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Stefan Rädiker: Evaluation von Weiterbildungsprozessen

Cover Stefan Rädiker: Evaluation von Weiterbildungsprozessen. Status quo, Herausforderungen, Kompetenzanforderungen. Tectum-Verlag (Marburg) 2013. 294 Seiten. ISBN 978-3-8288-3187-2. 34,95 EUR.
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Thema

Die Evaluation von Bildungsprozessen ist fester Bestandteil der Arbeit von Weiterbildungsorganisationen. Dabei wird sowohl von Teilnehmenden als auch Lehrpersonen Feedback für Veranstaltungen eingeholt, Ergebnisse werden ausgewertet und Verbesserungsvorschläge umgesetzt.

Anhand einer umfassenden Studie unter Organisationen, die das „Modell der Lernerorientierten Qualitätstestierung (LQW)“ einsetzen, stellt Stefan Rädiker den Status quo der Evaluationspraxis dar. Er beleuchtet die konkreten Herausforderungen und Probleme und entwickelt daraus ein Anforderungsprofil für Evaluierende, welches sowohl für die Personalentwicklung als auch zur Entwicklung von Lehrplänen und Fortbildungskonzepten genutzt werden kann

Autor

Dr. Stefan Rädiker war bis August 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Marburger Arbeitsgruppe für Methoden & Evaluation (MAGMA) an der Philipps-Universität Marburg. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der computergestützten Analyse qualitativer Daten und hat mehrere Publikationen zur qualitativen und quantitativen Sozialforschung verfasst. Seit September 2013 arbeitet er bei der VERBI GmbH in Berlin und ist unter anderem für die Weiterentwicklung von MAXQDA zuständig. Er wurde mit dieser Arbeit am Lehrstuhl für empirische Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg, Prof. Dr. Udo Kuckartz, promoviert.

Entstehungshintergrund

Anfang der 1990er Jahre wurde in der Weiterbildung eine Debatte über das Thema Qualität geführt, die sich intensiv mit neuen Systemen des Qualitätsmanagements auseinandersetzte. Unter anderem wurde diskutiert, inwieweit sich in der Wirtschaft entwickelte Qualitätsmodelle wie ISO 9000 und Total Quality Management auf die Weiterbildung übertragen lassen und ob es überhaupt adäquate Qualitätsmodelle für die Weiterbildung geben könne. Heute sind die Beschäftigung mit Qualität als auch die Anwendung von Qualitätsmodellen in der Weiterbildung zur (verpflichtenden) Selbstverständlichkeit geworden.

Sehr stark verbreitet ist in Deutschland das Modell der „Lernerorientierten Qualitätstestierung in der Weiterbildung“ (LQW), das vor gut zehn Jahren von der Organisation ArtSet® mit Sitz in Hannover zusammen mit einem Netzwerk von Kooperationspartnern, unter anderem dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung, entwickelt wurde. Mehr als 550 Organisationen setzen heute in Deutschland, Österreich und einigen osteuropäischen Staaten das LQW?Modell ein. Unter ihnen findet sich ein breites Spektrum an Organisationen, das von Volkshochschulen über Unternehmen der beruflichen Bildung bis hin zu zahlreichen kulturellen, politischen, kirchlichen und anderen Bildungsträgern reicht. Weiterbildungsorganisationen, welche die Erfüllung von einheitlichen Mindestanforderungen in elf Qualitätsbereichen nachweisen können, erhalten ein bundesweit anerkanntes LQW?Testat.

