun Marci-Boehncke (Dortmund) und Matthias Rath (Ludwigsburg) ihre empirische Studie zu Medienkompetenzen und vernetzter Educational Governance in der frühen Bildung. Ausgangspunkt der qualitativen Studie ist ein Dortmunder Projekt in Kindertagesstätten, das sich „Medienkompetent zum Schulübergang“ nennt und im Jahr 2010 (bis 2013) in Problembezirken der Stadt Dortmund initiiert wurde. Die hier vorzustellende Publikation zeichnet insbesondere die erste Projektphase nach. Sie stellt theoretische Annahmen, das Forschungsdesign und empirische Befunde zur Interpretation des Medienprojekts vor. Dabei basieren sowohl die Konzeption des Projekts als auch dessen Untersuchung auf Defizitannahmen und setzen auf Entwicklung durch Wissenschaft und gemeinsames Lernen, denn: In der frühen Bildung im Allgemeinen und in Kindertagesstätten im Speziellen fällt die Förderung von umfassenden Medienkompetenzen bis auf Weiteres gering aus. Auch werden neben den Kindern als primäre Bezugsgruppen für die Förderung von Medienkompetenzen Erzieherinnen und Erzieher, aber auch Eltern und weitere Bezugsgruppen eher aus Fördermaßnahmen ausgeklammert. „Medienkompetent zum Schulübergang“ geht dahingehend einen anderen Weg: Das Projekt vernetzt diverse Bezugsgruppen, um Medienkompetenzförderung und Integrationsarbeit zu leisten. Alle Bezugsgruppen, u.a. auch Studierende, die Stadt Dortmund sowie Unternehmenspartner (hier: IBM), werden in Fragen der Praxisentwicklung sowie in das Forschungsfeld gestaltend einbezogen.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Die Publikation „Kinder – Medien – Bildung“ ist äußerst umfangreich und inhaltlich vielschichtig, da sowohl theoretisch-konzeptionelle Überlegungen und Erkenntnisse als auch empirische Befunde zum Projekt dargestellt werden.

So wird nach der kurzen Einleitung in Kapitel 2 (Marci-Boehncke & Rath, 2013, S. 19-28) beschrieben, ob und wie derzeit Medienkompetenzen im frühkindlichen Bereich gefördert werden. Marci-Boehncke und Rath kommen zu dem Schluss, dass die Förderung von Medienkompetenzen dort defizitär ist. Mehr noch: Gegenüber Medien besteht nicht selten eine bewahrende, bisweilen ablehnende Haltung von Erzieherinnen und Erziehern. Auch die Mediennutzungsgewohnheiten in der Familie unterscheiden sich nach Herkunft der Kinder und Geschlecht. Werden Medienkompetenzen gefördert, geht es vor allem um ihren technischen Gebrauch. Die Zurückhaltung bzw. Skepsis gegenüber Medien sowie einseitige Fördermaßnahmen in den unterschiedlichen Feldern führen dazu, einen umfassenderen Medien(kompetenz-)begriff als bisher allen Konzeptionen und Untersuchungen zugrunde zu legen (im Sinne der Medienbildung). Da es den Autoren zentral um die Aneignungsprozesse in und mit Medien geht, wird das Medienkompetenzverständnis von Dieter Baacke genutzt und um eine fünfte Komponente, die Medienkommunikation, gezielt erweitert.

Das dritte Kapitel (ebd., S. 27-36) stellt theoretische Annahmen vor, die soziologischer und psychologischer Natur sind und zur systematischen Beschreibung des Vorhabens dienen. Zu nennen sind etwa die Habitus-Theorie in Anlehnung an Pierre Bourdieu, die zur Erläuterung von Verhalten, Haltung und Selbstwirksamkeit der Erzieherinnen und Erzieher eingesetzt wird, oder auch das Media Apprenticeship als Beschreibungskonstrukt metakognitiver Aneignungsprozesse. Das bildungspolitische Ziel des Projekts, neben der Erreichung einer gewissen Affinität der pädagogischen Fachkräfte im Bereich Medien auch Bildungsgerechtigkeit in den Herkunftsfamilien herzustellen, wird zudem mit dem eigenen forschungsparadigmatischen Standpunkt, der Aktionsforschung, in Verbindung gebracht.

