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Heinz Cornel, Lydia Halbhuber-Gassner u.a. (Hrsg.): Strafvollzug, Straffälligenhilfe und der demografische Wandel

Cover Heinz Cornel, Lydia Halbhuber-Gassner, Cornelius Wichmann (Hrsg.): Strafvollzug, Straffälligenhilfe und der demografische Wandel. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2013. 131 Seiten. ISBN 978-3-7841-2460-5. 16,90 EUR.
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Thema

Der Band geht zurück auf eine Fachtagung zum Thema Straffälligenhilfe zwischen Tradition und Wandel im Dezember 2012 in München Freising. Es treffen sich dort seit 1992 Wissenschaftler und Praktiker zu einem intensiven und offenen Erfahrungsaustausch über die Entwicklung und Perspektiven der Straffälligenhilfe in Deutschland. Das dokumentierte Treffen stand unter der Fragestellung der Veränderungen durch den demographischen Wandel und seiner absehbaren Auswirkung auf die Situation der Straffälligen und der Straffälligenhilfe. Die Beiträge prognostizieren nicht die Zukunft. Sie registrieren und verlängern aber bestehende Entwicklungslinien empirisch und identifizieren und diskutieren in dieser Perspektive neue Fragen. So sind die Autorinnen und Autoren zu aufschlussreichen und bedenkenswerten Ergebnissen gelangt. Ganz im Sinne der professionellen Haltung der Straffälligenhilfe stehen diese unter der Maxime von Antoine de Saint-Exupery: „Man sollte die Zukunft nicht voraussehen wollen, sondern sie ermöglichen.“

  • Was kommt auf die Straffälligenhilfe zu, wenn das absehbare Älterwerden der Menschen in Deutschland auch die Population der kriminell handelnden Menschen, der Straffälligen, und die Einrichtungen des Strafvollzuges erfasst mitsamt ihrem Personal und ihren bisherigen Arbeitsweisen?
  • Was wird oder müsste sich dadurch ändern?
  • Worauf kann, muss oder sollte man sich schon heute diesbezüglich einstellen?

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Der erste Beitrag von Heiner Keupp zeichnet eine Gesellschaftsdiagnostik des postmodernen Kapitalismus nach, die u.a. im Lichte der Individualisierungsthese von Ulrich Beck darauf hinweist, dass aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen die eigenverantwortliche Lebensgestaltung aller Gesellschaftsmitglieder angesichts der Auflösung traditioneller Sicherheiten herausfordert. Straffällige Menschen seien damit in hoffnungsloser Weise überfordert. Vor diesem Hintergrund fragt Keupp, welche Ressourcen in einer so komplex gewordenen Gesellschaft benötigt werden, um selbstbestimmt und selbstwirksam eigene Wege zugehen. Dabei skizziert er Vorschläge einer To-do-Liste für eine zeitgemäße Straffälligenarbeit.

Der Berliner Strafrechtler und Kriminologe Heinz Cornel analysiert empirisch belegte Entwicklungslinien des demographischen Wandels im Hinblick auf die Kriminalitätsentwicklung und eine Straffälligenarbeit der Zukunft. Nicht nur, dass die Jugendkriminalität rein statistisch abnehmen und Alterskriminalität wachsen dürfte, dass impulsiv begangenen Körperverletzungsdelikte abnehmen werden, aber nicht Straftaten gegen das Leben, es ändert sich auch die Altersstruktur der Insassenpopulation der JVAs. Hier fragt Cornel, ob sich die Vollzugspraxis nicht grundlegend ändern muss. Er denkt dabei auch an mehr vorzeitige Entlassungen, den Einsatz elektronischer Sicherungssysteme, den Vollzug in kleineren Einheiten. Schließlich schlägt er vor, bestimmte aus der neuen Perspektive gewonnene Vorschläge schon jetzt umzusetzen, um den Strafvollzug humaner und gemeinwesenorientierter zu gestalten.

In ähnlicher Richtung argumentiert Jessica Heese vom Tübinger Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, indem sie das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit problematisiert in einer Gesellschaft gealterter Bürger und auch Straffälliger. Aus höherer Vulnerabilität entstünden vielfältige neue Sicherheitsbedürfnisse, die zu einem Bestandteil von Lebensqualität würden. Zu Unterstützungsangeboten Straffälliger gehören demnächst auch Pflegeleistungen. Hier fragt Heese, ob nicht der Gedanke der Inklusion in intergenerationeller Hinsicht innerhalb wie außerhalb der Mauern kreativer umgesetzt werden könne.

Günter Rieger von der dualen Hochschule Baden-Württemberg knüpft daran Fragen nach der künftigen Qualifikation der Fachkräfte an. Er sieht die generalistisch ausgebildete Fachkraft der Sozialen Arbeit im Mittelpunkt. Im Zentrum der helfenden Beziehung sieht er die Qualität der Beziehungsarbeit. „Beziehungsarbeiter(innen)“ nennt er sie, deren Fachlichkeit ergänzt wird durch spezialisierende Weiterbildungen. So arrangieren sie auch die Freiwilligenarbeit in der Straffälligenarbeit.

Philip Anderson von der Hochschule Regensburg thematisiert am Ende die Bedeutung einer gut entwickelten interkulturelle Kompetenz der Straffälligenhilfe als Teil der Ressourcenorientierung im Hinblick auf die Zusammensetzung der Gefangenenpopulation aus unterschiedlichen Herkunftsländern.

Diskussion und Fazit

Die genannten und weitere kürzere Beiträge machen den Tagungsband zu einer interessanten und höchst aufschlussreichen Lektüre für alle, die mit dem Strafvollzug und der Straffälligenhilfe und ihrer Entwicklung (zum Besseren) zu tun haben, praktisch oder theoretisch. Wer den Band liest, sieht, dass die Zukunft der Auswirkungen des demographischen Wandels schon begonnen hat.


Rezensent
Prof. Dr. iur. Walter H. Kiehl
Ehemaliger Rechtsanwalt, lehrt u.a. Strafrecht, Jugendkriminologie und Jugendstrafrecht am Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der Frankfurt University of Applied Sciences Main,
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Zitiervorschlag
Walter H. Kiehl. Rezension vom 10.04.2014 zu: Heinz Cornel, Lydia Halbhuber-Gassner, Cornelius Wichmann (Hrsg.): Strafvollzug, Straffälligenhilfe und der demografische Wandel. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-7841-2460-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16092.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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