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Anselm Böhmer: Diskrete Differenzen

Cover Anselm Böhmer: Diskrete Differenzen. Experimente zur asubjektiven Bildungstheorie in einer selbstkritischen Moderne. transcript (Bielefeld) 2013. 285 Seiten. ISBN 978-3-8376-2571-4. 34,99 EUR.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Gegenstand dieser philosophisch-pädagogischen Studie ist ein „Bildungsbegriff unter den Bedingungen einer Moderne, die sich zunehmend über ihre eigene Rolle hinsichtlich der menschlichen Selbstverortung innerhalb eines Ganzen […] unsicher geworden ist.“ (S.9) „Bildung ist ein durchaus relativer Begriff“, so ließ Friedrich Hebbel (2006) verlauten, „Gebildet ist jeder, der das hat, was er für seinen Lebenskreis braucht.“ Der Begriff der Bildung scheint also weit zu fassen: Er bezeichnet nicht so sehr und allein reines Faktenwissen oder qualifizierte Abschlüsse, sondern inwieweit die individuelle Teilhabe am kulturellen, sozialen und finanziellen Leben innerhalb unserer Gesellschaft gelingt. Auch die neuere Erziehungswissenschaft definiert Bildung in der Tradition Humboldts derartig: „Bildung umfasst Beschreibungen, welche grundlegende Haltung der Mensch zu sich und zu der ihn umgebenden materiellen, sozialen und geistigen Umwelt einnimmt.“ (Deutscher Verein 2002). Das klassisch-humanistische Bildungsverständnis geht von einem Selbstbildungskonzept des Menschen aus: Formung und Entwicklung von Körper, Geist und Seele, von Begabungen und Talenten. Sie lässt jeden einzelnen zu Individualität und Identität gelangen, so dass er zu einem selbstbewussten und gleichberechtigten Teilhaber am und im Gemeinwesen und der jeweiligen Kultur wird. Die vorgelegte Studie fasst hingegen in einem sogenannt asubjektiven Verständnis einen „Ausblick auf alternative Formate bildungstheoretischer Rationalität“ (S.23)

Autor

Der Autor Anselm Böhmer studierte katholische Theologie und Sozialpädagogik sowie Gesundheits- und Sozialwirtschaft. Er promovierte in Pädagogik, lehrt an der HS Weingarten mit den Schwerpunkten Sozialplanung und Sozialraumorientierung und leitet zudem das Steinbeis-Transferzentrum Gesundheits- und Sozialforschung.

Aufbau und Inhalt

Das dem Gegenstand angemessen durchaus umfangreiche Buch ist neben Vorbemerkungen zur Forschungsfrage und dem methodischen Vorgehen dieser philosophisch-pädagogisch ausgerichteten theoretischen Untersuchung in vier zentrale Kapitel strukturiert.

Im ersten Kapitel werden unter Bezugnahme auf Rousseau, Herder, Schiller und eben Humboldt ‚bildungstheoretische Fragen der Moderne‘ expliziert, maßgeblich um die Relevanz der Fassung von Subjektivität bildungsphilosophisch kritisch zu beleuchten. „Hintergrund dieser Untersuchungen ist damit die pädagogische Debatte um die Kritik eines Emanzipationsdenkens, das sich insbesondere auf die Optimierung der Subjekte durch Bildung im Sinne einer kunstfertigeren Selbststeuerung im Sinne gesellschaftlich gegebener Normen bezieht […]“ (S.29). Unter einer ‚Subjektivität als Dialektik‘ wird dabei sehr geschärft und tiefgründig kritisch beleuchtet, dass „Bildung angesichts der Herausforderung durch das Nichtidentische […] auf die Erfahrung des Gegebenen in seiner schillernden Vieldeutigkeit verwiesen [ist; S.B.], um darin die Reichweite des eigenen Verstehens und Handelns zu erkennen und zugleich die damit einhergehenden Grenzen von Autonomie und Freiheit, den Maßgrößen des klassisch formulierten bürgerlichen Bildungsbegriffs […], vorfinden zu können.“ (S.63)