Das vierte Kapitel fokussiert die Umsetzung des Projekts mit all seinen Facetten (ebd., S. 37-56). Sein vernetzter Charakter wird hier besonders deutlich. Auch die Einbindung von Studierenden als weitere pädagogische Fachkräfte neben den Erzieherinnen und Erziehern wird an dieser Stelle herausgestellt. Sie sollen genauso diverse Möglichkeiten der Beschäftigung mit Medien und Perspektiven für spätere Praxiskontexte erfahren.

In Kapitel 5 (ebd., S. 57-60) und 6 (S. 61-66) rücken die Konzeption und Untersuchung des eigentlichen Projekts in den Mittelpunkt.

Kern der Veröffentlichung sind dann die empirischen Befunde, die in Kapitel 7 (ebd., S. 67-210) vorgestellt werden. Dabei wird zunächst unterschieden zwischen zwei sozialen Feldern, der Kindertagesstätte und der Familie, in denen jeweils quantifizierende Befragungsinstrumente zum Einsatz kommen und ausgewertet werden. Im Weiteren werden Ergebnisse der qualitativ orientierten Interviews mit Kindern (sog. Puppet Interviews) skizziert und Befunde aus teilnehmenden Beobachtungen eingebracht. Viele Ergebnisse fokussieren dabei auf die Erzieherinnen und Erzieher, die im Verlauf des empirischen Teils als Scharnier zur Entwicklung umfassender Medienkompetenzen ausgemacht werden: „Die technischen und didaktischen Kompetenzen der Erzieherinnen wurden verbessert, Kinder wieder neu wahrgenommen und kindliche Fähigkeiten erkannt und auch sozial genutzt. Es fand eine Umorientierung von einer rezeptiven zur einer produktiven Mediennutzung in der Kita ebenso wie in den Familien statt und die Sorge vor einem negativen Einfluss der Medien und des Computers im Besonderen in der Bildungsarbeit ist bei den teilnehmenden Kitas nahezu verschwunden.“ (ebd., S. 39)

Empirisch wird zudem deutlich, dass die teilnehmenden Kinder am jeweiligen Medienprojekt Spaß haben, ihre bisher rezeptiv geprägten Medienerfahrungen um solche der (Medien-)Produktion im Verlauf der Teilprojekte ergänzen (ebd., S. 157) und sich vielfältig und äußerst individuell in und mit Medien bewegen.

Die folgenden Abschnitte „Der fokussierte Blick“ sowie „Schlussfolgerungen“ bieten Anknüpfungspunkte für die weitere Interpretation. Sie bieten insbesondere Interpretationshilfen unter Gender- sowie Migrationsperspektive an, welche zur Fokussierung auf Chancen und Grenzen eines Medienprojekts im Zusammenhang mit den übergeordneten, bildungspolitischen Zielen aufschlussreich sind.

An die empirischen Befunde schließt sich in Kapitel 8 (S. 211-230) eine tabellarische Übersicht der durch das Projekt angestoßenen medienpädagogischen Interventionen an, bevor in Kapitel 9 (S. 231-248) das Forschungs- und Entwicklungsprojekt zusammen mit den empirischen Befunden abschließend diskutiert wird.

Diskussion

Zusammenfassend bietet das Buch einen umfassenden Einblick in den gegenwärtigen Forschungsstand Medien in der frühen Bildung, in theoretisch-konzeptionelle Überlegungen und empirisch-praktische Tätigkeiten der Autoren und es ermöglicht zudem, neben didaktischen Fragen der Gestaltung von Medienprojekten in Kindertagesstätten auch Möglichkeiten zu dessen empirischer Untersuchung und normative Überlegungen hinsichtlich des Charakters sinnhaftiger Medienprojekte nachzuvollziehen. Auch die „Anschubfunktion“ (ebd., S. 37), welche die Kooperation für die Konzeption und tatsächliche Umsetzung des Projekts übernimmt, wird im Verlauf der Lektüre äußerst plastisch. Ausgehend von den vielen Projektzielen und nicht zuletzt den vielen Forschungsfragen liegt eine Schwierigkeit allerdings in der systematischen Darstellung von Projekt, Forschungs- und Entwicklungsvorhaben selbst: Wie kann man mit einer Publikation den vielen Ebenen eines Projekts, jeder Bezugsgruppe, aber auch allen inhärenten Forschungsfragen gerecht werden?

