socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Vedrana Wollin: Faktoren gelungener Integration

Cover Vedrana Wollin: Faktoren gelungener Integration. Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland. Tectum-Verlag (Marburg) 2013. 103 Seiten. ISBN 978-3-8288-3230-5. D: 24,95 EUR, A: 24,95 EUR, CH: 30,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Migration stellt auch das Bildungswesen vor die Herausforderung, sich an veränderte, pluraler gewordene Schülergruppen anzupassen und besser auf deren Bedürfnisse zu reagieren. Dass Deutschland sich lange Jahre trotz steigender Zuwanderung nicht als Einwanderungsland begriff, hatte gravierende Folgen für das Bildungssystem. Zahlreiche Studien zeigen eklatante Bildungsdefizite bei zumindest vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und insgesamt eine massive, nicht zu rechtfertigende Ungleichheit von Bildungschancen für Kinder aus Migrantenfamilien. Diese Erkenntnis brachten die verschiedenen Studien zum PISA Test seit 2000 und verschiedene Untersuchungen zu Bildungserfolg und Schulleistungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Zwar ist die Ungleichheit in den Bildungsabschlüssen belegt, zugleich gibt es aber durchweg bildungserfolgreiche MigrantInnen der verschiedensten Schichten und Migrantengruppen. Im Hinblick auf die Thematik stellt sich Vedrana Wollin daher die Frage: „Was wirkt sich positiv auf den Bildungsverlauf von Schülern mit Migrationshintergrund aus“ und beantwortet diese Frage mit einer kleinen empirischen Untersuchung.

AutorInnen und HerausgeberInnen

Die Autorin rezipiert überwiegend erziehungswissenschaftliche und darüber hinausgehende sozialwissenschaftliche Literatur. Sie hat selber Migrationshintergrund und reflektiert auch ihre eigene Bildungsgeschichte, wie sie eingangs sagt. Umfang und Sample der Arbeit lassen vermuten, dass es sich um eine akademische Abschlussarbeit handelt, dies wird aber nirgendwo genauer dargelegt.

Aufbau

Vedrana Wollin beschreibt zu Beginn die Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen anhand der Studien PISA (Programme for International Student Assessment), IGLU (Internationale Grundschulleseuntersuchung) und des Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung. Alle Studien belegen auf den verschiedenen Ebenen die Bildungsungleichheit für Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund, die nicht nur soziale Ungleichheit widerspiegelt und vor allem an der ungleichen Verteilung der Jugendlichen auf die Schultypen Förderschule und Hauptschule einerseits und Gymnasium anderseits gemessen wird. Erklärungen für diese Ungleichheit liefern viele Studien indes nicht.

Daher rezipiert Wollin in einem dritten Teil die verschiedene Erklärungsansätze für Bildungsbenachteiligung, die in der Literatur diskutiert werden, dabei orientiert sie sich stark am Schema von Heike Diefenbach, die Erklärungsansätze, die die Schüler und ihre Familien sowie Ansätze, die strukturelle Bedingungen der Schule thematisieren.

Aus diesen Erklärungsansätzen entwickelt Wollin dann in einem weiteren Teil Hypothesen zu Bildungsbenachteiligung, die sie mit eigens erhobenen Daten überprüft. Die Herleitung und Darstellung der empirischen Untersuchung macht den nächsten Teil aus. Ausführlich werden dann die Ergebnisse dargestellt und in einem abschließenden Teil diskutiert.

Inhalt

Wollin schildert verschiedene Erklärungsansätze für die Bildungsnachteile von Schülern mit Migrationshintergrund. Sie rezipiert kritisch kulturell und humankapitaltheoretisch konzipierte Defizite und geht ausführlicher auf primäre und sekundäre Herkunftsaspekte ein. Der klassisch geworden (Miss)erklärung Sprache beziehungsweise sprachliche Defizite widmet sie ein eigenes Kapitel und deutet hier die Fragwürdigkeit dieser Erklärung an. Neben der Erklärung durch Merkmale de schulischen Organisation geht sie vor allem auf die institutionelle Diskriminierung ein und zeigt, wie sich eine systematische Ungleichbehandlung von Kindern mit Migrationshintergrund bei allen Übergängen und bei der Überweisung in die Förderschule belegen lässt. Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist das Kapitel, in dem Wollin anhand einiger Studien darstellt, wie groß die Bildungsaspirationen von Familien mit Migrationshintergrund sind.