In Kapitel zwei werden folglich ‚subjektkritische Anfragen an die Bildungstheorien in der Moderne‘ formuliert. Hierbei begeistert insbesondere die Ableitung in einem Unterkapitel zur ‚Auflösung der Subjektivität in einer selbstkritischen Moderne‘, in welcher durchaus voraussetzungsvoll argumentiert „vor dem Hintergrund von ökonomisierter Verwertbarkeit des Humankapitals als zentraler gesellschaftlicher Bedeutungsgröße […] die gelegentlich mit Emphase vorgetragenen Optionen für Mündigkeit und Emanzipation rasch als bloße ‚Pathosformeln‘ (Rieger-Ladich 2002) wirken, deren rhetorischer Gehalt kaum zu politischer Wirklichkeit wird.“ (S.117)

Im dritten Kapitel wird die ‚Asubjektivität nach Jan Pato?ka‘ herausgearbeitet, der als Schüler von Husserl und Heidegger entlang der sogenannten Phänomenologie seine philosophischen sowie praktisch-politischen Auseinandersetzungen geführt hat. Es wird durchaus sehr anspruchsvoll wenngleich Schritt für Schritt expliziert, wie ein nicht mehr subjektivistisch ausgerichtetes Bildungskonzept gefasst sein kann. Zentral dabei wird das Pato?ka-Zitat, „was aber wäre, wenn die Philosophie nicht zu Gewißheiten, sondern zu Ungewißheiten führte, was, wenn es schwieriger wäre, den Ursprung all unserer Gewißheiten zu erfassen, als naiv Gewißheiten zu erlangen?“ (Pato?ka 1990, S.66 zit. n. Böhmer 2014, S. 153) Der Autor resümiert das Kapitel, dass „anstelle des Glanzes subjektiver Selbst- und Weltbeherrschung […] die situative Fraglichkeit und Begrenztheit asubjektiver Selbst- und Weltwahrnehmungen in den Blick“ (S.204) rücken.

Im abschließenden vierten Kapitel, das durch ‚eine asubjektive Revision des Bildungsbegriffs‘ überschrieben ist, werden zunächst verschiedene asubjektive Kategorien zur systematischen Analyse eines Bildungsbegriffes ausgelegt, um daran anschließend ‚Perspektiven asubjektiver Bildung‘ zu skizzieren. Das Buch schließt mit der Erkenntnis, „Bildung könnte nämlich dem fremden Herrschaftsanspruch dadurch entrinnen, dass sie nicht mehr vornehmlich einer Disziplinierung für aktuelle gesellschaftliche, und insofern: arbeitsgesellschaftliche, Zwecke entsprechen wollte.“ (S.257).

Fazit

Dieses tiefgründige und durchweg lesenswerte Buch verdient höchste Aufmerksamkeit. Es wagt in einem vielseitigen und aktuell hochgehandelten Bildungsdiskurs einen durchweg kritischen Blick, der durchaus im Kontext Sozialer Arbeit rezipiert werden kann, da sich in verschiedenen Bezügen die Profession Soziale Arbeit durch Verweise auf eben solche Bildungsdebatten mancherorts aufzuwerten versucht und dabei Gefahr läuft, eben diesen kritischen Blick auf Verwertungsprozesse tradierter Bildungsfassungen zu verlieren. Wenngleich sich dieses inhaltlich umfangreiche Buch nicht unbedingt in einem kurzen Zeitrahmen lesen lässt aufgrund der voraussetzungsvollen Tiefen an philosophischen Bezügen, empfiehlt sich diese Lektüre für alle in der Sozialen Arbeit Tätigen, ggf. als selbstkritische Folie für eigene Praxisvollzüge. Hervorzuheben bleibt, dass die inhaltlichen Ansprüche in der gedanklichen Auseinandersetzung durch eine sehr ausgewählte, facettenreiche und wohlformulierte Sprache gerahmt werden, die das Lesen anregt und gerade zu Spaß macht, was die Motivation ob der philosophischen Anstrengungen durchaus beflügelt.

Literatur

  • Hebbel, F.: Hebbels Werke Teil 9. Tagebücher II. Berlin 2006
  • Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.) Fachlexikon der sozialen Arbeit, Frankfurt am Main (52002), S. 153.

Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 01.09.2014 zu: Anselm Böhmer: Diskrete Differenzen. Experimente zur asubjektiven Bildungstheorie in einer selbstkritischen Moderne. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2571-4. Reihe: Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16124.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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