Es gelingt dabei den Autoren Marci-Boehncke und Rath weitestgehend gut, Lesende durch das Projekt bzw. die zugehörige Veröffentlichung zu führen. Allein der empirische Teil ist zum Teil etwas lang geraten und die Trennung von Selbst- und Fremdeinschätzungen in der Ergebnisdarstellung ist manchmal nicht ganz nachvollziehbar. Auch ist die Lektüre von Beginn an voraussetzungsreich: So sollte man (nicht nur) in der qualitativen Sozialforschung firm sein, um sich der daraus ergebenen Herausforderungen, aber auch Chancen bewusst zu sein. Zugleich sollte der Kontext frühe Bildung einigermaßen bekannt sein, um den dortigen Stellenwert von Medienkompetenzförderung bzw. Medienbildung in etwa einschätzen sowie die Problematiken infolge weit verbreiteter Haltungen insbesondere bei den pädagogischen Fachkräften überhaupt sehen zu können. Überdies setzt das Projekt auf Kooperation und Vernetzung, was angesichts der Ziele über den Einzelfall hinaus löblich, aber durchaus anspruchsvoll in der Umsetzung ist, nicht zuletzt in der Nachvollziehbarkeit der involvierten (Ziel-)Ebenen zu jedem Zeitpunkt in der Publikation. Die Autoren schaffen es aber nahezu immer, ihre Betrachtungsebenen metakommunikativ zu verdeutlichen; sie machen zudem jederzeit explizit, wenn empirische Befunde nicht aus der eigenen Feder, sondern bspw. aus studentischer Hand stammen. Letzteres ist angesichts des vernetzten Charakters des Forschungsprojekts besonders wichtig: Denkt man nämlich forschendes Lernen an Hochschulen konsequent zu Ende, gilt es, Studierenden (hier: des Grundschullehramts) auch die Möglichkeit zur Publikation ihrer eigenen Forschungsergebnisse anzubieten. Insofern leistet die vorliegende Studie nicht nur einen Beitrag zur Entwicklung des Praxiskontexts Kindertagesstätte, sondern genauso für Hochschulen, wo der Transfer des Gelernten speziell im pädagogischen Bereich mehr als bis dato zu fördern ist.

Fazit

Insgesamt fällt am Projekt positiv auf, dass neben den sonst im Zentrum stehenden Kindern insbesondere auch die Erzieherinnen und Erzieher sowie Studierende als pädagogische Fachkräfte integriert und empirisch in den Blick genommen wurden. Die Lektüre der Studie „Kinder – Medien – Bildung“ bietet sich so vor allem für medienpädagogisch orientierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, die einem weiten Medienbegriff nahestehen und vor praktischen Umsetzungsversuchen u.a. in der frühkindlichen Bildung (aber auch in anderen Bereichen und Bildungsinstitutionen) nicht zurückscheuen. Medienpädagogische Praktikerinnen und Praktiker dürfte die Publikation eher vor dem Hintergrund des vernetzten Charakters und damit zusammenhängender Herausforderungen interessieren. Besonders empfohlen sei die Studie aber denen, die Medien in der frühen Bildung zum Thema machen wollen und in diesem Kontext nach aktuellen Beispielen suchen.


Rezensentin
Dr. phil. Sandra Hofhues
Nach einer Vertretungsprofessur für Didaktik der Neuen Medien (Mediendidaktik) an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zur Zeit akademische Mitarbeiterin (PostDoc) für Digital Education am Higher Educational Design Research Center (HEDeR) an der Zeppelin Universität Friedrichshafen
Homepage www.sandrahofhues.de
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Zitiervorschlag
Sandra Hofhues. Rezension vom 31.01.2014 zu: Gudrun Marci-Boehncke, Matthias Rath: Kinder – Medien – Bildung. Eine Studie zu Medienkompetenz und vernetzter Educational Governance in der frühen Bildung. kopaed verlagsgmbh (München) 2013. ISBN 978-3-86736-372-3. Reihe: MedienBildungForschung - Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16027.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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