Eng verwoben mit der gesamten Qualitätsdiskussion und folglich auch mit dem LQW-Modell ist der Begriff „Evaluation“, der in unterschiedlichen Variationen, Bedeutungen und Kontexten immer häufiger Verwendung im Bildungsbereich findet. Dabei wird jedoch auf unterschiedliche Ebenen Bezug genommen: Auf oberster Ebene wird die Evaluation des Systems Weiterbildung - meist von der Politik – angesprochen, worunter die Überprüfung der Weiterbildungslandschaft als Ganzes, los? gelöst von einzelnen Organisationen, verstanden wird. Auf mittlerer Ebene sind beispielsweise die Selbst oder Fremdevaluationen von Organisationen angesiedelt, mit denen in der Regel eine Mischung aus Legitimation, Organisationsentwicklung und Selbstvergewisserung verfolgt wird. Schließlich lässt sich auf unterster Ebene die Evaluation von Bildungsprozessen verorten, welche sich vornehmlich auf die durchgeführte Bildungsarbeit richtet und im Mittelpunkt dieser Arbeit steht.

Aufbau und Inhalt

Die Evaluation von Bildungsprozessen war schon immer ein wesentlicher Bestandteil professionellen pädagogischen Handelns. Das LQW?Modell beinhaltet einen eigenen Qualitätsbereich für die Evaluation von Bildungsprozessen, in dem mehrere von den Weiterbildungsorganisationen zu erfüllende Anforderungen definiert sind. Dadurch sollen Organisationen veranlasst werden, systematischer und reflektierter als bisher mit ihrer Evaluationspraxis, insbesondere mit ihren Evaluationsinstrumenten und Verfahren und den evaluierten Gegenständen, auseinanderzusetzen und diese bei Bedarf in Hinblick auf die Mindestanforderungen von LQW zu verbessern bzw. zu verändern.

Bereits in der Einführungsphase dieses Evaluationssystems zeigen sich typische Schwierigkeiten: Es können Widerstände bei Teilnehmenden, Lehrenden und Beschäftigten auftreten; es können sich zahlreiche Fragen zur methodischen Umsetzung stellen; es könnte sich ein geringer praktischer Nutzen der Evaluation herausstellen und die Organisationen könnten mit „Datenfriedhöfen“ zu kämpfen haben.

Im Rahmen seiner Dissertation führte Stefan Rädiker eine Studie durch, welche klären sollte, inwieweit sich diese Vermutungen empirisch bestätigen lassen, mit welchen Herausforderungen die Organisationen tatsächlich konfrontiert sind und welche Kompetenzanforderungen sich für die Evaluierenden daraus ergeben. Die Arbeit gliedert sich in folgende Bereiche:

Im ersten Kapitel werden wichtige Grundlagen der Evaluation sowie die historische Entwicklung, Standards und Kompetenzmodelle für Evaluierende vorgestellt. Der Begriff der Evaluation wird zunächst im Allgemeinen beleuchtet, wobei auch Beispiele aus der Weiterbildung einfließen. Ähnlich wie bei vielen Begriffen im Umfeld der Pädagogik wird auch Evaluation in der Weiterbildung unterschiedlich definiert. Nicht jede Studie, die den Titel „Evaluation“ trägt, ist auch tatsächlich eine Evaluation. So handelt es sich nicht um Evaluation, wenn im Rahmen von Umfrageforschung nur die Befragten nach Bewertungen gefragt werden, im weiteren Verlauf der Evaluation aber keine weitere systematische Bewertung erfolge. Auch nicht jede Form eines Gutachtens stellt eine Evaluation dar.

Rädiker geht von folgender Definition aus: „Evaluation ist eine Beschreibung und kriteriengestützte Bewertung eines konkreten Gegenstandes anhand systematisch erhobener qualitativer und/oder quantitativer Daten.“

Von pädagogischer Forschung unterscheidet sich die Evaluation in folgenden Punkten:

  • Während Forschung vorrangig die allgemeine Wissensgewinnung, Theoriebildung und Theorieüberprüfung zum Ziel hat, steht bei Evaluationen meist die direkte Verbesserung der konkreten Bildungspraxis im Vordergrund.
  • Evaluation ohne Nutzung ist wertlos. Im Rahmen von Evaluationen wird häufig bereits zu Beginn die Ergebnisnutzung antizipiert, um den gesamten Evaluationsprozess auf die geplante Nutzung hin zu fokussieren.
  • Jede Evaluation beinhaltet eine Bewertung.
  • Der Kontext von Evaluationen ist häufig „politisch sensibel“, da sie Entscheidungen vorbereiten und über den Fortbestand eines Bildungsprogramms entscheiden können.