Die von Wollin aufgestellten Hypothesen umfassen Aspekte, die förderlich für eine erfolgreiche Bildungskarriere sein sollen, diese sind beispielsweise Kindergartenbesuch, Bildungsstand der Eltern, ein hohes muttersprachliches Niveau und gut geförderte Deutschkenntnissen. Als negative Faktoren werden untersucht:

  • Diskriminierung von Schülern bei Übergängen,
  • schlechte Information der Eltern über das deutsche Bildungssystem,
  • das ökonomische Kapital bzw.
  • die materielle Situation in den Familien.

Die Konfrontation dieser Hypothesen erfolgt mit den Aussagen von elf Studierenden mit Migrationshintergrund, die in einem teilstandardisierten Fragebogen zu den einzelnen Hypothesen befragt wurden. Die Ergebnisse bestätigen einerseits bestehende Studien, anderseits widersprechen sie diesen. Fazit ist, dass sich einerseits der Kindergartenbesuch positiv auf den Bildungsweg auswirkte. Ergebnis ist auch, dass die Schule selten Migrantenkinder fördert, sondern ihnen eher Steine in den Weg legt. Die meisten Probanden berichten von Rückstellungen vor der Einschulung oder von Empfehlungen für eine niedrigere Schulstufe aufgrund schlechter Deutschkenntnisse (und sonst guter Leistungen) oder auch aufgrund von Migrationshintergrund bei guten Leistungen und guten Deutschkenntnissen. Die meisten Probanden durchliefen mehrere Schultypen, bevor sie die Hochschulzugangsberechtigung erhielten. Die Ergebnisse belegen auch die These, dass sich die Eltern an der Übergangsentscheidung nicht beteiligen und der Empfehlung der Lehrer folgen. Zugleich fördern sie aber die Kinder so gut sie können beispielsweise moralisch, mit Nachhilfeunterricht etc. Insbesondere Eltern mit hohem Bildungsabschluss verfahren so, unabhängig davon, ob ihr Abschluss in Deutschland anerkannt ist oder nicht. Ein hoher Bildungsstand der Eltern wirkt sich positiv aus – aber fast alle Eltern der befragten Studierenden hatten kein oder sehr wenig Wissen vom deutschen Bildungssystem. Als weiteres Ergebnis ist abschließend zu erwähnen, dass die Studierenden in vielen Kulturen und Sprachen fest verankert sind, sich meist aber nicht kulturell, sondern eher regional oder individuell definieren.

Diskussion

Der Band gibt einen einfachen gut einführenden Überblick über erziehungswissenschaftliche Erklärungsansätze zu Bildungsbenachteiligung und Migration. Die Autorin widerlegt einige immer wiederkehrende ideologische Erklärungsansätze. Durch die ausführliche Schilderung der empirischen Ergebnisse werden einige Aspekte der Bildungsbenachteiligung deutlich, die Schilderungen der Interviewpassagen geben ein sehr eindrückliches Bild von institutioneller Diskriminierung. Vorgehen ist einfach und dennoch logisch, der Band ist daher sehr leicht zu lesen und sehr verständlich. Aber das sample ist für so eine große Thematik sehr klein und gar nicht gut zusammengesetzt, kommen doch viele Probanden auf Familien, in denen akademische Bildung nichts Neues ist. Die Ergebnisse werden auch nicht weiter diskutiert, beispielsweise ergibt sich aus den Ergebnissen zur Diskriminierung die Frage nach Resilienz, dieser Pfad wird nicht weiter verfolgt.

Fazit

Insgesamt stellt das Buch eine einfache Einführung in die Debatten zu Bildungsbenachteiligung dar, die keinen großen Ansprüchen genügt, aber als Einstieg in die Thematik durchaus tauglich ist.


Rezensentin
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla


Alle 23 Rezensionen von Nausikaa Schirilla anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 05.05.2015 zu: Vedrana Wollin: Faktoren gelungener Integration. Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland. Tectum-Verlag (Marburg) 2013. ISBN 978-3-8288-3230-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16133.php, Datum des Zugriffs 28.06.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!