Jede Evaluation liefert damit Wissen und Erkenntnisse, z.B. um rationale Entscheidungen treffen zu können:

  • Hat der Programmablauf reibungslos funktioniert?
  • Haben die Maßnahmen die Zielgruppen erreicht?
  • Wie groß ist die Akzeptanz des Programms?
  • Welche Beiträge hat das Programm zur Zielerreichung beigetragen?

Die Evaluation dient insbesondere der Überprüfung, ob die anvisierten Ziele erreicht wurden. Mit jeder Evaluation ist direkt oder indirekt eine Form von Kontrolle verbunden, weil Evaluationen beispielsweise offen legen, ob alle an einem Programm Beteiligten ihre Aufgaben erfüllen, ihre Kompetenzen ausreichen etc. Diese Befunde können genutzt werden, um das Programm zu optimieren und weiterzuentwickeln. In diesem Fall stehen Entwicklungs? und Lernprozesse im Vordergrund. Die im Rahmen einer Evaluation gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse einer Kontrollüberprüfung können gegebenenfalls zusammen mit Belegen der durchlaufenen Entwicklung dazu dienen, die durchgeführte Arbeit zu legitimieren. Programmverantwortliche können mithilfe der Evaluation nachweisen, welcher Output mit welchen Vorgehensweisen und mit welchem Input erreicht wurde. In Zeiten von Finanzkrisen und knapper werdenden öffentlichen Kassen nimmt dieser Zweck eine zunehmend prominente Rolle ein.

Im weiteren Verlauf nimmt dann Kapitel 2 die Besonderheiten der Evaluation in der Weiterbildung und die für die Weiterbildung relevanten Modelle und Ansätze in den Blick. Dabei grenzt Rädiker den Begriff der Weiterbildung auf formelles Lernen im Sinne des Deutschen Bildungsrates ein: „Fortsetzung oder Wiederaufnahme organisierten Lernens nach Abschluß einer unterschiedlich ausgedehnten ersten Ausbildungsphase“. Die verstärkt diskutierten Formen des informellen Lernens und des Selbstlernens werden nur berücksichtigt, wenn sie unter Organisation und Betreuung durch eine Weiterbildungsorganisation stattfinden und nicht gänzlich selbstorganisiert sind. Damit wird leider die mit – je nach Studie – mit 70 bis 90 Prozent wichtigste betriebliche Lernform außer Acht gelassen, ohne diese Einschränkung wirklich zu begründen.

Rädiker unterscheidet vier Dimensionen des Weiterbildungsprozesses:

  1. Eine Dimension des Lernens: Aneignen von Wissen, Fertigkeiten und Haltungen,
  2. eine des Lehrens: Alle Aspekte, welche die Lehrpersonen und ihr Lehrhandeln betreffen,
  3. eine der Lerninfrastruktur: Räume, Mobiliar, aber auch auf die eingesetzten Lernmaterialien und Medien,
  4. eine der Lernorganisation: Anmeldung und Beratung, die Information der Teilnehmenden im Vorfeld sowie die gesamte Kommunikation mit den Teilnehmenden außerhalb des direkten Lehr?Lern?Settings

Neben diesen vier Dimensionen ist zu berücksichtigen, dass Bildungsprozesse in ein Systemumfeld von Bildungscontrolling, Arbeitsmarkt, Bildungspolitik, Kundenbedürfnissen, Vorgaben des Auftraggebers etc. eingebettet sind.

Grundsätzlich kann die Evaluation der Weiterbildung auf folgenden Ebenen ansetzen:

  • Weiterbildungslandschaft: Wirksamkeit von Weiterbildung, z.B. Bildung von Humankapital
  • Weiterbildungsorganisation: Verbesserung der Organisationsabläufe, d.h. Strukturen und Prozesse, Programmentwicklung, Kompetenz und Entwicklung der Mitarbeiter, Organisationsentwicklung, Innovation, Infrastruktur, finanzielle Ressourcen
  • Weiterbildungsprozess: Optimierung einer Bildungsveranstaltung, d.h. Inhalte, Didaktik, Interaktionen, Rahmenbedingungen, Ergebnisse, Transfer und Wirkungen

Ausführlich diskutiert Rädiker verschieden Evaluationskonzepte in der Literatur, insbesondere auch von Kirkpatrick D. und Kirkpatrick, J.. Die vier Ebenen Zufriedenheit und Lernerfolg/Wissen/Können am Ende eines Kurses sowie Lerntransfer und Lernergebnisse im Anschluss eines Kurses bauen nicht zwangsläufig aufeinander auf.

Meta?Studien konnten nachweisen, dass zwischen der Zufriedenheit am Ende eines Kurses und dem Lernerfolg kein Zusammenhang bestehen muss (vgl. Alliger & Janak, 1989; Gessler & Sebe?Opfermann, 2011). Man kann auch erfolgreich lernen und dabei unzufrieden sein – und umgekehrt.

Abschließend geht Rädiker in diesem Kapitel auf die Abläufe und Herausforderungen, insbesondere Widerstände, in Evalutionsprojekten ein.

Im dritten Kapitel wird das LQW? Modell in seinen Grundzügen vorgestellt und relevante und bisher vorliegende Forschungsergebnisse diskutiert.

In den weiteren Kapiteln arbeitet Rädiker heraus, wie die Weiterbildungsprozesse in den untersuchten Organisationen evaluiert werden. Zweitens hat er eruiert, welche Herausforderungen und Probleme bei diesen Evaluationen der Bildungsprozesse auftreten. Drittens wurden die empirischen Ergebnisse und theoretischen Ansätze in einem Anforderungsprofil für Evaluierende in Weiterbildungsorganisationen zusammengeführt.

Das letzte Kapitel verdichtet die Ergebnisse zu diesen drei Themenblöcken und reflektiert diese vor dem Hintergrund der behandelten Ansätze der Evaluation von Weiterbildungsprozessen und des LQW?Modell.

Fazit

Das Werk von Stefan Rädiker ermöglicht einen sehr fundierten und verständlichen Einblick in die wesentlichen theoretischen Grundlagen der Evaluation in der Weiterbildung. Die Reflexion der Ergebnisse aus der empirischen Analyse vor dem Hintergrund der theoretischen Ausführungen gibt auch Praktikern wertvolle Hinweise für ihre Evalutionsprojekte.

Sehr schade finde ich, dass sich Rädiker in seinen Ausführungen, ohne dies wirklich zu begründen, ausdrücklich auf organisiertes Lernen beschränkt. Nachdem sich die Erkenntnis immer mehr durchsetzt, dass wir uns in der betrieblichen Bildung vor allem auf die Ermöglichung informeller Lernprozesse, z.B. im Rahmen von Konzepten des Workplace Learning, konzentrieren müssen, ist diese Ausklammerung des mit Abstand wichtigsten Lernbereiches unverständlich. Deshalb ist dieses Werk leider nur für Bildungsanbieter empfehlenswert, die sich nach wie vor auf organisierte, formelle Lernprozesse beschränken.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH, Berlin
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 07.05.2014 zu: Stefan Rädiker: Evaluation von Weiterbildungsprozessen. Status quo, Herausforderungen, Kompetenzanforderungen. Tectum-Verlag (Marburg) 2013. ISBN 978-3-8288-3187-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16132.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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